Die Geschichte : Die Theorie vom sanften Krieg

In Algerien erkannten die Franzosen: Waffen allein gewinnen diesen Krieg nicht. Sie fingen an, Schulen und Straßen zu bauen. 1962 mussten sie trotzdem kapitulieren. Ihr Konzept wurde weitergereicht – bis ins heutige Afghanistan. Kann das gut gehen?

Marc Thörner

Militärisch haben wir in Algerien gewonnen.“ Lieutenant Fricaz sagt tatsächlich „wir“. Dabei war der 25-jährige Soldat mit der Tricolore auf der Uniform noch nicht einmal geboren, als die blau-weiß-rote Fahne 1962 über der Sahara eingeholt wurde. 48 Jahre liegen zwischen Fricaz’ Satz, kürzlich ausgesprochen in einem afghanischen Dorf, und Frankreichs Rückzug aus jenem vergangenen Krieg, der zehntausende Opfer gekostet hat: von Gewehrsalven niedergemäht, von Napalm verbrannt, bei Überfällen massakriert, bei Verhören zu Tode gefoltert.

Fricaz führt eine französische Patrouille durch die Schomali-Ebene unweit von Kabul. Präsenz zeigen, lautet sein Auftrag, Aufständische einschüchtern, Hände schütteln, Herzen und Köpfe der Bevölkerung gewinnen. Während seine Soldaten vor der Kulisse des schneebedeckten Hindukusch zwischen den Lehmhäusern durch Pfützen stapfen und Handzeichen mit den etwas eingeschüchtert lächelnden Gemüsehändlern vor ihren Läden austauschen, zündet sich Fricaz eine Zigarette an und legt die Parallelen zwischen Afghanistan und Algerien dar: So wie damals bekämpft man auch heute den Gegner hart und kompromisslos. Gleichzeitig bietet man der Bevölkerung Hilfe an, schafft sich Freunde. Hätten die damaligen Politiker die Sache nicht verspielt, da ist er sicher – Algier wäre noch heute eine französische Provinzhauptstadt. In seiner Einheit jedenfalls sind die Offiziere stolz darauf, Erben jener Strategen zu sein, deren Namen in den Feldhandbüchern der Nato heute wieder auftauchen: Joseph Gallieni, Louis Lyautey, David Galula.

„Allez, montez!“ Der junge Lieutenant tritt seine Zigarette aus, um sich wieder in den Ausguck seines Kleinpanzers zu setzen. Er ist entschlossen, die Sache durchzuziehen. Diesmal, verrät sein Gesicht, diesmal lassen wir uns den Sieg nicht wieder nehmen. Wahrscheinlich wäre er ziemlich erstaunt, würde er jene besuchen, auf die er sich beruft: die französischen Algerienveteranen.

Im Gebäude der FNACA, der Fédération Nationale des Anciens Combattants en Algérie, Maroc et Tunisie in Paris, stehen Monsieur Raymond und Monsieur Drouot vor einer Schautafel: ein untersetzter Ex-Offizier mit rotem Gesicht und flottem weißen Bärtchen; und ein nur wenig jüngerer Ex-Wehrpflichtiger, das jetzt ergraute Haar, wie in den 50er Jahren üblich, straff zurückgekämmt. Die beiden haben Hunderte von Fotoalben ihrer ehemaligen Kameraden durchforstet, um eine Ausstellung über den Algerienkrieg zusammenzutragen – in der Hoffnung, möglichst viele junge Leute wie Fricaz würden sie besuchen.

Die Szenen auf den vergrößerten Aufnahmen wirken, als wären sie bei dessen Einheit nördlich von Kabul aufgenommen: Soldaten mit Baretten und in modernen Tarnfleckuniformen schütteln bärtigen Turbanträgern die Hände, bohren Brunnen, bauen Straßen. Andere horchen mit dem Stethoskop ausgemergelten Kindern die Brust ab, posieren lächelnd neben Mädchenschulen, hinter sich eine Gruppe fröhlich winkender kleiner Orientalinnen. Anders als bei den Militärs von heute schwingt bei den Veteranen von damals kein Stolz auf den „zivilmilitärischen Aufbau“ in Algerien mit. Eher Verbitterung. Wie habe man sich beim Aufbau von Schulen engagiert und sich über die Lernbegeisterung der Jungen und Mädchen gefreut, seufzt Drouot.

