Armut : Seliger ist Geben

Staatsprogramme und Politiker haben nichts bewirkt. Das Elend der Welt mindert sich nicht. Nun nehmen sich Prominente und Reiche der Sache an.

Ulrike Scheffer
Hunger Foto: AFP
Nein! Ein Durchbruch im Kampf gegen Hunger ist trotz aller privaten Hilfe noch nicht in Sicht. -Foto: AFP

Wenn Bill Gates anruft, kommen sie alle. Politiker, Wissenschaftler, Pharmakonzerne. Seit der Microsoft-Gründer sich vorgenommen hat, die Welt von Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder Gelbfieber zu befreien, bewegt sich etwas in der internationalen Gesundheitsforschung. Das war bitter nötig, denn an Malaria sterben in Afrika noch immer mehr Menschen als an Aids. Trotzdem wurden seit langem keine neuen, wirksamen Medikamente dagegen entwickelt. Öffentlichen Forschungseinrichtungen fehlte das Geld, Pharmakonzernen das Interesse, weil Arme nun einmal schlechte Kunden sind. Künftig zahlt Gates.

Der amerikanische Multimilliardär ist nicht der einzige Prominente, der sein Herz für die Dritte Welt entdeckt hat. Angelina Jolie, Bono und andere reiche Zeitgenossen haben Armut und Hunger den Kampf angesagt – und den Politikern, die seit Jahrzehnten ihre Hilfszusagen nicht einhalten. Der Etat der deutschen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ist 2007 mit rund 4,5 Milliarden Euro (6,2 Milliarden Dollar) zwar gestiegen, dennoch ist die Bundesrepublik wie die meisten Industriestaaten weit davon entfernt, ihr Versprechen zu erfüllen, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben. Deutschlands Quote liegt derzeit bei 0,36 Prozent, die der USA sogar nur bei 0,22 Prozent.

Künstler wie Bono, Bob Geldof oder neuerdings auch George Clooney nutzen ihre Popularität, um Druck auf die Regierungen zu machen – durch Konzerte, Pressekonferenzen und persönliche Besuche. Ehemalige Politiker, Bill Clinton, Jimmy Carter, Al Gore, holen Versäumnisse ihrer Amtszeiten nach und engagieren sich für Afrika und den Klimaschutz. Andere Prominente spenden Millionenbeträge für die Armen. Vor vier Jahren schätzte die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD), dass jährlich rund drei Milliarden US-Dollar von privaten, meist amerikanischen Stiftungen für Entwicklungsprojekte aufgebracht werden. Inzwischen sind es schon rund vier Milliarden Dollar. „Die wachsende Zahl privater Geber hat die Landschaft der traditionellen Entwicklungshilfe verändert“, schreibt das Washingtoner „Hudson-Institut“ in seinem neusten Index der globalen Menschenfreundlichkeit.

Die Motive dieser neuen Wohltäter sind vielfältig. Nicht allen geht es wirklich darum, Gutes zu tun. Manche haben einfach erkannt, dass sie mit einem Auftritt in einem Flüchtlingslager mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als auf einer Party in Hollywood. Andere geben an, das von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 ausgegebene Ziel, Armut und Hunger in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren, habe sie zum Handeln bewogen. Und es gibt Leute wie Gates, die mit knapp 50 Jahren eine erfolgreiche Karriere hinter sich haben und nach Herausforderungen suchen, die ihren bisherigen Erfolg noch in den Schatten stellen.

