Bayreuth : Das Walhall-Gefühl

Bayreuth streitet wieder. Kopf gegen Bauch, Hehres gegen Profanes. Auf dem Grünen Hügel ist die Globalisierung angekommen

Christine Lemke-Matwey

Nächsten Dienstag ab 11 Uhr sitzen sie also wieder, die Herren und Damen Stiftungsräte. Und sitzen und gönnen sich zwischendurch eine Bratwurst und sitzen wieder und debattieren (ein bisschen). Über Zukunftskonzepte hier, Paragrafen da, allerlei Fristen und Spitzfindigkeiten dort. Und draußen vor der Tür werden sie sich die Beine in die Bäuche stehen, die Damen und Herren von der Presse mit ihren Kameras und Mikrofonen, und zur Stärkung eine Bratwurst essen und erst ein alkoholfreies und dann ein alkoholreiches fränkisches Weißbier bestellen und weiter warten und (ein bisschen) debattieren. Wie es so steht um den Grünen Hügel von Bayreuth, ob man selber mehr der Bauch- oder der Kopf-Fraktion anhängt und dass die Würfel mal wieder längst gefallen sein sollen.

Und schließlich werden die einen vor die anderen treten und erklären, dass noch gar nichts entschieden sei, weil – die Fristen! die Paragrafen! – gar nichts entschieden sein kann. Frühestens in vier Monaten werde die Welt wissen, wie die neue Festspielchefin heiße (am Geschlecht immerhin besteht kein Zweifel), und das auch nur, wenn der greise Festspielchef Wolfgang Wagner hiermit und endlich offiziell zurücktrete. Auf Wiedersehen.

Seit Jahren geht das jetzt so. Das reinste Kasperletheater, mindestens seit 2001, als Wolfgang W. das von ihm selbst eingeleitete Nachfolgeverfahren unverhofft stoppte: Seine Tochter Eva aus erster Ehe, vom Stiftungsrat nach Mühen einstimmig gekürt, sei „unfähig“, so fuchste es vom Festspielhügel herunter, die wolle er nicht, er wolle Katharina, die Tochter aus zweiter Ehe, und halte trotzig an seinem Lebenszeitvertrag fest. Die Watsch’n saß. Und kein Kraut dagegen gewachsen, jedenfalls kein juristisches. Seitdem herrscht in und um Bayreuth kalter Krieg, und wer mit der Materie nur halbwegs vertraut ist, den Rankünen, Intrigen, Kabalen der Geldgeber und Familienstämme, der Kulturpolitiker und Strippenzieher, der kann deren Chronologie und Gehalt längst lückenloser und verlässlicher rapportieren als die Handlung des „Tristan“ oder des „Ring“.

Es geht um die Zukunft der Bayreuther Festspiele. Es geht darum, einer eingefahrenen, verkrusteten Institution zum Sprung ins 21. Jahrhundert zu verhelfen, gewiss. Worum aber geht es eigentlich? Warum hocken die Medien hier Jahr für Jahr wie die Kaninchen vor der Schlange, warum will man das Immergleiche immer wieder neu lesen, hören, erfahren? Und bilde sich keiner ein, dass die „Weltdiskussion um Bayreuth“ schlagartig verstummt, sollte die Nachfolge des 88-jährigen Patriarchen eines mittelfernen Tages tatsächlich geregelt sein. Nein, seit die Bayreuther Festspiele existieren, stecken die Bayreuther Festspiele in der Krise. Finanziell, politisch, künstlerisch, von Kaiser Wilhelm I. bis Angela Merkel – historisch hat man die freie Wahl. Irgendein Haar findet sich in der dicken Wagner-Suppe immer. Und das ist zugleich ihr Salz, der ewige Sex-Appeal: Die Öffentlichkeit nimmt Anteil. Ergreift Partei. Bangt und hofft, streitet, kämpft – und feiert sich am Ende doch nur selbst. Egal, ob sie oben im Festspielhaus nun Lorbeerkränze flechten oder schmutzige Wäsche waschen. Wie im Sport. Wie in der Politik. Ja, wie im Märchen.

