''Die Distel'' : Humor ist eingeplant ...

... so hieß 1953 das erste Programm des Ost-Berliner Kabaretts „Die Distel“. Stalin war gerade gestorben, die DDR hatte einen Aufstand hinter sich, und die Partei war es leid, dass ihr Volk immer nur über die Scherze des Klassenfeindes lachte.

Kerstin Decker

Ein „Stachelschwein“ in Ost-Berlin. Es war Sonntag. Am Sonntag spielten die „Stachelschweine“ nicht, da konnten sie ihr feindliches Brüder-und-Schwestern- Kabarett im Osten besuchen. Kalter Krieg? War was für die Ideologen. Ideologen lachen nicht. Menschen, die von Berufs wegen die Ideologen durchschauen, interessieren sich hingegen sehr für die Stacheln des anderen.

Die Ost-Berliner „Disteln“ wurden in den Westen gefahren, die „Stachelschweine“ fuhren selbst in den Osten. Wenigstens gibt es da Parkplätze, dachte Wolfgang Gruner, Mitglied des West-Berliner Kabaretts, kurz bevor er keinen fand. Sollten all die dunklen Limousinen an der Weidendammer Brücke dem Volk gehören? Die „Stachelschweine“ warteten vor der „Distel“ aufeinander, um geschlossen das Konkurrenzkabarett zu betreten und sich wie gewohnt in die erste Reihe zu setzen – als sie einen kleinen gedrungenen Herrn mit Spitzbart und Frau die „Stachelschwein“-Plätze einnehmen sahen. Gefolgt von ein paar dunklen Herren, die zu den Limousinen draußen passten. Als auch diese saßen, kündigte der „Distel“-Moderator die zweiten Ehrengäste des Abends an, die „Stachelschweine“. Unter Applaus nahmen sie die zweite Reihe ein, während der Staatsratsvorsitzende der DDR leise seinen Nebenmann fragte: „Wer sind denn die Günstler?“ – Die Antwort muss ebenso falsch wie zufriedenstellend ausgefallen sein, denn Walter Ulbricht flüsterte zurück: „Sorgen Sie dafür, dass ich die hinterher noch begrüße!“

Sommer 1964. Der Staatsratsvorsitzende der DDR und die West-Berliner „Stachelschweine“ sahen ein Programm, das beiden außerordentlich gut gefiel. Ulbricht klatschte im Stehen bis zuletzt. Das würde nicht immer so bleiben. Schon ein Jahr später sprach er auf dem 11. Plenum seiner Partei: „Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns weiter als Partei- und Arbeiterfunktionäre von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen. In Moskau gibt’s ja auch kein Kabarett!“

Elf Jahre früher: In der Bundesrepublik wurde der Kommentator der Nürnberger Rasse-Gesetze Hans Globke Staatssekretär Adenauers, in Moskau starb Stalin. In der DDR probten die Arbeiter den Aufstand – zum Jahresende werden 391 000 Menschen das Land verlassen haben – und die Regierenden dachten darüber nach, ob der Arbeiter im Sozialismus künftig nicht etwas zu lachen haben sollte. Nicht, dass die Arbeiterklasse Ost bis jetzt nicht gelacht hätte. Aber sie lachte falsch. Sie lachte vom Standpunkt des Klassenfeinds aus. Sie lachte über die „Insulaner“, das andere große West-Berliner Kabarett, dessen Bühne das Radio war – der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“.

„Wir haben keine Sendung verpasst, wir lebten gewissermaßen von ‚Insulaner‘ zu ‚Insulaner‘, wir kannten alle Figuren, und die Texte konnten wir teilweise auswendig“, sagt Peter Ensikat, der später dem Gegenkabarett über die Wende hinaus die Stacheln gab. Die „Insulaner“ waren so antikommunistisch wie der frühe Ensikat und 90 Prozent der DDR-Bevölkerung. Antikommunismus war gewissermaßen der mentale Naturzustand des Deutschen nach 13 Jahren Tausendjährigem Reich. Die „Insulaner“ sagten, was Ost und West ohnehin dachte, nur konnten sie das viel besser formulieren.

