China : Mit Gewalt nach vorn

Im Eiltempo sollte sich China in eine moderne Großmacht verwandeln. So verlangte es 1958 Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei. Doch der „Große Sprung“ führte direkt in die Katastrophe.

Björn Rosen

Im Februar dieses Jahres spricht er das erste Mal über die damalige Zeit. Über den Hunger, der ihn noch heimsuchte, als es schon Monate lang wieder genug zu essen gab. Über einen Wintertag in Peking, an dem er sich frierend eingereiht hatte in eine lange Schlange von Menschen, die im Schneetreiben für Eiscreme anstanden – weil man die auch ohne Lebensmittelmarke bekam. „Ich habe das Eis in heißem Wasser geschmolzen und getrunken“, erzählt er. „Satt gemacht hat das nicht. Aber glücklich, wegen des warmen Gefühls.“ Lange sei das jetzt her und er selbst ja längst über 80 Jahre alt: „Aber ich erinnere mich noch genau. Es war ein Albtraum, als wären wir Chinesen plötzlich in die Hölle gestürzt.“

Zwei Monate später, im April 2008. Seine sanfte Stimme klingt leiser und ein wenig brüchig. Plötzlich hat er es sich anders überlegt. „Es tut mir sehr leid“, sagt er. „Aber ich möchte nicht mehr, dass mein Name in Ihrem Text erscheint. Es ist nicht die richtige Zeit für diese Geschichte.“

Ein halbes Jahrhundert liegt zurück, worüber Zhang Ruiru, wie er in diesem Artikel heißen soll, berichtet hat. Aber über die Verbrechen von einst sollte man in China nicht zu offen sprechen. Sonst wird man schnell zum Verräter erklärt. Besonders jetzt, da viele Chinesen glauben, wegen des Tibetkonflikts zu Unrecht am Pranger der internationalen Öffentlichkeit zu stehen: „Sie fühlen sich in ihrem Nationalstolz und ihrer Würde gekränkt“, sagt Zhang Ruiru über seine Landsleute. Man könnte es aber auch so sehen: Wenig verletzt die Würde der Chinesen so sehr wie das anhaltende Schweigen über eine der größten Tragödien ihrer Geschichte – eine Katastrophe, der auch jetzt zu ihrem 50. Jahrestag niemand gedenken wird.

Im Mai 1958 verabschiedet der VIII. Parteitag der chinesischen KP eine neue Wirtschaftspolitik. Sie firmiert unter der Parole „Der Große Sprung nach vorn“ und soll das verarmte Land im Eiltempo in eine moderne Großmacht verwandeln. Dafür bricht China radikal mit Traditionen – und mit seinen Verbündeten.

Insbesondere bei der Entwicklung der Wirtschaft hat sich China bisher eng an der Sowjetunion orientiert. Doch der Diktator Mao Zedong, Vorsitzender von Chinas kommunistischer Partei, bricht mit dem sozialistischen Bruderstaat. Er fürchtet, die Entstalinisierung der neuen Ära Chruschtschow dort könnte auch seine Macht gefährden. Sein Land müsse einen ganz eigenen Weg einschlagen: Eine gewaltige Kraftanstrengung der Massen soll alle Zweige der Wirtschaft zugleich revolutionieren und nebenbei den Kommunismus schaffen – „das Paradies“, wie es damals heißt. Sehr bald schon werde so jeder Chinese ein Leben in Wohlstand, ja im Überfluss führen. „In 15 Jahren überholen wir Großbritannien!“, behauptet die Propaganda. Drei Jahre nach diesen Versprechungen sind Millionen Chinesen tot – gestorben in der verheerendsten von Menschen verursachten Hungersnot, die die Welt je gesehen hat.

