Die Anfänge des Techno : Summer of Love

Sven Väth tourt seit Jahren als DJ durch die Welt. Hier erzählt der Techno-Pionier, wie Ibiza zum internationalen Partytreff wurde – und 1988 den Höhepunkt erlebte.

Sven Väth

Ibiza war eine Initialzündung. Für alles, was in meinem Leben musikalisch wichtig wurde. Auf Ibiza habe ich die Clubkultur kennengelernt – und zwar bereits 1981, bevor der sogenannte „Summer of Love“ 1988 die spanische Insel erreichte.

Mit einem Freund trampte ich im Sommer 1981 durch Europa. Es war mein erster großer Urlaub, ich war noch keine 18 Jahre alt, wir starteten in Wiesbaden, standen eine Woche später im Hafen von Barcelona und warfen eine Münze, um zu entscheiden, ob wir die Fähre nach Ibiza nehmen oder auf dem Festland bleiben – die Entscheidung fiel zugunsten der Insel aus.

So lernte ich mit 17 Jahren eine ganz neue Welt des Feierns kennen, wie ich sie aus Hessen, wo ich aufgewachsen bin, überhaupt nicht gewohnt war. Schon damals existierten gut laufende Clubs auf Ibiza – wie das Pacha, das Amnesia und das Ku. Das waren alles Open-Air-Clubs, die nur im Sommer für dreieinhalb Monate öffneten, das Publikum bestand hauptsächlich aus Spaniern, Italienern und Südamerikanern. Das Amnesia war eine weiß getünchte Finca, im Innenhof stand eine Glaspyramide, die in einen Brunnen gesetzt war. Die Tanzfläche war relativ klein, gelegentlich blinkten mal Lichter drumherum – aber das kann man nicht mit modernen Lichtanlagen in Diskotheken vergleichen. Die Atmosphäre glich einer privaten Gartenparty, nur die vielleicht 400 Gäste waren exklusiver.

Das Ku war im Vergleich dazu ein Riesenladen. Dort gab es einen Swimmingpool im Hof, darüber führte eine Brücke, es gab verschiedene Ebenen – und auf einer befand sich die Coco-Loco-Bar. Coco Loco war ein Getränk, das die Brasilianer mitgebracht hatten. Ich schätze, das war ein Batida de Coco, etwas softer gemischt. An der Bar standen gewöhnlich die brasilianischen Transvestiten. Bereits damals passten 8000 Menschen in das Ku – das war größer als das Studio 54 in New York. Es hatte nur einen Nachteil: Es lag etwas außerhalb von Ibiza Stadt. Im Zentrum lag nur das Pacha, der älteste Club der Insel. Auch er im Stil einer Finca.

In die Clubs hineinzukommen, das war am Anfang nicht so einfach. Ich wendete einen Trick an: Ich habe mir Begleitung gesucht. Abends gingen wir in Cafés und flirteten, wir saßen oft vor dem Marisol, rauchten lässig Joints – das interessierte damals die Polizei gar nicht – und beobachteten die Menschen um uns herum. Alte Hippies saßen auf der einen Seite, bunt schillernde Künstler auf der anderen. Wenn man sich die Menschen nur ansah, freute man sich bereits auf die Nacht.

Anschließend gingen wir in die Altstadt, besuchten einige Bars, dann begann jeder Club eine kleine Parade durch die Gassen des Viertels, ein paar hübsche Mädels und Transvestiten marschierten durch die Stadt, tanzten und machten Werbung für den jeweiligen Club. Wer gut aussah, erhielt eine Freikarte. Ich saß manchmal am Rand und hoffte, auch eine zu bekommen. Denn der Eintritt war teuer, vielleicht 50 Mark. Erst wenn ich ein Ticket hatte oder jemanden, der mich mitnahm, zogen wir los.

Zum Beispiel ins Amnesia. Es war ein wahnsinniges Erlebnis für mich, plötzlich mit Duran Duran und Jean-Paul Gaultier in einem Club zu stehen. Ich hab neben Grace Jones getanzt, man hat sich angelacht und ein wenig geflirtet. Da existierten keine Dünkel. Hippies saßen in den Ecken, trommelten auf ihren Congas oder Bongos und spielten auf dem Didgeridoo. Diese Mischung aus Künstlern, Musikern und Paradiesvögeln war einmalig.