Bayreuth, so scheint es, ist der letzte Hort der Kunst, an dem einen heute noch ein gesamtgesellschaftliches Gefühl beschleichen kann (und sei es wider Willen, aus Abscheu oder ideologischem Ekel). Das ist – auf diesem Niveau! – selten. Und kostbar. Manche nennen es Magie, Zauber, Aura, andere Pathos. „Durch Mitleid wissend / der reine Tor; / harre sein / den ich erkor“, so raunt es aus dem Gral im Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ in Richtung des lebenswunden Amfortas. Eine Schopenhauer’sche Erlösungsfantasmagorie, mit der die Moderne stets ihre liebe Not hatte, erklärlicherweise. Aber vielleicht brauchen wir heute und nach den weitreichenden, gusseisernen Besen der 68er genau das: eine liebe Not, einen substanziellen Widerspruch. Und die Gefühlsgewissheit, dass in diesem Leben noch anderes existiert als Rentenformeln, Überwachungskameras und Schönheitsoperationen bei 13-Jährigen. Die alten Griechen nannten es Metaphysik, die christliche Kirche preist es als ihr Himmelreich. Und Richard Wagner verführt durch sein Bayreuther Gesamtkunstwerk, durch den 1876 Festspielhaus gewordenen Wahnwitz, die ganze Welt und Wirklichkeit könnte Fest sein und Spiel – wenigstens fünf, sechs Stunden lang (was nicht kurz ist). Die Generation der heute 13-Jährigen mit ihren Dauerstöpseln in den Ohren erträumt sich im Grunde nichts anderes. Schade nur, dass beide so wenig voneinander wissen.

Wie aber fühlt sich jenes Pathos, jene Magie an, konkret und vor Ort? Jenseits der Festspielzeit, die traditionell am 25. Juli beginnt und am 28. August endet: gar nicht. Die Stadt Bayreuth, Sitz der Bezirksregierung Oberfranken, werkelt eher geruhsam für sich hin. Gut 70 000 Einwohner, Städtepartnerschaften mit Annecy in Frankreich und La Spezia in Italien, ein Schloss, eine Universität, eine Eremitage, im Stadtwappen zwei schwarze Löwen, außerdem das „umfangreichste Biermuseum“ der Welt (Guinnessbuch), eine Pianomanufaktur und seit zwei Jahren ein CSU-Bürgermeister. Und natürlich heißt hier alles nach Wagner: Straßen, Schwimmbäder, Spezialmassagen.

Anfang Juni kommen dann die ersten Akteure, die Vorbereitungen beginnen, Isolde und Brangäne wellnessen in der „Lohengrin“-Therme, der Kapellmeister des „Ring“ tafelt abends in der Lauterbacher Mühle, man ist unter sich, vielleicht die schönste, privilegierteste Zeit der Saison. Von Magie, Zauber, Aura immer noch keine Spur, das Orchester probiert im Festspielrestaurant, einem schäbigen Siebziger-Jahre-Bau oben auf dem Hügel, und mit dem Charme der diversen Probenbühnen nähme es jedes Wirtshaustheater auf. Das ist es also nicht. Kein Luxus, nicht die übliche Fettlebe unter unseren Staats- und Starkünstlern. Was aber ist es dann?

Altmodische Antwort: der Geist, die Radikalität der Idee. „... auf einer schönen Wiese bei der Stadt von Brett und Balken ein rohes Theater nach meinem Plane herstellen und lediglich bloß mit der Ausstattung an Decorationen und Maschinerie versehen lassen, die zu der Aufführung nötig sind ...“ – so formuliert der Feuerkopf Richard Wagner 1850 im Schweizer Exil die Voraussetzungen seiner Utopie. Sie wirkt bis heute fort. Wer sich jemals bei schweißtreibenden Temperaturen in der klaustrophobischen Enge des Festspielhauses seinem ganz persönlichen Wagner-Rausch hingegeben hat, weiß: Der Geist weht, die Droge wirkt. Diesen Sog in eine (künstlerisch mal mehr, mal weniger geglückte) Parallelwelt, dieses Walhall- Gefühl findet sich an keinem anderen Ort. Hier und nur hier vermählen sich Allmachtsstreben und Exklusivität, Repräsentatives und Revolutionäres, Akustik und Architektur – und am Ende ist die große Kunst immer auch ganz einfach, ganz praktisch. Das mag Angst machen, weil Musik, die Wagner’sche zumal, durchaus suggestiv ist; weil der realitätsflüchtige, utopiesüchtige Mensch sich nach solchen Genüssen oft selbst kaum wiedererkennt, ja ein regelrechtes Risiko darstellt, wieder draußen im echten Leben und an der Luft. Nach 1945 hat man diesem Menschen und sich selbst schwer misstraut, auch und gerade in Bayreuth. Die fränkische Provinz funkelte in diesen Jahrzehnten trotzdem.

