Politik : Geschäfte mit dem weißen Regime

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Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Südafrikas Entschlossenheit, in die Zukunft zu blicken und nicht in seiner konfliktreichen Vergangenheit zu verharren, wird dieser Tage auf eine harte Probe gestellt. Der weltweit bekannte und vielerorts auch gefürchtete US-Anwalt Ed Fagan hat eine Sammelklage gegen internationale Großbanken wegen deren Kooperation mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime eingereicht und prüft weitere Klagen – etwa gegen Siemens, Daimler-Chrysler, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank. Fast zeitgleich hat eine Interessengruppe von Apartheid-Opfern ein Gerichtsverfahren gegen die Regierung in Pretoria angestrengt. Sie wirft dem ANC vor, die Apartheid-Opfer nicht ausreichend entschädigen zu wollen.

Die Gruppe macht geltend, dass viele Apartheid-Opfer auch acht Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer auf eine Kompensation warten. „Die meisten Geschädigten sind sehr zornig und fühlen sich von der Regierung betrogen", erklärt Ntombi Mosikare von der Organisation Khulumani (Frei aussprechen). Diese Enttäuschung steht ihrer Ansicht nach auch hinter dem Bestreben einer Reihe von Schwarzen, sich an der Sammelklage Fagans zu beteiligen, der gegenwärtig auf der Suche nach Geschädigten durch Südafrika tourt. Mehr als 2000 Menschen haben sich allein auf einer von Fagan eingerichteten Hotline gemeldet.

Viele der oft bitterarmen Menschen seien davon überzeugt, durch eine Sammelklage schneller an eine Abfindung zu kommen als durch weitere Eingaben bei der südafrikanischen Wahrheitskommission, so Mosikare. Die Kommission hatte zwischen 1996 und 1998 die während der Apartheid (1960-1994) begangenen Verbrechen untersucht. In einem Ende 1998 herausgegebenen vorläufigen Abschlussbericht hatte die Kommission von einem „Recht der Opfer auf Entschädigung" gesprochen und den Gesamtbetrag auf etwa drei Milliarden Rand veranschlagt (rund 600 Millionen Euro). Bislang hat die Regierung jedoch erst knapp zehn Prozent der Summe überwiesen.

Forderungen an ausländische Firmen enthielt der Kommissionsbericht nicht. Insofern überrascht es, wenn Erzbischof Desmond Tutu als ihr einstiger Vorsitzender nun plötzlich eine „freiwillige Wiedergutmachung" ausländischer Firmen für ihre Geschäfte mit Südafrika während der Apartheid anmahnt. Die Kommission hat in ihrem Bericht allerdings darauf verwiesen, dass die internationalen Konzerne, die zwischen 1960 und 1994 in Südafrika tätig waren, das Apartheid-System materiell gestützt haben. Diese Passagen dürfte sich Fagan zunutze machen. Der frühere südafrikanische Präsident Frederik de Klerk sagte indes kürzlich, er fürchte, dass durch die Aktion Fagans alte Wunden zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung aufgerissen werden könnten.

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