Geschichte : Das käufliche Gefühl

Alles so schön heimelig hier. Kerzenlicht, Plätzchenduft, Eisblumen am Fenster. Aber was ist eigentlich noch echt?

Christine Lemke-Matwey

Zunächst ist es nur ein Gefühl. Ein Gefühl, das schon lange sagt: alles gelogen! alles falsch! Egal, ob die Weihnachtsbäume um die Ecke „frisch geschlagen“ aus dem Sauerland stammen, oder ob die mit Schindeln bewehrten Original Tiroler Bauernstandln auf dem Weihnachtsmarkt Kaminwurzn vom Bison anpreisen, von einem amerikanischen Indianerbüffel also, der garantiert nie eine Alm oder einen Berg gesehen hat: Es werden Geschäfte gemacht mit unserer Sehnsucht nach Geborgenheit, nach dem Urwüchsigen und Unverdorbenen, zu Weihnachten besonders glänzende. Und wir lassen uns unsere Sehnsucht etwas kosten. Als gäbe es zumindest ein richtigeres Leben im falschen.

Den Vogel schoss in dieser Beziehung unlängst einer jener Tiroler Weihnachtsbauern ab, als er sich mit der Bitte konfrontiert sah, vom Rehschinken 100 Gramm in Scheiben abzuschneiden. Das sei schlecht, gab der Bursch mit krachenden Rachenlauten zu verstehen, der Schinken trockne dann schnell aus und verliere an Geschmack. Besser am Stück. Praktischerweise gibt es das fertig abgepackt, 200 Gramm für schlappe 30 Euro – „und wenn’s Se’s auspackt hoam, wickeln’s Se’s in Pergament, na koan nix passiern.“ Das Pergamentpapier hielt er wie die Windel Christi in die Höhe, ein Windstoß ließ es mitsamt der Original-Stalllaterne im Hintergrund erzittern. Zu Hause säbelten wir mühsam ein paar Ecken von dem Schinken ab, der Rest versteinerte. Nach wenigen Tagen schon hätte man Silvio Berlusconi mit diesem Ding treffsicher erschlagen können. Wobei nicht ausgemacht ist, ob das Reh aus Süd- oder aus Nordtirol kam.

Doch Spaß beiseite. Um’s Echte ist es uns ernst. Das sagt schon die Etymologie: So rührt das neuhochdeutsche Adjektiv „echt“ vom althochdeutschen „ewahaft“ beziehungsweise mittelhochdeutschen „ehaft“ her, was beides so viel wie gesetzlich, gesetz- oder rechtmäßig, heilig, gerecht meint. In der Neuzeit ergibt sich daraus die Bedeutung unverfälscht oder auch richtig, und wer juristisch bewandert ist, der weiß, dass eine „echte Urkunde“ seit dem 19. Jahrhundert als eine „vom Unterzeichnenden herrührende“ Urkunde gilt. Echt ist demnach, was auf seine Ursprünge verweist. Echt ist, was sich treu bleibt, durch alle noch so verwickelten Zeitläufte hindurch. „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren; / Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren“, dichtet Goethe anno 1808 im „Faust“, und wer würde es wagen, den Meisterdichter und -denker nicht beim Wort zu nehmen.

Je weniger Echtes eine Zeit allerdings selbst hervorbringt, je mehr sie verfälscht, vortäuscht, missbraucht, verdreht und lügt, desto stärker ist das Bedürfnis nach Heilung, Genesung, nach Besinnung und Absolution. Die sauerländischen Tannenbäume wie der Rehschinken aus dem Ötzital gaukeln ja nichts anderes vor, als dass das, was wir tagtäglich an der Welt verbrechen, einstmals wieder gutzumachen wäre. Weil es das Wahre, Gute, Schöne eben doch noch gibt. Wir müssen es nur wahrnehmen und wahrmachen. Und etwas mehr Geld dafür ausgeben.

