Geschichte : Das Lied von Liebe, Verrat und Verderben

Der Tango stirbt zuletzt: Eine Reise nach Buenos Aires, wo sich Seele und Folklore, bittere Armut und großes Geld erstaunlich gut vertragen

Helmut Schümann

Arbeitsbeginn ist gegen sieben, wenn die Sonne gegangen ist und Dunkelheit das Elend bedeckt. Dann kommen sie aus ihren Slums in den Vorstädten, die Cartoneros, eingepfercht in ranzigen Zügen, ausgespuckt an der Estacion Retiro, der Estacion Constitución, Bahnhöfe der Hauptstadt, in Scharen kommen sie und fallen über die Müllsäcke von Buenos Aires her.

Man kann sie in San Telmo sehen, diesem wunderbaren kleinen Viertel im Süden des Microcentros, mit seinen steinalten Cafés, den kolonialen Häusern, mit seinen Bäumen, den entspannten Menschen auf der Plaza Dorrego und mit seinem Tango – da fleddern sie an der Ecke zur Avenida Independencia die Säcke auf der Suche nach Verwertbarem.

Oder man sieht sie in Palermo, dem Viertel der Botschaften, wo das Geld auf den Platanen wächst, so prachtvoll sind die Villen. Möglicherweise ist hier auch der Müll üppiger und ertragreicher. Und vielleicht ist hier der Tango, der aus den Cafés und Buden des Flohmarktes vor den Toren des Friedhofes de la Recoleta schallt, ebenfalls gehaltvoller.

Sie durchwühlen den Dreck neben dem berühmten Café Tortoni, in dem Jorge Luis Borges zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu seinen Geschichten einen Cortado, den Milchkaffee, schlürfte und es in Pappmaschee hinten rechts in der Ecke noch heute tut. Mit Blick auf den Nebenraum, in dem an den Wochenenden die kunstvollen Tangoshows geboten werden.

Als Hundertschaft durchforsten die Müllsammler die Ränder der Plaza de Mayo, auf der einst die Mütter der Diktatur widerstanden. Ihr Protest findet sich in Form von aufgemalten weißen Kopftüchern auf dem Pflaster dokumentiert. Das war die Zeit, in der der Tango seinen Platz verloren hatte im Leben und nur im Exil Ausdruck war für das Leid und die Trauer Argentiniens.

Ab sieben Uhr abends sind die Cartoneros allgegenwärtig in Buenos Aires.

Wie viele es sind, ist schwer zu sagen. Unicef Argentina hat 2005 mal 8762 solcher Recycler in Buenos Aires gezählt. Das war, als es Argentinien wirtschaftlich wieder besser ging nach dem Zusammenbruch zur Jahrtausendwende. Heute geht es dem Land wieder schlechter, und die 100 000 Familien, die nach Schätzung der selbst verwalteten Müllsammler-Kooperative Nuevo Rumbo im Großraum Buenos Aires vom Wühlen im Unrat leben müssen, kommen der nach eigener Anschauung gefühlten Zahl wesentlich näher.

Und was hat alles das mit Tango zu tun? Nichts, außer vielleicht, dass auch der allgegenwärtig ist in Buenos Aires, und dass der Tango und die Cartoneros an zwei Enden des argentinischen Selbstverständnisses im neuen Jahrtausend stehen, nicht als pittoresker Gegensatz, nicht als Pole, sondern nebeneinander, schmutzig am einen Ende, elegant am anderen. Am hintersten Ende, da sitzen allerdings die, die nicht mal den Müll haben und keine Kraft mehr, die Obdachlosen, Kinder, Mütter, Junge, Alte, auch die sind allgegenwärtig in den Straßen, auf den Parkbänken, vor den Portalen. Auch die sind argentinische Gegenwart.

