Georgien : Kein Krieg mehr und noch kein Frieden: Das Chaos in der Stadt Gori

Die Waffenstillstands-Erklärung spricht eigentlich eine klare Sprache: Russlands Panzer und Soldaten sollten georgische Städte wie Gori umgehend verlassen. Aber Feuergefechte und Detonationen machten den Plan auch am Donnerstag zu Makulatur.

Stefan Korshak[dpa]

GoriGeorgische Polizisten, Beobachter der Vereinten Nationen, ausländische Journalisten, Militärattachés sowie Mitglieder von Hilfsorganisationen drängten sich auf Goris verstopfter Ausfallstraße. Ihnen gegenüber erstaunlich gut gelaunte Soldaten der 58. Armee, Russlands Speerspitze im georgischen Hinterland. Sie waren es, die Gori im Sturm einnahmen, nachdem die einheimische Armee kampflos das Weite gesucht hatte.

Erst sollte die 60 Kilometer von Tiflis entfernte Stadt am Donnerstagmorgen übergeben werden, dann im Laufe des Tages, später gab es keinen Termin mehr. Nach stundenlangem Warten unter einer heißen August-Sonne vermittelte irgendwann niemand mehr den Eindruck, die Lage auch nur annähernd zu überblicken - einschließlich des Mannes, der die Übergabe eigentlich einfädeln sollte.

Opfer einer "ethnischen Säuberung"

"Ich kann sie verdammt noch mal nicht bevormunden, sie machen ja doch, was sie wollen", erklärte General Wjatscheslaw Borisow, der stämmige Kommandant der in Gori eingesetzten Truppe. "Ich kann meine Männer aus der Stadt herausführen, kein Problem. Die Frage ist nur, was dann die Südosseten in Gori anrichten", meinte Borisow. Nicht gerade schmeichelhafte Worte für den eigentlichen Verbündeten.

Schüsse hallten in der Ferne, vielleicht fielen sie irgendwo in der Stadt, vielleicht anderswo. Der Himmel war rauchverhangen vom Feuer eines Feldes, das irgendjemand ohne ersichtlichen Grund angesteckt hatte. Sie hätten auf ihrem Weg von Südossetien ins nicht weit entfernte Gori dutzende tote Südosseten gesehen, sagten russische Soldaten. Ihrer Meinung nach waren sie Opfer einer "ethnischen Säuberung" von Georgiern. Ein paar Schritte weiter befragte ein westlicher Militärattaché russische Reporter. Ja, sagten sie, sie hätten gesehen, wie Südosseten Georgier getötet hätten.

"Nur noch Plünderer"

Einer von Borisows Offizieren, adrett gekleidet mit kastanienbraunem Schnauzer und Fallschirmjäger-Abzeichen, erklärte geduldig, seine Männer hätten die Häuser der Stadt vom Keller bis zum Dach durchkämmt. "Da sind jetzt nur noch Plünderer drin." Flüchtlinge berichteten, sie hätten sich 48 Stunden und länger im Keller verschanzt, als die russischen Truppen durch die Stadt marschierten. Die Soldaten seien unerwartet freundlich gewesen, sagten einige Bewohner. Älteren Georgiern hätten sie Wasser angeboten und von ihrem Armee-Proviant. Andere wiederum erzählten vom Plündern und Brandschatzen russischer Soldaten in der Stadt.

Ein Autofahrer aus Gori, Vitali, stoppte an einem Kontrollpunkt im Süden der Stadt und erzählte von seiner Großmutter, die in ihrer Wohnung in der Zchinwali-Straße festsäße. Gegen zwei Uhr mittags setzten sich plötzlich russische Panzer in Bewegung und rollten Richtung Norden. Georgische Polizisten einige Kilometer weiter kauerten bloß am Straßenrand und schauten zu. Als fürchteten sie sich, nun in die eigene Stadt zu fahren.

Rückgabe nicht so einfach

Mit einem Mal wehte der Wind Rauch von Explosionen hinter einem nahen Berg herüber, und ein Gerücht machte die Runde: Irgendjemand habe ein georgisches Waffenlager in der Nähe von Gori gesprengt, seit Mittwoch wurde der Stützpunkt von Russen quasi besetzt.

Lastwagen mit Miliz aus Südossetien kamen am Kontrollpunkt an, später rollten Fahrzeuge mit georgischen und russischen Offizieren nach lautstarken Diskussion nach Gori hinein. Als sich später ein Mann offenbar verfahren hatte und am Kontrollpunkt falsch abbog, feuerte ihm ein russischer Soldat kurzerhand eine Salve in die Reifen. Gori an die Georgier zurückzugeben, sagte General Borisow, sei gar nicht so einfach.

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