Politik : Gepflegte Wohngemeinschaft

Die Versicherung wird reformiert. Auch die Regierung rät zu alternativen Lebensformen im Alter

R. Ciesinger[C. Eubel],E. Kogelboom

Von R. Ciesinger, C. Eubel

und E. Kogelboom

Senioren, die im Heim leben, müssen sich nicht vor Kürzungen in der Pflegeversicherung fürchten. Für diese Personen gebe es Vertrauensschutz bei der geplanten Reform der Pflegeversicherung, stellte die Staatssekretärin im Sozialministerium, Marion Caspers-Merck, am Montag klar. Für neue Pflegefälle sollen allerdings ab 2005 die Gelder für die stationäre Pflege in den unteren beiden Pflegestufen deutlich gekürzt werden (siehe Tabelle). Rot-Grün will umschichten: Die Sätze für die ambulante Pflege sollen nämlich im Gegenzug in allen drei Pflegestufen ausgeweitet werden, ebenso wie die Pflegestufe III im Heim. Das sei gerechtfertigt, argumentiert Caspers-Merck, weil derzeit die Pflegebedürftigen in den Heimen vor allem in der Pflegestufe I überdurchschnittlich entlastet würden.

Caspers-Merck wies den Vorwurf zurück, dass mit der geplanten Umschichtung der Anteil der Pflegebedürftigen zunehmen werde, die auf ergänzende Sozialhilfe angewiesen seien. Die SPD-Politikerin verwies darauf, dass mit der Reform spätestens 2007 die Pflegesätze jährlich angepasst werden sollten, um der „Entwertung“ durch Preissteigerungen entgegenzuwirken. Außerdem bekämen voraussichtlich rund 100 000 Demenzkranke erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung, weitere 60 000 würden von der Pflegestufe I in Stufe II hochgestuft. Hintergrund sind Pläne, für Altersverwirrte einen täglichen Zeitzuschlag von einer halben Stunde zu berechnen.

„Es ist grundsätzlich eine ziemlich mutige, aber zwingende Entscheidung, Familienangehörige stärker mit der Altenbetreuung zu belasten“, sagt Jürgen Griesbeck vom Familienservice München. Schließlich würden die Leistungsträger der Gesellschaft in die Pflicht genommen. Leistungsträger, die oft an ihre Grenzen stießen, weil die Vereinbarkeit von Pflege, Beruf und Freizeit große Stärke und besonderes Organisationsgeschick verlangten: „Der Betreuende muss lernen, frisch zu bleiben – je länger er den Angehörigen pflegt, desto älter und langsamer fühlt er sich“, kommentiert Griesbeck.

Der Staat fordere in allen Lebensbereichen mehr Selbstverantwortung, sagt Griesebeck. „Das gilt auch für die Pflege.“ Es sei an der Zeit, „kreativ“ zu werden und nach neuen Lösungen Ausschau zu halten. Mehrgenerationen-Gemeinschaften seien zum Beispiel eine gute Alternative zur klassischen häuslich-familiären Pflege. Auch mit Alters-Wohngemeinschaften hat Griesbeck gute Erfahrungen gesammelt.

Auch die Grünen-Pflegepolitikerin Petra Selg sieht „neue Chancen“ in alternativen Wohnformen. So könnten sich Pflegebedürftige in Wohngruppen mit acht bis zehn Personen zusammentun. Das erleichtere den Angehörigen die Pflege. Vor allem für Frauen sei es dann leichter, neben der Pflege auch ihrem Beruf weiter nachzugehen. Um solche Wohnformen zu fördern, „müssen einige bürokratische Hürden abgebaut werden“, sagt Selg. So gebe es derzeit etwa detaillierte Vorschriften, wie die Kühlschranktemperatur in solchen Einrichtungen geregelt sein müsse. Caspers-Merck kündigte an, für den Ausbau dieser Wohnformen sollten zusätzliche Gelder bereitgestellt werden, wollte aber noch keine Höhe beziffern.

Allerdings wird schon jetzt die große Mehrheit der Pflegebedürftigen daheim versorgt. So kümmerten sich nach Angaben des statistischen Bundesamtes im Dezember 2001 um rund 70 Prozent dieser Alten deren Angehörige. Marion Goldschmidt vom Verband der Leitungskräfte von Alten- und Behinderteneinrichtungen leitet in Schwerin sechs Altenheime und hat ähnliche Erfahrungen gemacht: In der Regel brächten die Angehörigen ihre Eltern oder Ehepartner erst in ein Heim, „wenn es gar nicht mehr anders geht“. Wenn also jemand seinen Beruf aufgeben müsste, um den Pflegefall ausreichend zu betreuen, oder die Angehörigen im Schichtdienst auch nachts am Bett des alten Menschen „Wache schieben“ müssen.

„Niemand kommt leichtfertig ins Heim“, glaubt Goldschmidt. Zwar sei in den vergangenen Jahren die Zahl der „stationär betreuten Fälle“ um etwa fünf Prozent gestiegen. Doch das liegt ihrer Ansicht nach daran, dass die Menschen immer älter werden. So sei in diesen zehn Jahren auch das Aufnahmealter in ihren Einrichtungen um etwa fünf Jahre auf Mitte 80 gestiegen. Das Durchschnittsalter der Heimbewohner liege bei 86 Jahren, doch viele Bewohner seien auch schon Mitte 90 oder sogar über 100 Jahre alt. Zwar seien die meisten alten Menschen zu Hause besser aufgehoben, weil sie dort in der Regel geistig und körperlich länger fit blieben, sagt Goldschmidt. Doch manchmal sei die psychische Belastung für die Angehörigen einfach zu groß, wenn die eigenen Eltern ihre Kinder nicht mehr erkennen und beschimpfen.

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