Die Reise des Reporters wird auf Einladung einer Tangoshow durchgeführt, „Tanguera“, ein Musical. Den Juli über wird die Show in Berlin in der Staatsoper Unter den Linden gastieren. Darin wird die etwas kitschig-klischeehafte Geschichte von Giselle erzählt, einer jungen, schönen Französin, Immigrantin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gestrandet in La Boca, dem alten Hafen- und Bordellviertel, verführt von dem Drogenhändler und Zuhälter Gaudencio und in die Prostitution getrieben, umworben und geliebt vom aufrechten Dockarbeiter Lorenzo – mal sehen, wie die Geschichte ausgeht. Bleibt der Tango sich treu, muss es wohl ein schlechtes Ende nehmen. Man kann davon ausgehen, dass die Show ein grandioser Erfolg sein wird, Schirmherr der Veranstaltung ist der Dirigent Daniel Barenboim, und der versteht etwas von Gefühl und Musik.

Als Barenboim vor einem Jahr mit der Berliner Staatskapelle in seiner Geburtsstadt Buenos Aires gastierte, waren die Tangobars Pflichtorte, weil er den Tango fühlen wollte, diese „Geschichten aus Liebe, Verrat und Verderben“, wie er in einem Grußwort zum Musical schreibt. „Wohl nirgends ist die Liebe so kompromisslos wie in diesem Tanz. Nirgends die Tragik so schön wie in dieser Musik.“

In La Boca, heißt es, sei der Tango geboren. Angeblich in den Kneipen der Calle Necochea, als Tanz gegen das Elend und die Einsamkeit der Einwanderer aus Italien und Spanien. Es ist heute nicht geboten, den Ursprung des Tangos in ebendiesen Kneipen aufzuspüren. Zum einen, weil wegen der hohen Kriminalität in La Boca von einem Besuch dringend abgeraten wird; zum anderen, weil man als reisender Europäer ein lohnendes Objekt gegen die Armut in La Boca ist. Der Mut zur journalistischen Selbsterfahrung war an diesem Morgen auf jeden Fall schnell verflogen.

Den Tango bekommt man dennoch zu sehen, gleich um die Ecke des Bösen, in El Caminito. Die Häuser haben bunte Fassaden, in den Häusern sind Geschäfte, in denen all der Nippes verkauft wird, der den Touristen als Kunsthandwerk angepriesen wird: Becher für den Mate-Tee, Tango-Figuren in allen erdenklichen Größen und Materialien, bunte Häuser auf Bild, Stoff oder Leinwand. Und neben den Schnickschnack-Läden liegen die Restaurants, die ihre Gerichte stets mit dem Attribut „tipico“ anbieten.

Von den Dächern der Häuser grüßen die drei Hauptfiguren argentinischen Schaffens: Carlos Gardel, der Tangomusiker „mit der Träne in der Kehle“, Evita Peron mit dem melancholischen Blick fürs Volk und Diego Maradona mit der Hand Gottes. Und vor den Häusern tanzen sie den Tango, vor jedem Haus ein anderes Paar, und alle mit dem gleichen langweiligen Blick der Routine. Der Herr guckt streng, die Dame lasziv. Der Tango von El Caminito ist Touristenattraktion, pure Pose, „ein Fake, nicht mal mehr urbane Folklore“, wie Carlos Patané sagt, ausführender Produzent von „Tanguera“.

Man kann sich gegen Geld fotografieren lassen in starrer Haltung mit einer der schönen Tänzerinnen im Arm. Man kann auch den Kopf durch eine Holzwand stecken, auf die ein tanzendes Paar gemalt ist. Man kann sich in El Caminito aber auch fragen, ob denn die Allgegenwart des Tangos in Buenos Aires nicht nur eine Echtheit vortäuscht, die die Cartoneros unzweifelhaft haben.

Dem ersten König des Tangos, Carlos Gardel, einem gebürtigen Franzosen, der in den zwanziger Jahren zum Herzerweichen zur Musik schmachtete, haben sie im Stadtteil Abasto ein kleines Museum eingerichtet. Museum ist ein etwas zu großes Wort für das kleine Haus, in dem Gardel bis zu seinem frühen Tod mit 45 Jahren zusammen mit seiner Mutter wohnte. Eintrittskarten, ein paar Notenblätter, Schellackplatten sind ausgestellt, per Video werden alte Filme mit Gardel eingespielt, im Nebenraum ist zu besichtigen, wo die Mutter für den Sohn kochte, und wo der Star die Notdurft verrichtete, auch das darf man einsehen. Ein wenig wirkt das Museo Casa Carlos Gardel wie die Devotionaliensammlung eines Fanclubs, und dass der Held, wie auf Filmplakaten und Fotos zu sehen, sich gerne als Gaucho verkleidete und auftrat, das erinnert ein bisschen an Freddy Quinn, den singenden Seemann aus Österreich.

