Genozid : Das forensische Puzzle von Srebrenica

Vor dem Prozessbeginn gegen Radovan Karadzic gibt eine internationale Kommission Tausenden von Toten ihre Identitäten zurück.

 Norbert Rütsche[Tuzla]

Der Geruch ist stechend und durchdringend, süßlich und scharf zugleich. Er brennt sich einem unauslöschlich in die Erinnerung ein: Es ist der Geruch von Tod und Verwesung. 3000 Plastiktüten, alle fein säuberlich beschriftet und nummeriert, lagern in meterhohen Regalen in einer der Leichenhallen der Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP) im nordostbosnischen Tuzla. In jedem einzelnen Beutel liegen Knochen oder Teile davon – sterbliche Überreste von Menschen, die im Juli 1995 in der Gegend der ostbosnischen Kleinstadt Srebrenica systematisch ermordet und anschließend in unzähligen Massengräbern verscharrt worden waren.

Dem fürchterlichsten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg fielen 8000 muslimische Männer und Jungen zum Opfer. Für dieses und andere Kriegsverbrechen muss sich der einstige politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, ab dem heutigen Montag vor dem Haager Tribunal verantworten.

Auch 14 Jahre danach ist das Trauma von Srebrenica nicht überwunden. Tausende Menschen wissen bis heute nicht, was mit ihren Liebsten damals passierte. Jetzt wollen die Angehörigen wenigstens die sterblichen Überreste der Ermordeten finden, um diese in Würde bestatten zu können. Dabei setzen sie ihre ganze Hoffnung auf die ICMP. Die 1996 auf Initiative des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton gegründete Institution hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gebeine jener Menschen zu lokalisieren und zu identifizieren, die während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien verschwunden sind. Dabei nutzt die ICMP die DNA-Analyse und vergleicht die aus den exhumierten Knochen gewonnenen Daten mit jenen aus dem Blut der Verwandten der Vermissten. Nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien galten rund 40 000 Menschen als vermisst, etwa 30 000 von ihnen allein in Bosnien-Herzegowina.

Seit Beginn der DNA-Analysen im Jahr 2001 hat die ICMP auf dem Gebiet des gesamten früheren Jugoslawien mehr als 85 000 Blutproben untersucht, die Verwandte von fast 28 000 Vermissten gegeben hatten. Durch den DNA-Vergleich konnten bis heute die sterblichen Überreste von 15 000 Menschen identifiziert werden. Die große Mehrheit – 12 600 – von ihnen kam in Bosnien um, fast die Hälfte starb beim Genozid von Srebrenica.

Srebrenica ist denn auch jener Fall, der die ICMP bis heute am intensivsten beschäftigt. Der Grund dafür ist nicht nur die große Zahl von getöteten Menschen. Vor allem ist es die Tatsache, dass die Leichen zum Teil mehrmals wieder ausgegraben und in neuen Massengräbern erneut verscharrt wurden. „Als ein paar Monate nach dem Massaker Satellitenbilder der Massengräber auftauchten, wollten die Täter die Spuren verwischen“, erklärt ICMP-Mitarbeiterin Jasmina Mameledzija. „Sie kamen nachts, als die Erde nass war. Sie luden mit schwerem Gerät die Leichen auf Lkws, viele Körper zerrissen, fielen auseinander“. So konnte es vorkommen, dass von ein- und derselben Leiche der Schädel in einem, der Oberschenkel in einem anderen und die Rippen in einem dritten Massengrab landeten. „In einem Fall wurde das Skelett eines Mannes aus Knochen von vier verschiedenen Massengräbern zusammengesetzt“, sagt Jasmina Mameledzija. „Oft kommt unsere Arbeit einem forensischen Puzzle gleich“.

Im Re-association Center der ICMP in Lukavac bei Tuzla sind Anthropologen damit beschäftigt, diese „Puzzles“ zu lösen. Auf großen Metalltischen versuchen die Spezialisten in akribischer Detailarbeit, die Skelette einzelner Menschen so gut es geht wieder zusammenzufügen. Die Angehörigen freuen sich schon, wenn sie wenigstens einen einzigen Knochen bekommen. „Es ist schlimm, wenn nichts gefunden wird“, sagt Nura Begovic. Das aktive Mitglied der Opfervereinigung „Frauen von Srebrenica“ aus Tuzla hat beim Genozid ihren Vater, ihren Bruder, ihren Schwiegervater und über ein Dutzend weitere Verwandte verloren. „Es ist so wichtig, unsere Liebsten beerdigen zu können, eine Grabstätte zu haben, zu der wir hingehen können“. Sechs ihrer Angehörigen trug Nura Begovic bereits zu Grabe, von den anderen fehlt bis heute jede Spur.

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