Die Geschichte : Schüsse auf Honecker

Die Stasi war sich sicher: DDR-Bürger besitzen keine Waffen. Bis der Ofensetzer Paul Eßling zu Silvester 1982 die Citroën-Limousine des Staatschefs stoppt. Ein Stasileutnant wird niedergeschossen, wenig später ist der Schütze tot. Eine Rekonstruktion.

Björn Rosen

Am Abend war Erich Honecker nichts anzumerken. Die Silvesterfeier verlief 1982 wie in den Jahren zuvor: Die Tochter war mit ihrem Mann, den Enkeln und ein paar Freunden in die Schorfheide gekommen. Sekt wurde gereicht und deftiges Essen: Im Jagdhaus „Wildfang“ am idyllischen Pinnowsee musste die Haushälterin traditionell Kassler, Käse, Rotwurst und frisches Brot auftischen. Um 22 Uhr dann stieß die Festgemeinschaft fröhlich an – nach Moskauer Zeit hatte das neue Jahr schließlich begonnen.

Der Vorfall vom Nachmittag schien vergessen, für ein paar Tage wenigstens. Doch dann kam die Schlagzeile: Der Staats- und Parteichef, behauptete die Illustrierte „Stern“ in einer großen Titelgeschichte, sei zu Silvester um 14 Uhr nur knapp einem Anschlag entgangen.

Tatsächlich hatte es eine Schießerei um Honeckers Wagenkolonne gegeben, als diese auf dem Weg zum „Wildfang“ war – ein einzigartiger Fall in der Geschichte der DDR. Der Schütze war ein 41-jähriger Ofensetzer aus dem kleinen Ort Klosterfelde. So nah wie er gelangte nie zuvor und niemals danach ein normaler DDRBürger mit einer Waffe an die vom Volk abgeschottete Staatsführung.

Aufgespürt hatte die Geschichte der damalige DDR- Korrespondent des „Stern“, Dieter Bub, erschienen ist sie am 13. Januar 1983 unter der Überschrift „Das Attentat“. Die DDR-Führung war empört. Der Artikel zerstörte das sorgsam aufgebaute Image von Honecker als geliebtem Landesvater. Ost-Berlin bestand darauf, es habe an Silvester nur eine „schwere Verkehrsgefährdung“ gegeben. Wenig später wurde Reporter Bub wegen „verleumderischer Berichterstattung“ ausgewiesen. Doch die Westpresse hatte den Fall längst aufgegriffen, „Le Monde“ aus Paris berichtete ebenso wie die „New York Times“. Das Schweizer Blatt „Le Matin“ glaubte gar: „Unter der Disziplin und der preußischen Ruhe bewegt es sich im anderen Deutschland.“ Was aber war wirklich geschehen, an jenem kalten Silvesternachmittag vor 25 Jahren?

Erich Honeckers Weg führte von Haus 11 in der von Mauern umgebenen Waldsiedlung des Politbüros in Wandlitz über Klosterfelde etwa 30 Kilometer Richtung Norden bis zum Jagdhaus. Ein Weg, den er so oft nahm, wie keinen sonst. „Honecker ist etwa zweimal in der Woche raus zum Jagen“, erinnert sich Bernd Brückner, der den Staatschef geschätzte 1500-mal in die Schorfheide begleitete.

Brückner, ein großer, kräftiger Mann, war von 1976 bis 1989 Honeckers Chef-Leibwächter. Ausgerechnet am 31. Dezember 1982 hatte er einen freien Tag; sein Stellvertreter fuhr in der Wagenkolonne mit. Aber Brückner kennt den Fall bis ins Detail. Und anders als seine ehemaligen Kollegen spricht er heute offen über die Zeit an Honeckers Seite.

Keiner der Personenschützer rechnete auf dem Weg in die Schorfheide wirklich mit einer Gefahr. Nicht nur, weil die Vorbereitung eines Attentats der allgegenwärtigen Staatssicherheit kaum entgehen konnte. „Für eine Privatperson schien es in der DDR unmöglich, in den Besitz einer Waffe zu kommen“, so Brückner.

