Geschichte : Der verlorene Sieg

Der Sechs-Tage-Krieg: Das kleine Israel bezwang seine arabischen Nachbarn 1967 im Handstreich. Mit dem Erbe dieses Triumphs kämpft das Land noch heute.

Thomas Speckmann

Die Entscheidung fällt an einem Sonntag. Es ist der 4. Juni 1967. Israels Minister beschließen die Teilnahme an einer diplomatischen Konferenz in Schweden und ein Kulturabkommen mit Belgien. Doch das ist Tarnung. Außenminister Abba Eban informiert seine Kollegen über den eigentlichen Grund des Treffens: Die USA haben Israel ihre Zustimmung gegeben, den Krieg zu eröffnen. In der Entschließung des israelischen Kabinetts heißt es, Israel gehe gegen einen „sich um das Land zuziehenden Ring der Aggression“ vor.

Einen Tag später donnern zwei Geschwader Jagdflugzeuge vom Typ Mystère im Tiefflug über den Soldaten Jehoschua Bar-Dayan hinweg. „Ich glaube, der Krieg hat begonnen“, schreibt er um 7 Uhr 45 in sein Tagebuch. Als er 45 Minuten später den nächsten Eintrag macht, ist der Krieg schon fast gewonnen: Die Kampfjets haben Hunderte ägyptische Maschinen sowjetischer Bauart zerstört, die meisten noch am Boden auf ihren Stützpunkten.

Bar-Dayan und seine Kameraden der 7. Division ziehen die Tarnnetze von ihren Panzern und werfen die Motoren an. Bar-Dayan notiert: „Ich hoffe, wir siegen, und zwar schnell.“ Er wird nicht enttäuscht: Nach dem Verlust der Luftwaffe ist die Lage der Ägypter im Sinai aussichtslos. Syrien und Jordanien ergeht es ähnlich, auch ihre Luftstreitkräfte werden vernichtet, bevor sie in die Kämpfe eingreifen können. Innerhalb von nur wenigen Stunden hat sich Israel die Luftüberlegenheit gesichert. „Noch nie zuvor“, heißt es in einem Regimentstagebuch des Südkommandos, „haben so wenige Piloten so viele Flugzeuge in so kurzer Zeit zerstört.“ Israels Zeitungen jubeln: „Gut gemacht! Gut gemacht!“, schreibt „Ma’ariv“.

Unter dem Kommando von Verteidigungsminister Moshe Dajan und Generalstabschef Jitzchak Rabin rücken israelische Panzer im Sinai vor. Ihrem Vorstoß zum Suezkanal folgt die Eroberung Ostjerusalems und des Westjordanlands von Jordanien, schließlich vertreiben sie die Syrer von den Golanhöhen. Nach nur sechs Tagen stehen den Israelis Kairo, Amman und Damaskus offen. 780 Israelis sind gefallen, 2000 verwundet, auf arabischer Seite sind die Opferzahlen weitaus höher: 21 000 Soldaten sterben, 45 000 werden verletzt.

Dem israelische Militärschlag gingen Provokationen aller Seiten voraus. Im Norden waren Gefechte zwischen syrischen und israelischen Panzern an der Tagesordnung. Seit Mitte der 60er Jahre griff auch die „Bewegung zur Befreiung Palästinas“, die „Fatah“, Ziele in Israel an. Ein junger Ingenieur hatte sie 1957 in Kuwait gegründet: Jassir Arafat, der bereits im Suezkrieg 1956 in der ägyptischen Armee gegen Israel gekämpft hatte.

