Georgien und Südossetien : Konflikt im Kaukasus steht erneut vor Eskalation

Schusswechsel im Grenzgebiet, gegenseitige Schuldzuweisungen: Experten sind besorgt, dass der Streit zwischen Georgien und Südossetien wieder in Gewalt umschlägt.

MoskauEin Jahr nach dem Kaukasuskrieg nehmen die Spannungen im Nordkaukasus wieder zu. In den vergangenen Tagen war es nahe der abtrünnigen Region Südossetien zu mehreren Schusswechseln gekommen. Georgien und Südossetien geben sich gegenseitig die Schuld an den neuerlichen Auseinandersetzungen.

Die Führung in Südossetien hatte am Samstag georgischen Soldaten vorgeworfen, Granaten auf einen Beobachtungsposten gefeuert zu haben. Georgien wies die südossetischen Anschuldigungen zurück und unterstellte im Gegenzug der Führung in Moskau "aggressive Absichten".

Moskau reagierte scharf: Falls das Leben von Zivilisten auf dem Spiel stünde, behalte sich Russland das Recht vor, die in der Region stationierten mehreren tausend Soldaten für den Schutz der Bürger einzusetzen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau laut der Agentur Interfax mit.

Experten sind nun besorgt, dass der Streit in neue Gewalt umschlagen könnten.

"Ich will keinen Krieg und ich möchte noch nicht einmal über Krieg nachdenken", sagte der Präsident der Region Südossetien, Eduard Kokoity. Seine Hauptaufgabe sei es, Stabilität in der Region zu schaffen. Den Anschluss an Russland schloss er zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. "Die Menschen in Südossetien wollen mit Russland vereinigt sein", sagte der 44-Jährige weiter.

Zugleich forderte der frühere Ringer die Regierung in Moskau auf, mehr Soldaten und Waffen nach Südossetien zu entsenden.

Kaukasuskrieg hatte zahlreiche Tote gefordert

Nach monatelangen Spannungen hatte Georgien das nach Unabhängigkeit strebende Südossetien vor fast genau einem Jahr in der Nacht auf den 8. August angegriffen. Russische Truppen waren daraufhin in Georgien eingerückt, zogen sich aber nach wenigen Tagen zurück. Die Bilanz des blutigen Konflikt 2008a: Hunderte Tote und Zehntausende Menschen auf der Flucht. Die Regierung in Moskau erkannte die Enklave anschließend als unabhängigen Staat an, was der Westen verurteilte. Bis auf Nicaragua sieht der Rest der Welt die Region bis heute als rechtmäßiges Gebiet Georgiens an.

Die Europäische Union hatte nach dem Krieg im August 2008 Beobachter in die Krisenregion geschickt, um den von ihr vermittelten Waffenstillstand zwischen Russland und Georgien zu überwachen. Russland hat den Europäern bislang Zugang zu Südossetien und Abchasien verweigert. Grund ist, dass kein EU-Land die beiden Regionen als unabhängig anerkannt hat.

Erst Ende Juli hatte die Europäische Union (EU) bekannt gegeben, den Einsatz ihrer Beobachter in Georgien noch um ein Jahr zu verlängern. Die 360 Männer und Frauen sollen nun bis 14. September 2010 in dem Kaukasus-Land bleiben. Mit 45 Beobachtern stellt Deutschland das meiste Personal.

Wirtschaftlich ist Südossetien von Russland abhängig

Die Menschen in Südossetien sprechen sich fast ausnahmslos für eine Angliederung an Russland aus: 89 Prozent der Einwohner haben einen russischen Pass. Außerdem ist die Verkehrssprache russisch und bezahlt wird mit dem Rubel.

Die von Georgien abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien galten seit vielen Jahren als Konfliktherde. Beide hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre in Bürgerkriegen von Georgien abgespalten. Politisch und wirtschaftlich sind sie von Russland abhängig.

Seit sich das Südossetien Ende 1991 unabhängig erklärt hatte, kam es mehrfach zu Kämpfen mit Hunderten Toten. Im Jahr 2004 wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Das Referendum aus dem Jahr 2006, bei dem die Bevölkerung fast einstimmig für die Unabhängigkeit stimmte, wird von Georgien nicht anerkannt.

Die EU ist jetzt die einzige Kraft von außen, die für Frieden in Georgien sorgen kann. Nach Einschätzung von Experten können die unbewaffneten Beobachter aber keine Schießereien oder Bombenanschläge, zu denen es häufig kommt, verhindern.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, bm

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