Auch das spiegelt sich in der Sprache. Wir, die wir selbstverständlich der Ansicht sind, es habe noch nie eine entfremdetere, degeneriertere, kaputtere und virtuellere Zeit gegeben als die jetzige, preisen nichts so laut wie das „Authentische“ (griech. authentikós = echt) – und kreieren nichts so emsig wie Retro-Trends. Jedes Schlagersternchen, jede „Wetten dass ...?“-Assistentin bildet sich etwas darauf ein, authentisch zu sein und also: sie selbst (was über die Qualität des jeweiligen Selbst noch nicht viel sagt). Und sieht der aktuelle Fiat 500 im Vergleich zum legendären Fiat Nuova 500 von 1957 nicht aus wie dessen Sexpuppen- Variante? Ein aufgeblasenes Lifestyle-Schnuckelchen, das mit dem bescheidenen Understatement des Originals weder ästhetisch noch technisch etwas zu tun hat?

Echt, authentisch, retro, original: Im Nu verheddern sich die Begriffe. Und auch das hat etwas zu sagen, wie man am Marketing der Storck AG studieren kann. „Es geschah im Städtchen Werther anno 1909“, steht auf den Packungen der von Storck produzierten Karamellbonbons „Werther’s Original“ zu lesen. „Dort schuf der Zuckerbäcker Gustav Nebel auf der Höhe seines Könnens sein bestes Bonbon. Er nahm frische Sahne, gute Butter, weißen Kristallzucker, goldgelben Kandis, eine Prise Salz und viel Zeit.“ Wer ein bisschen älter ist, kennt die Geschichte noch mit „Werther’s Echte“, so hießen die Plombenzieher nämlich von 1969 bis 1998, fast 30 Jahre lang. Und der erinnert sich auch an den weißlockigen Opa in der Werbung, der seinem Enkel einen jener in Goldpapier gewickelten Bonbons ins Mündchen schob. Weißlockige Opas, dickbäuchige Bäckermeister, Kinder ohne Karies: Der Kitsch- und Kuschelfaktor der ach so guten alten Zeit hat einen medialen Obszönitätsgrad erreicht, der schaudern macht.

Von „Werther’s Echte“ zu „Werther’s Original“: ein Tribut ans internationale Geschäft, an jene 90 Länder, in die exportiert wird. Wer auf dem globalen Süßwarenmarkt kennt schon das deutsche Wörtchen „echt“. 1949 verlegte Storck seine Produktion nach Halle, heute residiert der Konzern in Berlin. Die Zutaten übrigens, wo immer sie zusammengemischt werden, lesen sich furchterregend (am Beispiel von „Werther’s Original Sahnetoffees“): Glukosesirup, gezuckerte, kondensierte Magermilch (21,6%), Zucker, pflanzliches Fett, Feuchthaltemittel Sorbitsirup, Molkenerzeugnis, Sahne (3,8%), kondensierte Süßmolke, Butter (2,4%), Salz, Rohrzuckersirup, Emulgator Sojalecithin, Aroma – fehlt für den Laien eigentlich nur noch E605. Goldgelber Kandis und viiiel Zeit? Meine Großmutter machte ihre Sahnebonbons aus Milch, Sahne, Zucker und Vanille. Das steht einem heute noch frei, auch wenn’s nicht gleich und nicht immer gelingt.

Die Frage ist, ob sich das Echte überhaupt bewahren lässt. Ist das Echte noch echt, wenn es als solches etikettiert wird? Ist es schon unecht, nur weil es etikettiert wird? Darüber wurde viel Linguistik, viel Medien-, Kommunikations- und Spieltheorie getrieben. Das Angebot auf deutschen Weihnachtsmärkten ist deshalb nicht besser geworden, die Fantasie der Autobauer übt sich nach wie vor in Nostalgie. Und was heißt es eigentlich, wenn fast 40 Jahre nach dem Ende der Beatles ihre zwölf Meister-Alben in fulminantem Remastering die Charts stürmen? „Wir haben die Möglichkeit geschaffen, die Beatles so hören zu können, wie sie sich seinerzeit selbst gehört haben“, mit solch mystischen Worten wird der britische Toningenieur Steve Rooke gerne zitiert.