In den 18 Monaten vor dem Krieg steigerte die Fatah die Zahl ihrer Anschläge auf 120, im Durchschnitt alle fünf Tage einer. Ihre Kämpfer kamen gewöhnlich aus Syrien und sprengten in grenznahen Dörfern Wasserleitungen, Lagerhäuser und Kraftwerke, verminten Straßen und Bahngleise. Am Freitag, den 7. April 1967, eskaliert die Lage an der syrischen Grenze: Die Syrer schießen auf zwei israelische Traktoren auf einem Feld im Grenzgebiet, das nach syrischer Ansicht arabischen Bauern gehört. Die israelische Armee feuert zurück, die Luftwaffe holt sechs syrische MiG-21 vom Himmel und überfliegt demonstrativ Damaskus. „Sechs auf einen Streich!“ titelt die Zeitschrift „Jediot Aharonot“, „Ma'ariv“ spricht von einer „vernichtenden Lektion“ für die Syrer.

Der Druck auf Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser wächst. Ägypten hat nicht nur mit Syrien einen Beistandspakt im Verteidigungsfall geschlossen, Nasser ist der Hoffnungsträger der arabischen Welt, der den Traum einer panarabischen Nation verwirklichen und das „zionistische Gebilde“ vernichten will. Als Mitte Mai sowjetische Diplomaten die Krise mit der Lüge anheizen, die Israelis würden Truppen an der syrischen Grenze aufmarschieren lassen, muss Nasser seine Stärke beweisen: Er erzwingt den Abzug der UN-Truppen von der Sinaihalbinsel und blockiert den israelischen Zugang zum Roten Meer. Israels Ölversorgung aus dem Iran ist gefährdet – für die Regierung in Jerusalem der letzte Auslöser.

Doch militärische und diplomatische Hintergründe erklären nur oberflächlich, warum die Krise zum Krieg eskalierte. Die tiefer liegenden Motive der Israelis beleuchtet der israelische Historiker Tom Segev in seinem aktuellen Buch „1967 – Israels zweite Geburt“: „Während der Krieg mit Ägypten auf Israels Demoralisierung und ein Gefühl der Hilflosigkeit zurückzuführen war, drückten sich im Kampf gegen Jordanien und Syrien Machtstreben und messianischer Eifer aus.“

Segev, dessen Vater 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg fiel, wird einer Gruppe israelischer Historiker zugeordnet, die unter der Bezeichnung „New Historians" begonnen haben, die Geschichte Israels und des Zionismus neu zu bewerten. In seinem Buch, das nun auf Deutsch im „Siedler“-Verlag erschienen ist, beschreibt er die emotionale, politische und moralische Krise, die seine Landsleute Mitte der 60er Jahre erschüttert.

In den Jahren vor dem Krieg sehen die europäischen Aschkenasim ihre Kultur durch die jüdischen Immigranten aus arabischen Ländern bedroht. Spannungen und Ressentiments unter den 2,3 Millionen Juden im Land führen zu einer Identitätskrise, die zionistische Vision scheint am Ende. Die Zeitung „Ha’aretz“ erklärt „das Unternehmen“ für „gescheitert“. „Ich habe große Angst“, schreibt Landwirtschaftsminister Chaim Gvati in sein Tagebuch: Israel habe seit 1948 vor keiner so schweren Prüfung mehr gestanden. Wie Gvati verlieren immer mehr Israelis den Glauben an ihr Land.

In dieser depressiven Grundstimmung wirkt eine wirtschaftliche Rezession wie eine Katastrophe. Das Bevölkerungswachstum liegt 1966 bei Null Prozent, die Einwanderung geht drastisch zurück. Schlimmer noch: Zehntausende kehren dem Land für immer den Rücken. Die Nachfrage nach Wohnraum sinkt, die Krise der Bauindustrie greift auf andere Branchen über, der Konsum ist gelähmt.

Opferbereitschaft und nationale Einheit: Die Werte, auf denen der jüdische Staat gründete, sind in Gefahr, die Gesellschaft droht auseinander zu fallen. Berichte, nach denen die Sowjetunion als Schutzmacht der arabischen Welt beschlossen habe, bis zum Äußersten zu gehen und nicht einmal vor der Zerstörung Israels zurückzuschrecken, entbehren zwar jeglicher Grundlage, aber die Israelis sind tief verunsichert. Der Gedanke an eine drohende Vernichtung lässt die Angst vor einem neuen Holocaust aufkommen. „Unser Ziel ist die Vernichtung Israels“, erklärt Nasser und stützt damit die immer wiederkehrende arabische Drohung, die „Juden ins Meer zu treiben“.

