Politik : Gentechnik: Kanzler aller Gene (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Finger weg von der Gen- und Biotechnik. Und bloß nicht allzu konkret drüber reden - bisher hat das ganz gut funktioniert. Seitdem aber das menschliche Genom zu 99 Prozent entschlüsselt ist und die Medien breit darüber berichtet haben, ist das Thema da. Unwiderruflich. Es ist jetzt popularisiert. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis der Kanzler das Thema an sich zieht. Und den Grünen die weitere Profilierung erschwert.

Es gibt eine Revolution im Stillen. Durch Eingriffe ins Erbgut zu verändern, zuerst Pflanzen und Tiere, am Ende sogar Menschen - diese Entwicklung schreckt auf. Und sie schreckt ab. Aber sie ist sehr weit gediehen. Jeden Tag wird es mehr offenbar. Im Zusammenhang damit allerdings auch, dass die Politik diese Entwicklung lange ignorant behandelt hat; dass die Politik erst jetzt, und nur allmählich, erkennt, was sie für die Gesellschaft bedeutet.

Der Kanzler hat das Thema aufgenommen. Damit rückt es unweigerlich ins Zentrum der Politik. Da gehört es auch hin. Denn Gen- und Biotechnik ist tatsächlich eine Schlüsseltechnologie der Neuzeit. Eine, bei der es um mehr als den Bau von Mikrochips für Kleinstcomputer geht. Hier reden wir von Auswirkungen auf die Medizin, auf Lebensmittel, auf den Umweltschutz. Hier sind Menschen, ist jeder Einzelne in seinem Innersten tangiert.

Hitze, Dürre, Seuchen, Insektenbefall, jeder kennt die Auswirkungen aus den Medien. In Afrika und Asien werden Ernten oft zu mehr als 30 Prozent aus diesen Gründen vernichtet. Nun hören wir, dass Pflanzen widerstandsfähig gemacht werden können. Dass zum Beispiel 250 Millionen unterernährte Menschen allein in Asien ausreichend Reis zum Essen hätten. Dass dort nicht mehr zwei Millionen Kinder wegen Vitaminmangels sterben. Oder tausende blind zur Welt kommen. Ist das nicht - moralisch?

Das klingt nur so. Noch sind längst nicht alle Nebenwirkungen ausreichend erkundet. Noch lange ist nicht sicher, ob die Entwicklung von Nutzen ist und ob sie beherrschbar bleibt. Beim Getreide. Beim Tier. Beim Menschen! Aber eines, das ist schon klar: Bei Gen- und Biotechnik geht es auch um Geld, um Markt, um Wettbewerb. Hiervon könne eine ähnliche Dynamik für wirtschaftliches Wachstum ausgehen wie von der Informationstechnologie - so offen sagt es der Kanzler. Und die USA machen auf dem Markt bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln schon mächtig Druck.

Jetzt gilt es: Es muss vieles in kurzer Zeit bedacht und danach gehandelt werden. Alle müssen rasch arbeiten, nicht zuletzt im Bundestag die Enquete-Kommission zu den ethischen Grundlagen, zur "Bioethik". Der Markt wartet nicht: Die deutschen Wettbewerber haben Schröder wissen lassen, dass sie nicht für einige Jahre auf die wirtschaftliche Nutzung der "grünen Gentechnologie" verzichten wollen. Kein Stopp, nicht einmal ein Moratorium, wie es die Grünen fordern, nur einen "schrittweisen und behutsamen" Ausbau des Anbaus sagen sie zu - damit erhöhen sie den Druck.

Wir müssen jetzt dringend mehr erfahren: Wie will unsere Regierung die "verantwortbaren Innovationspotenziale" weiterentwickeln und nutzen? Kann sie der Entwicklung noch Herr werden? Der Kanzler fordert mehr Transparenz, mehr Forschungsergebnisse, mehr Information für eine solide Entscheidungsgrundlage. Er will beiden Rechnung tragen: der Wirtschaft und den "Besorgnissen der Bevölkerung". Von jetzt an wird es konkret. Jetzt wird es richtig interessant.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben