Politik : Genosse Fischer

Beim Wahlkampfauftakt der Grünen in Nordrhein-Westfalen gibt der Außenminister den Sozialpolitiker

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Üblicherweise rauscht die Fahrzeugkolonne mit dem Außenminister so weit wie möglich vor das Ziel, im letzten Moment werden die Türen der gepanzerten Limousinen aufgerissen, Leibwächter springen heraus und bilden ein Spalier für den Vizeregierungschef, der huscht dann – meistens wortlos – an den Kameras vorbei. An diesem späten Nachmittag ist es anders. Die Straße ist zwar abgesperrt, aber zahlreiche Fernsehteams warten vor dem Seiteneingang zur Essener Lichtburg. In dem nicht nur vom Besitzer als dem „schönsten Kino Deutschlands“ gepriesenen Saal soll der grüne Auftakt zur nahenden Landtagswahl zelebriert werden und Joschka Fischer soll bei den knapp 1200 Wartenden Stimmung machen.

Doch die müssen sich gedulden. Fischer steigt fröhlich aus seinem Wagen, und er bleibt stehen. Ausgiebig beantwortet er jede Frage der Reporter, die viel zur VisaAffäre und wenig zum Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen wissen wollen. Selbst als ihn ein junger und reichlich aufgeregter CDU-Freund auffordert, endlich zurückzutreten, verfinstert sich sein Miene nicht, er kontert statt dessen mit einem Hinweis auf die schwarzen Kassen von Helmut Kohl. Dann verschwindet er im Gebäude, zuvor hatte er sich formvollendet mit „vielen Dank“ verabschiedet.

Im Saal haben sie von dieser kleinen Episode nichts erfahren. Dem Publikum war statt dessen erklärt worden, dass die Dramaturgie der Veranstaltung aus aktuellen Gründen geändert werden musste. Eigentlich sollte das grüne Spitzenduo, Bärbel Höhn und Michael Vesper, die Zuhörer auf die Wahl am 22. Mai einstimmen. Aber Fischer sagte: „Ich muss mit dem Kanzler und allen anderen nach Rom fliegen.“ Deshalb hatte man sich entschieden, die Reihenfolge umzudrehen, damit der Gast rechtzeitig in Hannover sein konnte, wo er anschließend mit dem Kanzler in ein Flugzeug stieg.

So stand der Außenminister als erster auf der Bühne. Dass man ihn draußen in die Enge zu treiben versucht hatte, war ihm nicht anzumerken. Dort hatte er eher gelassen auf neueste Meldungen reagiert, die darauf hindeuten könnten, es gebe weiter Probleme in Kiew. „Wenn da jetzt einzelne Mails herangezogen werden, ist das abwegig“, glaubt Fischer, der im übrigen nicht erkennen kann, dass sein Auftritt Schaden anrichten könnte, „ich trage zwar eine schwere Last, aber dass ich eine Belastung sein sollte: nein“.

Drinnen beginnt er seine Rede mit einem Hinweis auf den Termin vor seinem Auftritt. „Ich war bei Werner Müller, dem RAG-Chef“, erzählt er, „aus dessen Büro im 22. Stock habe ich das Ruhrgebiet gesehen, und jetzt weiß ich: Es ist wichtig, dass das Land den rot-grünen Erneuerungskurs fortsetzen kann“. Nach einem kleinen Seitenhieb auf CDU Spitzenmann Jürgen Rüttgers – „ich haben Kinder statt Inder noch nicht vergessen“ – kommt er rasch auf Hartz IV und die Arbeitslosigkeit zu sprechen. Die Debatte war schwierig, gibt er zu, aber man solle die Verbesserungen zur Kenntnis nehmen. „Endlich kümmert man sich um die jungen Menschen unter 25, es kann nicht sein, dass die in der Arbeitslosigkeit alt werden“, sagt er. Wenig später erinnert er daran, dass junge Mütter dank Hartz eine Chance auf Betreuung ihrer Kinder haben und arbeiten können. Er schimpft auf die CDU, die die Bildung privatisieren will, „es ist kurzsichtig, wenn Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhängt“, und zitiert ausführlich das „Handelsblatt“, das der Sorge Raum gibt, deutsche Autos könnten auf dem US-Markt keine Chance mehr haben, weil sie neue, strenge Umweltrichtlinien nicht erfüllen. Dann geißelt er die Kopfpauschale: „Mein Fahrer zahlt mehr als ich. Wir wollen aber nicht weniger, sondern mehr Solidarität.“

Wer sich über die vielen sozialpolitischen Töne gewundert haben sollte, dem erklärte Fischer wenig später, warum er seine Rede so intoniert hat: „Ich appelliere an die sozialdemokratischen Wähler, was es heißt, nicht zu wählen, denn wie sich dieses Land entscheidet wird, ist von Bedeutung für die ganze Republik.“

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