Architektur : Die bösen Tage von Vichy

Genial und opportunistisch: Warum Le Corbusier Anfang der vierziger Jahre mit den Nazis liebäugelte und das heute niemand wissen will

Daniel de Roulet
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2006imagestate/Spectrum

Ich dachte, eine Fahrt nach Vichy würde mir helfen, alles besser zu verstehen. Was hatte sich dort Anfang der vierziger Jahre abgespielt, als diese Unterpräfektur in der Auvergne die Hauptstadt des so genannten „Französischen Staates“ war? Warum hatte Le Corbusier sein Büro und seinen Wohnsitz dorthin verlegt?

Vor einigen Jahren habe ich an einem Vortrag über Louis Chevrolet, Blaise Cendrars und Le Corbusier gearbeitet, alle drei in La Chaux-de-Fonds geboren, die beiden Letztgenannten 1887. Bei der Gelegenheit habe ich die Briefe von Le Corbusier gelesen. Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, dass mein Lieblingsarchitekt in Frankreich mit den Nazis kollaboriert hatte. Während des Zweiten Weltkriegs, zur Zeit der deutschen Besatzung, hat er sich mit seinem Büro in Vichy niedergelassen, um Marschall Pétain, dem Oberhaupt eines Hitler freundlichen Frankreichs, aus nächster Nähe zu dienen. In zahlreichen Briefen hat Le Corbusier seine Bewunderung für das neue Regime zum Ausdruck gebracht.

Als ich in Lausanne Architektur studierte, ließen die Professoren uns jedes einzelne Le-Corbusier-Projekt bewundern. Wir verbrachten unsere Ferien mit der Besichtigung seiner Bauten in Marseille, Ronchamp, Passy, Saint-Etienne, am Ufer des Genfersees und in La Chaux- de-Fonds. Wir hängten seine Skizzen auf, zitierten seine Sentenzen. Als ich dann eine Architektin heiratete, schenkte man uns zur Hochzeit zwei Corbusier-Sessel, die ich noch heute in Ehren halte.

Eines Tages bin ich in der Rue de Seine in Paris zufällig in eine Galerie geraten, die Gemälde von Le Corbusier ausstellte. Ich gab dem Galeristen zu bedenken, die Bilder von 1942 seien vermutlich in Vichy entstanden. Er bat mich, es nicht zu laut zu sagen. Er wusste Bescheid, bedauerte aber, da diese Tatsache einen Wertverlust seiner Sammlung hätte bedeuten können.

Dann ließ ich in einen Artikel für eine Schweizer Wochenzeitung die Bemerkung einfließen, auch Le Corbusier habe, als Frankreich von den Deutschen besetzt gewesen sei … Nun begann der Ärger. Le Corbusiers Freunde meldeten sich bei mir: Ich sei ein Nestbeschmutzer.

Le Corbusier sei schließlich auf unserer meistverbreiteten Banknote, der Zehn-Franken-Note, abgedruckt. Genau zu dieser Zeit gab die Schweizerische Nationalbank bekannt, die Banknote werde durch eine neue ohne sein Porträt ersetzt. Die alten Scheine gelten noch bis 2010.

Da dort, wo ich wohne, mit Euro bezahlt wird, beschloss ich, keine Moralkampagne gegen meine Jugendliebe zu starten. Und machte mich eines schönen Frühlingstages auf den Weg nach Vichy. Ein paar Geschichtsbücher nahm ich mit und Le Corbusiers Briefe an Auguste Perret. Auch meine Sportschuhe packte ich ein, um das Flussufer entlang zu laufen, an dem Le Corbusier zwischen zwei Sitzungen mit Marschall Pétains Schergen so gerne spazieren gegangen war. Ich wollte herausfinden, was die Stadt Besonderes an sich hatte, dass ausgerechnet sie aus den etwa 100 französischen Unterpräfekturen 1940 als Regierungssitz gewählt wurde und dies bis zum 20. August 1944 blieb, als der von den Alliierten verfolgte Maréchal nach Deutschland floh.