Dazu lief Musik, die ich so noch nie gehört hatte: eine eklektische Mischung aus Italo-Disko-Sounds, afrikanischen Percussion-Beats, New Wave und frühen Elektro-Titeln. Ich sagte mir: Solche Musik will ich jeden Tag hören. In diesen Momenten auf der Tanzfläche wurde mir klar, ich will DJ werden.

Die Getränke waren bereits damals teuer. Meist bin ich eingeladen worden – von Leuten, die ich vorher in den Bars kennengelernt hatte oder später von denen, die ich durch die Nachtclubs führte. Wenn neue Touristen in der Stadt waren, habe ich mich manchmal als Führer empfohlen. Damals trank ich Orangensaft, mal ein Bier – das Wichtigste war für mich sowieso die Tanzfläche. Wenn ich dort tanzen konnte, das war für mich wie für einen Schauspieler nach Hollywood zu gehen. Viele zogen sich verrückte Sachen an. Ich erinnere mich an Männer, die in Admiralsjacken zur Party kamen, einige Mädchen sausten auf Rollschuhen durch den Club – das war unbeschreiblich. Ich war schon froh, wenn ich vielleicht mal eine bunte Hose anhatte.

Ich war kein Jäger, der nachts die Mädchen abfangen wollte. Für mich standen die Musik und das Tanzen im Vordergrund. Natürlich lernte ich die eine oder andere kennen, aber ich ging nie mit dem Vorsatz aus, Mädels aufzureißen. Der ältere Kreis von Leuten lebte das vielleicht so aus – weil er nicht den engen Kontakt zur Musik hatte. Oder die Italiener, das waren richtige Womanizer. Sie gingen in Cliquen auf die Partys und flirteten die ganze Zeit. Aber für mich spielte sich alles auf der Tanzfläche ab. Auf manchen Partys war ich ungewollt so eine Art Vortänzer. Die ganzen Traversen bin ich im Amnesia hoch geklettert, fünf Meter hoch, unten standen die Leute und riefen: Junge, komm wieder runter – und ich blieb einfach oben, tanzte, feuerte die Massen an – und sie jubelten mir zu.

Wir hatten bald unseren geregelten Tagesablauf. Wir standen um drei Uhr nachmittags auf, gingen dann zum Strand nach Salinas, die Hippies und Freaks lagen alle in Satrincha um eine Strandbude herum, da rauchten wir Joints, gegen acht gingen wir nach Hause, machten uns frisch, um zehn Uhr aßen wir – dann ging es wieder in die Bars und später in die Clubs. Bis sechs Uhr früh, bis dort Schluss war.

Im ersten Jahr blieb ich zweieinhalb Monate. Als das Geld ausging, verteilte ich Flyer und zog mit der Parade durch die Gassen. Aber irgendwann musste ich zurück. Meine Mutter machte sich Sorgen, das Geld reichte nicht mehr, die Saison war zu Ende. Aber seit dem Sommer 1981 war Ibiza in meinem Herzen eingebrannt. Und ich nahm mir vor, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Zu Hause habe ich allen von der Insel und der Musik vorgeschwärmt. Meine Mutter sagte zu mir: „Weißt du, du wirst jetzt DJ.“ So habe ich im Herbst 1981 in der Diskothek meiner Eltern angefangen, Musik aufzulegen, mit 17 Jahren. Daraus entwickelte sich unwahrscheinlich schnell eine Leidenschaft. Ich suchte in Plattenläden nach Titeln, die ich von den Partys auf Ibiza kannte – aber oft fand ich sie einfach nicht.

Mit Freunden bin ich im nächsten Sommer wieder auf die Insel. Brasilio, ein Veranstalter, der ursprünglich aus Brasilien stammte, organisierte im Ku damals die Brasil-Nacht. Für einen einzigen Abend ließ er einen Flieger voll Tänzer und Transvestiten aus Südamerika einfliegen. Die kamen in original Karnevalskostümen. Überhaupt besaß Ibiza eine starke und für damalige Verhältnisse freizügige Schwulenszene. Es gab zwei Gassen, da gingen nur Schwule aus. Die haben sich in Bars geknutscht, manchmal auch draußen, das kannte ich bis dahin nicht. Die Schwulen wurden fester Bestandteil der Partykultur. Sie waren es, die den Sound jener Jahre propagierten, gerade die Elektronikstücke der frühen 80er Jahre spielten und liebten sie.

