Politik : Gentechnik: Waisen im Labor

Rainer Woratschka

Es ist ein Zahlensalat, wie er in wissenschaftspolitischen Debatten eigentlich nichts zu suchen hat. Tausende verwaister Embryonen, so behaupteten renommierte Genforscher wochenlang unwidersprochen, lagerten nutz- und perspektivlos in den Kühlschränken deutscher Reproduktionsmediziner. Es seien nur 100 bis 150, ließ das Forschungsministerium dann wissen. Und die neuesten Zahlen, die nun inoffiziell aus dem Gesundheitsministerium sickern, liegen nochmal um eine Dezimalstelle niedriger: Nur rund 15 Embryo-Waisen gibt es derzeit in Deutschland, so das vorläufige Zählergebnis aus 14 Bundesländern.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Anlass für die Erhebung war eine Anfrage der Unionsfraktion, von der die Bundesregierung Anfang des Jahres kalt erwischt wurde. Es lägen, so lautete damals die Antwort, "keine aktuellen Informationen über das Vorhandensein so genannter überzähliger Embryonen vor". Nun liegen sie vor - und zeihen manchen Forscher gewaltiger Übertreibungen. Auch der Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ) weiß nur von rund 30 überzähligen Embryonen. "Ich hoffe nicht, dass man mit den überhöhten Zahlen Politik machen wollte", sagt Verbandschef Michael Thaele.

Offenbar werde einiges "durcheinander geworfen", meint Professor Heribert Kentenich. Der Leiter der Berliner DRK-Frauenklinik Westend hat nach 17 Jahren Reagenzglas-Befruchtung (IVF), wie er versichert, "keinen einzigen verwaisten Embryo" - wohl aber 1092 eingefrorene Eizellen im "Vorkernstadium". Dabei handelt es sich um entnommene Eizellen, die bereits mit Samenzellen befruchtet, aber noch nicht mit ihnen verschmolzen sind. Sie dürfen nur zum Zwecke einer Schwangerschaft aufgetaut werden, sind aber, anders als Embryonen, rechtlich ungeschützt.

Das sind dann ganz andere Zahlen. In den acht Bundesländern, die dem Ministerium als erste antworteten, waren knapp 15 300 eingefrorene Vorkernstadien gemeldet. Derart behandelte Eizellen überständen das Einfrieren weit besser als unbefruchtete, erläutert Verbandschef Thaele. Echte Embryonen hingegen konserviere man hier zu Lande nur "im Notfall" - bei plötzlichen Erkrankungen der Mutter etwa oder bei einem Unfall auf dem Weg ins Labor. Pro IVF-Behandlung dürften maximal drei entstehen.

Das Verwirrspiel beruht also auf ungenau verwendeten Begriffen. Auch die Zahl des Forschungsministeriums beziehe sich nicht auf "verwaiste" Embryonen, sagt der Lübecker Professor Ricardo Felberbaum. Er muss es wissen, denn aus seiner IVF-Statistik hat das Ministerium die Zahlen. Doch mitgeteilt habe er den Berlinern lediglich, wie viele Embryonen im Jahr 1999 insgesamt tiefgefroren wurden. 181 waren es, 115 warten aus diversen Gründen noch auf ihre Einpflanzung. Dass sie überzählig seien - davon könne aber keine Rede sein.

Allerdings scheint es gar nicht so einfach, an die exakte Zahl der Embryo-Waisen zu kommen. Man sei dabei auf die Bundesländer angewiesen, heißt es im Gesundheitsministerium; dort gebe es eine Meldepflicht. Doch davon wissen manche Ärzte nichts. Während Verbandschef Thaele diese Verpflichtung aus Sozialgesetzbuch-Richtlinien und Standesrecht herausliest, bestreitet sie sein Berliner Kollege Kentenich rundheraus. "In Deutschland gibt es zwar eine Viehzählung, aber kein verlässliches Embryonen-Kataster", ärgert sich der CDU-Politiker Hubert Hüppe.

Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die gerne mit überzähligen Embryonen forschen würde, herrscht trotz der gesunkenen Zahlen Gelassenheit. "Wir brauchen nicht Hunderte von Embryonen", sagt eine Sprecherin. Nach jetzigem Antragsstand genügten bereits fünf bis zehn Embryonen. Damit komme man in den nächsten Jahren bestens über die Runden.

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