Gerichtsurteil : City-West-Geiselnehmer kommt milde davon

Weil er seine Wohnung verloren hatte, überfiel ein 68-jähriger Obdachloser eine Bank in der City West. Damals verlangte er mit einem Fernsehteam zu sprechen, konnte aber überwältigt werden. Nun fiel das Urteil.

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City-West-Geiselnehmer kommt milde davon: Ende Dezember hatte sich das SEK als Kamerateam getarnt, um den 68-jährigen Geiselnehmer zu überwältigen. Der wurde nun vom Gericht zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.
City-West-Geiselnehmer kommt milde davon: Ende Dezember hatte sich das SEK als Kamerateam getarnt, um den 68-jährigen Geiselnehmer...Foto: Thomas Schröder

Der Gangster drohte mit einer Waffe, Geld aber verlangte er nicht. Hans-Peter G. war auch nicht betrunken oder verwirrt, als er am 27. Dezember in eine Bank in Charlottenburg ging, einen Mitarbeiter als Geisel nahm und für einen Großalarm in der City West sorgte. Er verlangte ein Gespräch mit dem Fernsehsender RBB. „Ich wollte Öffentlichkeit, weil ich meine Wohnung verloren hatte“, sagte er am Montag vor dem Landgericht. Er entschuldigte sich für den „absoluten Mist“, den er gebaut hatte. Die Richter ließen Milde walten: Der 68-Jährige kam mit zwei Jahren Haft auf Bewährung davon.

Gegen 13 Uhr tauchte er in der Postbankfiliale in der Joachimstaler Straße auf. „Der Herr klopfte mit einer Waffe auf den Tisch und drohte mit einem Schuss ins Knie“, sagte das 49-jährige Opfer. Der Gangster holte Papiere aus seiner Tasche und beklagte seine Situation. Er ließ den Filialleiter rufen, nahm dankend einen Cappuccino an und hatte nichts dagegen, dass der Chef den Raum  verlässt, um angeblich ein TV-Interview zu organisieren. Der Mann habe eher verzweifelt als böse gewirkt, seine Drohung habe man aber erst genommen, sagten Zeugen.

Hans-Peter G. fühlte sich hilflos und ungerecht behandelt. 1994 hatte er einen Job als Haushandwerker bei der Treberhilfe gefunden. Mit der Arbeit war endlich Struktur in sein Leben gezogen. Davor hatte er selten einen festen Job und saß mehrfach in Haft. Mit der spektakulären Pleite, die der damalige Geschäftsführer der Treberhilfe hinlegte, floss jedoch ab 2011 kein Lohn mehr. Zunächst blieb G. der Firma treu. Die Miete in Höhe von 520 Euro für seine Wohnung in Adlershof aber konnte er nicht mehr zahlen.

Alles brach weg, doch G., ein Mann ohne Familie, blieb untätig. Als er von der Neuen Treberhilfe zum Gespräch gebeten wurde, ging er nicht hin. Rente hatte er nicht beantragt. Er wusste, dass es nicht mehr als 250 Euro sein würden. Mitte 2012 kam es zur Zwangsräumung. Er wollte nicht in ein Obdachlosenheim, er empfand seine Lage als aussichtslos.

Aufmerksamkeit wollte G., als er in der Bank mit einer verrotteten Schreckschusswaffe drohte. „Mir war nicht klar, dass es ein absolutes Schwerverbrechen ist“, beteuerte G. Ein Spezialeinsatzkommando hatte ihn nach etwa einer Stunde überwältigt. Das Gericht ging von einem Augenblicksversagen des Obdachlosen und einem minderschweren Fall aus. Der Geiselnehmer will jetzt in eine betreute Wohneinrichtung ziehen.

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