Die Geschichte : Kaufrausch für alle

Am Freitag schloss das letzte Wertheim seine Türen. Damit endet eine Geschichte, die 1875 mit einem kleinen Eckladen begann. In den 20er Jahren stand der Name für das größte Warenhaus Europas.

Simone Ladwig-Winters
WIRECENTER Foto: Archiv/Ladwig-Winters
Wertheim in der Leipziger Straße auf einer Ansichtskarte von 1905.Foto: Archiv/Ladwig-Winters

Fedor von Zobeltitz war desorientiert. „Neulich habe ich Wertheim zum ersten Male besucht“, erinnerte sich der weitgereiste Reporter in seiner „Chronik des letzten Kaiserhauses“, und es sei ihm vorgekommen, als habe er „den Berliner Louvre kennengelernt.“ Dabei ging es doch nur um ein Warenhaus. Doch das war ja nicht irgendeines, das war das Flaggschiff des Konzerns an der Leipziger Straße, 1897 eröffnet und nach dem Ausbau bis zum Leipziger Platz größtes Warenhaus Europas.

„Ich bin nicht ganz ohne Findigkeit“, schrieb von Zobeltitz, „hier jedoch verließ mich jedwede topographische Begabung. Die strömende Menschenmenge schob mich hin und her; ich wollte zu den Parfüms und geriet zu den Kurzwaren; und plötzlich stand ich vor einer Dame, die mir Taschentücher zeigte, eine halbe Stunde später war ich mitten unter das Emaillegeschirr geraten.“
Von Zobeltitz, Sohn eines Gutsherren, war schier von Sinnen. Paul Göhre, ein Autor, der aus der Arbeiterbewegung kam, erging es nicht viel anders. Göhre schrieb 1907 über den neu eröffneten Lichthof: „An ihm verrät nichts, aber auch gar nichts mehr den Arbeitscharakter; an ihm ist alles Schmuck, Fest, Feier.“ Das Licht, es ließ die blanken Marmorflächen strahlen und die kristallenen Ketten funkeln. „Wie riesig dieser Raum ist,“ fuhr Göhre enthusiastisch fort, „dafür nur einige ganz wenige Zahlen. Seine Bodenfläche misst rund 700 Quadratmeter, seine Höhe 24 Meter! Man könnte bequem ein ganzes Berliner Durchschnittsmiethaus mit allem Zubehör in ihm aufstellen, und kaum würde es an irgendeiner Stelle anecken.“

So riesig der neue Lichthof, so gigantisch das ganze Haus: nach der letzten Bauphase betrug die Fassadenlänge über 330 Meter allein an Leipziger Straße und Leipziger Platz. In mehreren Etappen, über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg, hatte Georg Wertheim als Kopf des Unternehmens diesen Bau mit sechs Etagen und einer Nutzfläche von 106 000 Quadratmetern bis rüber zur Vossstraße errichten lassen. Damit übertraf das Haus das damalige KaDeWe, das im Jahr 1930 immerhin 41000 Quadratmeter aufwies, um weit mehr als das Doppelte.

Der Architekt Alfred Messel, der auch das Pergamonmuseum entwarf, verstand genau, die Vorstellungen des Bauherrn Georg Wertheim umzusetzen. Für den stand nicht die betriebswirtschaftliche Kalkulation im Vordergrund, aus jedem Quadratmeter möglichst hohen Nutzen zu pressen, sondern die Gesamtwirkung. Spätestens der Eckbau am Leipziger Platz besiegelte 1904 Messels Ruhm. Georg Wertheim notierte in sein Tagebuch: „Messel galt von da an als der erste Künstler unter den Berliner Architekten.“ Natürlich gab es auch kritische Stimmen über diesen Bau. Adolf Loos, Architekt und spitzzüngiger Theoretiker, der im Ornament ein Verbrechen sah, schrieb: „Seit dem Wertheim-Bau sind die Deutschen von dieser Architektur ganz benebelt.“ Doch die Kunden ließen sich gern benebeln. Zu den Weihnachtsausstellungen musste Polizei eingesetzt werden, um den Andrang zu kanalisieren.