Auch wenn Paul McCartney und Ringo Starr noch am Leben sind: Der Akt, die Originaltonbänder aus dem Tresor der Londoner Abbey-Road-Studios zu holen, hat etwas von einer Reliquienumbettung (der „Spiegel“ spricht prompt von den „Kronjuwelen des Pop“). Näher als Rooke und seine sieben Kollegen, die vier Jahre lang an den Bändern herumgedoktert haben, kann man dem Beatles- Mythos heute nicht mehr kommen. Ein schlichtes Revival jedenfalls sieht selbst im hypesüchtigen 21. Jahrhundert anders aus. Auch preislich: Über 400 Euro kostet die Edition. Ein teurer Weihnachtsspaß in Krisenzeit. Aber Klassiker gehen immer, und wer selbst nichts Echtes hat, der muss es sich eben borgen.

Apropos Krise: Davon ist Weihnachten 2009 wenig zu bemerken. Der Einzelhandel zeigt sich schon vor dem finalen Ansturm hoch zufrieden, selbst die Witterung spielt ein paar Tage lang „früher“, man gönnt sich ja sonst nichts. Allem Gejammer und sämtlichen Wachstumsbeschleunigungsgesetzen zum Trotz: Es gab finsterere, bitterere Zeiten, und das wissen wir auch. Und weil wir das wissen und damit nichts zu tun haben wollen, sorgen wir dafür, dass das Echte jeder sozialen, politischen und historischen Dimension entkleidet wird. Uns interessiert die Oberfläche, alle Lebens- und Arbeitsbedingungen dahinter können uns getrost gestohlen bleiben. Was hat ein Zuckerbäcker weiland wohl verdient, und wie viele hungrige Mäuler musste er zu Hause stopfen? Hat das tirolerische Reh tatsächlich im tirolerischen Wald geäst, um von einem kecken Wilderer erlegt zu werden? Und wissen Sie noch, was für Dreckschleudern die Autos der sechziger Jahre gewesen sind, und wie es sich anfühlt, ohne Servolenkung, ABS und GPS unterwegs zu sein?

Durch extreme Geschmacklosigkeit fällt hier die Internetseite www.weihnachtsmarkt-deutschland.de ins Auge. Der Klimagipfel in Kopenhagen wackelt und kippelt, wir wissen es alle. Der Eisbär wird aussterben, die Alpen erodieren, Hamburg und Bremen im Meer versinken, ganz Spanien versteppen. Wir wissen das alles und lesen: Mit dem Weihnachtsmarkt beginne „die besinnlichste Zeit des Jahres, geprägt von Kerzenlicht und Plätzchenduft, Eisblumen am Fenster, geheimnisvollen Weihnachtsgeschichten, klirrender Kälte und romantischen Nächten am lodernden Kaminfeuer.“ Ja, sind wir denn alle miteinander verrückt geworden?

Es gibt nichts, wofür es keine Zahlen gibt, insofern hat sicher längst jemand ausgerechnet, wie viele Tonnen CO2 ein Unternehmen wie der Dresdner Striezelmarkt in seiner 575-jährigen Geschichte in die Atmosphäre gepustet hat. Was 1434 als freier Fleischmarkt am „Tag vor dem heiligen Christabend“ beginnt, weitet sich bald aus, zeitlich wie von den feilgebotenen Waren her. Der Stollen oder Striezel (Form und Farbe erinnern an das gewickelte Jesuskind), ehedem eine magere vorweihnachtliche Fastenspeise aus Wasser, Hafer und Rapsöl, mutiert dank Butter, Zucker, Trockenfrüchten und Hefe zum schweren Festtagsschmaus. Schon 1648, nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, beginnt hier der Kampf ums Echte – und um die (gewinnbringende) Moral: Die Dresdner Bäcker erstreiten sich das Privileg, nur eigene Stollen auf dem Striezelmarkt verkaufen zu dürfen. 1910 wird die Kinderarbeit an den Ständen abgeschafft, seit 1989 ist „Dresdner Stollen“ eine eingetragene Marke, seit 1997 gilt diese nur mehr für „im Raum Dresden“ Gebackenes, und über das Etikett „Original Dresdner Stollen“ wacht der „Schutzverband Dresdner Stollen e.V.“, zu dem sich 150 sächsische Bäcker und Konditoren zusammengeschlossen haben. Das güldene Verbandssiegel mit Krone und Kontrollnummer zeigt, hoch zu Ross, August den Starken. Wehrhafter kann man allem Unechten, Kompetenzschleicherischen nicht zu Leibe rücken.

