Geschichte : Märkische Schüler: Ahnungslos und DDR-verbunden

Brandenburgs Schüler verklären die DDR aus Unwissenheit und getrieben von Zukunftsangst als durchaus erstrebenswerten Sozialstaat. Das hat eine Studie der Freien Universität Berlin ergeben.

Matthias Benirschke[dpa]
DDR
Die DDR - ein Sozialparadies? -Foto: dpa

Potsdam"Brandenburg wird nicht umsonst die "kleine DDR" genannt", sagt Klaus Schroeder bitter. Sein Forscherteam an der Freien Universität Berlin war schon über die im November veröffentlichten Forschungsergebnisse zum DDR-Bild von Schülern in Berlin und Nordrhein-Westfalen entsetzt - jetzt kam es noch dicker. Denn was die brandenburgischen Schüler in den Fragebogen ankreuzten, übertraf noch die schlimmsten Befürchtungen. "Wenn ich in Brandenburg die PDS wäre, würde ich darauf einen trinken", fasst Schroeder die Ergebnisse sarkastisch zusammen.

Die FU-Forscher prüften 2006 und 2007 das Wissen von rund 750 Schülern der 10. und 11. Klassen in Brandenburg. Insgesamt waren es rund 5000 in Berlin, Bayern, Nordrhein-Westfalen und der Mark. Die bayerischen Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Brandt ein DDR-Politiker?

Von den 18 Wissensfragen zur DDR konnten mehr als 70 Prozent der märkischen Schüler nicht einmal die Hälfte richtig beantworten. Erschreckend sei, dass mehr als die Hälfte (54,4 Prozent) das Jahr des Mauerbaus nicht kannten. Nur etwa jeder Dritte wusste überhaupt, dass die DDR die Mauer gebaut hatte. Ebenfalls jeder dritte Schüler hielt Konrad Adenauer und Willy Brandt für DDR-Politiker.

Weitere Kostproben: Fast 70 Prozent meinen entweder, dass die Bundesrepublik vor 1989 nicht besser als die DDR war, oder sie legen sich nicht fest. 71,8 Prozent finden "es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte, auch wenn der Staat die Löhne bestimmte und der Wohlstand gering war". Fast jeder Fünfte glaubt, dass die DDR-Wirtschaft, die 1989 vor dem Bankrott stand, besser als die der BRD war. Mehr als die Hälfte widerspricht nicht der Aussage: "Die DDR war keine Diktatur".

Die Stasi - "ein ganz normaler Geheimdienst"?

Erstaunt waren die Forscher bereits bei der Auswertung der nordrhein-westfälischen Ergebnisse gewesen. Die 900 Schüler offenbarten breite Wissenslücken über das Leben im geteilten Deutschland. So glaubten auch in Aachen und Bochum nicht wenige, dass Adenauer ein DDR-Politiker war und dass die Alliierten die Berliner Mauer gebaut haben. Ein Viertel hält die Stasi für "einen ganz normalen Geheimdienst". Weniger als die Hälfte weiß, dass das SED-Regime nicht durch freie Wahlen legitimiert war. Und auch bei den "West-Schülern" führen Unkenntnis und Zukunftsängste dazu, vor allem im sozialen Bereich die DDR sehr positiv zu beurteilen.

Mehr als 80 Prozent der Brandenburger gaben zu, wenig oder nichts von der DDR zu wissen. Damit hatten sie von den vier Bundesländern "die Rote Laterne". "Dies ist angesichts der Tatsache, dass Brandenburg Teil der DDR war, ein beschämendes Ergebnis", heißt es in der Studie. Dabei würden sich grundsätzlich mehr als zwei Drittel der Jugendlichen für das Thema interessieren.

Tabuthema im Unterricht

"Im persönlichen Gespräch haben aber viele Schüler beklagt, dass die DDR bei den Lehrern eine Art Tabuthema ist", sagt Schroeder. Hier sei einiges schief gelaufen. "Ich vermute, dass es vor allem an den Altbeständen der Lehrer liegt." Ganz unbekannt ist das Problem im brandenburgischen Bildungsministerium offenbar nicht. Als hätte man geahnt, welches vernichtende Urteil die Studie über die politische Bildung an den märkischen Schulen fällen würde, hat man erst kürzlich Verbesserungen angekündigt. Schroeder beeindruckt das wenig: "Das wollen die schon seit 15 Jahren." (feh/dpa)

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