Wie bescheiden waren die Anfänge gewesen. 1875 hatten Georg Wertheims Eltern, Abraham und Ida, in Stralsund einen Laden für Weiß- und Wollwaren, Spitzen, Seidenbänder eröffnet. Ein Raum der Wohnung der zehnköpfigen Familie wurde als Verkaufsraum abgeteilt. Das Geld war knapp, Georg Wertheim musste deshalb die Schule verlassen und wurde zu einem Onkel in Berlin in die Lehre geschickt. Durch familiäre Kontakte erhielten die Eltern auch die Waren für den Verkauf. Überhaupt war Ida die Geschäftsfrau, ihr Mann dagegen kein begnadeter Kaufmann; mit zwei Unternehmen war er schon gescheitert.

1876 übernahm Georg, gerade 19 Jahre alt, die Geschäftsführung. Er war nach dem Ende seiner Lehrzeit zurückgekehrt und brachte neue Ideen mit: feste Preise, die für jede Kundin galten, egal ob arm oder reich, Barzahlung, Einkauf direkt bei den Herstellern, eine eher kleine Gewinnmarge, dafür aber einen größeren Warenumschlag und sogar der Umtausch war nun möglich. Schon bald konnte ein paar Häuser weiter ein größeres Geschäft aufgemacht werden – mit Schaufenstern. Georg Wertheim notierte in seinem Tagebuch: „1880 Mühlenstraße 56... bauten dort einen für die damaligen Stralsunder Verhältnisse großen Laden aus, ... sodass wir nunmehr unstreitig das größte Detailgeschäft in Stralsund hatten.“

Das war schon was, denn ein Jahr zuvor hatte gleich um die Ecke ein Laden mit ähnlicher Geschäftsidee aufgemacht – das von Leonhard Tietz. Aber die Konkurrenz schadete nicht, beide Unternehmen wuchsen rasant. Leonhard Tietz ging bald darauf ins Rheinische; unter den Nazis wurde sein Unternehmen in Kaufhof umbenannt. Sein Bruder, kurzzeitig in Stralsund angestellt, machte sich unter dem Namen Hermann Tietz selbstständig (später Hertie). Stralsund war die Keimzelle für drei der großen deutschen Warenhäuser.

1884 eröffnete Georg Wertheim eine Filiale in Rostock. Mit drei großen Fuhrwerken wurden die Waren dorthin transportiert, eine Bahnverbindung gab es noch nicht. Die Filiale lief vom ersten Tag an gut, bald wagte er den Sprung nach Berlin.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten setzte sich Wertheim auch dort durch. Am Kreuzberger Moritzplatz wurde das Sortiment aus Textilien und Kurzwaren sogar um Geschirr und Kochgerätschaften sowie „Galanterie-Artikel“ erweitert. Nun nannte Georg Wertheim seine Läden „Warenhaus“, ein Geschäft, das „Alles unter einem Dach“ anbot. Er riskierte viel, als er 1896 in der Leipziger Straße, damals noch keine exponierte Geschäftsgegend, mit dem Bau eines großen Warenhauses begann. Doch an dem Doppelplatz Potsdamer/Leipziger steigerte sich bald die Stadt zum Zentrum, und die ungestüme Geschäftigkeit musste mit der weltweit ersten Verkehrsampel geregelt werden.

