Geschichte : Der Krisenmanager

Lange galt Jean Calvin als geistiger Vater des enthemmten Kapitalismus. Zum 500. Geburtstag erfährt der Kirchenmann eine Rehabilitation

Andrea Nüsse
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15. Jh.

Die 50-Dollar-Note ziert nicht das Porträt des US-Präsidenten Ulysses S. Grant. Auf ihr prangt Jean (Johannes) Calvin. Der hagere Reformator aus Genf, der vermeintliche Vater des Kapitalismus. Auf den Markt gebracht haben diesen falschen Dollarschein die Evangelische Kirche und der Reformierte Bund in Deutschland – eingerollt in einem Kugelschreiber, der für 1,95 Euro online zu bestellen ist. Mit dieser Werbeaktion stellt sich die Kirche zum 500. Geburtstag des Reformators, der in die größte Wirtschafts- und Finanzkrise seit den zwanziger Jahren fällt, der unausweichlichen Debatte: Ist Calvin, der das Zinsverbot der katholischen Kirche aufhob und das protestantische Arbeitsethos entscheidend prägte, schuld an den Auswüchsen des Kapitalismus, die derzeit die Welt erschüttern? Auf der Rückseite des falschen Geldscheins steht die bündige Antwort der Kirchen: „Nein“.

Dem französischen Humanisten und Reformator Calvin schlägt zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein überraschendes Interesse entgegen. Vergessen ist zumeist, dass der Flüchtling ab 1541 die damalige Provinzstadt Genf in ein intellektuelles Zentrum Europas verwandelte. Zum Allgemeinwissen im eher lutherischen Deutschland gehört vielleicht noch, dass sich auf Calvins Lehre die Reformierte Kirche begründete. Ansonsten ist den meisten Calvin aus dem Schulunterricht eher vage als ein Despot und Asket in Erinnerung. Kein Tanz, keine Lust, strenge Kirchenzucht – Züge, die dem modernen Menschen wohl eher fremd sind. Negativ geprägt hat unser Bild auch die Novelle Stefan Zweigs „Ein Gewissen gegen die Gewalt. Castellio gegen Calvin“. Geschrieben zur Zeit des Nationalsozialismus, hat Zweig den Zuchtmeister Calvin stellvertretend für den Diktator Hitler sprechen lassen. Soziologiestudenten sind später über Calvin gestolpert, als sie Max Webers Studie „Das protestantische Arbeitsethos und der Geist des Kapitalismus“ in die Hand bekamen. Seither irrlichtert Calvin als geistiger Übervater des Kapitalismus durch die Köpfe. Doch fünf Jahrhunderte nach seiner Geburt am 10. Juli 1509 im französischen Noyon findet sich eine ungewöhnliche Allianz aus Kirchen und Schweizer Privatbankern, die den wenig geliebten Prediger rehabilitiert. Und die in seiner wirtschaftsethischen Lehre eher Antworten als Ursachen für die Finanz- und Wirtschaftskrise findet.

So versucht der Reformierte Bund auf seiner Website mit den „peinlichsten Fehlurteilen“ aufzuräumen. In Vorträgen und Festschriften werden die Zusammenhänge von Ideengeschichte und Finanzkrise erörtert. Der Reformierte Weltbund hat einen Preis ausgeschrieben für den besten Essay zum Thema: „Was würde Calvin dazu sagen? Verantwortlich haushalten angesichts der heutigen Umwelt- und Finanzkrise“. 1000 US-Dollar für die beste Antwort.

Währenddessen tun sich Banker und Wirtschaftsbosse noch schwer damit, überhaupt darüber nachzudenken, was schiefgelaufen ist. Ihre Protagonisten, allen voran der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Joseph Ackermann, stehen für den entfesselten und moralfreien Kapitalismus. Sein Victory-Zeichen ist zum Symbol der „Arroganz der Mächtigen“ geworden. Der in Mels im Nordosten der Schweiz geborene Banker scheint nur sehr dürftig geprägt von der Wirtschaftsethik zu sein, die der gebürtige Franzose Jean Calvin am anderen Ende der Schweiz, in Genf, entwickelte. Und in der die Kräfte des freien Marktes fest eingebettet sind in ein moralisches und soziales Konzept.

