Politik : Genomforschung: 11 000 Mark für jedes Gen

Hartmut Wewetzer

Jedes Jahr geben die Deutschen rund eine halbe Billion Mark für ihre Gesundheit aus. Gemessen an diesem Betrag sind 350 Millionen zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, zumal, wenn es um die Bekämpfung der großen Volkskrankheiten geht. Aber für die im Vergleich zu den USA eher schmächtige deutsche Genomforschung sind 350 Millionen Mark trotzdem ein großer Batzen. Mit dieser Summe wird nun in den nächsten drei Jahren ein "Nationales Genomforschungsnetz" geschaffen, in dessen Maschen sich vor allem neue Erkenntnisse zu Leiden wie Krebs, Alzheimer oder Herzinfarkt verfangen sollen.

"Mit dem Genomforschungsnetz setzen wir auch international ein Zeichen. Deutschland ist an vorderster Front dabei", sagte Forschungsministerin Edelgard Bulmahn am Freitag bei der Vorstellung des Förderprogramms in Berlin. Die Mittel stammen aus Zinsersparnissen aufgrund der UMTS-Lizenzversteigerungen. Eine internationale Jury hat über ihre Verteilung entschieden.

"Wir haben durch das Programm erreicht, dass Naturwissenschaftler und Mediziner miteinander sprechen - das ist einmalig", sagte Bulmahn. Mit 133 Millionen werden die "Naturwissenschaftler" gefördert, nämlich fünf Zentren für Erbgutforschung: Deutsches Krebsforschungszentrum (Heidelberg), Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (Braunschweig), GSF-Forschungszentrum (München), Max-Delbrück-Centrum und Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik (beide Berlin).

132 Millionen bekommen die "Mediziner" an 16 Universitäten. In "krankheitsorientierten Genomnetzen" sollen Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Krankheiten des Nervensystems, umweltbedingte Gesundheitsprobleme, Infektionen und Entzündungen erforscht werden (also so ziemlich jede Krankheit). 20 Millionen fließen in die Bearbeitung ethischer, sozialer und rechtlicher Fragen und 56 Millionen gehen in die Entwicklung neuer Technik für die Analyse von Eiweißmolekülen und die elektronische Auswertung genetischer Daten (Bioinformatik).

Scharfe Kritik hatte es vor der Verteilung der UMTS-Mittel von den Hochschulen gegeben, die sich übergangen fühlten. Sie sind jetzt deutlich stärker beteiligt als offenbar zu Anfang geplant.

Auch von einer anderen Gruppe war protestiert worden, nämlich von den Humangenetikern. Ironischerweise taucht dieses Fach in der Projektbeschreibung des Genomforschungsnetzes gar nicht auf, obwohl die Humangenetiker diejenigen Ärzte sind, die täglich mit genetisch bedingten Krankheiten zu tun haben.

Hinzu kommt, dass wesentliche Erkenntnisse über genetische Krankheitsursachen aus dem Bereich der "Ein-Gen-Krankheiten" stammen, mit denen die Humangenetik befasst ist. An den häufigeren "Viel-Gen-Krankheiten" - am Bluthochdruck sollen mehr als 200 Gene beteiligt sein - hat sich die Medizin dagegen bisher die Zähne ausgebissen. Die Komplexität dieser Leiden übersteigt unser Wissen. Offenbar soll die Humangenetik nun doch gefördert werden, war aus dem Ministerium zu erfahren.

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