Als Amerikaner treibt den Multimilliardär aber vermutlich noch etwas anderes an, denn in den USA galt schon immer: Wer viel hat, vor allem, wer viel erreicht hat, muss etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Vorbild ist der Stahlbaron Andrew Carnegie. Er schrieb in seinem 1889 erschienenen Buch „The Gospel of Wealth“: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande.“ Carnegie und andere amerikanische Industriepioniere gründeten schon um 1900 Wohltätigkeitsorganisationen, die in den USA Suppenküchen unterstützten, Universitäten und Krankenhäuser bauten. 1919 rief auch der Ölbaron John D. Rockefeller eine Stiftung ins Leben. Mit ihrer Hilfe gelang schon einmal ein entscheidender Durchbruch im Kampf gegen Gelbfieber und Malaria. Da beide Krankheiten von Mücken übertragen werden, suchte die Stiftung nach Wegen, sie mit Pestiziden auszurotten. Heute wäre solch ein Brachialprogramm allein aus Umweltgesichtspunkten zwar nicht mehr durchsetzbar, doch in Mexiko, Ägypten und Brasilien wurden die Seuchen auf diese Weise in den 40er Jahren stark eingedämmt. Weitere Staaten folgten in den 60ern, als die Weltgesundheitsorganisation mit der gleichen Methode eine weltweite Anti-Malaria-Kampagne startete. Auf manchen Gebieten sei der Beitrag privater Stiftungen im 20. Jahrhundert entscheidend für den Fortschritt gewesen, urteilt die OECD in einer Studie. „Einige ihrer Programme haben das Leben von hunderten Millionen Menschen verbessert.“

Die neue Stiftergeneration milliardenschwerer Unternehmer und Manager hat sich ebenfalls große Ziele gesetzt. Die Gründer von Ebay und Google gehören dazu, von Hewlett-Packard und Intel, und natürlich Bill Gates. Sie alle sind überzeugt, dass sich ihre Erfolgsrezepte auch zur Rettung der Welt eignen. Gates hat 1999 gemeinsam mit seiner Frau Melinda die „Bill und Melinda Gates Foundation“ aus der Taufe gehoben, die vor allem Gesundheitsprogramme in Entwicklungsländern fördert. Sie verfügt über das satte Grundkapital von 50 Milliarden Dollar. Der Jahresetat liegt mit 2,4 Milliarden Dollar weit über dem der Weltgesundheitsorganisation. Das Ehepaar Gates startete eine 200 Millionen Euro teure Impfkampagne gegen Malaria und stellte 600 Millionen Dollar zu Verfügung, um Kinder gegen Keuchhusten, Diphtherie, Gelbfieber und Masern zu impfen. Außerdem investieren die beiden massiv in die Aids-Forschung. Das erklärte Ziel: In wenigen Jahren soll endlich ein Impfstoff gegen die Immunschwächekrankheit vorliegen, die in armen Ländern ganze Generationen dahinrafft. Dazu bringen sie die wichtigsten Wissenschaftler und Pharmakonzerne zusammen und finanzieren erfolgversprechende Studien. Doch es gibt auch Kritik, etwa am unternehmerische Ansatz der neuen Stifter, die Vorstellung, mit den richtigen Konzepten Probleme global lösen zu können. Gates lässt auch schon mal Projekte von der Unternehmensberatung McKinsey ausarbeiten. Ein Gesundheitsprogramm sei kein Computerprogramm, wenden seine Gegner ein. In jedem Land herrschten andere wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen, auf die man eingehen müsse. Patentrezepte könne es daher nicht geben. „Dieses neue Denken muss nicht falsch sein“, sagt hingegen der Staatssekretär im Entwicklungsministerium, Erich Stather. Da es trotz aller Anstrengungen bisher nicht gelungen sei, Armut und Elend zu besiegen, sei es durchaus sinnvoll, neue Wege zu gehen. „Wir probieren ebenfalls Neues aus – und manchmal scheitern wir damit auch.“

Noch kann Gates keinen Durchbruch vorweisen, gravierende Misserfolge sind aber ebenfalls noch nicht bekannt geworden. Tatsache ist, dass er lieber am ganz großen Rad dreht, flächendeckende Impfkampagnen auf die Beine stellt, statt sich mit den oft banalen Ursachen von Krankheiten zu beschäftigen. So könnten Durchfallerkrankungen von Kindern statt durch Impfungen schlicht durch sauberes Wasser vermieden werden. Dazu braucht es keine teuere Forschung, sondern simple Wasserpumpen. Falsch ist Gates Einsatz deshalb aber noch nicht. Staatssekretär Stather sieht die Stiftungen daher auch eher als Ergänzung zur staatlichen Hilfe, denn abgesehen von den finanziellen Möglichkeiten können sie schnell und flexibel reagieren, während staatliche Programme lange Vorlaufzeiten haben und mit den Regierungen in den Entwicklungsländern abgestimmt werden müssen. „Wir sind der Tanker, sie das Schnellboot.“