Drei Dinge schienen dafür zu sprechen: erstens das große Beherbergungsangebot der Stadt Vichy mit ihren immerhin 250 Hotels; zweitens das moderne Fernmeldeamt (Le Corbusier war über Anschluss 330 erreichbar); und drittens die direkte Bahnverbindung nach Paris. Sicher hat es damals noch weitere Gründe gegeben, ich hoffte, sie bei einer Erkundung im Laufschritt zu entdecken.

Meine erste Station ist das Verkehrsbüro der Unterpräfektur Vichy im Département Allier, am Rande eines Parks mit 100-jährigen Bäumen. Ich frage die Dame am Empfang, ob es ein Museum oder eine Erinnerungsstätte gebe, die mir begreiflich machen könne, was hier Anfang der vierziger Jahre geschehen sei. Sie antwortet mit einem breiten Lächeln: „Natürlich nicht. Zu diesem Thema veranstalten wir geführte Besichtigungen, aber erst später in der Saison.“ Sie überreicht mir einen offiziellen Prospekt. Ich frage, was aus dem Carlton geworden sei, in dem Le Corbusier sein Büro eingerichtet hatte, und aus dem Hotel Queen’s, wo er mit seiner Frau wohnte. „Ganz einfach“, erklärt sie mir, „das Carlton liegt gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Und aus dem Queen’s ist das Les Célestins geworden, ein Vier-Sterne-Hotel.“

Ich beginne mit dem Carlton, heute ein privates Wohnhaus, aber der Name ist geblieben. Vor mir erhebt sich ein majestätischer Dampfer, Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, der die Stadt überragt. Das Erdgeschoss beherbergt immer noch einen großen Billardsaal mit Kristallleuchtern sowie einen Bridge-Club. Die Concierge findet mich ein bisschen zu neugierig und fragt, wie sie mir behilflich sein könne. Ich erkläre ihr, ich würde mir gerne anschauen, wo Le Corbusier … Sie nickt, sie war schon mal in Ronchamp. Ihr zufolge hatten im Carlton neben dem großen Architekten die berühmtesten Würdenträger des Französischen Staates ihre Büros, in Suiten, die später zu Wohnungen umgebaut wurden.

Ich verlasse das Carlton und gehe zum ehemaligen Queen’s, über das Le Corbusier in einem Brief vom 28. März 1941 an seine Familie schreibt: „Ihr wisst ja, dass wir im Queen’s wohnen, mit Blick auf den Allier und das Umland, nur 300 Meter von meinem Büro entfernt. Großes Zimmer, sehr ruhig, sehr schön.“ Im gleichen Brief heißt es: „Beim Ratspräsidenten sagte mir der stellvertretende Kabinettsleiter des Marschalls: Ihre Stunde ist gekommen … Um 12.30 Uhr habe ich im Staatsradio (Radio Jeunesse) gesprochen … in ein paar Tagen … werdet Ihr im Radio eine Ansprache des Marschalls hören, er wird sich zu dem äußern, was gerade geschehen ist.“ Seiner Mutter schreibt Le Corbusier in triumphierendem Ton. Von nun an sei er derjenige, der dem Marschall seine guten Ideen zu moderner Stadtplanung einflüstern werde.

Das Hotel Sofitel Les Célestins, Nachfolger des Queen’s, wirbt nicht mehr mit Schwefel und Vichy-Pastillen. Jetzt werden hier „Cardio-Training“ und „Wellness“ angepriesen. Die Übernachtung in einer Luxus- Suite kostet 800 Euro ohne Frühstück. Wie viel mag Le Corbusier seinerzeit bezahlt haben?

Le Corbusier kam im September 1940 hierher, um seine Ergebenheit zu bekunden. Mein Wissen über sein damaliges Verhalten stützt sich auf die wenigen Briefe einer lückenhaften Korrespondenz, die von der nach ihm benannten Stiftung zur Veröffentlichung freigegeben wurden. Allein aus diesen Schriften spricht ein unerträglicher Opportunismus und Zynismus. Und Faszination für die starke Macht.