Überhaupt scheinen die Zeitläufte dem Wagner-Zauber wenig anhaben zu können. Nach Richards Tod 1883 steht zunächst die Konsolidierung, Witwe Cosima wacht über dem Erbe. Abgelöst wird sie 1908 von ihrem Sohn Siegfried, der gemeinsam mit Ehefrau Winifred 1929 ein berühmtes Testament verfasst: Fortan dienen die Festspiele „einzig der festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners“, und das Festspielhaus soll „als eine Hochburg echter deutscher Kunst“ gelten. Unter Winifreds alleiniger Leitung zwischen 1931 und 1944 macht sich die Institution mit den nationalsozialistischen Machthabern gemein (noch 1975 bekennt Winifred in Hans- Jürgen Syberbergs legendärem Film, dass sie, käme Hitler heute zur Tür herein, „genauso fröhlich und glücklich“ wäre, „ihn hier zu sehen und zu haben wie immer.“). Nach dem Krieg übernehmen Winifreds Söhne Wieland und Wolfgang, Bayreuth feiert 1951 als Neu- Bayreuth seine Wiederauferstehung, vorsichtshalber werden Handzettel gereicht: „Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir, von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel absehen zu wollen. Hier gilt’s der Kunst.“ 1966 stirbt Wieland, 1973 wird das Privatvermögen der Familie (Festspielhaus, Haus Wahnfried, diverse Archivalien) in eine Stiftung überführt, 1987 erhält Wolfgang Wagner aus der Hand des bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair jenen Vertrag auf Lebenszeit, der bislang jede Veränderung oder Erneuerung blockiert hat – zumindest jede personelle.

Über 40 Jahre absolutistische Festspielführung. Haus- und Hügelverbote für missliebige Familienmitglieder (vorrangig der Wieland-Nachfahren), ein diktatorisches Regiment über die Künstler, rigide Abschottungsmaßnahmen gegenüber der Öffentlichkeit, acht bis zehn Jahre Wartezeit für eine Karte. Die Vorwürfe, die man Wolfgang Wagner gemacht hat, sind so bekannt wie müßig. Allen Subventionen zum Trotz betreibe er die Festspiele wie ein Privattheater, nach eigenem Dünkel und Gutdünken, ein echter Wagner eben, und sogenannte progressive Köpfe wie den Regisseur Patrice Chéreau und den Dirigenten Pierre Boulez für den „Jahrhundert“-„Ring“ 1976, wie den Ost-Dramatiker Heiner Müller oder den Installationswüterich Christoph Schlingensief engagiere er lediglich als Feigenblätter. Um seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, um seine eigenen hausbackenen Inszenierungen zu legitimieren. Diese, so einst die „FAZ“, atmeten den Charme eines Autoreifens aus den fünfziger Jahren. Erfolg hatte und hat Wolfgang trotzdem. Oder gerade deswegen.

Bayreuth also bleibt Bayreuth? Der Anachronismus des Grünen Hügels, seine praktizierte Querständigkeit ist ein Pfund, mit dem alle zukünftigen Festspielleiterinnen unbedingt weiter wuchern sollten. Gar nicht so leicht, hier die Mitte zu treffen zwischen Erneuern-Wollen und Bewahren-Müssen, Museum und Aufbruch – aber eine historische Chance. Die Welt drum herum jedenfalls hat sich in den vergangenen 40 Jahren fundamental verändert. Das fängt bei den Musikern an, die es keineswegs mehr als Ehre erachten, für vergleichsweise mickrige Gagen zehn Sommerwochen lang im Fränkischen festzusitzen. Überhaupt wird Wagner längst allüberall gespielt, nicht selten mindestens so gut und aufregend wie in Bayreuth. Die Gewissheit früherer Tage, auf dem Grünen Hügel nur das Beste vom Besten, stimmlich Einmaliges, szenisch Unverwechselbares vorgesetzt zu bekommen, sie dürfte sich mit der Globalisierung des Musikmarktes erledigt haben.