Wenn man sich wie an jedem 19. März zum alljährlichen Totengedenken zu Ehren der in Algerien Gefallenen versammele, sagt Raymond, dann betrauere er auch seine verlorenen Ideale, seine in den Sand gesetzte Lebenszeit, sein vergebliches Engagement „im Krieg gegen den internationalen Terrorismus“. Denn genau das sei doch ihr Kampf gewesen, hätten ihnen Politiker und Vorgesetzte damals erklärt.

Glaubt man deutschen Politikern, dann handelt es sich im Afghanistankrieg von heute beim Konzept der zivilmilitärischen Provincial Reconstruction Teams, der PRT, um etwas völlig Neues; einen Paradigmenwechsel: Der Soldat erscheint nicht als Vernichter, sondern als Helfer, der allenfalls dann Waffen einsetzt, wenn er das Leben derjenigen schützt, die den Afghanen neue Perspektiven geben.

„Die Provinzwiederaufbauzentren sind das beste Konzept auf dem Markt“, begeisterte sich Ende 2008 ein deutscher Diplomat in Kabul, sprach in den höchsten Tönen von seiner Zeit in Kundus: Bau von Schulen, Brücken, Brunnen, Entwicklung landwirtschaftlicher Projekte. Ein „Ur-PRT“ sei das gewesen – als ob der militärisch gesicherte Aufbau eine deutsche Erfindung sei.

Tatsächlich scheint die kuriose Wortschöpfung „zivilmilitärisch“ den deutschen Ansatz beim „Krieg gegen den Terror“ aufs Beste zu veranschaulichen: Weg vom dogmatischen Anspruch der Bush-Regierung, den Greater Middle East nach US-amerikanischen Vorstellungen umzumodeln. Hin zum pragmatischen, eben unideologischen Angebot, einem von religiösen Extremisten geknechteten Land Aufbau und Infrastruktur anzubieten; auf Überzeugung zu setzen statt auf Waffen.

Das PRT ist allerdings kein Gegensatz; es ist selbst Teil eines Dogmas geworden, wenn auch eines militärischen: der Aufstandsbekämpfung.

Ihre bekanntesten Urheber sind die Offiziere Joseph Gallieni und Louis Lyautey. In Französisch-Indochina und im damals französischen Madagaskar entwickelte das Gespann zwischen 1896 und 1905 die Technik „des sich ausbreitenden ,Ölflecks‘“: Eine befriedete Region fließt in die andere über, die Rückzugszonen des Widerstandes werden dadurch immer weiter ausgedünnt.

Nach Ansicht beider wog die Zufriedenheit, die eine gute Kartoffelernte bei den Kolonisierten hervorrief, den kostspieligen Einsatz eines Armeekorps auf. In Rekordzeit baute Frankreich in seinem Überseereich Straßen, ja ganze Städte für die Einheimischen.

Der friedliche Aufbau hatte aber eine Schattenseite. Möglich wurde er nur durch Bündnisse mit eingeführten gesellschaftlichen Multiplikatoren – den oft brutalen und korrupten Vertretern der einheimischen Elite: Stammeschefs, Bandenführern, Drogenbossen, selbstherrlichen Gouverneuren.

„Man muss mit dem Mandarin regieren, nicht gegen ihn“, hatte General Gallieni in Indochina proklamiert. Sein militärischer Schüler Louis Lyautey entwickelte, daran angelehnt, in Marokko die Politik der „großen Caids“. Weite Teile des Landes ließ er durch Warlords tyrannisieren, erstens um sich beim Ausschalten von Gegnern nicht selbst die Finger dreckig zu machen, zweitens um eigene Mittel zu sparen. Kritikern im französischen Parlament hielt der Resident über das Protektorat Marokko 1912 entgegen, dass es sich bei dieser Despotie um einen integralen Teil der islamischen Tradition handele. Man habe es mit einer tausendjährigen Kultur zu tun, die Unterordnung geradezu bedinge.