Taddy Blecher aus Südafrika kann solch abstrakten Debatten nur wenig abgewinnen. Der Mann mit der Studentenbrille, der aussieht wie der jüngere Bruder von Bill Gates – klein, schmächtig, schelmisches Lachen –, gründete 1999 unter abenteuerlichen Bedingungen eine Universität in Johannesburg. Ohne Gelder ausländischer Förderer wäre das nicht möglich gewesen. 70 Prozent des Universitätsetats stammen aus Spenden. „Diese Leute sind enorm wichtig für die Entwicklung Afrikas, denn sie sind bereit, unkonventionelle Wege zu gehen“, sagt der 40-jährige Blecher. „Viele von ihnen haben mit verrückten Projekten ein Vermögen gemacht, deshalb haben sie keine Berührungsängste, wenn sie auf Typen wie mich treffen. Sie sind bereit, Risiken einzugehen.“

Blecher weiß, wovon er spricht. Sein Vorhaben war ebenfalls reichlich verrückt. 1990 verschickte er vom Faxgerät seines früheren Arbeitgebers aus Briefe an südafrikanische Schulen, in denen er für seine Universität warb. Die Reaktion war überwältigend: Zurück kamen 3500 Anmeldungen. Doch nun hatte der damals 23-Jährige ein Problem, denn seine Uni existierte noch gar nicht. „Ich wollte doch zunächst nur testen, ob es Interesse gibt. Öffentliche Stellen in Südafrika und auch etablierte internationale Organisationen waren indes nicht bereit, für das ungewöhnliche Projekt Geld zu geben. Denn an Blechers Uni sollten vor allem junge Schulabbrecher aus den Townships, den Armenvierteln Südafrikas, studieren. „Viele junge Leute können die Schule nicht beenden, weil das Geld fehlt oder sie nach dem Tod eines Elternteils die Familie ernähren müssen. Bei uns bekommen sie eine zweite Chance.“ Heute hat Cida City Campus, wie die Universität heißt, rund 1500 Studenten, weitere 2000 absolvieren eine Berufsausbildung. Das Konzept ist einfach: Alle Lehrgänge sind kostenlos und werden in Kooperation mit Unternehmen geplant. Dort kommen viele der Studenten später auch unter. Inzwischen wird Taddy Blecher in die ganze Welt eingeladen, um seine Idee vorzustellen. 2002 wurde er sogar mit dem „Global Leader of Tomorrow Award“ des Weltwirtschaftsforums ausgezeichnet.

Eine wichtige Unterstützerin ist die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey. Sie führte 2006 die amerikanische Spenderhitliste an. Mehr als 58 Millionen Dollar – rund ein Viertel ihres Jahreseinkommens – gab sie nach Angaben der Organisation „Give Back“ im vergangenen Jahr für soziale und humanitäre Projekte aus. Seit 1997 lieferten sich amerikanische Superreiche einen regelrechten Spendenwettkampf. Damals kündigte CNN-Gründer Ted Turner an, den UN eine Milliarde Dollar für Entwicklungshilfeprojekte zur Verfügung zu stellen. Andere Milliardäre forderte er auf, es ihm gleichzutun. „Jeder, der reich ist, sollte mit einem Anruf von mir rechnen“, sagte er in der Talkshow von Larry King. Im vergangenen Jahr gehörten neben Oprah Winfrey Barbra Streisand (11,8 Millionen Dollar), Tiger Woods (9,5 Millionen Dollar) sowie Angelina Jolie und Brad Pitt (2,4 Millionen Dollar) zu den spendabelsten Amerikanern. Jolie unterstützte unter anderem die Staatskrankenhäuser in Namibia, wo sie im Mai 2006 ihre Tochter zur Welt brachte. Für das Schauspielerehepaar Jolie-Pitt scheint Helfen eine Art kosmopolitisches Hobby zu sein, das sie wie einen neuen Lebensstil zelebrieren – mit Fotoshootings in den Elendswinkeln dieser Welt und einer multikulturellen Adoptivkinderschar. Außer dem eigenen Kind mit Brad Pitt hat Jolie einen Sohn aus Kambodscha, eine Tochter aus Äthiopien und seit März noch ein weiteres Kind aus Vietnam. Möglicherweise neigen besonders Frauen zu dieser sehr konkreten Form globaler Problembewältigung. Während afrikanische Bootsflüchtlinge zu Hunderten vor den Küsten Europas absaufen, picken sie einzelne Kinder heraus und ermöglichen ihnen ein besseres Leben. Pauschal verurteilen kann man das wohl nicht, auch wenn es grundsätzlich besser wäre, die Lebensbedingungen für möglichst viele Kinder in den Herkunftsländern zu verbessern. Zuletzt machte Madonna mit einer Auslandsadoption von sich reden. Sie holte 2006 einen Jungen aus einem Waisenhaus in Malawi.

