Gerhard Schröder : Gelernter Europäer

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Räumt „Anfängerfehler“ ein:  Gerhard Schröder in Berlin.
Räumt „Anfängerfehler“ ein:  Gerhard Schröder in Berlin.Foto: dapd

Sein Siegerlächeln ist immer noch dasselbe wie zu Kanzlerzeiten. Als Gerhard Schröder das voll besetzte Forum in der Hertie School of Governance betritt, um über „Herausforderungen für Politik und Wirtschaft in der europäischen Krise“ zu sprechen, weiß er schließlich die Geschichte auf seiner Seite. In der Euro-Zone knirscht es an allen Ecken und Enden, die Krisenstaaten von Portugal bis Griechenland müssen nun auf einmal in aller Eile Reformen nach Art der Schröderschen Agenda durchziehen. Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, die den Sturm der Euro-Krise bislang einigermaßen unbeschadet überstanden haben. Früher, zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts, habe Deutschland noch als kranker Mann Europas gegolten, lautet Schröders Bilanz. Jetzt sei das Land hingegen, dank seiner leistungsfähigen industriellen Basis und der von ihm initiierten Agenda-Politik, „die gesunde Frau in Europa“.

„Today on Campus“ – so ist Schröders Vortrag an diesem Donnerstagabend in der Hochschule in der Mitte Berlin angekündigt, was schon einmal ein Hinweis darauf ist, dass Englisch hier die Unterrichtssprache ist. Der Altbundeskanzler lässt sich hingegen in bester deutscher Schnodderigkeit vernehmen. Mit einem abschätzigen „Kennen wir ja“ kommentiert er beispielsweise die Tatsache, dass die Politik der Agenda 2010 auch in seiner eigenen Partei immer noch umstritten ist. Und die Frage, wer der nächste Kanzlerkandidat der SPD wird, will er gar nicht erst zulassen. „Das weiß ich total nicht“, lautet seine Formulierung zu diesem Punkt.

Aber Schröder ist auch gar nicht gekommen, um mit irgendwem ein innenpolitisches Hühnchen zu rupfen. Es geht ihm vielmehr darum, für eine verstärkte europäische Integration zu werben und sich für eine Erweiterung des EU-Fiskalpaktes stark zu machen. „Wir müssen den Pakt durch eine Wachstumskomponente ergänzen“, sagt er und unterstützt damit eine Forderung der eigenen Partei im Ringen um die Ratifizierung des Vertragswerks. Wobei der Altbundeskanzler bei seiner Bewertung des Regierungshandelns in der Euro-Krise dann doch versteckte Kritik an seiner Nachfolgerin äußert. Gegenwärtig sei in der EU eine „Renaissance des Vorurteils“ zu besichtigen, hat Schröder beobachtet – was wohl auch ein Hinweis auf das in Deutschland verbreitete Griechenland-Bashing sein soll. „Den Vorwurf, diese Debatten nicht zu stoppen, muss sich die europäische Politik, auch die deutsche, gefallen lassen“, meint der Ex-Regierungschef.

Wenn es um Kritik geht, macht Schröder allerdings auch vor der eigenen Person nicht halt. Die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone, die in seiner Amtszeit erfolgte, sei „möglicherweise ein Fehler“ gewesen. Seine Bemerkung kurze Zeit nach seinem Amtsantritt im Jahr 1998, wonach in Brüssel deutsches Geld „verbraten“ werde, bezeichnete er als einen „Anfängerfehler“. Und schließlich ist auch die politische Union Europas, die einst von den Gründungsvätern der Europäischen Währungsunion als Fernziel ausgegeben worden war, bisher eine Schimäre geblieben: „Wir haben nicht liefern können, auch nicht in meiner Zeit.“

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