Kommunisten verstehen keinen Spaß. Die Funktionäre waren nicht länger gewillt, die Funktionärswitze der „Insulaner“ unbeantwortet zu lassen. Am 17. September 1953 vermerkte die „Magistratsvorlage Nr. 267“ folgenden Beschlussentwurf: „Der Magistrat von Groß-Berlin beschließt: Es wird im Hause der Presse das ständige Berliner Kabarett gegründet und wird für 1954 im Haushaltsplan eingeplant. Für das Jahr 1953 stellt der Magistrat aus außerplanmäßigen Mitteln einen Betrag von DM 20 000 zur Verfügung.“

Die „Insulaner“ sendeten seit dem 25. Oktober 1948. Ihr Eröffnungslied kannte nicht nur ganz West-Berlin, sondern auch die halbe DDR: „Der Insulaner verliert die Ruhe nich, / der Insulaner liebt kein Getue nich! … Der Insulaner hofft unbeirrt, / dass seine Insel wieder’n / schönes Festland wird!“

Am 2. Oktober 1953 öffnete sich im Admiralspalast zum ersten Mal der Vorhang für das Gegenkabarett: „Die Distel blüht zum Spaße / im Zentrum von Berlin! / Am Bahnhof Friedrichstraße, / da sprießt sie kess und kühn! / … und jeht dabei aufs Janze, aufs Janze … aufs janze Berlin!“

Nunmehr besaß die geteilte Stadt zwei Kabaretts mit Alleinvertretungsanspruch. Der Tagesspiegel bemerkt am 4. Oktober 1953: „Der Stadt-Sowjet hat nach einer Meldung der kommunistischen ‚BZ am Abend‘ von Amts wegen ein Kabarett gegründet. Das Ensemble wird unter dem Namen ,Die Distel‘ spielen. Dem Augenschein nach kann es sich nur um die Gattung Carthamus tinctorius – Färberdistel – handeln: ‚… die streng riechenden Blüten wurden schon im Altertum zum Rotfärben gern benutzt.‘“

Und wie nebenbei hatte der Tagesspiegel den Geburtsfehler des neuen Instituts für angewandtes Lachen ausgesprochen: ein Kabarett „von Amts wegen“.

Ein Kabarett gründet sich erst und lässt sich dann kontrollieren. So war das immer seit seiner Nacherfindung auf deutschem Boden um das Jahr 1900. Andererseits kann niemand ein Kabarett einfach beschließen, die Kabarettisten müssen immer schon da sein. Auch die künftigen „Disteln“ spielten schon längst, nur eben unter anderem Namen, ohne festes Haus und mit Geldsorgen wie der Schweizer Robert Trösch, der von Erika Manns Züricher „Pfeffermühle“ gekommen war. Die „Distel“-Musik machte ein uradeliger österreichischer Graf Freiherr von und zu Hradetzky, der aber keine Märsche spielte und sich schlicht Rudolf Hilberg nannte.

Antifaschisten, in der Bundesrepublik noch tief beargwöhnt, waren von allen Weltenden in die frühe DDR gekommen – provinziell wurde sie später –, und auch der junge Schauspielschüler Peter Ensikat aus Finsterwalde machte eine merkwürdige Erfahrung: Finsterwalde war nicht überall. An Brechts Berliner Ensemble ging ihm eine Welt auf.

Das erste „Distel“-Programm schräg gegenüber im Admiralspalast hieß „Hurra! Humor ist eingeplant“. Steckte die Überanstrengung nicht schon im Titel? Bekommt man da nicht einen retrospektiven Horror vor der mitschunkelnden deutschen Fröhlichkeit? Oder wollten die ersten „Disteln“ die Biedermänner und Biederfrauen der 50er Jahre durch eine Biederkeit verführen, die sie ihnen dann umgehend verweigerten?