Georg Wertheim beobachtete den Markt und die Kundenwünsche. Längst gab es in anderen Ländern Warenhäuser, in Paris das Bon Marché (1852) oder in Chicago Marshall Field & Co.(1887). In diesen Großgeschäften konnten die Erzeugnisse der kapitalistischen Produktion, die beispielsweise Fingerhüte in Tausenderstückzahlen ausspuckte, abgesetzt werden. Gelockt wurden die Kunden mit besonderen Angeboten. Bei Konkurrent Tietz gab es schon in den 1890er Jahren Orangen, damals rare exotische Früchte. Bald boten alle Warenhäuser Orangen an. Konservenbüchsen, die den Verkauf von Obst und Gemüse außerhalb der Saison ermöglichten, wurden in dekorativen Stapeln aufgeschichtet. Und erst die Warenhäuser machten das aufgerollte Toilettenpapier populär. Nur wer sparen musste, benutzte weiter alte Zeitungen.

Wie die Wertheims waren auch die Tietzens Juden, die ausgeschlossen von den eingesessenen Kaufmannschaften zuerst in der Provinz, dann in den Großstädten die Warenhausidee aufgriffen und perfektionierten. Mit dem Erfolg regten sich antisemitische Stimmen. Warenhäuser wurden als „Bazare“ diffamiert, obwohl dort nicht gefeilscht wurde, im Gegenteil, es galten Festpreise. Die Furcht wurde geschürt, Warenhäuser zerstörten den „ehrbaren Mittelstand“. Hans Meyer, Lehrer und Buchautor, schrieb 1904 in seinem „Richtigen Berliner“: „Wertheim. Rätsel: Warum wollen die Kinder nicht zu Wertheim gehen? – Weil er die kleinen Leute tot macht.“

Angesichts dieser Hetze verzichtete Georg Wertheim, der im Jahr 1913 Rang 67 in der Liste der Berliner Millionäre einnahm, lieber darauf, mit dem Titel Kommerzienrat ausgezeichnet zu werden. Wertheim richtete sein Leben nach dem Geschäft. Wenn er mal nach Nizza fuhr, dann um ein ausgebranntes Warenhaus zu begutachten. Anschließend etablierte er eine gut ausgerüstete Betriebsfeuerwehr. Ganz anders seine 27 Jahre jüngere Frau, die er erst mit fast 50 Jahren geheiratet hatte. Ursula Wertheim liebte Pelze und Schmuck, stieg bei ihren Reisen nach London, Paris oder New York nur in den besten Hotels ab, ums Geschäft kümmerte sie sich nicht.

Nur einmal hatte sie dort einen großen Auftritt: Am 23. Januar 1910, als Kaiser Wilhelm II. mit seiner Gemahlin vorfuhr und Ursula Wertheim der Kaiserin einen Strauß weißen Flieder überreichte. Ganz Berlin redete anschließend über das Ereignis – der Kaiser im Warenhaus – ein Werbeeffekt sondergleichen.

Auf diese Weise geadelt, überstand Wertheim auch den Ersten Weltkrieg. In den Zwanziger Jahren erlebten die Warenhäuser noch einmal einen Boom. 1927 übernahm Hermann Tietz den Jandorf-Konzern mit dem KaDeWe und war nun neben Karstadt bei einem Umsatz von 300 Mio. Mark einer der beiden größten Warenhaus-Konzerne Deutschlands. Wertheim lag mit einem Umsatz von 128 Mio. Mark hinter Leonhard Tietz auf Platz vier. Für Georg Wertheim war es wichtiger, dass sein Haus am Leipziger Platz unangefochten als das schönste und größte Warenhaus in Europa galt.

1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Nach dem 25 Punkte-Programm der NSDAP aus dem Jahr 1920 sollten nun alle Warenhäuser abgeschafft werden. Schon 1930 hatten Nazis nach der Reichstagswahl die Schaufensterscheiben bei Wertheim mit Steinen eingeschlagen. Jetzt wurde subtiler vorgegangen: Über die Banken, von deren Krediten die Warenhäuser abhingen, wurde Einfluss genommen. Dass die Eigentümer zumeist Juden oder jüdischer Herkunft waren, erschwerte ihre Position.
Bei Hermann Tietz sahen sich die Geschäftsführer schnell hinausgedrängt,das Unternehmen wurde „arisiert“, der Name Hertie eingeführt. Aber die Warenhäuser als Betriebsform blieben bestehen, wurden nicht, wie ideologisch beabsichtigt, geschlossen, sie waren im Interesse der Kriegsvorbereitung für die Versorgung der Bevölkerung unentbehrlich.

