Geschichte : Das große Sterben

Zeit für das letzte Tabu: Die Geschichtsschreibung besinnt sich auf die Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg

Andrea Dernbach

Im Sommer 1974 lag Joseph Issoufou Conombo nach einem schweren Autounfall in Frankreich im Krankenhaus und hatte ausreichend Zeit zum Radiohören und Fernsehen. Frankreich feierte gerade den 30. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie. Davon verstand Conombo etwas, er hatte für die Truppen des Freien Frankreich unter General de Gaulle jahrelang an der Front in Europa gekämpft, bevor er in seine Heimat Obervolta (das heutige Burkina Faso) in Westafrika zurückkehrte und Außenminister und später Premier seines Landes wurde. Umso erstaunter war er nun über die zahllosen Berichte aus der Normandie. Er erkannte auf den Fernsehbildern zwar einige französische Offiziere und andere Kriegsteilnehmer, die er damals kennengelernt hatte, aber: „Die schwarzen Soldaten wurden nicht mit einem Wort erwähnt. Weder von unseren Einsätzen in Toulon war die Rede noch von denen bei der Schlacht um Monte Cassino in Italien“, notierte Conombo in der Stille seines Krankenzimmers. Am selben Tag begann er, seine Erinnerungen an den Krieg aufzuschreiben.

Der Zweite Weltkrieg, dessen Beginns vor 70 Jahren dieser Tage gedacht wird, trägt seinen Namen zu Recht. Kaum ein Winkel der Erde, der damals vom Kämpfen, von Zerstörung und Sterben verschont blieb. Im offiziellen Gedenken, in der etablierten Geschichtsschreibung allerdings hat dieser Krieg nur eine Farbe: weiß. Dass auch Millionen Chinesen, Afrikaner, Polynesier, Inder, Indianer, Aborigines ihn auf beiden Seiten und an allen Fronten mitausfochten oder ihm als Zivilisten zum Opfer fielen, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Keine lässliche Sünde übrigens, sondern oft genug, vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit, eine bewusste Umschreibung der Geschichte.

Frankreichs Nationalheros Charles de Gaulle persönlich hatte im Herbst 1944 den Befehl zum „blanchissement“, zum Weißmachen des feierlichen Einzugs seiner Truppen ins befreite Paris erteilt. Die Soldaten aus den Kolonien, die jahrelang gut genug gewesen waren, für die Befreiung Frankreichs vom Nazismus bevorzugt ins Feuer geschickt zu werden: Im Triumphzug wurden sie durch weiße Soldaten ersetzt. Die Feiern 30 Jahre später, die Joseph Issoufou Conombo 1974 so ins Erstaunen setzten, führten lediglich jene damnatio memoriae fort, die gleich nach Kriegsende begonnen hatte.

Eine historische Vergesslichkeit, die nicht nur die befallen hat, die unmittelbar von ihr profitieren. Auch die Wissenschaft ist auf diesem Auge oft blind. Der Kameruner Historiker Kum’a Ndumbe III. erinnert sich: „Als ich Anfang der siebziger Jahre über Hitler und Afrika forschte, wollte mich so mancher deutsche Historiker mit dem Hinweis entmutigen, ich würde nichts finden. Ich fand aber viel in den Archiven!“ Die Aufarbeitung des Materials sei in erster Linie im Interesse der Länder am Rande der Welt, so der kamerunische Professor, für die das in der Regel eine teure Angelegenheit ist: „So kommen Stimmen aus diesen Staaten nur selten zu Wort und fehlen in der internationalen Diskussion.“