40 Jahre später brach Frankreichs Kolonialreich überall in der Welt zusammen. Auch in Algerien begann es zu rumoren, Frankreichs Kronjuwel. Um die Provinz auf der anderen Seite des Mittelmeers fürs Mutterland zu retten, traf 1957 ein Hauptmann namens David Galula in der Kabylei südlich von Algier ein. Er gehörte zu einer Riege junger Frontoffiziere, die in Französisch-Indochina auf dem Gebiet des heutigen Laos, Vietnam und Kambodscha beim Kampf gegen die Unabhängigkeitsbewegung neue Konzepte entwickelt hatten.

Frankreich war mittlerweile Teil der Europäischen Gemeinschaft, mit der Nato assoziiert. Galula war klar, dass sich Mitte des 20. Jahrhunderts eine antikoloniale Bewegung nicht allein mit Waffengewalt stoppen ließ.

„Als ich darüber nachdachte, wer innerhalb der Bevölkerung noch unsere möglichen Verbündeten sein könnten“, notierte Galula in seinem Feldbericht, „kam ich auf die Frauen – ausgehend von der gesellschaftlichen Unterdrückung, der sie ausgesetzt waren. Die Aufständischen hatten nichts für sie getan. Natürlich musste ich höchst vorsichtig vorgehen, um mir nicht die Feindschaft der Männer zuzuziehen. Ich beschloss daher, mit den jungen Mädchen anzufangen. Mit der Jungenschule lief es gut, ich berief eine Versammlung der lokalen Bevölkerung ein und ordnete an, dass Mädchen zwischen acht und dreizehn (in diesem Alter galt eine Frau als heiratsfähig) nachmittags in die Schule kommen sollten.“

Doch nachts erschienen die Kämpfer der Unabhängigkeitsbewegung FLN, bedrohten oder ermordeten Lehrer und Mitarbeiter der Lokalverwaltung. Es galt, die bisherigen Erfolge zu schützen. Aus den Angehörigen der ortsansässigen Kabylengemeinden formierte Capitaine Galula Stammesmilizen, teils unter höchst zwielichtigen Führern.

Ende der 50er Jahre waren in ganz Algerien an die 700 Posten der „Sonderverwaltung“, der Section Administrative Spécialisée (SAS) entstanden. Unter der Leitung eines Offiziers arbeiteten Abteilungen, die für Gesundheitsversorgung, Schulbildung, Infrastruktur und Selbstschutz zuständig waren.

Die SAS-Stellen wurden in der Logik der französischen Armee zu Außenposten von Fortschritt und Freiheit; die Untergrundarmee der Unabhängigkeitsbewegung zu Feinden der Entwicklung. Plakate der französischen Armee verglichen sie mit Heuschrecken. „Sie zerstören Schulen, sie vernichten die Ernte, sie entführen eure Söhne“, hieß es. „Bauern, verjagt sie von eurem Land.“

Trotz einiger Erfolge ließ die Mehrheit der Algerier sich nicht von den französischen Militärs überzeugen. 1962 musste Frankreich Algerien aufgeben. Doch Galulas Bericht überlebte die Niederlage.

1963 luden Strategen den Hauptmann zu einem Symposium der amerikanischen Rand-Corporation ein und veröffentlichten seine Arbeit unter dem Namen „Pacification of Algeria“. Auf diese Weise gelangte der Bericht in die Hände der in Vietnam eingesetzten US-Militärs – die das Konzept der Franzosen den dortigen Bedürfnissen anpassten.