Die Schweizer Privatbanken dagegen fühlen sich Calvin und dessen Erbe klar verbunden. Gegründet wurden sie zumeist von protestantischen Hugenotten, die sich – aus Frankreich vertrieben – am Genfer See niederließen. Die wohl größte Privatbank Pictet & Cie hat das 2005 eröffnete Musée de la Réforme in Genf größtenteils finanziert. Auch bei der Privatbank Wegelin, die mit ihrer Gründung 1741 als älteste der Schweiz gilt, ist Calvin im Jahr 2009 präsent. In Geschäftsführer Beat Stöckli vereinen sich beide Welten: Der 36-Jährige leitet die Niederlassung Schaffhausen, haftet als Geschäftsführer mit einem Großteil seines Privatvermögens und ist gleichzeitig Präsident der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde in Schaffhausen und mit der Organisation zahlreicher Jubiläumsveranstaltungen in diesem Jahr beschäftigt. „Wir haben kein Bildnis des Reformers im Sitzungssaal hängen“, sagt der Banker. „Aber Geist und Grundsätze Calvins gelten für uns bis heute.“ Als Kernthema in Calvins Wirtschaftsethik macht Stöckli ein „gesundes Gleichgewicht aus: Keine Rendite ohne Risiko, kein Salär ohne Arbeit, kein blinder Konsum vom Gewinn“.

Calvin habe harte Arbeit, Nachhaltigkeit und Reinvestition gepredigt – diesem Motto fühlten sich die Schweizer Privatbanken verpflichtet. Und durch die Krise bestätigt. „Wir profitieren von der Krise“, sagt Stöckli. Die Kunden verstünden langsam, dass es keine risikofreie Rendite gebe. Kundengespräche in den vergangenen Jahren seien oft mühsam gewesen, weil die Kunden zweistellige Renditen wünschten, wohingegen die Wegelin-Bank immer zunächst die Risiken aufzeigen wollte. Die Bank habe sich bewusst gegen den Einstieg in US-Immobiliengeschäfte entschieden. „Die Versuchung der Überrendite hat sich nun als Irrweg erwiesen“, sagt Stöckli. Das Modell der Glücksritter des schnellen Geldes anglo-amerikanischer Prägung hat versagt. Stöckli findet Calvin aktueller denn je. „In der Krise müssen vergessene Tugenden, die schon Calvin predigte, reaktiviert werden.“ Weg vom Pumpkapitalismus zurück zum Spar- und Investitionskapitalismus. Schluss mit dem wilden Konsum und faulen Krediten, zurück zu harter Arbeit. Mehr Verantwortung für Eigentum, Besitz und Gewinn. Diese zeigt sich bei der Wegelin-Bank darin, dass die Geschäftsführer in unterschiedlicher Form gleichzeitig Eigentümer und mit ihrem gesamten oder einem Teil ihres Vermögens haften. „Das bietet die größte Sicherheit, weil die Manager an Nachhaltigkeit interessiert sind.“ Auch in dieser Struktur sei ein Prinzip Calvins verwirklicht.

Aber ist nicht Calvin zumindest mitschuldig an der Entwicklung undurchschaubarer Finanzinstrumente wie Hedge-Fonds, weil er den Zins überhaupt zugelassen hat? Bis zur Reformzeit war mehrheitlich das Zinsverbot gültig, das im Alten Testament begründet ist. Calvin hob es 1545 auf und reagierte damit auf die Umwälzungen, die mit dem Aufschwung nach 25 Millionen Pesttoten, nach Agrar- und Hungerkrisen folgten: Columbus entdeckte 1492 Amerika, Vasco da Gama erreichte 1499 Indien und damit entwickelten sich weltweiter Handel und Warentausch. Die Augsburger Fugger oder die Florentiner di Medici-Dynastien waren die ersten „global player“. Mobiles Geld wurde neben Arbeit und Boden ein wesentlicher Produktionsfaktor. Trotz offiziellem Zinsverbot kassierten die Fugger wucherähnliche Wechselkurse, organisierten den Geldtransfer aus dem Ablasshandel. Die katholische Kirche war diskreditiert durch ihre Doppelmoral: Einerseits Festhalten am alttestamentarischen Zinsverbot, faktisch aber tolerierte und nutzte sie selbst die Zinsnahme.