Georg Wertheim war sich bewusst, dass er für die Nazis weiterhin als Jude galt, obwohl er sich 1906 anlässlich seiner Hochzeit hatte taufen lassen. Er schenkte 1934 sein gesamtes Vermögen seiner nicht-jüdischen Ehefrau Ursula, ein Jahr später bekam sie auch die Anteile aus dem Nachlass eines verstorbenen Bruders von Georg. Faktisch war er damit recht- und besitzlos. 1937 schrieb er kurz vor seinem 80. Geburtstag in sein Tagebuch: „Austritt aus dem Geschäft. Firma als deutsch erklärt.“ Er selbst hatte Hausverbot, ließ sich aber immer noch die Umsatzzahlen von seiner Sekretärin nach Hause bringen.

Der Vertreter der Deutschen Bank im Aufsichtsrat sorgte dafür, dass im selben Jahr fünf in der Voßstraße gelegene Wertheim-Grundstücke für den Bau von Hitlers Neuer Reichskanzlei verkauft wurden. Die räumliche Nähe zur neuen Machtzentrale sollte sich für das Gebäude noch als fatal erweisen, 1944 ging das Warenhaus im Bombenhagel unter.

Um die „Arisierung" nach außen hin deutlich zu machen, wurde der Name von Wertheim in AWAG (Allgemeine Warenhandels A.G.) geändert. Silvester 1939 starb Georg Wertheim im Alter von 82 Jahren. Von seiner Frau Ursula, der Besitzerin der Aktienmehrheit, war er ein Jahr zuvor geschieden worden. Sie heiratete kurz nach seinem Tod den bei der „Arisierung“ des Unternehmens maßgeblichen Rechtsberater des Unternehmens, Arthur Lindgens, mit dem sie schon öfter auf Großwildjagd gegangen war.

Die meisten Mitglieder der Wertheim-Familie emigrierten ins Ausland. Für ihre Anteile am Unternehmen bekamen sie, wenn überhaupt, nur einen Bruchteil des Werts. Einige gingen weit genug, in die USA, einzelne wurden in Belgien von ihren Verfolgern eingeholt und ermordet.

Nach Kriegsende erhielten die Wertheim-Warenhäuser den alten Namen zurück. Lindgens, als Ehemann der Hauptanteilseignerin, hielt die Macht in den Händen. Die wertvollsten Grundstücke lagen in der sowjetisch besetzten Zone, später der DDR.1951 übernahm Hertie dann Wertheim. Zuvor hatte Lindgens allerdings noch günstig die Ansprüche der versprengten Wertheim-Nachkommen in den USA erworben. Pläne für das Haus in der Steglitzer Schlossstraße, die noch aus Georg Wertheims Zeit stammten, wurden wieder herausgeholt, überarbeitet und realisiert.

Die Wende brachte noch einmal eine neue Situation. Karstadt, später Karstadt/Quelle, hatte inzwischen Hertie übernommen, beanspruchte in der Wertheim-Rechtsnachfolge die alten Grundstücke. Doch vor Gericht wurden Ansprüche der Wertheim-Nachkommen anerkannt. Am Ende verständigte sich der Konzern mit der Erbenvertretung auf eine Entschädigung.
Im vergangenen Jahr wurde das Wertheim-Haus am Kurfürstendamm in Karstadt umbenannt, jetzt folgte das Haus in Steglitz. Damit endet das letzte Kapitel in der Geschichte des ältesten Warenhausunternehmens Deutschlands.

Die Autorin ist Historikerin und hat bei Rowohlt das Buch „Die Wertheims – Geschichte einer Familie“ (mit Erica Fischer) veröffentlicht.

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