Aber auch das Publikum ist ein anderes geworden, jedenfalls das der ersten Woche (die eingefleischten Wagnerianer, die danach kommen, zum zweiten, dritten, vierten Zyklus, scheinen irgendwo zwischen Tokio, Chicago und Neuschwanstein unvermindert nachzuwachsen). Eilten früher die Begum und der Schah von Persien in ihren Nobelkarossen zum Wagner-Dienst, so sind es heute Roberto Blanco und Caroline Reiber – B-Promis, die jeder aus dem Fernsehen kennt, weshalb selbst am Eröffnungsabend nur wenige Neugierige die Auffahrtsallee säumen. Ein weiterer Verlust an Glanz? Die überfällige Demokratisierung und Popularisierung eines Hochkulturevents, ganz in Richards Revoluzzer-Sinn übrigens?

Es war Franz Beckenbauer, der Mitte der siebziger Jahre – angetrieben von seiner bildungsbeflissenen ersten Frau Brigitte – eine „Tristan“-Vorstellung auf dem Grünen Hügel besuchte und die Schallmauer durchbrach. Der Libero der Nation „in dem tönenden Schall, / in des Weltatems / wehendem All“. Sein Kommentar? Er habe kein einziges Mal auf die Uhr geblickt. Im Übrigen sei die Arbeit eines Wagner-Sängers mit der eines Fußballers durchaus vergleichbar: fünf Kilo Gewichtsverlust pro Abend/Spiel. Und das Festspielhaus erinnere ihn an das Stadion Rote Erde in Dortmund: „Außen nicht besonders schön, aber drinnen hervorragend für die Spieler.“ In dieser so freimütigen wie erschütternd schlichten Manier sind seither viele dem „Kaiser“ gefolgt.

Spannende Frage am Fuße einer neuen Ära in Bayreuth: Wer macht hier auf Dauer wen gesellschafts- und zukunftsfähig? Die Oper den Sport (oder das Fernsehen oder die Politik), indem sie ihn mit neuem Selbstbewusstsein adelt und in seiner Kommerzialisierungsfalle ans Echte, Gute, Wahre, Schöne gemahnt? Oder der Fußball (die Politik, die Medien) den Festspielhügel, weil eben auch Kicker heutzutage Abitur haben und klassische Musik lieben und fallweise sogar Noten lesen können? Beide Modelle sind letztlich so unterschiedlich nicht. Man nenne es, schlecht gelaunt, Nivellierung oder, besser gelaunt, Rückbesinnung. Auf jenes Gedächtnis der Nation, das das Wagner’sche Musikdrama immer war und immer sein wird, ob es will oder soll oder darf oder nicht.

Da sitzen sie also nächsten Dienstag, die Herren und Damen Stiftungsräte mit ihren Bratwürsten und Paragrafen und wähnen sich exakt in diesem Konflikt. Kopf oder Bauch, Kontinuität oder Konzept? Hier die Kopf-Fraktion um die gern gehasste, seit jeher deutliche Worte wählende Wieland-Tochter Nike, eine gewiefte Intellektuelle, da die Bauch-Fraktion um die ebenso vordergründig wie eilig geschmiedete Allianz der beiden eher macherisch veranlagten Wolfgang-Töchter Eva und Katharina. Letztere, so hört man läuten, sollen am Ende das Rennen machen. Eine politisch korrekte Verbeugung vor dem „Alten“, ja, das auch. Vor allem aber passt diese Lösung vorzüglich in unsere Befindlichkeit und Zeit. Dauer der neuen Verträge? Schätzungsweise fünf bis sieben Jahre. Höchstens.

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