Soldaten auf Wochenendausgang erzählen von schlechter Kampfmoral in ihren Einheiten. „Es kursieren Gerüchte, dass wir nicht auf einen Krieg vorbereitet seien“, notiert Minister Gvati. In einem Bericht an den amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson heißt es, ein israelischer Diplomat in Washington habe die Vereinigten Staaten „mit Tränen in den Augen“ um Unterstützung angefleht. Dabei ging man hier davon aus, dass Israel 1967 bereits zwei Atombomben besitzt – eine hinreichende Abschreckung gegen jeden ernsthaften Angriff.

Wie ein Wunder empfinden die Israelis in dieser Lage ihren schnellen Sieg. Der Leitartikel in „Jediot Aharonot“ spricht von „der Hand Gottes“. Zwei beliebte Witze zeigen den Umbruch: Vor dem Krieg hatte man sarkastisch erzählt, dass in der Abflughalle des Flughafens ein Schild hängt, auf dem der Letzte, der das Land verlässt, aufgefordert wird, das Licht auszuschalten. Der zweite Witz kommt nach dem Krieg auf: Zwei Offiziere denken darüber nach, wie sie den Tag verbringen können. „Erobern wir doch einfach Kairo“, schlägt der eine vor. Der andere erwidert: „Schön, aber was machen wir nach dem Mittagessen?“ Das Militär gilt nun noch stärker als zuvor als Grundgarant der nationalen Sicherheit.

„Sechs-Tage-Krieg“, für diese Bezeichnung entscheidet sich Ministerpräsident Levi Eschkol. Der Name hat zwar etwas Geschäftsmäßiges, spielt aber auch auf die sechs Schöpfungstage an und kommt damit der messianischen Begeisterung entgegen, die sich in Israel erneut ausgebreitet hat. Denn nach dem Teilungsplan der UN von 1947 und dem darauffolgenden israelischen Unabhängigkeitskrieg hatten viele Israelis keineswegs ihren zionistischen Traum vom biblischen Israel aufgegeben. Sie hoffen auch Ende der 60er Jahre auf den Tag, an dem sich der Staat Israel an beiden Ufern des Jordans erstreckt. „Zwei Ufer hat der Jordan“, heißt es in einem hebräischen Lied, „eines ist unser und das andere auch.“ Der Verlust der Altstadt Jerusalems, seit dem Krieg von 1948 unter jordanischer Verwaltung, ist eine offene Wunde. „Das wahre Jerusalem ist nur jenes innerhalb der Mauern“, verkündete der Dichter Uri Zwi Greenberg 1949. Als Mitglied der ersten Knesset, des israelischen Parlaments, wirft er die Frage auf: „Warum sollten wir einen Staat ohne Jerusalem anstreben?“

Die Verwaltung der eroberten Gebiete betrachten die Israelis anfangs als eine Möglichkeit, den Arabern, der Welt und nicht zuletzt sich selbst ihre guten Absichten zu beweisen: Der Ausdruck „aufgeklärte Besatzung“ macht die Runde – doch nur für kurze Zeit. Israels Generalität bezweifelt, dass sich das Verhältnis zu den Arabern mit dem Krieg geändert hat. Im Gegenteil: Israels Nachbarn wünschten immer noch seine Zerstörung. „Land für Frieden“ ist das Schlagwort: Mit den eroberten Gebiete als Faustpfand habe Israel seine strategische Position verbessert und dürfe sie nur nach einem Friedensvertrag wieder räumen, erklären die Generäle gegenüber Regierungschef Levi Eschkol. Das Schicksal der mehr als 800 000 Palästinenser, über die Israel nun herrscht, spielt in den Überlegungen eine untergeordnete Rolle.

