Politik : Gentechnik-Debatte: Robben, Fundis, Embryonen (Kommentar)

Bernd Ulrich

Massiver Flughafenausbau, eine Munitionsfabrik in die Türkei, eine Plutonium-Fabrik nach Russland. Das alles gefällt den Grünen nicht - doch sie nehmen es hin. Und zwar, was neu ist, ohne Geräusch. Ohne viel Begründungsaufwand. Auch bei ihrer Fraktionsklausur haben sie sich über die Zumutungen nur noch pro forma ein wenig erregt. So sehr hat sich die ehemalige Protestpartei daran gewöhnt, nicht mehr zu protestieren, dass man fragen kann, ob es noch irgendetwas gibt, dem die Grünen auf keinen Fall zustimmen könnten.

Aber wer so fragt, der legt grüne Maßstäbe an die Grünen an. Der erwartet, dass die Partei intellektuell glänzen müsse und sich einen unverrückbaren Identitätskern bewahrt habe. Vielleicht erwarten das viele grüne Wähler. Das würde auch die unendliche Serie von Wahlniederlagen erklären. Doch vielleicht reichen Pragmatismus plus Fischer ja dauerhaft für Fünf-plus-x-Prozent.

Nüchtern betrachtet ist die neue Geschmeidigkeit ein zivilisatorischer Fortschritt. Die Grünen haben sich endgültig von der Idee verabschiedet, dass die Politik die Gesellschaft grundlegend verändern könnte. Auch sie nehmen den Menschen nun, wie er geht und steht. Niemand versucht mehr, die conditio humana zu verändern. Der Abschied von jeder Art Fundamentalismus ist vollzogen, perfekt. Zu perfekt.

Denn mittlerweile hat sich ein Thema an die Spitze der politischen Agenda gesetzt, das so ist, wie die Grünen früher waren: fundamentalistisch. Die Gentechnologie könnte die conditio humana tatsächlich verändern, nicht ideologisch, sondern mit der Pipette. Das macht es schwierig für die ehemaligen Fundis. Jeder grüne Politiker, der etwas werden will, muss höllisch aufpassen, nie und niemals nicht als Technikfeind, Fortschrittsgegner oder auch nur Bedenkenträger erwischt zu werden. Wie also soll er der Gentechnologie gegenübertreten, die fundamental daherkommt, die einen atemberaubenden Anspruch an den Fortschrittsfatalismus der Menschen stellt? CDU, FDP und SPD stehen nicht so leicht im Verdacht der Fortschrittsfeindlichkeit. Der Spielraum der Grünen ist darum besonders eng.

Und ihre Glaubwürdigkeit? Auf der einen Seite nimmt man den Ökologen ihren großen Respekt vor dem Natur-Gegebenen durchaus ab. Auf der anderen Seite waren die Grünen immer auch eine linke, emanzipatorische, individualistische Partei. Freiheit von Bindungen, Traditionen, Tabus - das ist der Gegenpol zum grünen Verzichtsgedanken. Geradezu brachial kam dieser Emanzipationsanspruch beim Thema Abtreibung daher. Die Mehrheit der Grünen hat sich so auf die Seite der Frau gestellt, als stünde ihrem Recht auf Selbstbestimmung gar kein anderes Recht gegenüber. Das Lebensrecht des Kindes war den meisten nicht wichtig, der Embryo ein ethischer Nobody.

Erst heute wird richtig klar: Diese Haltung war leichtfertig. Wie will man begründen, dass das Lebensrecht eines drei Monate alten Embryos kaum von Belang sein soll, das Leben eines drei Stunden alten Embryos aber quasi heilig? Mit anderen Worten: Wer gestern den Paragraphen 218 abschaffen wollte, kann nicht heute das Embryonenschutzgesetz mit hohem moralischen Ton verteidigen.

Theoretisch könnten die Grünen sich ganz auf ihre linke Seite werfen und in der Gentechnologie den Standpunkt der Emanzipation vertreten, auf die rückhaltlose Selbstbestimmung des Erwachsenen setzen. Doch das werden sie nicht tun. Zu offensichtlich wäre der Widerspruch zum Ökologismus der Partei. Wer den Menschen rundum verfügbar macht, der kann nicht rufen: "Rettet die Robben!", ohne mit der Gegenfrage rechnen zu müssen: Wieso?

Die Grünen benötigen stattdessen dreifachen Mut, um in der Genetikdebatte einen skeptischen, konservativen Standpunkt zu beziehen. Und ihn auch dann durchzuhalten, wenn die Phase allgemeinen Kopfwiegens demnächst vorbeigeht und echte Entscheidungen anstehen. Mut gegenüber dem Koalitionspartner; Mut, die eigene Haltung zur Abtreibungsfrage zu überdenken; und Mut zum Bedenkentragen. Jetzt ist er wirklich mal angebracht. Die Grünen müssten ihr Herz über die Hürde werfen - wenn sie noch eins haben. Dass die Regierungsfraktion als erste einen ganzen Tag über die Gene diskutierte, lässt hoffen. Früher wollten die Grünen die Gesellschaft verändern. Jetzt können sie sich selbst verändern.

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