Viele Chinesen sind damals bereit, Mao alles zu glauben. Immerhin hat er China vereint und nach einem Jahrhundert der Demütigung durch den Westen in die Unabhängigkeit geführt. Außerdem muss jeder, der Zweifel am Regime des „Großen Vorsitzenden“ äußert, mit grausamen Konsequenzen rechnen. In der „Anti-rechts-Kampagne“ lässt er 1957 hunderttausende Intellektuelle verfolgen. Zhang Ruiru, damals 30 Jahre alt, ist einer von ihnen.

Ein paar kritische Sätze über den Personenkult um Mao haben genügt, Zhang zum „Feind des Volkes“ zu machen. Dabei ist er überzeugter Kommunist und schien auf dem Weg, Karriere zu machen. Schon in jungen Jahren arbeitete Zhang als Dolmetscher für die Führung, später war er Lektor für ausländische Literatur. Nun wird er strafversetzt – in die Setzerei seines Verlags im Süden Pekings. Dort muss er unter „Aufsicht der revolutionären Massen“ die Toiletten wischen. Seine neuen Kollegen dürfen ihn herumkommandieren und demütigen. Für sie ist er „der Rechtsabweichler“. Auch Zhang selbst zweifelt an sich: „Ich war unsicher, deprimiert, orientierungslos“, erinnert er sich heute. „Manchmal habe ich gedacht: Wie schön wäre es, wenn man nicht denken müsste!“

Später, während der Kulturrevolution, wird Mao die Intellektuellen zur „stinkenden neunten Kategorie der Klassenfeinde“ erklären. Wissenschaftler hält er für „bourgeoise“ Elemente: blutleer, zaghaft und ohne das nötige revolutionäre Bewusstsein. Der „Große Vorsitzende“ setzt auf die Bauern. Sie sollen durch ihren Eifer und ihre Masse das Unmögliche erreichen.

Für den „Großen Sprung“ wird das Leben auf dem Lande zunächst in atemberaubendem Tempo kollektiviert. Wie Konrad Seitz, der ehemalige deutsche Botschafter in Peking, in seinem Buch „China. Eine Weltmacht kehrt zurück“ schreibt, finden sich schon nach wenigen Monaten etwa 500 Millionen Menschen in 24 000 Volkskommunen wieder.

Viele der Leute sind davon begeistert, selbst wenn ihr Boden, ihr Geflügel, die Möbel und Häuser enteignet werden und man fortan nicht mehr zu Hause essen soll. Gemeinsame Kantinen, Kinderkrippen und Altenheime übernehmen, worum sich vorher jeder selbst kümmerte. Dafür arbeiten Frauen wie Männer nun nach der Feldarbeit und in den Wintermonaten an gewaltigen Infrastrukturprojekten, errichten Dämme, heben Bewässerungskanäle aus. Mao ist davon überzeugt, dass sich die Ernte dank neuer, meist kaum erprobter Methoden rasch um ein Vielfaches steigern lässt. Die Erwartungen sind hoch, Getreide oder Gemüse wird ohne Rücksicht auf das örtliche Klima und jahrhundertelange Erfahrungen angepflanzt. Es ist die Kraft der Tat, die Wunder vollbringen soll: Propagandabücher erzählen von Schulkindern, die die Ernte in einem Experiment mal eben verzehnfachen. Bauern übernehmen an neu eingerichteten Instituten die Forschung.

In der Gewissheit kommender Erfolge werden die Bewohner der Kommunen aufgefordert, sich in den „Volksküchen“ kostenlos richtig satt zu essen. Im Kommunismus gebe es keinen Hunger mehr, heißt die Losung. Dabei sinkt die Produktivität der Landwirtschaft, verschlechtert sich die Lebensmittelversorgung rapide. Behörden und Institutionen in den Städten legen deshalb eigene Gemüsegärten an – und Zhang Ruiru wird wieder versetzt: dieses Mal nach draußen, in die Beete des Verlags. Dort hilft er bei der Ernte, bis er abkommandiert wird, nachts bewacht er das Feld. Umgeben von Moskitos, dreht er seine Runden und muss dafür sorgen, dass niemand das Gemüse stiehlt.

