Gerhard Schröder in Amerika : Ich auch, ich auch

Gerhard Schröder lässt bei einem Gastredner-Auftritt in Washington seinen Charme spielen. Christoph von Marschall über einen kritischen USA-Freund, der mal Kanzler war.

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Gerhard Schröder Foto: dpa
Gerhard SchröderFoto: dpa

Schlagfertig ist er wie eh und je, auch in der für ihn ungewohnten amerikanischen Umgebung. Als Hartmut Berghoff, der Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington, Gerhard Schröder als Gastredner einführt, an seinen Streit mit George W. Bush um den Irakkrieg sowie die Reform des deutschen Sozialsystems erinnert und sagt, er würde gerne wissen, wie die Historiker in 50 Jahren seine Kanzlerschaft beurteilen werden, kräht die unverkennbare Stimme aus der ersten Reihe: „Ich auch, ich auch.“ Der ganze Saal lacht. Schon der Auftakt zeigt: Heute sollen keine alten Rechnungen beglichen werden.

Versöhnlich, gut gelaunt und humorvoll tritt Schröder auf. Man könnte glatt denken, er sei auf Werbetour und wolle Amerikas Herzen gewinnen. Er lobt die „Flexibilität und Dynamik“. Die USA würden sich „politisch und wirtschaftlich schneller von der Krise erholen, als viele in Europa glauben“. Sie „bleiben die Supermacht“. Bei Europa dagegen sei sein „Optimismus nicht so groß“. Die EU sei politisch schwach und müsse überhaupt erst Handlungsfähigkeit nach außen wie nach innen gewinnen.

Schröders Beziehung zu Amerika war immer ambivalent. Er bewunderte Amerika beim ersten langen Aufenthalt 1981, auch wenn er kurz zuvor als Juso-Vorsitzender den Sozialismus gepriesen und gegen die Hochrüstung der USA gewettert hatte. Als sich die Kanzlerschaft dem Ende zuneigte, kursierte in Berlin das Gerücht, seine Frau Doris würde gerne ein paar Jahre in New York leben, er könne für eine der Investmentbanken arbeiten. Es kam anders. Nach dem Zerwürfnis mit Bushs Amerika orientierte sich Schröder nach Osten. Er berät den russischen Energieriesen Gazprom. In die USA kam er selten, und bei den wenigen Auftritten hatten Zuschauer den Eindruck, er fühle sich hier nicht wohl, zum Beispiel, als er im Juni 2007 in New York eine Laudatio auf seinen Skatbruder, RWE-Chef Jürgen Großmann, hielt.

Umgekehrt hatten viele Amerikaner Schröder anfangs geschätzt: den frischen Geist, den er nach Berlin brachte, seinen ungezwungenen Umgang mit Wirtschaftsbossen und die unerschrockene Art, mit der er sich an die Reform von Arbeitsmarkt und Sozialsystem machte. Nicht das Nein zum Irakkrieg verstörte sie, sondern die antiamerikanische Polemik, mit der er es im Wahlkampf vertrat. Als er sich dann bei Gazprom verdingte, schimpften manche in den USA, das grenze an politische Prostitution.

Nun steht er am Rednerpult im Ballsaal des Willard-Hotels, einen Steinwurf vom Weißen Haus, und lässt seinen Charme spielen. Die Konflikte mit Bush, das seien „alte Geschichten“. Er ist nicht nachtragend. Aber recht behalten will er schon. 2005 sei er zuletzt in Washington gewesen, um mit Bush den G-8- Gipfel vorzubereiten. Sie seien bei nahezu allen Themen unterschiedlicher Meinung gewesen, von Iran bis zu Schröders Rat, die Finanzmärkte schärfer zu kontrollieren.

Die Weltordnung verändere sich. Indien und China gewinnen an Gewicht. Europa sei „nicht mehr Juniorpartner, sondern vollwertiger Partner. Leider wird das in den USA nicht immer verstanden.“ Nach solchen kleinen Seitenhieben wechselt Schröder rasch wieder zum Lob auf Amerika. Keinesfalls sollten die USA Deutschland in der Sozialpolitik folgen. „Wir legen zu viel Wert auf das soziale Netz.“ Amerikas Stärke seien Selbstverantwortung und Risikobereitschaft.

Schröder bringt die Gäste an diesem Abend oft zum Lachen, aber sie stellen ihm kritische Fragen: Warum setzt er sich für russisches Gas statt für erneuerbare Energien ein? Zeigt er nicht zu viel Nachsicht mit Putin? Falls Doris noch immer gerne für ein paar Jahre in New York leben möchte, wird Schröder wohl noch mehrfach so charmant in Amerika auftreten müssen, ehe er einen Beratervertrag einer US-Firma in der Tasche hat.

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