Beim unkundigen Europäer auf seinem Kurztrip kommt der vielleicht vorschnelle Verdacht auf, dass es sich beim Tango dieser Tage und seiner Verramschung wohl doch nur um die argentinische Variante des Musikantenstadls handelt, ein florierender Unterhaltungsindustriezweig, dem das Herz und die Seele verloren gegangen sind. Mit dem wahrscheinlich entscheidenden Unterschied, dass auch schon Gardel von keiner heilen Welt sang, sondern von „Mi noche triste“, seiner traurigen Nacht, in seinem berühmtesten Lied von vergeblicher Lust und unerfüllten Leidenschaften und vom Leid auf der untersten Stufe der sozialen Leiter.

Am Wochenende ist auf der Plaza Dorrego und in den Gassen von San Telmo der Teufel los. Auf dem Platz findet ein Flohmarkt statt, Nippes ist kaum zu haben, aber hochwertige Antiquitäten, Mode-Accessoires, die schon in der Blüte des Tangos in den zwanziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts geschmückt haben dürften. Ein Markt der besten Art ist das hier, gegen den der Markt am 17. Juni in Berlin ein überteuerter Souvenirshop ist, die Plaza und die Straßen sind schwarz von Menschen. Und es tönt der Tango, manchmal schallt er vom Band, meistens wird er von Hand gemacht. In der Calle Humberto I. steht das Orquesta El Afronte, junge Leute an Klavier, Gitarre, Geigen, und sechs sitzen auf Hockern und spielen Bandoneon. Werke von Astor Piazzolla kommen zum Vortrag, dem Erneuerer des Tangos in den sechziger Jahren. Weit sind die Töne zu hören, so als trügen sie die Massen durch die Gassen, so als fänden sie in all dem Trubel doch auch die Saiten der Melancholie und Rührung. Schön.

Auf der Plaza tanzen Profis, gekonnt, perfekt, und sammeln nachher mit dem Hut den Lohn für die Darbietung. Vor dem Orquesta El Afronte tanzt ein junges Paar, ohne einstudierte Choreografie, aber mit Inbrunst, mit Leidenschaft und Liebe. Wunderschön. „Muss man“, schreibt Daniel Barenboim, „wie der großartige Tango-Erneuerer Astor Piazzolla einmal behauptet hat, in Buenos Aires geboren sein, um den Tango fühlen zu können? Von Nachteil ist es zumindest nicht.“ Aber es ist, und das wird an diesem wuseligen Sonntag in San Telmo spürbar, nicht zwingend notwendig.

Und es ist auch am Montag noch spürbar, wenn in San Telmo der Alltag herrscht, in der wunderschönen Markthalle die Einheimischen einkaufen und die Plaza Dorrego zur Oase wird und zur Idylle inmitten der brüllend lauten, dreckigen, aber ungemein vitalen Hauptstadt. Dann tanzen zwischen den Cafés auch abwechselnd zwei Paare Tango, auch sie Profis, auch sie sammeln einen Obulus ein, und warum auch nicht, wo sie doch keine leeren Versprechungen machen, nicht posieren, nur tanzen, tanzen, tanzen zur manchmal etwas scheppernden Musik aus einer mobilen Anlage. Ein Abschleppwagen rumpelt die Avenida de Defensa entlang, der Fahrer hält an mitten auf der Straße, er schaut dem Tanz zu, der Verkehr staut sich, niemand stört sich daran.

An einem der Cafétische hockt eine alte Frau, fast haarlos, gelb im Gesicht, gebeugt, verkrüppelt. Bei ihr sitzen zwei ältere Frauen, um die 60 Jahre alt, möglicherweise ihre Töchter. Die Alte winkt das Tanzpaar zu sich, wünscht sich ein Lied, das Paar lächelt, verbeugt sich, sie haben das Lied gespeichert, sie tanzen für die alte Frau. Und da glitzern ihre Augen, ja, vielleicht war es so, damals, als sie noch selber ein junges Ding war und umworben wurde von ihrem Lorenzo, vielleicht dem Vater ihrer beiden Töchter. „Nirgends ist die Tragik so schön wie in dieser Musik.“ Wie hier in San Telmo, gleich neben La Boca, dem alten, heruntergekommenen Hafen.

