Politik : Gequält, verprügelt, zu Tode getreten

Sie hatten keinen deutschen Pass oder keine Wohnung. Oder es genügte schon, kein „Kamerad“ zu sein – sieben Fälle, bei denen ein rechtes Tatmotiv wahrscheinlich ist

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Am 27. Januar 2003 stirbt in Erfurt der 48jährige Hartmut Balzke nach einer Auseinandersetzung zwischen Punks und mutmaßlich rechten Schlägern. Balzke hat zwei Tage zuvor seinen Sohn zu einer Punk-Party in Erfurt begleitet. Nach der Party attackieren mehrere Männer einige Punks und den Vater. Zeugen finden Balzke mit schweren Kopfwunden. Die Staatsanwaltschaft Erfurt schließt einen politischen Hintergrund nicht aus. Sie ermittelt wegen Körperverletzung mit Todesfolge gegen fünf Verdächtige. Einer ist wegen rechter Delikte vorbestraft.

In Sulzbach (Saarland) sticht am 9. August 2002 ein Neonazi dem Türken Ahmet Sarlak (19) in Bauch und Brust. Das Opfer ist am nächsten Tag tot. Bei der Durchsuchung der Täter-Wohnung findet die Polizei Fahnen mit NS-Symbolen. Das Landgericht Saarbrücken verurteilt den Neonazi zu sechs Jahren Haft. „Was den Angeklagten zu seiner Tat veranlasst hat, weiß nur er selbst", heißt es im Urteil. Sarlaks Eltern gehen in Revision.

Der Dachdecker Ronald Masch (29) wird am 1. Juni 2002 auf einem Feld bei Neu Mahlisch (Brandenburg) von vier Neonazis misshandelt. Ein Täter sticht etwa 40 Mal zu. Die Täter hätten Masch ausrauben wollen, sagt die Staatsanwaltschaft. Es gebe kein rechtes Motiv. Ohne die Gesinnung sei aber die extreme Brutalität nicht vorstellbar, heißt es in Justizkreisen. Die Angeklagten hätten in Verhören die Menschheit in „Kameraden" und den minderwertigen Rest unterteilt.

Der Behinderte Klaus Dieter Lehmann (19) wird am 15. Mai 2002 in Neubrandenburg von zwei Skinheads gequält. Lehmann stirbt an den Folgen gezielter Stiefeltritte ins Gesicht. „Es sah so aus, als wäre mit dem Kopf Fußball gespielt worden," sagt die Staatsanwaltschaft. Das Landgericht Neubrandenburg verurteilt einen Täter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu sechs Jahren und neun Monaten. Der zweite Skin, der auch einen Jugendlichen mit einem Schuss aus einer Schreckschusspistole verletzt hat, erhält wegen gefährlicher Körperverletzung dreieinhalb Jahre. Laut Gericht war Lehmanns Behinderung kein Anlass für die Tat, das Opfer habe „normal“ gewirkt. Ankläger und Verteidigung legen Revision ein.

Der Aussiedler Kajrat Batesov (24) wird am 4. Mai 2002 in Wittstock von jungen Männern verprügelt. Ein Angreifer wirft einen knapp 18 Kilo schweren Stein auf Batesov. Knapp drei Wochen später stirbt er im Krankenhaus Pritzwalk. Der Anlass für die Schlägerei lässt sich im Prozess am Landgericht Neuruppin nicht genau klären. Die Kammer verweist im Urteil auf „diffuse Fremdenfeindlichkeit", sieht aber kein rassistisches Motiv. Der Haupttäter wird zu zehn Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt, die vier Mitangeklagten erhalten Strafen zwischen sieben Jahren und einem Jahr auf Bewährung.

Am 5. November 2001 prügeln und würgen drei Rechtsextremisten in Berlin den herzkranken Ingo B. (36). Am Tag danach erleidet er einen Infarkt und stirbt. Die Angreifer wollten angeblich Schulden in Höhe von 40 Mark eintreiben. Das Landgericht Berlin verhängt Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Jahren. Zu Gunsten der Angeklagten meint die Kammer, sie hätten sich „über die Folgen ihres Handelns keine Gedanken gemacht“. Die rechte Gesinnung bleibt nebensächlich – obwohl einer der Angreifer auch wegen einer weiteren, einschlägigen Tat verurteilt wird. Der Neonazi hatte Anfang 2001 einen Jugendlichen gefragt, ob er Ausländer sei und zugetreten.