Trotzdem gibt es sie natürlich noch, die guten Dinge. Und zwar nicht nur bei Manufactum, dem Kult-Warenhaus für den gehobenen Mittelstand. Auch andernorts wird akribisch getüftelt und gewerkelt, und interessant sind die Fliehkräfte. Ein Beispiel: Die ganze Welt baut Quarzuhren mit chinesischen Plastikgehäusen, deutsche oder französische Fantasiefirmennamen werden erfunden, um Authentizität zu simulieren, echte Wertarbeit. Erneut also lösen sich Bezeichnetes und Bezeichnendes, Oberfläche und Inhalt voneinander ab. Emailleure oder Schriftenmaler aber für „richtige“ Zifferblätter zu finden, klagt Friedrich Bischoff, Charlottenburgs Uhren-Doktor, sei längst ein Ding der Unmöglichkeit. Und nicht das einzige. Seinem Lehrling hat die Handwerkskammer den Zugang zur Prüfung unlängst mit der Begründung verweigert, der Junge habe von Elektronik keine Ahnung. Das ließ sich in drei Wochen leicht beheben. So verschwindet echtes Hand-Werk.

Einerseits. Andererseits brüten im schweizerischen Vallée de Joux Feinmechaniker jahrelang über Tausenden von Einzelteilen, um Uhrenserien wie die „Hybris Mechanica“ hervorzubringen: auf 30 Exemplare limitiert und nur im Dreierpack zu haben. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro (wobei die 200 000 Euro für den dazugehörigen Präsentationstresor nicht mit eingerechnet sind). Ist das nun höchste Handwerks-Kunst oder höchste Dekadenz? Zynismus oder exklusiver Widerstand? Was uns fehlt, ist die Mitte, das Echte in seiner Selbstverständlichkeit. Zwischen dem Einwegprodukt und der millionenschweren Geldanlage klafft ein unüberbrückbares Loch.

Bei Manufactum kostet die teuerste (Wand-)Uhr 5200 Euro, eine schwarze Mechanica M1 von Erwin Sattler: gehärtete Stahltriebe, vergoldete Zahnräder, über offener Flamme gebläute Zeiger. Aus Kostengründen (!) ist das Ganze nur als Bausatz zu haben, d. h. man muss sich die „spannend-entspannte Zeit“ schon nehmen und das Teil eigenhändig zusammenschrauben. Die gesuchte Mitte kann das nicht sein. Seit 2007 übrigens gehört Manufactum zur Otto Group.

Tritt man aus dem Ticke-Tacke von Uhren Bischoff hinaus auf die Pestalozzistraße und dreht sich kurz nach rechts, hat man die Klinke von Paul Walds winzigem Marzipanlädchen in der Hand. Goldene Schrift auf grünem Grund, altrosa Tapete, in der Auslage kleine Tabletts mit Teekonfekt, Herzen, Kartoffeln, Broten, Pralinen, jedes Stück einzeln von Hand gemacht, täglich frisch. Die alkoholischen werden in buntes Stanniolpapier gewickelt, was dem schummrigen Ambiente ein Glitzern aufsteckt, an den Wänden hängen Fotos aus dem alten Königsberg und vergilbte Zeitungsausschnitte: von der „Reichsmeisterschaft“ 1939, von prominenten Kunden im Nachkriegs-Berlin. Den Laden gibt es seit 1947, die hauseigene Marzipan-Rezeptur wurde zuletzt 1949 leicht modifiziert. Das Noble, sagt Geschäftsführer Ralf Bentlin, angeheirateter Schwiegersohn in der zweiten Generation, grauer Mecki, habe immer Konjunktur. Bei Ryan Air ist Wald neuerdings vertreten, in einer Frauenzeitschrift in Dubai hatten sie einen Bericht, und die Homepage wurde auch renoviert.

Im Frühling ist aber erst einmal die Ladentheke dran, sonst kriegt Bentlin es ernsthaft im Kreuz. Tante, Schwägerin, alle, die vor ihm hier Tütchen gepackt und Etiketten geklebt haben, waren kleiner als er. Hat er keine Angst, dass das Online-Business die Kapazitäten übersteigt? Der Konditor lugt vorsichtig über seine Brille. Nee, verkauft wird, was es gibt. Und ist das Echte nicht auch echt, weil’s manchmal einfach aus ist?

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