Politik : Genosse der Genossen

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Von Peter Siebenmorgen

Umjubelt, als Held gefeiert, ist Gerhard Schröder vor die Seinen getreten. So stark wie auf diesem Parteitag war er nie zuvor. Im Stolz vereint, so sind sie aufgetreten: die Delegierten und der Vorsitzende. Alle Schmerzen aneinander aus der Vergangenheit schienen vergessen. – Vor einem halben Jahr war das, auf dem Parteikonvent der Sozialdemokraten, unmittelbar nach der gewonnenen Vertrauensabstimmung des Kanzlers wegen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Was, bitte schön, sollte sich eigentlich einem erneuten Wahlsieg noch in den Weg stellen können, so fragten sich die Genossen? Die heillos zerstrittene, damals noch kandidatenlose Union ganz gewiss nicht.

Nein, wie so oft schon in der Vergangenheit, kann die SPD das selbst immer noch am besten: sich im Wege stehen. Doch dieses Mal waren es keine programmatischen Querelen oder verdeckte Machtkämpfe, mit denen sich die Sozialdemokraten paralysierten und ihre Chancen minderten. Sie hörten einfach auf zu agieren und fanden dafür auch noch den einprägsamen Slogan von der ruhigen Hand. Statt den starken Rückenwind für beherztes Handeln zu nutzen, ließen Schröder und seine Helfer die Gunst der Stunde ungenutzt vorüberziehen.

Damals, vor einem halben Jahr, als er zäh die Macht verteidigte, hatte Schröder die Chance, die emotionale Lücke zur eigenen Partei zu schließen. Damals hätte sie fast alles von ihm angenommen; jetzt wollten sie ihn lieben. Vertan.

Ein halbes Jahr später hat sich die Lage grundlegend gewandelt. Der Wind bläst der SPD nun ins Gesicht, die anhaltend schlechten Wahlumfragen wirken deprimierend. Fast war es schon soweit, dass viele Genossen den Sieg abgeschrieben hätten und - schlimmer noch - dieser ihnen sogar gleichgültig zu werden schien. Ob Gerhard Schröder mit seiner gestrigen Rede vor dem Wahlparteitag diese sich selbst verstärkende Stimmung nachhaltig gewendet hat, bleibt abzuwarten.

Aber ein Anfang ist gemacht: Er hat die sozialdemokratischste Rede gehalten, seit er Bundeskanzler ist. Und doch blieb er dabei so dezent, dass niemand ihm ein Rollenspiel vorwerfen kann. Die Herzen nicht, aber immerhin die Köpfe seiner Partei dürfte er damit erreicht haben. Und allmählich beginnt sich eine programmatische Kontur für die kommenden Jahre herauszuschälen, die, wenn es noch nicht zu spät ist, erfolgsträchtig sein könnte: Demnach sind die Bewahrung des Sozialen und die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zwei Seiten der gleichen Medaille. Die Aufrichtung der eigenen Truppen ist Schröder beim Wahlparteitag ein gutes Stück gelungen. Doch dies ist erst eine notwendige Voraussetzung für den Wahlsieg, noch keine hinreichende.

Und allmählich wird die Zeit doch knapp. „Es kommt nicht darauf an, wer zuerst losläuft, sondern wer als erster ins Ziel kommt“, hat Schröder dem Parteitag zugerufen. Das ist wohl wahr, aber wer weiß schon genau zu sagen, wieviel Vorsprung man dem Gegner lassen darf?

Der Stoiber fiel in Schröders Rede übrigens kein einziges Mal. Vielleicht ist er ja das Kaninchen, auf das so viele schon so lange warten. Ewig wird sich der Kandidat jedenfalls nicht verstecken können. Je näher die Wahl rückt, desto genauer werden die Wähler von ihm wissen wollen, wofür der Unionsmann eigentlich steht. Programmatisch hat er bislang wenig Handfestes zu bieten – schon gar keine seriöse Finanzierung seiner Vorhaben. Das bietet Angriffsflächen. Und vielleicht fällt er ja dann doch noch aus der Rolle, wenn es in die heiße Wahlkampfphase geht.

Auf ein anderes Kaninchen jedenfalls braucht keiner mehr zu hoffen.

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