Politik : Genforschung: Wo sind die Stammzellen des Präsidenten?

Friedemann Diederichs,Kerstin Kohlenberg

Doug Melton, einer der führenden Gen-Forscher in den USA, bewegen seit einer Woche nur drei Fragen. "Wo sind die Stammzellen, von denen Bush gesprochen hat? Sind sie für Versuche brauchbar? Stehen sie überhaupt zur Verfügung?" Nach dem vom Präsidenten vorgetragenen Kompromiss - staatliche Finanzhilfen für Versuche mit embryonalen Stammzellen mit Rücksicht auf ethische Bedenken nur für 60 Zell-Kulturen, die von bereits vernichteten Embryonen stammen, zu vergeben - hat nun die große Suche nach eben jenen Linien begonnen. So wundert sich John Gearhart, der Forscher, dem es als erstes gelungen ist, Stammzellen aus Nabelschnurblut zu gewinnen, wie in einem Jahr noch festgestellt werden soll, dass eine bestimmte Stammzellenlinie nicht erst kürzlich hergestellt worden ist - und damit nicht mehr zu den 60 erlaubten Linien gehört. Das Weiße Haus gerät in Erklärungsnot. Hat der erste Mann im Staate möglicherweise der Wissenschaft mehr versprochen, als er halten kann?

Am Wochenende wurde dies erstmals auch nachdrücklich der Öffentlichkeit bewusst. Die amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften ging mit einer Pressekonferenz in die Offensive und forderte Bush auf, seinen Worten Taten folgen zu lassen: "Solange wir nicht die Quellen der Stammzellen kennen, ist es unmöglich, ihren Wert für die künftige Forschungsarbeit zu beurteilen," drängte die Organisation. Der Präsident hatte in seiner zehnminütigen Ansprache immer in Aussicht gestellt, jene 60 Zell-Kulturen wären ausreichend, um sorgfältige Studien zur Heilung von Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer zu betreiben. Niemand ist jedoch in der Lage, die Existenz der Zellen zu bestätigen. Bush hatte sich auf Daten des Nationalen Gesundheits-Institutes (NIH) gestützt. Doch wer bei dem Institut nachfragt, erhält Antwort: Man könne die einzelnen Wissenschaftler bei denen die embryonalen Stammzellen lagern nicht benennen, weil die Forscher "dazu noch nicht bereit sind."

Was darunter zu verstehen ist, bleibt rätselhaft. Bedeutet die Aussage etwa, daß die 60 Zell-Kulturen noch gar nicht vollständig existieren? Oder sehen etwa die Forscher, die bereits im Besitz der Zellen sind, diese als so schützenswertes Eigentum an, daß sie nicht bereit sind, mit anderen Wissenschaftlern zu teilen? Evan Snyder, ein renommierter Genetik-Forscher an der Harvard-Universität, fürchtet bereits, dass die Kollegen die Zellen horten: "Manche sind so vorsichtig wie eine Computerchip-Firma, die ein Staatsgeheimnis aus ihrem neuesten Chip macht," kritisiert Snyder die Geheimniskrämerei. Snyder wirft der Bush-Regierung im gleichen Atemzug "wissenschaftliche Naivität" vor: "Wir müssen davon ausgehen, daß ein Teil der Zellen bereits 1995 mit einem heute überholtem Verfahren aus Embryonen entnommen wurden. Das schränkt ihren Wert erheblich ein."

Erschwerend kommt hinzu, dass die Universität von Wisconsin das einzige Patent auf Stammzellen, ihre Gewinnung und Forschung, hält. Ende dieses Monats wollen sich US-Regierungsvertreter daher mit den Wissenschaftlern der Universität zusammen setzen. Sie hoffen auf eine Einigung in der Frage, wie den öffentlich geförderten Forschern freier Zugang zu den Zellen gewährt werden kann. Denn Carl Gulbrandsen, der Direktor der Stammzellen-Stiftung der Universität von Wisconsin besteht bis jetzt noch darauf, dass jeder, der in den USA Stammzellen, die nach dem von der Universität entwickelten Verfahren gewonnen wurden, verkauft oder verschenkt, vorher die Erlaubnis der Universität einholen muss.

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