„Es ist erstaunlich, diese alten Texte sind oft viel besser als die der Insulaner“, sagt Ensikat. Was nicht heißt, dass sie ebenso erfolgreich waren. Die ersten Worte des ersten Programms sprach der Schweizer Trösch, der auch ein „McCarthy“-Lied sang. Die „Insulaner“ hätten das nie gemacht, schon weil sie es nicht durften. Beim Rias musste jeder ein Gesinnungsüberprüfungspapier unterschreiben, dass er weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart mit dem Kommunismus sympathisiert habe noch das in Zukunft zu tun gedenke.

Insofern hatte ein linkes Kabarett viele Themen und ganz für sich allein: „1938. Von der einen Seite kommt Hinze als Polizist, von der anderen Kunze als Zivilist. Als er Hinze sieht, zieht er den Hut tief ins Gesicht und versucht, unerkannt vorbeizukommen.“ Denn Kunze hatte Hinze 1932 „Du alter Nazi!“ genannt. „1948. Von der einen Seite kommt Kunze als Polizist, von der anderen Seite Hinze als Zivilist. Als er Kunze sieht, zieht er den Hut tief ins Gesicht …“ Das war noch lange nicht zu Ende, durchaus originell und hatte eine bitterböse Schlusspointe. Aber sahen Hinz und Kunz im Publikum das auch so? Fragten die „Insulaner“ etwa: Wo wart ihr gestern?

„Westnummern“ hatten es bis zuletzt schwer im Ostkabarett. So erklärt sich Jahrzehnte später das ungläubige Erstaunen vieler Ostdeutscher, als sie erkannten, dass der Westen auch Nachteile hat. Es ist das legitime Recht, ja die Pflicht jeder Gesellschaft, auch Nachteile zu haben, aber die Ostdeutschen hätten nie damit gerechnet, weil es die DDR ihnen gesagt hatte.

So verfehlte die „Distel“ eigentlich von Anfang an ihren Gründungszweck. Aber nicht ihr Gründungsrisiko. Statt ein Pfahl im Fleische des „Klassenfeindes“ zu sein, wurde sie fortan ein Pfahl im eigenen Fleisch. Von den „Insulanern“ lernen heißt siegen lernen. Schon die allerersten „Ost-Nummern“ waren, anders als die „West-Nummern“, angenehm ungrundsätzlich – viel leichter, also witziger:

„Ein Maler in seinem Atelier. Modell. Herein der Kulturreferent.

Maler: Ich arbeite gerade am Gemälde der Jungaktivistin, das Sie für den Kultursaal bestellt haben. Sie sehen, ganz schlicht und einfach, wie Sie es haben wollten.

Kulturreferent: Sehr schön! … Nur, ich meine, das ist ja einfach nur so ein gewöhnliches Mädchen. Da fehlt doch ganz und gar das Typische.

Maler: Ich dachte, das wäre gerade …

Kulturreferent zum Modell: Fräulein, bitte, den Kopf etwas höher. Ja, und das Kinn energischer, aufbaugeladen … so, und höher! Und jetzt den klaren Blick vorwärts geradeaus auf die pulsierende Saat einer glorreichen Zukunft wachsam schweifen lassen! Ja, so!

Maler: Das arme Mädchen kriegt ja Genickstarre!“

Dem Kulturreferent missfällt noch viel mehr, nicht nur der klassenindifferente, nicht hinnehmbare Busen der Jungaktivistin. Darf denn eine Vertreterin der Arbeiterklasse mit leeren Händen dastehen? Gebt ihr einen Hammer, Hammer und Sense … – Das Absurde, der Aberwitz, ohne die kein wirkliches Lachen auskommt, betreten die Szene. Sie sind strukturell unbeherrschbar. Und war, genau genommen, der real existierende Sozialismus nicht selbst schon Kabarett?

