Politik : Geschichte ist hip

Von Peter von Becker

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Wie Geisterreiter suchen uns in diesem Frühjahr die Jubiläen und Gedenktage heim. Vor 60 Jahren endete der Weltkrieg, vor 200 Jahren starb Schiller und wurde Andersen geboren, seit 40 Jahren leben die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel, seit 50 Jahren gibt es die Bundeswehr, dazu feiern wir noch Einstein und Jules Verne und die deutschpolnische Versöhnung. Es herrscht ein großes, buntes Gedenken.

Angeblich haben wir einen Bildungsnotstand. Und Bildung hat etwas mit Gedächtnis, Erinnerung, tradiertem Wissen zu tun. All das nimmt wohl ab. Die Innenbilder fehlen, gleichwohl vermehren sich die Außenbilder: auch als Vorbilder oder Schreckensbilder einer alle Jubeltage beschworenen Vergangenheit.

Das ist in diesem Jahr kein Wunder – soweit es das Jubiläum des Kriegsendes angeht. Es markiert zugleich das Ende des Holocaust, eines Menschheitsverbrechens. Jetzt sprechen noch einmal die letzten überlebenden Opfer und Zeugen. Bald gibt es sie nicht mehr, also ist es auch die letzte Stunde der lebendigen Zeit-Geschichte. Man möchte eben diese Stunde noch ein wenig verewigen. Denn danach herrscht die Historisierung und jene Mythisierung, die im Trivialen – unter dem Stichwort Hitler sells – längst begonnen hat.

Doch wunderlich wirkt etwas anderes. Geschichte, History scheint hip zu sein. Vielleicht als zunächst unbewusste Reaktion auf die Vergötzung von Gegenwart, Aktualität und nacktem Zeitgeist. Früher lockte dieser Geist auch mit der Zukunft: als Verlängerung und unaufhörliche Verbesserung der Gegenwart. Heute, da eher die Zukunftsängste dominieren, richten sich die Fantasien (und alle Fantasy) am liebsten auf die Vergangenheit. Es triumphieren die Retro-Kulte, jeder „Herr der Ringe“ ist da König einer Art rückgewandter Science-Fiction. Deswegen sind Tolkien und Jules Verne dem Mausoleum entsprungen. Die Heutigen reisen in der Dialektik von Gestern-Morgen wieder zum tiefsten Mittelpunkt und suchen neben dem Glück des Geldes oder des neu ersehnten Glaubens ihr Stückchen Mittelerde.

Allerdings hat auch die Imagination der vergangenen Tiefe etwas modisch Oberflächliches. Kein Mensch wird ernstlich annehmen, dass das Publikum Friedrich Schiller im Jahr 2005 mit einem Mal so heftig interessiert, wie es die Flut von neuen Biografien, Marathonlesungen, und Ausstellungen suggeriert. Die so genannte Informationsgesellschaft ist ja, das wusste man schon vor Pisa, alles andere als eine Wissensgesellschaft. Das Wissen – einst: Bildung – wird abgegoogelt und ans elektronische Archiv delegiert, die Erinnerung oft nur noch auf der Festplatte gespeichert. Ersetzt der Computer den Kopf und das virtuelle Wissen das wirkliche Wissen, dann verändert das auch die Gedächtniskultur: Erinnerung ist immer weniger Teil einer in Kindertagen durch familiäre Gespräche, Erzählungen, Tagebücher, Briefe befestigten und in der Schule dann vertieften Tradition. Erinnerung und damit auch Erfahrung driftet stattdessen ab ins Zufällige, Akzidenzielle.

Darum muss die Erinnerung des Einzelnen und der Gesellschaft immer neu abgerufen, geweckt und inszeniert werden. Es wirkt paradox: Trotz beschleunigten Vergessens boomt die Gedächtniskultur. Kein Sender und kaum eine Zeitung, keine Volkshochschule und keine Akademie, die anlässlich von Jubiläen nicht Serien, Symposien, Seminare inszeniert: mit einer inflationären Zahl einschlägiger Experten, die sich und uns unaufhörlich einreden, dass wir dieses oder jenes verdrängen. So wirken wir alle mit bei einer Art kollektiver Psychotherapie. Auf der Couch liegt die Gesellschaft, liegt die Zivilisation, das Abendland. Und die Couch wird immer breiter.

Es gibt Schlimmeres. Aber zur gesunden Therapie gehört mitunter auch der Zweifel am Therapeuten. Und neben der Ignoranz des Verdrängens und der Dummheit des Nichtwissens gibt es bisweilen noch das: die Klugheit des Vergessen-Könnens.

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