Während sich sein Geschäftspartner und Vetter Pierre Jeanneret in Grenoble der Résistance anschließt, verbringt Le Corbusier in Vichy fast zwei Jahre damit, sein Geschäft zu organisieren und vor Ort sein Beziehungsnetz aufzubauen. Und erst nachdem er sich lange eingeschmeichelt hat, kehrt er nach Paris in sein Atelier an der Rue de Sèvres zurück. Nicht etwa, um sich von seiner Zusammenarbeit mit den Nazis zu distanzieren, sondern um im Wald von Fontainebleau Barackenlager zu errichten, deren Gebrauchsanweisungen von der Vichy- Regierung stammten. Denn die muss dringend das Problem der zwangsumgesiedelten Bevölkerungsgruppen lösen. Fürwahr ein großes Projekt.

Am 28. März 1942 schreibt Le Corbusier: „Liebste Maman … Ich habe Abschied genommen von Vichy, von den Leuten, die mich unterstützt und meine leidenschaftliche Beharrlichkeit geschätzt haben. … Zum Schluss: All diese Anstrengungen wird eine Organisation mittragen, deren Mitglieder ich in entschlossener Weise zusammenführen darf, um so ein wahrhaft aktives Umfeld zu schaffen … Ich werde Herr im eigenen Hause sein … Und noch etwas: Meine Feinde gehen unter.“

Le Corbusier war kein gelegentlicher „Collabo“, er sehnte die neue Ordnung herbei: „Hitler kann sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.“ Und all dies vor dem Hintergrund eines alten Antisemitismus. Im Zusammenhang mit La Chaux- de-Fonds schreibt er: „Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage kleiner Jude, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt …“

In Vichy fällt mir mein Onkel Pierre ein, der im Krieg für die Schweizer Regierung gearbeitet hatte und als Anhänger von Marschall Pétain die Diplomatenpost zwischen Bern und Vichy hin- und herbeförderte. Mit seiner ehemaligen Geliebten, die inzwischen seine Ehefrau geworden war, lebte er später in einer hübschen Pariser Wohnung an der Rue de Vaugirard. Tante Denise war die Gattin eines französischen Indochina-Offiziers gewesen, hatte dessen Tod abgewartet, um wieder heiraten zu können. Eines Tages erzählte mir diese elegante Pariser Dame, die ihre Zigarettenspitze stets senkrecht hielt, von ihrem Leben mit Onkel Pierre.

„Während des Krieges musste ich mich verstecken.“

„Dich verstecken, Tante Denise?“

„Nach meiner Familie wurde ein Boulevard benannt.“

„Ich weiß, der Boulevard Pereire im 17. Arrondissement. Na und?“

„Wir waren Bankiers und Juden.“

„Aber Onkel Pierre war doch erbitterter Antisemit.“

„Vielleicht war es das, was ihn krank gemacht hat.“

Beim Gedanken an diese alte Familiengeschichte wünsche ich mir, auch Le Corbusier hätte nach der Nazizeit Gewissensbisse verspürt.

Zum Beispiel hat er an Weihnachten 1946 einen gemeinsamen Besuch mit André Gide bei Léon Blum zu der Erklärung genutzt, er habe seiner Vergangenheit den Rücken gekehrt: „Alles bestens, ich bin fein raus.“ Bezeichnend ist auch sein eiliges Bemühen, den Staatsstreich vom 13. Mai 1958 für sich zu nutzen: In der kurzen Zeit, in der de Gaulle unbeschränkte Macht besitzt, bittet er Malraux, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Plötzlich, als hätte er während des Krieges nicht immer wieder seinen Hass auf den gaullistischen Widerstand beteuert, scheut er sich nicht, um bevorzugte Behandlung zu bitten, als es um den Bau der französischen Botschaft in Brasilia geht.

Ich erinnere mich auch an das Denkmal für die Kriegsopfer, das er neben der Kapelle von Ronchamp errichtet hat. Wie konnte er schreiben, die auf jenem Hügel gefallenen Résistance-Kämpfer seien Franzosen gewesen, „die für den Frieden starben“? Wie konnte er die Worte derart verdrehen? Und das Andenken an jene, die ein Regime bekämpft haben, dessen Handlanger er selbst gewesen ist.