Der neue Hafen heißt Puerto Madero und hat Buenos Aires einerseits wieder geöffnet zu den Wassern des Rio de la Plata, aber andererseits der alten Stadt den Rücken zugekehrt mit seinen Hochhäusern aus viel Glas und Stahl, mit Designer-Geschäften, teuren Hotels und ebensolchen Restaurants. Gegenüber steht die Casa Rosada, der Präsidentenpalast, der auf den Resten der alten Stadtbefestigung erbaut wurde. Staatspräsidentin Cristina Kirchner hat hier ihren Sitz und fliegt täglich mit dem Helikopter zur Arbeit ein. Ein Umweltbewusstsein, das inmitten der ungefilterten Abgase der Hauptstadt fast programmatisch wirkt. Die Avenida Alicia Moreau de Justo trennt die Historie von der Moderne des Hafens, und sie trennt sie mit ihrem vielspurigen Verkehr so gründlich, dass ein Übertritt zu Fuß nur unter Lebensgefahr möglich ist. Vielleicht auch ein Grund, warum in Puerto Madero keine Cartoneros zu sehen sind, obwohl die dortigen Müllsäcke gewiss die prallsten der Stadt sind. Der Tango allerdings, der ist im neuen Hafen auch so gut wie nicht vertreten. Lediglich am äußersten Rand der Hafenbecken, da, wo keine Glitzerbauten mehr stehen und der alte Hafen La Boca anfängt, bittet Madero Tango, ein Revuetheater, zum Tanz.

„Aber nein“, sagt Carla Chimento, „der Tango wird nicht untergehen, er ist kein Kinderspiel, weil er Sex ist, er ist stark, weil er das Leben ist.“ Carla ist Tänzerin, im Musical „Tanguera“ spielt und tanzt sie die Puffmutter. Und wenn man sich eine Puffmutter als alte, böse und hässliche Frau vorstellt, dann ist sie eine krasse Fehlbesetzung. Ansonsten ist sie seit zwei Jahrzehnten eine der führenden Tangotänzerinnen des Landes, und wenn sie nicht professionell tanzt, besucht sie Milongas. Milongas sind Tanzveranstaltungen, unzureichend mit den Tanztees der fünfziger und sechziger Jahre zu vergleichen. An diesem Abend hat der Sunderland Club im Stadtteil Villa Urquiza zur Milonga geladen. Ein Nachbarschaftsclub ist dies, bietet Gesellschaft, Kontakte und Sport in einer eigenen kleinen Turnhalle. Und an diesem Abend stockt einem in dieser Turnhalle der Atem, weil die Intimität so groß ist, weil die Würde jedes einzelnen Tänzers und jeder einzelnen Tänzerin unantastbar scheint, weil die Seele greifbar ist.

Die Halle ist hell, zwei speckige Basketballkörbe hängen von der Decke herunter, an den Wänden prangen Reklameschilder von lokalen Handwerksbetrieben, und um die Tanzfläche herum sind Biergartentische weiß eingedeckt. Es wird Wein gereicht, Kleinigkeiten zum Essen, Speis und Trank sind unwichtig, weil hier der Tango die Mitte des Lebens ist. Es ist ergreifend, es ist ergreifend schön, zu sehen, wie hier vielleicht achtzig Jahre alte Männer im Streifenanzug und vielleicht achtzig Jahre alte Frauen auf hochhackigen Schuhen und in engen Kleidern sich ihre Leidenschaft bewahrt haben. Es sind die Alten da, es sind junge Tänzer da, sie alle sind Tangueras, Tangotänzer voller Glückseligkeit und Selbstverständlichkeit. Und als der Morgen graut und Carla Chimento nach durchtanzter Nacht wieder ins Freie tritt, da sind auch die Cartoneros noch bei der Arbeit. Auch das wie selbstverständlich.

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