Menschen, die sich für Musik interessierten, bemerkten ganz klar: In Ibiza kocht ein neuer Stil hoch. Damals gab es nur DJ Alfredo im Amnesia, den Pippi im Pacha und Cesar spielte im Ku – sie kreierten den Sound von Ibiza, diesen balearischen Mix aus Elektro-Klängen und Latino-Rhythmen.

Jeden Sommer fuhr ich mit Freunden auf die Insel. Als wir 1984 zurückkamen, fasste ich mit einigen Freunden einen Vorsatz: Jetzt produzieren wir Musik für Ibiza. Der erste Titel hieß „Bad News“, von unserem Projekt Off. Stolz wie Bolle ging ich nächstes Jahr ins Pacha und gab dem DJ meine Platte. Sie wurde tatsächlich ein großer Hit. Wie die späteren auch: „Where Are You?“ unter dem Namen 16 Bit und natürlich „Electrica Salsa“.

Drogen spielten auf den Partys immer eine Rolle. Kokain gab es bereits Anfang der 80er Jahre, das habe ich aber nie auf der Insel genommen. Die Droge verband ich mit Stadtkultur, ich sah sie nicht als Outdoor-Droge. Der Konsum lief im Verborgenen ab – jedenfalls versteckter als der von Mescalin. Das war eine Modedroge in der ersten Hälfte der 80er Jahre, die aus einem Kaktus gewonnen und in Spezial-Bowlen serviert wurde. Da kam man in den Club und alle waren drauf, das merkte man, wie die Leute sich gehen ließen, oben ohne tanzten, knutschten, sich mitten in der Menge offenbar unbeobachtet fühlten. Gäste sprangen in den Pool, tanzten dort, zwischendurch trat eine brasilianische Percussion-Gruppe auf, eine hübsche Tänzerin mit Federboa kam auf die Bühne – man konnte gar nicht anders, wie in einem Strudel wurde man hineingezogen. Mitte der 80er Jahre erreichte Ecstasy die Insel, die Nächte wurden noch länger, ab 1985 gab es die ersten After Hours. Dadurch veränderte sich der Tagesrhythmus. Nach dem Amnesia gingen wir nicht nach Hause, sondern ins Glorys und feierten dort bis zum Nachmittag weiter.

Ich hab mal in der Zeitschrift „Groove“ zufällig ein Foto von mir entdeckt, wie ich im Amnesia tanze. Das muss 1987 gewesen sein. Damals trug ich ein bordeaux-rotes Hemd von Jean-Paul Gaultier ohne Kragen, die Mädels um mich herum tanzten oben ohne, einfach so. Ich erinnere mich, da standen wir in dem Brunnen des Amnesia, das Wasser ging uns bis zu den Knien, ein Freund von mir trug an dem Abend einen Zylinder – und wir füllten den Hut mit Wasser auf, stellten uns am Rand des Beckens auf und begannen die Gäste zu taufen. Alle standen plötzlich in Schlange vor uns, um sich die Taufe abzuholen. Wahnsinn.

Ibiza bringt neue Seiten der Menschen zum Vorschein, auch dunkle. Es gibt keinen Platz, an dem sich so viele Menschen getroffen, aber auch getrennt haben. Ich kannte Pärchen, die gemeinsam anreisten, aber jeder für sich allein wieder abfuhren. Weil einer von ihnen auf Partys hängen blieb, drei Tage feierte, nicht ins Hotel kam – und dann gab es das große Zerwürfnis. Freunde ließen sich anstecken von der Atmosphäre. Auf einmal tanzten sie oben ohne am Pool oder waren bereit Drogen zu nehmen, ohne dass sie vorher je daran gedacht hätten.

