Politik : Gentechnik: "Eizellen in Glasschalen nenne ich nicht Embryo" - Peter Hintze im Gespräch

Am Montag in einer Woche diskutiert die Unionsfrak

Peter Hintze (51) war von 1992 bis Ende 1998 CDU-Generalsekretär. Seither ist der studierte Theologe und ehemalige Pfarrer europapolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen. Die Beschäftigung mit der Gentechnologie bezeichnet er als sein Hobby.

Am Montag in einer Woche diskutiert die Unionsfraktion erstmals ihre Haltung zur Gentechnologie. Sie gelten als Befürworter der neuen Möglichkeiten. Genetische Tests an Reagenzglas-Embryonen und deren mögliche Verwerfung sind für Sie kein Problem?

Ich bin dafür, die Präimplantationsdiagnostik unter klaren rechtlichen Bedingungen zuzulassen, und zwar weil ich in ihr einen humanen Weg sehe, schwerwiegende Schwangerschaftskonflikte zu vermeiden. Sie bietet Menschen die Möglichkeit, Ja zu einem Kind zu sagen, die ihren Kinderwunsch sonst wegen genetischer Vorbelastungen womöglich nicht verwirklichen würden.

Befürchten Sie nicht, dass dadurch in der Gesellschaft der Eindruck entsteht, Menschen mit Behinderungen wären vermeidbar?

Nein. Nur ein kleiner Teil der Behinderungen ist ja erkennbar genetisch bedingt. Für mich ist es ethisch verwerflicher, sich in einem späten Stadium der Schwangerschaft für einen Abbruch zu entscheiden als außerhalb des Körpers, bei einer mikroskopisch kleinen Zelle. Behinderte Menschen gehören zu unserem Leben, ohne sie wären wir ärmer.

Würde man die PID einführen, müsste man sie ja wohl begrenzen. Wie soll das gehen? Soll es Listen mit Behinderungen geben, die zu Diagnostik und Verwerfung berechtigen?

Das wird in Ruhe zu erarbeiten sein. Die Richtung ist, dass man sich darauf einigt, nur schwere Erbbelastungen als Schwangerschaftskonflikt zu akzeptieren. Das Gesetz wird nicht aufzählen können, welche das im einzelnen sind - was auch den Vorteil hat, dass bestimmte Behinderungen nicht öffentlich diskriminiert werden.

Wann ist eine befruchtete Eizelle denn Ihrer Ansicht nach ein schutzwürdiger Mensch?

Ich unterscheide zwischen einer befruchteten Eizelle außerhalb des Mutterleibes und einer eingenisteten. Letztere entwickelt sich auf natürlichem Wege zum Menschen, wie ihn Grundgesetz und christlicher Glaube schützen. Die Eizelle in der Glasschale tut das nur, wenn sie per medizinischen Eingriff in die Gebärmutter gespült wird.

Was halten Sie von der britischen Gesetzgebung, die Versuche bis zum 14. Tag zulässt?

Ich finde diese Festlegung einleuchtend und richtig. Die 14 Tage sind eine klare Grenze, weil man sagen kann, hier beginnt der unumkehrbare Prozess der Menschwerdung. Davor gibt es noch keine Nervenzellen. Alles was den Menschen ausmacht, setzt erst danach ein.

Und davor soll man mit Embryonen alles machen dürfen?

Ich halte ich es für berechtigt, befruchtete Eizellen, deren Schicksal es sein wird, für immer in den Kühlschränken der Reproduktionsmedizin zu verbleiben, auch für die medizinische Forschung einzusetzen.

Nur die?

Nur die. Laut Forschungsministerin gibt es in Deutschland 150 bis 300, nach anderen Schätzungen gar 5000 Embryonen, deren einzige Perspektive es ist, bis zum Verlust ihrer biologischen Funktion in Stickstoff zu ruhen. Die genügen allemal.

Finden Sie es auch richtig, Embryonen fürs therapeutische Klonen herzustellen?

Ich vermeide hier den Begriff Embryo. Die Reprogrammierung somatischer Zellen durch Kerntransfer in eine entkernte Eizelle ist ein eigener biologischer Tatbestand, der vom Embryonenschutzgesetz gar nicht erfasst ist. Ich fände es falsch, das voreilig zu unterbinden. Kein Mensch kann heute sagen, ob es einmal gelingt, dadurch Organe zu reparieren oder gar neu zu gewinnen. Aber es würde vielen qualvolles Leid ersparen und uns aus der ethischen Problematik der Transplantationsmedizin herausführen.

Wo ist für Sie denn die Grenze dessen, was man darf? Beim reproduktiven Klonen?

Das würde ich verbieten. Weil es nicht ethisch verantwortbaren Zwecken dient - von den schlimmen Fehlbildungen, die wir aus Tierversuchen kennen, ganz abgesehen.

Wie würde sich die CDU verhalten, wenn das Thema morgen im Bundestag zur Abstimmung stünde?

Schwer zu sagen, wir haben noch intensive Diskussionen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es zu einer Abstimmung kommt, die sich nicht an Parteilinien orientiert.

Befürchten Sie denn nicht, dass Ihrer Partei, wenn Sie sich durchsetzen, die letzten verlässlichen Stammwähler - Wertkonservative und Lebensschützer - davonlaufen?

Ich finde, bei einer solchen Gewissensfrage dürfen taktische Überlegungen keine Rolle spielen. Mir geht es um eine Ethik des Heilens. Und ich sehe die Gefahr, dass wir in Deutschland eine entscheidende humane Entwicklung des 21. Jahrhunderts verpassen. Wir dürfen den Ärzten nicht in den Arm fallen und durch Tabus Wege zur Hilfe versperren, die man nach ethischer Abwägung eröffnen muss. Der christliche Glaube gebietet uns, alle unsere Fähigkeiten zur Hilfe für kranke und leidende Menschen einzusetzen.

Was halten Sie denn vom Nationalen Ethikrat des Kanzlers?

Wenn der Bundeskanzler glaubt, dass er ein solches Gremium braucht, habe ich nichts dagegen. Es muss nur klar sein, dass die politische Entscheidung im Bundestag fällt. Und dass die ethische Urteilsbildung, die Gewissensentscheidung des einzelnen Abgeordneten, nicht delegiert werden kann.

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