Aber es gibt diese Stimmen, auf Papier ebenso wie im Film. Es gibt Studien über die „Arabische Legion“, in der Juden, Araber und Tscherkessen unter britischem Kommando in Nordafrika kämpften, ebenso wie über die Geschichte der Hukbalahap, der größten antijapanischen und antikolonialen Guerillaorganisation der Philippinen. Es gibt „Camp de Thiaroye“, den Film des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène, der das Massaker an westafrikanischen Heimkehrern 1944 am Stadtrand von Dakar erzählt. Es gibt die Berichte der Frauen in Thailand, Malaysia und Singapur, die im Untergrund gegen die japanischen Besatzer kämpften und sich nach deren Vertreibung genauso gegen die zurückkehrenden Briten wehrten – die alten Kolonialherren, die die neuen sein wollten. Es gibt die Zeugnisse der vielen koreanischen Frauen, die gezwungen wurden, sich in Frontbordellen zu prostituieren. Und es gibt die auf Englisch und Pidgin veröffentlichten Berichte von Veteranen der Salomon-Inseln im Südpazifik, wo die Alliierten in einem verlustreichen und zerstörerischen Stellungskrieg gegen die Japaner schließlich die Wende auf dem asiatischen Schauplatz schafften. Der Zweite Weltkrieg, in Pidgin-Englisch „Wol Wo Tu“, heißt auf den Inseln bis heute auch „The Big Death“, das große Sterben. Es sind Geschichten von allen Fronten, auch aus der Kollaboration mit der deutsch-japanisch-italienischen Achse, in der unter anderem der berühmt-berüchtigte Nazi-Freund und Großmufti von Jerusalem, Haj Amin el Husseini, seinen Platz hat.

Und es gibt seit wenigen Jahren ein Buch, in dem all diese Geschichten in Auszügen erzählt, zusammengefasst und eingeordnet werden. „Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ heißt der Band, der eine Art Weltpanorama des Weltkriegs aufmacht. Das Rheinische JournalistInnenbüro in Köln hat dafür in jahrelanger Recherche wissenschaftliche und filmische Quellen ausgewertet, Zeitzeugen befragt und Bildmaterial gesammelt. Der knapp 450 Seiten starke, gut lesbare Band macht in erster Linie klar, dass es diese Akteure und ihre Opfer gibt – und dass und warum sie zählen sollten. Es gibt kaum zuverlässige Zahlen, weil sich die Kolonisatoren in der Regel nicht viel Mühe gaben, ihre nichtweißen Toten zu zählen. Es ist aber bekannt, dass allein bei der Befreiung von Manila 100 000 Zivilisten starben und der Zweite Weltkrieg in China mehr Menschen das Leben kostete als auf dem Gebiet aller drei Achsenmächte Japan, Deutschland und Italien zusammen.

Der Anteil der Dritten Welt am Zweiten Weltkrieg erschöpfte sich nicht im Militär- und zivilen Dienst, oft unter Zwang, für die alliierten Truppen. Polynesierinnen, Araber, Gabuner und Frauen aus Malaysia kämpften auch unabhängig von deren Armeen durch Sabotageakte, Spionage und in der Guerilla gegen Japaner und Deutsche. „Ohne uns“, sagt Alfred Alusasa Bisili, der als Küstenwächter und Pfadfinder den Bau der strategisch wichtigen japanischen Landebahn auf Munda in den nördlichen Salomonen beobachtete und den US-Truppen später den Weg durch den Dschungel wies, „hätten die Amerikaner den Krieg nie gewonnen.“

Auch Deutschland spielte seine Rolle im Krieg im Süden der Welt. Das Buch versammelt einige grausame Beispiele des NS-Rassenwahns. Obwohl die deutschen Kolonien seit dem Versailler Vertrag abgetreten waren, blieb ihre Rückgewinnung ein Kampfplatz nationalkonservativer Ansprüche in der Weimarer Republik und auch des NS-Regimes. Zudem war Deutschland über den italienischen Verbündeten und die Marionettenregierung von Vichy-Frankreich in Afrika und Asien engagiert. Als die Wehrmacht 1940 die französische Kanalküste erreichte, fielen ihr Zehntausende afrikanischer Soldaten in die Hände, die auf allierter Seite gekämpft hatten und es nicht mehr auf die rettende britische Seite des Ärmelkanals geschafft hatten – vermutlich auch, weil es London mit der Hilfe für die gebürtigen Briten eiliger hatte.