Der Obdachlose Bernd Schmidt (52) stirbt am 31. Januar 2000 in Weißwasser (Sachsen) an schweren Kopfverletzungen. Zwei 15-Jährige haben Schmidt drei Tage in einer Abrissbaracke geprügelt. Anfangs hat sich auch ein 16-Jähriger beteiligt. Vor dem Landgericht Görlitz behaupten zwei Täter, sie wollten von Schmidt 900 Mark für ein Moped erpressen. Im Urteil sagt das Gericht, ein Täter habe „die bisher unkorrigierte Fehlhaltung, dass Obdachlose, sozial Schwache und Ausländer wenig wert sind und kein Recht auf Unversehrtheit haben." Der 15-Jährige hatte gesagt, Leute wie Schmidt seien „menschlicher Schrott". Der Angeklagte wird wegen versuchter räuberischer Erpressung mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der gleichaltrige Mittäter erhält viereinhalb Jahre, der 16-Jährige ein Jahr auf Bewährung.

Ein Rückblick: Bei den neun Verdachtsfällen, die beide Zeitungen im Oktober 2001 nannten, gibt es nicht nur bei Willi Worg (siehe oben) neue Erkenntnisse. Im Urteil des Landgerichts Neuruppin zum Tod von Klaus-Dieter Harms (61) sprechen Indizien für ein sozialdarwinistisches Motiv beider Täter. Sie haben den gehbehinderten Alkoholiker im August 2001 in Wittenberge (Brandenburg) erschlagen. Das Gericht nennt „Mordlust“, sagt aber auch, die Täter hätten Harms als verachtungswürdigen Menschen gesehen und ohne jeden Anlass gequält.

Der Tod des Aussiedlers Arthur Lampel , dem ein Skinhead im September 2001 in Bräunlingen (Baden) ein Weizenbierglas gegen den Hals geworfen hat, ist nach Ansicht des Landgerichts Konstanz kein rassistisches Verbrechen. Ein Motiv konnte die Kammer jedoch nicht feststellen. Der Skinhead muss für drei Jahre und neun Monate in Haft.

Zwei Neonazis prügeln im Juli 2001 in Grimmen (Vorpommern) den alkoholkranken Frührenter Fred Blanke (51) tot. Das Landgericht Stralsund sieht keine rechte Tat und verurteilt die Schläger zu sechs und sieben Jahren wegen räuberischer Erpressung.

Im April 2001 erschlagen drei Männer bei Jarmen (Vorpommern) den Algerier Mohammed Belhadj (31). Ein Täter wirft ihm einen schweren Stein an den Kopf. Als ein Schläger später fürchtet, Belhadj sei tot, sagt ein Kumpan: „Es war doch nur ein Scheiß-Ausländer". Das Landgericht Neubrandenburg sieht kein rassistisches Motiv. Die Täter erhalten Strafen von fünfeinhalb bis neun Jahren.

Im November 2000 stirbt Belaid Baylal (42) an den Spätfolgen eines Angriffs. Zwei Skins haben den Marokkaner im Mai 1993 in Belzig (Brandenburg) verprügelt. Das Amtsgericht Brandenburg verurteilt die Täter zu Bewährungsstrafen und Arbeitsstunden. Baylal erleidet später Darmverschlüsse und bricht schließlich tot zusammen. Nachdem Tagesspiegel und „Frankfurter Rundschau“ Baylals Tod als Verdachtsfall genannt haben, beginnt in Belzig eine Debatte über die Errichtung eines Gedenksteins.

Im Fall des Obdachlosen Erich Fisk , der im September 1997 mit schweren Kopfverletzungen in Angermünde (Brandenburg) gefunden wird und elf Monate später stirbt, hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) die Ermittlungen eingestellt. Es erscheint unmöglich, den oder die Täter zu ermitteln.

Zum Tod von Boris Morawek (26), den zwei Skins 1996 in Wolgast (Vorpommern) erschlugen, gibt es keine neuen Hinweise. Die Justiz wertet die Tat als unpolitisch.

Bei einem Tötungsdelikt lässt sich der Verdacht einer rechten Motivation nicht aufrechterhalten. Das Landgericht Bochum hat den Mord an Frank Hackert (Juli 2001 in Witten) plausibel als Tat eines wahnhaft agiereden Satanistenpaares gewertet. Die in der Täter-Wohnung gesprühten NS-Symbole waren „nur“ Dekor für den Teufelskult.

Diese Seite wurde zusammengestellt von Frank Jansen und Heike Kleffner. Die Autoren danken den Angehörigen der Opfer, den Sprechern von Gerichten und Staatsanwaltschaften, dem Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum e.V. in Berlin und den Archiven beider Zeitungen für ihre Unterstützung.

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