Die Antwort Calvins auf diesen Wildwuchs war „Ja, aber“. Dies betont der Theologe Christoph Stückelberger, der an der Universität Basel Ethik lehrt. Calvin habe auf die neuen Anforderungen des Wirtschaftslebens reagiert und versucht, sie mit der Moral in Einklang zu bringen. „Seine wesentliche Leistung war es, der Bibel treu zu bleiben und eine Brücke zur Moderne zu bauen.“ Das Zinsnehmen könne dem Gemeinwohl dienen, müsse aber Gottes Geist und der „Regel der Gerechtigkeit“ entsprechen. Schließlich unterstütze er ein gewisses Geldleihen mit Zinsen, macht aber sofort Einschränkungen: Kein höherer Zins als fünf Prozent, zinsfreie Kredite für Arme, wenn sie sich in einer Notlage befinden. Gewinn müsse auch karitativ eingesetzt werden. Der Gläubiger dürfe nicht mehr verdienen als das, was der Schuldner mit dem Kapital erwirtschaften kann. Calvins Ethik sei immer „gemeinschaftsbezogen“ gewesen. Allerdings sieht Stückelberger auch, dass Calvin gewollt oder ungewollt Kräfte freigesetzt hat, „die im Neoliberalismus überborden“.

Wie bei vielen großen geistesgeschichtlichen Ideengebäuden scheinen sich hier einzelne Elemente verselbständigt zu haben. Dies gilt auch in der Frage des protestantischen Berufsethos, das Calvin entscheidend mitgeprägt hat. Doch es war der deutsche Reformator Martin Luther, der den Begriff des Berufs neu definierte. Sein Konzept des „allgemeinen Priestertums“ beendete die bisherige Unterscheidung von Klerus und Laien. Für Luther kann jeder Mensch durch seine Tätigkeit Gottesdienst ausüben. Diese These verknüpfte Luther mit der Übersetzung der Paulus-Aussage, jeder soll „in dem Beruf“ bleiben „darinnen er berufen ist“ (1. Kor7,20). Berufsarbeit als Gottesdienst. Für Calvin antwortet der Christ mit seinem Streben nach beruflichem Erfolg auf die göttliche Erwählung. Erst unter Calvins Nachfolgern und im englischen Puritanismus wurde daraus die These, dass der Mensch an seinem beruflichen Erfolg ablesen könne, ob er von Gott erwählt sei oder nicht. Dies führte zu Disziplin und harter Arbeit bei gleichzeitigem Verzicht auf sofortige Befriedigung.

In dieser Entwicklung sah Max Weber in seiner These vom „protestantischen Arbeitsethos“ eine der Grundlagen für die kapitalistische Leistungsgesellschaft. Viel ist Weber gescholten worden: Er habe nur einmal Calvin zitiert in seiner Analyse „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ aus dem Jahr 1904. Daher habe er eher die Vertreter des englischen Puritanismus vor Augen gehabt, nicht aber den Calvinismus in Kontinentaleuropa. Dennoch ist zumindest eine Wahlverwandtschaft zwischen diesem Ethos und den Kräften, die zur Verbreitung des Kapitalismus nötig waren, nicht von der Hand zu weisen.