Das Einzige, was die Israelis im Juni 1967 gewonnen haben, ist der Krieg. Zwar kontrollieren sie nun ein Gebiet, das drei Mal so groß ist wie Israels Territorium innerhalb der „grünen“ Grenzlinien des Waffenstillstands von 1949. Aber die Hoffnung „Land gegen Frieden“ hat sich allenfalls partiell in den Friedensverträgen mit Ägypten und Jordanien erfüllt. Im Juni 1967 war sie ohnehin unvorstellbar: Das militärische Desaster Ägyptens, Jordaniens und Syriens steigerte den arabischen Hass auf Israel weiter. Die Resolution des Gipfeltreffens der arabischen Staaten in Khartum im August 1967 spricht eine deutliche Sprache: „Kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung Israels.“

Am 22. November 1967 verabschiedet die UN die Resolution 242, in der Israel zum Rückzug „aus besetzten Gebieten“ im Gegenzug für einen gerechten Frieden aufgefordert wird. Doch das Gegenteil passiert: Im Gazastreifen, im Westjordanland und auf dem Golan beginnt in den 70er Jahren der Bau von staatlich geförderten Siedlungen – neben der Flüchtlingsfrage ein weiteres politisches Problem, das den Nahen Osten bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt.

Zu den mehr als 700 000 Palästinensern, die nach 1948 geflohen oder von den Israelis vertrieben worden sind, kommen im Sechs-Tage-Krieg noch einmal mehr als 300 000 hinzu. Die 800 000 Palästinenser im Westjordanland blicken in eine ungewisse Zukunft, denn Israel kann sich nicht zu einer Entscheidung durchringen: Die Ideen reichen von der Gründung eines Palästinenserstaates über die Umsiedlung der Palästinenser aus dem Gazastreifen ins Westjordanland bis zu ihrer vollständigen Abschiebung in die Nachbarstaaten. Doch es kommt weder zu Umsiedlungen noch zu Friedensverhandlungen, die Palästinenserfrage bleibt ungelöst. Eser Weizmann, der spätere israelische Präsident, sagte 1975: „Der Pfusch mit den Flüchtlingen“ sei „eine schmerzliche und schädliche Stümperei“ gewesen.

Der Glaube der Regierung Eschkol im Jahr 1967, dass sich die Flüchtlingsfrage eines Tages von selbst lösen könne, wird für den Nahen Osten zu einer Hypothek mit gravierenden Folgen für Israelis und Palästinenser. Nach dem jüngsten Bericht des für die Region zuständigen Weltbank-Direktors David Craig dienen die israelischen Maßnahmen im Westjordanland „ausschließlich der physischen und wirtschaftlichen Expansion“ der jüdischen Siedlungen „zu Lasten der Palästinenser“.Straßenblockaden, Zäune und Sperrgebiete verhinderten zudem, dass sich die palästinensische Wirtschaft erhole. Dies widerspreche, so die eindringliche Mahnung der Weltbank, sämtlichen internationalen Vereinbarungen und Friedensplänen.

40 Jahre nach einem beispiellosen Triumph in der Militärgeschichte, 40 Jahre nach der gewaltsamen Wiedervereinigung Jerusalems, 40 Jahre nach der Begründung des israelischen Unbesiegbarkeitsnimbus haben sich die Rollen vertauscht: Aus einem David wurde ein Goliath, aus einem Verteidiger ein Angreifer, aus Solidarität für Israel Solidarität für Palästina.

Feldzüge wie im Libanon vor einem Jahr sind für die Israelis heute weder militärisch noch moralisch zu gewinnen, zu sehr haben sie in der westlichen Welt an Gunst und Einfluss verloren. Dem Knesset-Festakt anlässlich der Einnahme Ostjerusalems durch israelische Truppen vor 40 Jahren sind die Botschafter der Europäischen Union und der USA ferngeblieben. Für Israel wird der Sechstagekrieg mehr und mehr zu einem verlorenen Sieg.

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