Politik : Genforschung: Zweierlei Leben

Malte Lehming

Seit zwei Jahrzehnten sitzt Orrin Hatch im amerikanischen Senat. Hatch vertritt den Bundesstaat Utah, in dem viele Menschen zutiefst religiös sind, er ist selbst Mormone, Republikaner und strenger Abtreibungsgegner. Seine Bilanz in dieser Frage ist eindeutig. Hatch hat einen Verfassungszusatz formuliert, der den Bundesstaaten das Recht einräumt, die Abtreibungsmöglichkeiten einzuschränken. Er hat unablässig Gesetze gegen die Abtreibung eingebracht und immer dann seine Stimme erhoben, wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkam, dass mit Steuermitteln die Abtreibung unterstützt wird. Seit etwa einem Jahr jedoch steht Hatch an der Spitze einer anderen Bewegung: In den Vereinigten Staaten sprechen sich immer mehr Abtreibungsgegner für eine mit Bundesmitteln geförderte Forschung an embryonalen Stammzellen aus. "Wir sind schließlich für das Leben", sagt Hatch, der sich zwei Jahre lang intensiv mit der Materie befasst hat, "deshalb sind wir für diese Forschung. Durch Abtreibung wird Leben zerstört, mit Stammzellen soll Leben gerettet werden." Die Wissenschaft geht davon aus, dass durch die Stammzellen-Forschung Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Diabetes besser bekämpft werden können. Die katholische Kirche ist aus moralischen Gründen dagegen.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Beide Lager überschütten nun seit Wochen das Weiße Haus mit Briefen, Anrufen, Memoranden und Petitionen. Denn noch in diesem Monat muss Präsident George W. Bush entscheiden, ob er die Politik seines Vorgängers fortsetzt. Bill Clinton hatte die Experimente mit den Stammzellen gefördert, nicht aber die dafür notwendige Zerstörung der sechs Tage alten, zuvor eingefrorenen Embryonen. Die Katholiken-Fraktion hält diese Unterscheidung für haarspalterisch und fordert den kompletten Rückzug des Staates aus dieser Forschung.

Ihr Sprachrohr innerhalb der Regierung ist Bush-Berater Karl Rove, der seinem Chef aus taktischen Gründen empfiehlt, sich mit der katholischen Kirche nicht zu überwerfen. Mitte des Monats besucht Bush den Papst im Vatikan. Außerdem hat sich die Zahl der Katholiken in Amerika seit 1950 auf heute 60 Millionen verdoppelt. Bei Wahlen ist das ein wichtiger Faktor. Den Gegenpart innerhalb der Regierung hat Gesundheitsminister Tommy G. Thompson übernommen. Er stammt aus dem Bundesstaat Wisconsin, wo die Stammzellen vor drei Jahren entdeckt wurden, ist Katholik und Abtreibungsgegner. Für Thompson überwiegt der moralische Nutzen, den sich die meisten Wissenschaftler von der Forschung versprechen, bei weitem den Schaden, den die Gegner geltend machen. Diese Ansicht teilt auch der republikanische Senator John McCain, der gegen Bush als Präsidentschaftskandidat unterlegen war.

Überdies haben sich in Amerika viele Kranke zu großen Interessensverbänden zusammengeschlossen. Etwa 16 Millionen Menschen leiden hier unter Zuckerkrankheit. Eine Abordnung der Diabetes-Gesellschaft belagerte in der vergangenen Woche den Kongress, um für die Stammzellen-Forschung zu werben. Fast 40 Abgeordnete des Repräsentantenhauses - darunter viele Republikaner - haben einen entsprechenden Brief ans Weiße Haus unterschrieben.

Umfragen zufolge befürworten die meisten Amerikaner die Stammzellen-Forschung. Selbst unter Evangelikalen und Katholiken findet sich eine knappe Mehrheit. Senator Hatch und andere weisen darauf hin, dass die offizielle Haltung des Vatikans nicht die Stimmung in der Bevölkerung widerspiegelt.

Bush steht unter gewaltigem Druck. Schon bei seiner Entscheidung, den Kyoto-Vertrag zur Bekämpfung der Klimakatastrophe abzulehnen, war ihm vorgeworfen worden, wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert zu haben. Sollte er jetzt die Stammzellen-Forschung einstellen, könnte man ihm ein zweites Mal vorwerfen, sich aus politischen Gründen über ein Gebot der Stunde hinweggesetzt zu haben.

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