Darüber, was damals mit den franko- afrikanischen Gefangenen geschah, berichtet Gaspard Scandariato, einer der etwa 20 Offiziere seiner Einheit, die im Übrigen aus knapp 200 afrikanischen Soldaten bestand: Den Weißen, so Scandariato, befahlen die Deutschen, sich auf den Boden zu legen. Dort hörten sie nur noch das Feuer der Maschinengewehre, mit denen auf die schwarzen Kameraden gehalten wurde. „Nach einer schier endlosen Viertelstunde rührte sich nichts mehr. Da befahlen sie uns, aufzustehen und weiterzumarschieren. Es war entsetzlich, an den Leichen all derer vorbeizugehen, die vor wenigen Augenblicken noch unsere Kampfgefährten gewesen waren.“ Auf die Leichen der 200 toten tirailleurs sénégalais, der „senegalesischen Schützen“, wie Frankreich alle seine afrikanischen Truppen unterschiedslos nannte, warfen die Deutschen Granaten und walzten den Rest mit Panzern nieder. Französische Gefangene berichteten über die besonders grausame Misshandlung afrikanischer Leidensgenossen in den deutschen Kriegsgefangenenlagern – wenn sie überhaupt dort anlangten. So hatte der Gauleiter für Belgien Karl Holz angeordnet, unter ihnen „keine Gefangenen zu machen“, es galt der Befehl, „alle Farbigen auf der Stelle zu töten, da sie stinken“.

Auch über Bayume Mohamed Hussein berichtet das Buch, der in Deutsch-Ostafrika geboren wurde, als Kindersoldat auf deutscher Seite den Ersten Weltkrieg erlebte und Mitte der zwanziger Jahre nach Deutschland kam. Statt ihm den vorenthaltenen Sold zu zahlen, versuchte man ihn abzuschieben. Die Nazis entzogen ihm später ebenso wie seiner aus der Tschechoslowakei stammenden Frau die deutsche Staatsangehörigkeit und verboten ihm, weiter zu arbeiten. Als Ehemann einer „Arierin“ wurde er wegen „Rassenschande“ verfolgt. Er starb 1944 mit 40 Jahren im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Wer auf die Geschichte der Soldaten, zivilen Arbeitskräfte und Toten aus der Dritten Welt im Weltkrieg schaut, dem fällt es schwer, die Guten von den Bösen zu scheiden. Das Vichy-Regime unterdrückte den Widerstand in Afrika, sofern Schwarze ihn leisteten, mit besonders sadistischer Grausamkeit, aber auch die Freien Franzosen de Gaulles gaben Uniformen nach Hautfarbe getrennt aus und speisten die Kolonialtruppen in den Feldküchen mit Billigessen ab, während sie sich selbst Wein einschenkten. „Nicht einmal unsere Essnäpfe durften sich mit denen der Franzosen verbrüdern“, bemerkte dazu sarkastisch Ahmed Ben Bella, der erste Staatspräsident des unabhängigen Algerien. Was in der Armee Seiner britischen Majestät nicht anders war. Die Spanische Republik lehnte die Unabhängigkeit Marokkos ebenso strikt ab wie ihr Feind Franco und ging im Bürgerkrieg kaum weniger verächtlich mit den Kolonisierten um als der Caudillo, dessen Leibgarde, die berüchtigen Moros, in Marokko rekrutiert wurden. Die US-Regierung wiederum ließ Propagandafilme drehen, um zu erklären, warum die zu Hause diskriminierten Schwarzen nun in den Krieg gegen Hitler und die „Japs“ ziehen durften.