Bis in die 70er Jahre arbeiteten in zivilmilitärischen Posten Mediziner, Diplomaten, Angestellte der Hilfsorganisation US-AID. Wie in Algerien ging es darum, der Bevölkerung eine Alternative anzubieten – gegen den Totalitarismus des Vietkong. Am Ende musste die US-Armee Vietnam verlassen – die schlimmste Niederlage in ihrer Geschichte. Aber das Konzept, man müsse Herzen und Köpfe gewinnen, überlebte wiederum.

Als Provincial Reconstruction Team tauchte der „zivilmilitärische Aufbauposten“ 2002 in Afghanistan auf. Das erste dieser Provinzwiederaufbauzentren entstand unter US-Regie in Gardez. Sechs Jahre später gab es PRTs in allen afghanischen Provinzen. Dennoch gewann der Aufstand gegen die Truppen des Westens überall an Zulauf.

Lag das vielleicht daran, so fragten sich Strategen aus dem Pentagon, dass man einen integralen Aspekt vergessen hatte: Die Stammes- oder „Selbstschutz“-Miliz? Im Irak hatte die US-Armee mit der Kombination aus PRT und Stammesmiliz scheinbar gute Erfahrungen gemacht. Anfang 2009 startete die US-Armee in der afghanischen Wardak-Provinz ein Pilotprojekt. Für Halim Fedai, den Gouverneur dort, der seine Exilzeit in den USA verbracht hat, handelte es sich um eine völlig neuartige Idee.

„US-Spezialtruppen bilden jetzt unsere Stammesleute aus“, schwärmte er. „Die Menschen schützen ihre Errungenschaften selbst. Die Taliban haben keine Chance mehr.“ In seinem Amtssitz – der bereits von Milizionären geschützt wurde – zählte er die Vorteile der Aufständischen auf: Stammesleute kennen ihre Umgebung, ebenso wie sämtliche Familien einer Region. Sie wissen, wer sie sind, wo sie sich aufhalten, wie man sie schnappen kann.

2010 ist das Milizensystem auch im deutsch geführten Regionalkommando Nord in Kundus angekommen. Bewährte Warlords: Alt-Mudschaheddin und Bürgerkriegs-Haudegen greifen unter US-Anleitung gegen vermeintliche Aufständische durch, ohne sich – anders als die in ihrem Lager verbarrikadierte Bundeswehr – vor Parlamentsausschüssen Rechenschaft ablegen zu müssen.

Immer mehr deutsche Militärs scheinen diese vermeintlich neue Strategie willkommen zu heißen. Dabei scheint die Nato inzwischen drauf und dran, in überholte Konzepte zurückzufallen – womöglich noch einen Schritt hinter die aus dem Algerienkrieg. So jedenfalls klingt es, wenn Marc Lindemann in seinem jüngst erschienenen Buch „Unter Beschuss – warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ das Ideal vom afghanischen Zentralstaat begräbt. Lindemann, bis 2009 deutscher Nachrichtenoffizier im Feldlager von Kundus, empfiehlt stattdessen, sich mit zwar blutbesudelten, doch effizienten Kriegsverbrechern wie dem Usbekengeneral Dostum zu verbünden.

Zwar sagt auch Lindemann, dass man diesen eigentlich vor Gericht bringen müsse. Wenn es aber gelänge, „einen Machthaber wie Dostum unter westlicher Kontrolle zu halten und ihm die Sicherheit eines vorher verabredeten Gebiets zu übertragen, könnte man dort Stabilität erreichen, ohne eigene Truppen einsetzen zu müssen.“ Angesichts der Terroristen von heute empfiehlt er, zu überdenken, ob man sich noch in allen Teilen an die Genfer Konventionen halten solle. Das klingt wie eine Stimme vom Ende des 19. Jahrhunderts, als Joseph Gallieni und Louis Lyautey sich mit den Warlords von damals verbündeten.

Unser Autor hat in Nordafrika, Pakistan und Afghanistan recherchiert. 2010 erschien sein Buch „Afghanistan Code. Eine Reportage über Krieg, Fundamentalismus und Demokratie“ (Verlag Nautilus).

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