Im Hof von Zhangs Verlag werden unterdessen mehrere primitive Öfen gebaut. Mao hat das Volk aufgerufen, Stahl zu schmelzen. Auch dies gehört zu seinem Plan: Parallel zur Landwirtschaft sollen sich Leicht- und Schwerindustrie entwickeln, soll die gesamte Bevölkerung eine nie da gewesene Industrialisierung entfesseln. Zhang Ruiru hat wie jeder dabei mitzuhelfen – und sei es nur mit ein paar Nägeln oder einer alten Pfanne. Alles Eisen, das sich finden lässt, wird eingeschmolzen. Heraus kommt nur ein Berg grotesk miteinander verbundener Brocken: Wie die meisten der hunderttausend Schmelzöfen im Land erreichen auch die des Verlags nicht die nötigen Temperaturen für die Stahlproduktion.

Aber die Hochöfen sind nicht nur sinnlos, sie binden Arbeitskräfte, die auf den Feldern fehlen, und führen zu einer Plünderung des ganzen Landes. Wertvolles Werkzeug und Küchengerät werden vernichtet, weil man die sozialistischen Planvorgaben um jeden Preis einhalten will. In kaum einem Haushalt findet sich bald noch ein Wok – die Bauern sollen sowieso in der Kantine essen.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Partei beginnt zu schwinden: „Aber man besprach seine Zweifel höchstens hinter verschlossenen Türen und flüsternd.“ Zhang selbst zieht nur seine Schwester ins Vertrauen. Öffentlich preist jeder weiter die angeblichen Erfolge. Lügen regieren das Land: Von Beginn an fälschen örtliche Kader die Ernteergebnisse. Keiner will als „Rechtsabweichler“ gelten. In Anbetracht der behaupteten Rekordernten schrauben höhere Instanzen die Planziele nach oben und verlangen immer mehr Getreide. China exportiert einiges davon sogar ins Ausland. Als später Gerüchte über eine Hungersnot ins Ausland durchsickern, lehnt die chinesische Regierung jede internationale Hilfe ab. Die Zeitungen jubeln sogar noch, als Ältere und Schwache schon zu sterben beginnen. „Sie zeigten Bauern, die vor Glück weinten und Schüsseln voll mit Reis und Fleisch in den Händen hielten“, sagt Zhang Ruiru.

Im Jahr 1959 sollen zwar kurzzeitig einige Maßnahmen des „Großen Sprungs“ rückgängig gemacht werden, aber hinter den auftretenden Schwierigkeiten vermutet Mao das Werk von Konterrevolutionären und renitenten Bauern. Bald darauf wird die Kampagne radikal fortgeführt. Das Elend ist unübersehbar. „Die Gesichtsfarbe der Menschen auf den Straßen Pekings war fahl“, sagt Zhang Ruiru, „viele litten unter Hungerödemen“. Fast alle Lebensmittel sind rationiert. Was es frei zu kaufen gibt, können sich nur wenige leisten, der „Feind des Volkes“ Zhang Ruiru schon gar nicht.

So ernährt sich Zhang hauptsächlich von „gekochtem Kohl, dazu gab es vielleicht noch ein Maisbrötchen“. Oft wacht er mitten in der Nacht auf und kann nicht wieder einschlafen, weil ihn der leere Magen quält. Während der Arbeit bricht er in kalten Schweiß aus, wird ihm schwindlig und schwarz vor Augen. Seine Lider schwellen an. „Ich hätte immer essen können. Aber es gab einfach nichts.“ Zhang überlebt die drei Jahre Hunger. Vielleicht, weil er jung ist. Oder eher, weil er in der Stadt wohnt – Städte werden bei der Lebensmittelzuteilung bevorzugt, dort sterben nur die Schwächsten.

