Politik : „Gerhard duldet keine Kritik – das geht nicht“

Die sozialdemokratische Basis kritisiert vor allem den Stil des Kanzlers, weniger seine Reformen

Jürgen Zurheide[Duisburg]

Röttgersbach liegt in Duisburg. Im Schatten der Hochöfen und des Hamborner Stahlwerkes, was früher ein sicheres Indiz dafür war, dass die SPD Rekordergebnisse einfuhr. Immerhin, in diesem Punkt hat sich wenig geändert. Am 22. September haben die Wähler Hans Pflug mit 63,4 Prozent in den Bundestag zurückgeschickt. Damit ist er Spitzenreiter unter den direkt gewählten SPD-Abgeordneten. Pflug hat zur Bürgerversammlung eingeladen. Doch um die Sozialreformen, die Vertrauensfrage des Kanzlers beim Sonderparteitag, das Mitgliederbegehren soll es nicht gehen. „Ich möchte, wie vorgesehen, über den Irak diskutieren“, stellt Pflug klar.

So treffen sich gegen 19 Uhr am frühen Abend mehr als 40 Röttgersbacher im „Senftöpfchen“, einer Kneipe im Zentrum des Stadtteils. Während der Wirt abwechselnd Altbier oder Pils serviert, beginnt Pflug seinen Vortrag über den Irak. Er redet eine gute halbe Stunde. Danach diskutiert man ruhig und sachkundig. Natürlich hält eine Mehrheit im Saal den Krieg für völkerrechtswidrig, gleichwohl verzichtet auch Pflug nicht darauf, festzustellen, wie sehr er sich darüber freut, dass Saddam Hussein aus dem Amt gebombt wurde. Gute eineinhalb Stunden diskutieren die Röttgersbacher über die große Welt. Erst danach wechselt der eine oder andere ins Inland. Wer die Überschriften im Kopf hat, die suggerieren, dass der Kanzler dabei ist, die Macht über die SPD zu verlieren, findet hier im Herzen des Ruhrreviers unter den Genossen wenig Anhaltspunkte für diese These. Klar, es gibt Kritik. An einem Tisch sitzen die alten Gewerkschafter von der IG Metall.

Gottgleiche Vorschläge

Sie alle haben auf der Hütte gearbeitet. Willi Schmotz ist einer von ihnen. Er gibt den Takt vor. „Da habe ich den Hals voll“, schimpft er, und Werner Zehnder nickt. „Das ist für mich keine Reformpolitik. Diese Schnellmodernisierer schröpfen die kleinen Leute“, lautet die Diagnose zur Politik von Gerhard Schröder. Sicher, geben die beiden rasch zu, sie persönlich treffe das alles nicht mehr. Sie genießen ihren Ruhestand, in den sie dank der inzwischen als zu teuer kritisierten Sozialpläne geglitten sind. „Aber dass man nach 30 Jahren Arbeit in nur 18 Monaten in der Sozialhilfe landet, halte ich nicht für sozial“, argumentiert Willi Schmotz. Wenn man allerdings etwas länger mit den beiden redet, ändert sich die Tonlage. „Die Lohnnebenkosten sind zu hoch. Arbeit lohnt sich nicht mehr“, diagnostizieren sie einmütig. Danach beantworten sie die Frage, wo denn gespart werden könnte. „Bei den Krankenkassen, da gibt es Doppeluntersuchungen. Sind die alle notwendig“, fragt Werner Zehnder und etwas später empört er sich: „Ich weiß nie, was der Arzt für mich abrechnet. Wir lesen doch ständig etwas vom Abrechnungsbetrug. Da sollte der Gerhard mal was machen.“ Die Tonlage wechselt erneut. „Ich bin nicht gegen Reformen, aber es geht nicht so, wie der Gerhard sich das vorstellt“, übernimmt wieder Willi Schmotz das Kommando. Dann wird seine Stimme scharf: „Das sind gottgleiche Vorschläge, die der Gerhard da gemacht hat. Er duldet keine Kritik. Und das geht in der SPD nicht.“ Als es um den Sonderparteitag geht, wirft Frank Börner, der Vorsitzende des Ortsvereins, ein: „Das kann nicht schaden.“ Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich viel Widerstand abbauen lässt, wenn man nur lange genug mit den Menschen redet. „Die in Berlin machen das doch nicht, weil sie Spaß daran haben, sondern weil sie es für notwendig halten“, sagt er. „Das glaube ich ihnen.“ Frank Börner gehört mit seinen 37 Lebensjahren zu einer anderen Generation von Sozialdemokraten. Er arbeitet als Leiter der EDV bei einem Schifffahrtsunternehmen im Hafen. Er macht sich über seine Zukunft wenig Illusionen. „Es wird für mich eng werden, wenn ich nicht privat vorsorge“, sagt er zu Willi Schmotz. „Da gilt nicht mehr, was wir sozialpolitisch wünschen, sondern was geht.“ An dieser Stelle nicken die Jüngeren in der Runde ausnahmslos.

Wenig Verständnis

„Das sehe ich auch so“, sagt am Ende Hans Pflug. Er zählt zu den Seeheimern und hat schon deshalb wenig Verständnis für jene, die aus der Fraktion heraus ihre Gesinnung über alles stellen. Allerdings sieht er Grenzen. „Die Förderung der Jugendlichen darf nicht wegfallen. Außerdem darf man nach Jahrzehnten im Beruf nicht zu schnell in die Sozialhilfe abrutschen“, verlangt Pflug. „Das habe ich in der Fraktion auch dem Kanzler gesagt.“ Jenseits dieser Linie wehrt er sich nicht gegen Einschnitte: „Ich bin mit 90 Prozent dessen einverstanden, was Gerhard Schröder will.“ Willi Schmotz würde den Prozentsatz etwas niedriger ansetzen, aber dass er deshalb die Partei nach 40 Jahren verlassen würde, kommt nicht infrage.

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