1987 stießen die Briten dazu, in dem Jahr reisten DJs wie Paul Oakenfold und Danny Rampling zum ersten Mal nach Ibiza – und 1988 waren sie plötzlich überall. Ich stand damals an einem Scheideweg. Mit unserem Projekt Off hatte ich zwar überall in Europa Erfolg, wusste aber nicht, ob ich als Popstar weitermachen wollte. Voller Zweifel kam ich wieder auf die Insel – und sah auf einmal alle möglichen Leute mit Smiley-T-Shirts und Stirnbändern herumlaufen.

Zuerst schien alles wie immer, nur voller war es, die Clubs waren besser besucht – und dann bemerkten wir diesen neuen Sound, den die Engländer aus dem Londoner Nachtleben mitgebracht hatten: Acid House. In London gab es bereits Acid-Partys, aber auf Ibiza erlebte die Musik ihren Durchbruch. Das wurde zur größten Jugendbewegung seit Punk. Die britischen Medien nannten den Sommer ’88 bald den zweiten „Summer of Love“ – in Anlehnung an den Hippiesommer 1967.

Acid löste eine Wahnsinnseuphorie aus – und es wurde richtig gefeiert. Im Sommer 1988 gab es nur noch einen Sound. Das war in den Jahren zuvor auf Ibiza noch anders gewesen. Da liefen auch mal am frühen Morgen Stücke von Pink-Floyd und DJ Alfredo beendete seinen Set oft mit „Imagine“ von John Lennon.

Wir nahmen die neuen Töne begeistert auf, dieses Geblubber und Gequietsche aus dem Roland 303-Synthesizer war eine völlig neue Musik. Als ich sie das erste Mal hörte, dachte ich: Jetzt drehen wir alle richtig durch! Die Musik lud förmlich ein, sich gehen zu lassen. Es gab keine Struktur mehr, die Sounds gingen wild durcheinander, da gab es keinen Anfang und keine Ende, da konnte man nur noch pausenlos feiern. Und das wurden auf Ibiza natürlich begrüßt.

Mit einem Schlag dominierten die Briten die Clublandschaft. Sie begannen sofort mit eigenen Nächten in den bestehenden Clubs. Das veränderte die Veranstaltungskultur: Viele Club-Promoter organisierten nicht mehr das Programm für einen ganzen Club, sondern mieteten ihn für eine Nacht an – und bewarben auch nur diese Nacht. Es war die Geburtsstunde der Partys, die allein auf eine Szene zugeschnitten waren.

Im ersten Jahr ging ich mit meinen Platten zu den englischen DJs wie damals zu Alfredo oder Cesar. Aber sie ignorierten mich. Die wollten nur ihren Sound spielen, ihre Klientel befriedigen, da war kein Reinkommen für uns Deutsche. Sie bauten eigene Strukturen auf – mit Promotern, DJs und Gästen. Auf ihre Partys luden sie fast nur Engländer ein. Das ist teils heute noch so. Anfangs fand ich das interessant, aber nach einer Weile dachte ich: Nein, das ist nicht mehr Ibiza.

Ibiza stand für eine offene internationale Mischung. Die Engländer rissen die Insel an sich, sie verdrängten die lokalen DJs aus den Clubs, weil die britischen Nächte erfolgreicher liefen. Die Clubbesitzer rochen das Geld – und begrüßten, dass britische Feiertouristen die Insel heimsuchten.

Deshalb verlor Ibiza ab 1990 für mich an Attraktivität. Die Clubs bekamen professionelle Strukturen. Die meisten zogen um oder erhielten ein Dach, wurden renoviert. Eine Lawine rollte über die Insel, die mit meinen Ibiza-Erlebnissen nichts mehr gemeinsam hatte. Der Hippie-Vibe ging völlig verloren. Gerade bei den englischen Fans beobachtete ich, dass sie sich vor allem vollsaufen wollten. Das war erschreckend, wenn man das lässige Ibiza aus den 80er Jahren kannte.

Die Hippies bauten sich schließlich eine parallele Szene auf, sie organisierten Partys am Strand oder auf dem Land. Das entsprach auch meiner Vorstellung vom Ibiza-Vibe. Diesen Spirit versuche ich heute auf der von mir organisierten Cocoon Party im Amnesia fortzuführen. Natürlich kann die Musik nicht dieselbe wie in den 80er Jahren sein, aber der freie Geist ist derselbe.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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