Politik : Gesamtschule Deutschland

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Von Bernd Ulrich

Also eins ist klar: Die Lehrer sind schuld. Und die Eltern. Nicht zu vergessen die Kultusminister. Sowie die Kindergärten, versteht sich. Und die Unis: ein Witz! - Das war jetzt eine Kurzfassung der deutschen Bildungsdebatte nach der ersten, der internationalen Pisa-Studie. Das ist die goldene Regel in unserem Bildungswesen: Viele sind zuständig, alle sind schuld, wenig passiert.

Nur so erklärt sich, dass die Diskussion über eine der wichtigsten politischen Fragen unserer Zeit immer wieder verläppert. Nun beginnt sie wieder. Denn die zweite Pisa-Studie mit dem Vergleich der Bundesländer kommt heraus. Und diesmal werden die Ergebnisse mitten im Wahlkampf veröffentlicht. Darum überlegt auch die Politik, wie sie daraus Kapital schlagen kann.

Für die rot-grüne Koalition ist das am schwierigsten, denn das einzige auch international konkurrenzfähige Land ist: Bayern. Also Stoiber. Nun hat man schon einiges versucht, um den Faktor Bayern zu relativieren. Man behauptete, die seien nur deswegen so gut, weil sie weniger Unterschicht-Kinder hätten. Ein genauerer Blick in die Studie bestätigt diese These nicht. Und wenn rot-grüne Politiker im Detail schon nicht viel gewinnen können, warum dann nicht ins Große gehen und schnurstracks in die Weltspitze vorstoßen? Joschka Fischer hat es vorgemacht: Unter weiträumiger Umgehung des tiefschwarzen Bayerns, begleitet von aufgeregten Warnungen vor einer „wilhelminischen Paukschule", will er direkt nach: Finnland. Und was findet man dort oben per Zufall? Genau: Gesamtschulen.

Doch bevor man schnelle, falsche Antworten gibt, sollte geklärt werden, was eigentlich die Frage war. Was sind die zentralen Bildungsprobleme in Deutschland? Zum einen ist der Leistungsstandard zu gering. Zum anderen werden sozial Schwächere nicht genügend gefördert. Deutschland hat eklatante Defizite in der Spitze und in der Breite.

Woran liegt das? Manche meinen, es liegt am Leistungsdruck, dem die deutschen Schüler nicht standhalten können. Wer sich gelegentlich in den Fluren und Gängen der Kindergärten, Schulen und Universitäten bewegt, wird dem nicht zustimmen können. Es herrscht, etwa bei Elternabenden, oft eine pädagogisch wattierte Sprechweise vor, die in spitze Aggression umschlagen kann, wenn das eigene Kind einen Nachteil erleidet. Sofort verwandeln sich weich wallende Eltern in schneidige amerikanische Anwälte ihrer Klienten, pardon: Kinder. Auch bei den Lehrern ist die Scheu immens, Leistung zu fordern und zu bewerten. Das ist sehr sympathisch, sehr deutsch und sehr bequem. Die wilhelminische Paukschule hingegen gibt es fast nur noch in dunklen Erinnerungen älterer Semester.

Überspitzt gesagt, braucht Deutschland keine Gesamtschulen, Deutschland ist eine Gesamtschule. Außer Bayern. Wenn man darum über eine Akzentverschiebung nachdenkt, dann sollte sie in Richtung mehr Leistung gehen. Was aber wird dann mit dem zweiten großen Problem, dass schwächere Schüler zu wenig gefördert werden? Da hilft der Blick nach Bayern wenig. Da hilft nur eines: mehr Geld für Zuwendung und Förderung.

Von rot-grüner Seite wird hier nun neuerdings die Ganztagsschule ins Gespräch gebracht, weil dort die schwächeren Kinder besser unterstützt werden können, als wenn sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Das klingt gut, ist aber nur gut, wenn gewährleistet werden kann, dass nachmittags auch die besseren Schüler gefordert und gefördert werden, und zwar mindestens so sehr wie zu Hause.

Wenn so unsere Ganztagsschulen aussehen sollen, dann bitte. Aber dann müssen die Politiker sagen, woher sie die horrenden Summen, die das kostet, hernehmen wollen. Billige Kompromisse jedenfalls kann es hier kaum geben. Verwahranstalten nivellieren – nach unten.

Die Pisa-Debatte bringt nur dann etwas, wenn sie handfeste politische Folgen hat. Die kann sie in unserem föderalen System nur haben, wenn sich ein Konsens darüber einstellt, wohin man überhaupt will. Vielleicht kann man sich einigen auf: mehr Leistung. Mehr Leistung in den Schulen, mehr Leistung für die Schulen und mehr Leistung für die schwächeren Schüler. Bayern mit einem Schuss Gesamtschule.

Und so viel Geld, als ginge es um unsere eigenen Kinder.

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