Ich bestelle noch ein Viertel Vichy- Wasser. Eigentlich mag ich dieses Zeug nicht. Zunächst hatte ich geglaubt, Le Corbusier verkörpere unsere helvetische Schwierigkeit, zu unserer Haltung im Zweiten Weltkrieg zu stehen. Doch wenn das Regime vier Jahre lang an der Macht bleiben konnte, lag das gewiss nicht nur an den in Vichy lebenden Schweizern. Der gegenwärtige Bürgermeister der Stadt, ein ehemaliger Linksradikaler, ist angeblich zur extremen Rechten übergewechselt. Immer stärker habe ich den Eindruck, diese Stadt bringt seltsame Schwingungen hervor. Aber das ist natürlich nur Einbildung.

P.S.: Auf dem Hügel von Ronchamp, wo Le Corbusier 1953 seine berühmte Kapelle errichtet hat, wurde Renzo Piano im Jahr 2006 mit dem Bau eines Klarissenklosters beauftragt. Die Corbusier-Anhänger wehren sich dagegen. Ich möchte gern ihr Gedächtnis auffrischen.

Am 20. Mai 1950 fertigt Le Corbusier auf der Zugfahrt von Paris nach Basel zwei Skizzen einer auf einem Hügel stehenden Kapelle an. In seinem Skizzenheft notiert er das Datum und schreibt darunter: Kapelle von Ronchamp. Die Zeichnung wird man später lange Zeit für den spontanen Entwurf seines Projekts halten. In Wirklichkeit aber hatte der protestantische Architekt gerade einen Auftrag erhalten: Die bombardierte katholische Kirche, die auf dem Hügel stand, sollte durch eine neue ersetzt werden.

Ende des Zweiten Weltkriegs wird eben dieser Hügel, ein Jahrhunderte alter Wallfahrtsort, erbittert umkämpft. Die Deutschen haben den 35 Meter hohen Glockenturm in einen militärischen Beobachtungsposten umfunktioniert. Mit Hilfe zweier norwegischer Divisionen will die 19. Armee das Zusammentreffen der heranrückenden Alliierten verhindern. Die erste französische Armee hält die Hauptfeuerlinie, die Amerikaner bombardieren die Westseite der Kapelle.

Am Morgen des 29. September 1944 stürmen zwei Züge mit senegalesischen Infanteristen den Hügel und überraschen die Deutschen, die ihn von Osten, Norden und Süden einkesseln. Die Infanteristen geraten unter Beschuss der Deutschen. Große Verluste. Um 13 Uhr stürmt die deutsche Infanterie den Hügel. Es fehlt an MG-Schützen, um die Angreifer zurückzuschlagen. Also wird mit Blankwaffen gekämpft, Mann gegen Mann. Ein entsetzliches Blutbad. Viele der „muslimischen Alliierten“ finden den Tod. Bei Einbruch der Nacht kapitulieren die Deutschen. Aufgeschlitzte Leiber, Geköpfte, grausam abgeschlachtete Soldaten übersäen den Hügel. Ein Schlachtfeld. Die Befreiung von Ronchamp wird niemand feiern. Man zählt 250 Tote und 700 Verletzte. Ein Senegalese erzählt: „Was wir an dem Tag gesehen haben, darf man gar nicht sagen.“ Später wird Le Corbusier die Ruine der bombardierten Kapelle in eine Pyramide aus rosafarbenen Steinblöcken verwandeln und dort eine Metalltafel mit der rätselhaften Inschrift anbringen: „Auf diesem Hügel starben im Jahre 1944 Franzosen für den Frieden.“

Liebe Fundamentalisten des Corbusier-Gedenkens, wer anderer Leute Platz besetzt, wird selbst verjagt. Dieser Hügel gehört ebenso wenig Le Corbusier wie den Clarissen. Er gehört nicht einmal dem senegalesischen Infanteristen.

Den Text entnehmen wir – leicht gekürzt – Daniel de Roulets Buch „Nach der Schweiz. 27 Porträts zur Metamorphose eines Nationalgefühls“, das dieser Tage im Limmat-Verlag erscheint (aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, 200 S., € 21,50). – Die Ausstellung zu Le Corbusier im Berliner Gropius-Bau läuft noch bis 5. Oktober.

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