Die Genossen sahen bald ein, dass das Kabarett dem Sozialismus wesensfremd ist. Im Sozialismus müssen alle dafür sein, die Satire aber ist immer dagegen. Könnte, fragten sich die Genossen, die „Distel“ nicht wenigstens „positive Satire“ machen statt „negativer Satire“? „Distel“-Gründer Erich Brehm, eigentlich Mathematiklehrer, wies die Unmöglichkeit einer positiven Satire nach und folgerte: „Wenn es aber keine positive Satire gibt, kann es auch keine negative geben.“ Brehm gab jedoch zu, dass die Satiriker im Sozialismus sich damit in einer gewissen Misere befänden, „denn sie selber sind ja dafür.“ – War das nur eine Floskel zur Beruhigung der Herrschenden? Es war wohl die Wahrheit.

Die Dissidenten der DDR waren fast ausnahmslos Kommunisten. Ihre Spötter ebenso. Vielleicht schien es ihnen auch nur unverantwortlich, die DDR, diese ganz und gar unwahrscheinliche Folge einer weltgeschichtlichen Katastrophe, nicht ernst zu nehmen. Die Kabarettisten wurden die Verteidiger des Ideals gegen seine Verwirklicher. Schiedsrichter waren Marx und Engels. Die waren eindeutig auf der Seite des Kabaretts. Diese beachtlichen Denker der Ungleichheit hatten Sachen gesagt, die sind so richtig, dass kein Mensch sie verwirklichen kann, etwa, dass die Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung der Freiheit aller ist. Und was Marx und Engels vergessen hatten zu sagen, das erfand der verantwortungsvolle Kabarettist, am besten mit Quellenangabe, denn dann wurde es fast nie überprüft.

Richtig gute Satire, sagt nicht nur Peter Ensikat, gibt es eigentlich nur mit Zensur. Was nicht ausschließt, dass den Satirikern die Zensur zu viel wurde. – Peter Ensikat fuhr in solchen Fällen nach Afrika und machte im hungernden Äthiopien Kindertheater. Und doch: Ein unendlich filigraner Resonanzraum hatte sich im DDR-Kabarett eröffnet, voll minimalster Anspielungsmöglichkeiten.

Kultur ist, wenn Nichtgleichgültige sich gemeinsam in solchen zensurverfeinerten Räumen aufhalten. Nie taten sie es so wie im Falle des verbotenen Programms „Keine Mündigkeit vorschützen“. Hier betrat das verratene Ideal persönlich die Bühne eines verlotterten Landes. „Keine Mündigkeit vorschützen“ wurde schon verboten, da war es noch lange nicht fertig, nur entstand es nach Änderungen – zum Schlimmeren? – unbeirrt fort, um nach der Hauptprobe am 11. Oktober 1988 letztgültig verboten zu werden. Allerdings hatte die „Distel“ längst Karten für die Generalprobe verkauft. Auf „Distel“-Karten wartete der DDR-Bürger nicht ganz so lange wie auf einen Trabant, aber doch mindestens zwei Jahre. Er bestellte sie im Voraus, ohne Kenntnis des Programms, das in zwei Jahren laufen würde, und konnte sie im Notfall gegen ein Trabant-Ersatzteil tauschen, weshalb die „Distel“ längst auch für ihre Proben Karten verkaufte. – Wollen Sie wirklich 420 empörte, abgewiesene „Distel“-Besucher mit Eintrittskarte riskieren unmittelbar am Grenzübergang Friedrichstraße?, fragten die „Disteln“ den Magistrat. So wurde die Generalprobe eines in der DDR nie gespielten Programms am 15. November 1988 zum absoluten Höhepunkt in der Geschichte des bestkontrollierten DDR-Kabaretts.

Nach der Wende, als statt der Ostdeutschen, die nun anderes zu tun hatten, plötzlich Gelsenkirchener in der „Distel“ saßen, wurde das Lachen unberechenbarer. Das ist kein Tadel der Gelsenkirchener, auch weil sie bis heute immer wiederkommen. Und ist nicht jedes Lachen zuletzt ein Missverständnis? Die DDR hatte es zu einem Staat voll unzufriedener Kleinbürger gebracht. Der Kabarettist ist der natürliche Feind des Philisters, aber in der DDR merkte der das nicht, weil man gemeinsam über den Oberspießer, den Staat lachte.

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