George Robertson : "Die Regierungen tun zu wenig"

Ex-Nato-Generalsekretär Robertson beklagt eine mangelnde Entschlossenheit beim Einsatz in Afghanistan – und warnt vor einer Ermutigung der Taliban.

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George Robertson -Foto: AFP

Die Nato ist nach Ansicht ihres früheren Generalsekretärs George Robertson dabei, die Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam in Afghanistan zu verlieren. Die Regierungen „verhalten sich nicht wie in einem Krieg, den man unbedingt gewinnen möchte“, und scheuten davor zurück, ihren Bürgern den Sinn des Einsatzes zu vermitteln, kritisierte der Schotte in einer flammenden Rede in der Deutschen Botschaft Washington auf Einladung des Atlantic Council.

Wenn man Al Qaida und den Taliban den Eindruck vermittle, sie könnten sich gegen die mächtigste Allianz der Welt behaupten, dann „werden sie nicht in Afghanistan stoppen, sondern weiter angreifen“. Robertson, der seine Karriere als Gewerkschafter begann, in der britischen Labour-Partei aufstieg und die Nato von 1999 bis 2003 führte, sieht die Allianz in einer tiefen Krise. Die Niederlande und Kanada wollen ihre Truppen nach verlustreichen Einsätzen im Süden abziehen. Weitere Staaten leisteten nicht die nötigen Beiträge. „Wenn Regierungen sich davonstehlen von den Folgen einer Entscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben, ist das Bündnis in einer Krise.“ In Deutschland und Frankreich „tun die Regierungen zu wenig, um der Bevölkerung die Notwendigkeit zu erklären“. Deshalb wachse die öffentliche Skepsis.

Entscheidend in solchen Situationen sei der Wille zu politischer Führung, sagte Robertson. 1940, als Hitler Frankreich besiegt hatte, „weigerte sich Churchill, eine Niederlage auch nur als Möglichkeit zu akzeptieren. Er überzeugte das Volk: Wir werden Hitler schlagen.“

Den Kosovokrieg gegen Serbien unter Milosevic 1999 habe die Nato „nicht wegen ihrer militärischen Überlegenheit gewonnen“, sondern „weil wir ihn und seine Generale überzeugten, dass wir nicht aufgeben werden und dass sie uns nicht aussitzen können“. Das Argument, die Bevölkerungen seien afghanistanmüde, weil der Einsatz bereits über acht Jahre dauere, ohne klare Erfolge zu zeigen, ließ er nicht gelten. „Wenn dann mehr Menschen weltweit in Anschlägen sterben, können die Politiker den Bürgern schlecht sagen: Sorry, ihr wart kriegsmüde.“ Man müsse umgekehrt denken: „Wenn wir die katastrophalen Folgen eines zu frühen Abzugs kennen, muss politische Führung alles tun, um öffentliche Unterstützung zu gewinnen und die Aufgabe zu Ende zu bringen.“

Trotz des Ernstes seiner Botschaft war Robertsons Rede humorvoll und warmherzig. Er kokettierte mit seinem Akzent: „Wir Schotten beanspruchen, die maßgebliche Aussprache des Englischen zu haben.“ Er scherzte über „langweilige Beratungen in der Nato, bei denen ich eine Geduld aufbringen musste, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie habe“. Und wunderte sich, dass „ich eines Tages Leo Trotzki zitieren werde“. Dessen Satz an das russische Proletariat „Es mag sein, dass ihr euch nicht für diesen Krieg interessiert, aber dieser Krieg interessiert sich für euch“, gelte auch für den Westen und Afghanistan.

Er nannte es „einen Skandal“, wie Europa mit seinen Verteidigungsausgaben umgehe. Europa unterhalte 10 000 Kampfpanzer, „eine Verschwendung“, habe aber kein Geld für Helikopter, Lufttransportkapazitäten und bessere Aufklärung. Auf die Frage nach einem Abzug der US-Atomwaffen aus Europa rüffelte er Außenminister Westerwelle. Dessen Vorstoß habe viele in der Nato irritiert. Das Problem seien nicht 200 amerikanische, sondern „5000 russische taktische Atomwaffen“. Er sei froh, dass Deutschland seine Position nun „geklärt“ habe und die Frage erst mal innerhalb der Nato mit den Verbündeten diskutieren wolle.

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