Auch an der Front blieben US-Soldaten so weit als möglich nach Farben getrennt. In einem Monatsblatt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung hieß es 1940: „Wir bedauern die Brutalität, das Blut und die Toten unter den Völkern Europas, ebenso wie es uns für China und Äthiopien leid tut. Aber die hysterischen Schreie unserer Demokratieprediger lassen uns kalt. Wir wollen Demokratie in Alabama, Arkansas, Mississippi und Michigan, in Washington – und im Senat der Vereinigten Staaten.“

In den folgenden Jahrzehnten endete Schritt um Schritt nicht nur die Rassentrennung in den USA. Die Erfahrung dieses Krieges veränderte auch im Süden der Welt alles, was bis dahin gegolten hatte. Im Namen von Freiheit und Gleichheit verheizt und dann um die eigene Freiheit und Gleichheit betrogen worden zu sein, befeuerte die Unabhängigkeitsbewegungen in den afrikanischen und asiatischen Ländern, zusammen mit der neuen Gewissheit, dass die Weißen nicht unüberwindlich waren. Ehemalige Kämpfer setzten ihre militärische Erfahrung jetzt für die Befreiung vom Kolonialismus ein.

Doch Vorurteile sind zäher als Armeen. Noch heute wird in der Ersten Welt der Anteil der Dritten Welt an dem, was zwischen 1939 und 1945 geschah, kleingeforscht und kleingeredet – wobei der Krieg in Afrika und Asien früher begann, in China etwa mit dem Einmarsch der Japaner 1937, in Äthiopien mit dem kolonialen Gaskrieg Italiens sogar bereits 1935. In einer ZDF-Dokumentation von 2004 wird über den zentralen Kriegsschauplatz im Südpazifik behauptet, die Inseln dort seien unbewohnt gewesen. Tatsächlich jedoch lebten dort Millionen Menschen, Zehntausende mussten Zwangsarbeit leisten, wurden als Soldaten eingezogen und erlebten eine Zerstörug ihrer Heimat, die bis heute sichtbar ist – ohne dass die Augen der Welt sich darauf richteten wie auf Dresden.

Dass in 45 Minuten der Dokumentation in Wort und Bild nicht ein einziger Insulaner erscheine, auch das, sagt Karl Rössel vom „Rheinischen JournalistInnenbüro“, sei skandalös. Begleitend zum großen Band über den Krieg im Süden der Erde haben Rössel und sein Team Schulmaterial herausgebracht, das sich auch von ihrer Webseite www.3www2.de herunterladen lässt. Einige „sehr erfreuliche“ Erfahrungen habe man schon gemacht, heißt es. Initiativen in ganz Deutschland arbeiteten damit, Bildungsstätten, Jugendzentren, und auch in der Lehrerfortbildung werde es schon eingesetzt. Schulbuchverlage zeigen sich neuerdings vorsichtig interessiert und im bayerischen Landshut landete eine Installation über die Dritte Welt und den Zweiten Weltkrieg sogar mitten auf dem Marktplatz.

Und vom 1. September an, dem offiziellen – europäischen – Gedenktag des Zweiten Weltkriegs, werden einen Monat lang in Berlin eine Ausstellung, Filme, Lesungen, Vorträge und im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals auch das Hip-hop-Musical „À nos morts“ (Für unsere Toten) die andere Geschichte des Krieges erläutern – organisiert vom Verein „AfricAvenir“, einer ursprünglich kamerunischen Gründung, gemeinsam mit dem Kölner Büro.

So war es jedenfalls verabredet. Doch wenige Tage vor der Vernissage zog sich die Neuköllner „Werkstatt der Kulturen“, Mitveranstalterin und erster Ort der bis 2011 geplanten Wanderausstellung, zurück. Ihr passte es nicht, dass auf wenigen Tafeln neben arabischen Antifaschisten und Helfern verfolgter Juden auch die palästinensische Kollaboration mit NS-Deutschland und Mussolinis Italien zum Thema gemacht werden sollte. Die Ausstellung wird nun, gut zehn Tage kürzer, dafür aber unzensiert, in den Uferhallen in Wedding zu sehen sein.

Und auf einmal ist der andere Zweite Weltkrieg wieder ganz nah.

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