Auf den Dörfern herrscht dagegen das Grauen. Bis heute wird darüber kaum gesprochen. „Die Intellektuellen können eher von ihren Erfahrungen berichten, die Bauern haben keine Stimme in der Öffentlichkeit“, sagt Felix Wemheuer, Sinologe an der Universität Wien. Wemheuer ist vor ein paar Jahren aufs Land gefahren und hat die älteren Menschen dort interviewt. Sie haben ihm erzählt, wie damals die Suppe in den Volksküchen immer dünner wurde, wie ihre Kinder verhungerten, wie die Männer flohen und ihre Frauen zurückließen, wie man von anderen stahl, um zu überleben.

„Von den Kadern wurde der Hunger als Waffe eingesetzt, um die Bauern zu kontrollieren.“ In anderen Zeitzeugenberichten, die der britische Journalist Jasper Becker gesammelt hat, trifft man auf noch unfassbarere Schilderungen: abgemagerte Menschen, die zu schwach sind, ihre Angehörigen zu beerdigen. Straßen, gesäumt von Leichen. Eltern, die ihr Neugeborenes umbringen, darüber wahnsinnig werden. „Viele Bauern konnten ihr Leid mir gegenüber kaum in Worte fassen“, sagt Wemheuer. „Aber sie waren froh, dass ihnen mal jemand Fragen stellte.“

Das Ende des „Großen Sprungs“ kommt 1961 in aller Stille. Mao zieht sich zurück und die Pragmatiker Liu Shaoqi und Deng Xiaoping übernehmen die Wirtschaftspolitik. Sie machen ineffiziente Fabriken dicht, geben den Bauern private Parzellen zurück, sorgen dafür, dass wieder nach Leistung bezahlt wird. Beinahe geräuschlos stabilisiert sich die Situation. Aber wie viele Menschen starben bis dahin? Westliche Forscher gehen von mindestens 15 Millionen Toten aus. Andere Schätzungen nennen Zahlen von 30 bis 40 Millionen Opfern. Genaue Angaben gibt es nicht, das chinesische Statistiksystem brach während des „Großen Sprungs“ zusammen, und bis zum Tode Maos 1976 war eine Aufarbeitung der Katastrophe sowieso undenkbar.

Heute ist das Thema in China zwar kein Tabu mehr. Öffentlich darüber gesprochen wird aber selten. Die Historiker der KP haben festgelegt, dass zu 30 Prozent Naturkatastrophen an der Hungersnot schuld waren – eine Zahl, die so willkürlich wie umstritten ist. Denn sichere meteorologische Daten fehlen. Immerhin gestand die Partei ein, dass menschliches Versagen und eine „linksradikale Politik“ die Hauptursachen gewesen seien. Über die Frage, wer wann und vor allem warum welche Fehler beging, schweigt man in China besser. Und auch die Medien ignorieren den „Großen Sprung“. Zu dessen Jahrestag wird es keine Fernsehdokumentation, keine Gedenkfeiern geben. Bis heute erinnert nirgendwo ein Denkmal an die Toten.

Selbst ein Mann wie Zhang Ruiru, der nach dem Hungermartyrium noch Jahrzehnte in Gefängnissen und Arbeitslagern verbringen musste, findet ein anderes Ereignis wichtiger, das sich in diesem Jahr ebenfalls jährt: „Vor 30 Jahren begann die wirtschaftliche Öffnung unter Deng Xiaoping“, sagt er. „Daran erinnern wir uns. Warum berichten die westlichen Medien nur über die schlechten Dinge?“ Die KP argumentiert, sie habe aus ihren Fehlern gelernt und schließlich den richtigen Weg eingeschlagen. Das sind ausgerechnet jene kapitalistischen Reformen, die Mao Zeit seines Lebens bekämpfte, die China seit Jahren einen rasanten Aufstieg bescheren, wie ihn der „Große Sprung“ einst erzwingen sollte.

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