Doch irgendwann brach die religiöse Grundlage weg, welche die „kapitalistischen Aspekte“ im Zaum gehalten hatte. Stattdessen häuften die Menschen mit den Sekundärtugenden Fleiß, Sparsamkeit und Ordnung Wohlstand und Geld an – und in der Freizeit, jenseits der Arbeit, wurde durch die neue Konsumkultur genau das Gegenteil verlangt: Hedonismus und Geld ausgeben. Menschen arbeiten hart, um überflüssige Dinge zu schaffen und zu konsumieren. Der amerikanische Soziologe Daniel Bell hat diesen Widerspruch früh analysiert und macht ihn für Amerika in den zwanziger Jahren fest, als durch die technische Revolution des Fließbandes Luxusgüter plötzlich auch für mittlere Gesellschaftsschichten zu haben waren. Damit einher ging die Ratenzahlung, die Kauf auf Pump ermöglichte. Statussymbole zählen, weniger die Arbeit. Der Lebensstandard wird zur treibenden Kraft, nicht mehr Gnadenwahl oder der Dienst an Gott. Losgelöst von Glaube und Gottesverständnis hat das Wachstum um jeden Preis mittlerweile teilweise religiösen Charakter erhalten.

Ist nun eine Besinnung auf die protestantische Ethik und die Sozialethik in Calvins Wirtschaftslehre die Lösung der Krise? Das Strafinstrumentarium der Kirche steht nicht mehr zur Verfügung. Der drohende Ausschluss vom Abendmahl, von Calvin als Zuchtmittel benutzt, diszipliniert nicht mehr. Auch die Entlohnung im Jenseits ist für die meisten Menschen kein Anreiz mehr. Aber der Banker Stöckli von der Wegelin-Bank meint, man könne die Lehre für heute ins „Säkulare“ übersetzen: „Es ist nie einer allein, der es geschafft hat, ein Unternehmen erfolgreich zu gestalten“. Diese Einsicht müsste zu neuer Bescheidenheit führen. Und sich in reduzierten Managergehältern niederschlagen.

Auch der vor zwei Wochen verstorbene Soziologe Lord Ralf Dahrendorf hat sich in einem seiner letzten Aufsätze in der Zeitschrift „Merkur“ im Mai dieser Frage gewidmet. Eine simple Rückkehr zur „protestantischen Ethik seligen Andenkens“ hielt er für unwahrscheinlich. Doch sah er eine „Wiederbelebung alter Tugenden als möglich und wünschenswert“ an. Insbesondere der Gedanke der Langfristigkeit, der im Jenseitsglauben enthalten ist, scheint ihm attraktiv zu sein. Dahrendorf fordert ein neues Verhältnis zur Zeit. Dies sei der Kern der neuen Mentalität, welche die Welt angesichts von Klimawandel und Wirtschaftskrisen brauche. Realistisch setzt er aber, anders als Calvin, nicht auf die Ewigkeit: „Es geht um überschaubare Zeiträume, also Jahrzehnte, nicht Jahrhunderte.“ Praktisch verstand er darunter, Managergehälter an längerfristige Errungenschaften zu koppeln und die Stärkung der Interessen der „stakeholder“, der Kunden, Zulieferer und Bewohner von Gemeinden, in denen Unternehmen tätig sind.

Vielleicht ist die Rückbesinnung auf alte Tugenden, die schon der Genfer Reformator gelehrt hat, gar nicht so schwierig. Weil viele Menschen calvinistischer geprägt sind als sie glauben. Dies hat die Amsterdamer Tageszeitung „Trouw“ zumindest für die Niederlande festgestellt, in denen die reformierten Gedanken historisch schnell Fuß fassten. Dank eines Quiz’ mit dem Titel „C-Faktor“, das auf Deutsch auch auf der Calvin-Website des Reformierten Bundes in Deutschland zu finden ist. Hier müssen Fragen beantwortet werden wie „Erwarte ich im Streit von meinem Kontrahenten stichhaltige Argumente?“ oder „Geben Sie viel für gutes Essen und Trinken aus?“ oder „Bereitet strenge Erziehung Kinder gut auf das Leben vor?“. Das Ergebnis überrascht: Durchschnittlich kamen die Teilnehmer auf 56 von 100 Punkten. Die Gruppe der jüngeren Menschen zwischen 20 und 30 Jahren entpuppte sich als die besseren Calvinisten, sie kamen im Schnitt auf 65 Punkte. Der Wissenschaftler Joke van Saane, der das Quiz für die Zeitung ausarbeitete, kommentiert: „Besinnung auf das Wesentliche. Die jungen Menschen fühlen den Geist der Zeit.“

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