Wenn sich deutsche Prominente der guten Sache verschreiben, dann richtig – so wie der Schauspieler Karlheinz Böhm, der vor mehr als 25 Jahren seinen Platz neben Sissi auf dem k. u. k Thron gegen ein bescheidenes Leben in Afrika eintauschte. „Wut über die ungerechte und menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich“, habe ihn zu diesem Schritt getrieben, schreibt Böhm auf der Homepage seiner Organisation „Menschen für Menschen“. Das 1981 gegründete Hilfswerk kümmert sich um die Ärmsten der Armen in Äthiopien. Böhm lebt mehrere Monate im Jahr in dem Land, um die Projekte zu koordinieren, in der übrigen Zeit treibt er Spenden in Europa ein. Denn anderes als Bill Gates oder Angelina Jolie sind seine eigenen Mittel begrenzt.

Doch die Deutschen holen auf. Allein bis 2010, so Schätzungen, werden in Deutschland mehr als eine Billion Euro vererbt. Immer mehr Menschen haben allerdings wenige oder gar keine Nachkommen und möchten mit ihrem Geld eine gute Sache unterstützen. Oft schon zu Lebzeiten. Seit den späten 80er Jahren erlebt Deutschland einen regelrechten Stiftungsboom. In einzelnen Jahren wurden mehr als 150 neue Stiftungen von Privatpersonen gegründet. Das geht aus einer 2005 veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Seit einigen Jahren sind Einzahlungen in Stiftungen außerdem steuerlich begünstigt. Längst gibt es Agenturen, die Vermögende beraten, wie sie ihr Geld sinnvoll einsetzen können, und ihnen die Formalitäten der Stiftungsgründung abnehmen. Banken bieten spezielle Fonds an, über die reiche Anleger ihre Kapitalerträge in wohltätige Projekte investieren können. Rund ein Viertel der Stiftungen engagiert sich im Ausland. „Wer sich nicht schon heute um Großspender kümmert, wird in ein paar Jahren weg vom Fernster sein“, heißt es heute schon in der Dritte-Welt-Community. Organisationen wie etwa die Deutsche Welthungerhilfe haben bereits eigene Abteilungen eingerichtet, die Spenden bei Wohlhabenden und Unternehmen akquirieren.

Man kann sein Geld natürlich auch anders loswerden: Der Grünen-Politiker Tom Koenigs, UN-Sonderbeauftragter in Afghanistan, schenkte sein Millionenerbe kurzerhand dem Vietcong und chilenischen Widerstandsgruppen. Das war allerdings schon 1973 – als der Bankierssohn in der Frankfurter Spontiszene mitmischte, in der ein üppiges Erbe per se als unanständig galt. Die Höhe seiner Spende hat der heute 63-Jährige nie preisgegeben. Leid tue ihm allerdings nichts, sagte er vor Jahren dem „Stern“. Zumindest das hat er mit anderen Wohltätern gemein: Laut einer Bertelsmann-Stifterstudie sind 70 Prozent aller Stifter der Auffassung, „dass ein gemeinnütziges Engagement befriedigender ist als Konsum.“

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