Paul Eßling hatte eine. Bis zum Silvestertag führte er ein völlig unauffälliges Leben, danach wurde er von manchen als Held gefeiert. Eßling scheint ein schwieriger Charakter gewesen zu sein: ehrgeizig und sensibel, aber auch herrschsüchtig und selbstgerecht. Einige seiner Bekannten haben der Stasi nach den Schüssen erzählt, wie er seine Frau schikanierte, die Kinder anschrie, wie er aus Spaß einen Hund quälte und einmal „wie ein Wilder“ am Steuer seines Autos nach Prag raste – immer getrieben von dem Wunsch, der Größte zu sein. Als Ofensetzer hatte er es wie viele Handwerker in der DDR zu Wohlstand gebracht. Eßling besaß ein großes Grundstück, ein neues Haus, zwei Autos und einen ausgezeichneten Ruf als Handwerksmeister. Selbst in den Wohnungen von regimetreuen Künstlern und Parteifunktionären baute er Kamine. Was er dort sah, empörte ihn: Gemessen am Lebensstandard der meisten DDR-Bürger, lebte die Führung im Luxus. Ehemalige Kunden Eßlings berichten, er habe immer wieder geschimpft über „die Bonzen“. Allein: Das taten viele in der DDR.

Stärker trieb Eßling eine tiefe persönliche Krise um. Ende 1981 hatte ihn seine Frau mit den zwei Töchtern verlassen, der Sohn lebte weiter beim Vater. Schon davor neigte der Ofensetzer zum Trinken, nun trank er noch mehr. Daran änderte auch die Affäre mit einer alleinstehenden Frau aus dem Nachbarort Wandlitz nichts. Ein paar Wochen vor Weihnachten 1982 machte die Frau Schluss.

Noch heute lebt Eßlings damalige Freundin in Wandlitz. Ihren Namen möchte sie nicht genannt sehen, ihre Geschichte erzählt sie nur ungern. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Und zu oft ist sie nach dem vermeintlichen Attentat verhört worden. Denn sie war die letzte Person, mit der Paul Eßling sprach.

Es ist Mittag, als der Ofensetzer am Silvestertag 1982 mit seinem grünen Lada bei der Frau auftaucht, die er nicht verlieren will. Wenn sie Eßling heute beschreibt, klingt es ganz anders als in den Stasiakten. „Ein guter Kerl“ sei er gewesen, und wenn die Leute etwas anderes behaupteten, dann vielleicht aus Neid auf den erfolgreichen Handwerker. Aber geliebt hat sie ihn nicht.

Eßling platzt in eine kleine improvisierte Feier, sie lässt ihn draußen stehen. Eßling, 1,70 Meter groß und bekleidet mit einer schwarzen Lederjacke, dürfte zu diesem Zeitpunkt schon angetrunken gewesen sein. Bei der Obduktion werden die Ärzte später 2,5 Promille messen. „Diese paar Minuten haben mein Leben verändert“, sagt Eßlings letzte Freundin heute. „Wenn ich ihn auf einen Kaffee hereingebeten hätte, wäre das vielleicht alles nicht passiert.“ So aber steigt der Ofensetzer wieder in seinen Wagen.

Zur gleichen Zeit verlässt Honeckers Kolonne die Waldsiedlung, vorneweg der langgestreckte Citroën mit dem Staatschef auf der Rückbank und einem Begleiter von der Staatssicherheit auf dem Beifahrersitz. Der Wagen ist kugelsicher, doch das wissen selbst einige der Sicherheitsleute nicht; ein Attentäter hätte es nur ahnen können. „Hinter Honeckers Limousine folgte ein identischer, aber nicht gepanzerter Citroën, am Ende ein Volvo der Volkspolizei“, sagt Ex-Leibwächter Brückner. Der Konvoi fährt ohne Blaulicht ins Zentrum von Wandlitz. Vorbei an der Schule, in die Honeckers Tochter ging, vorbei am Wandlitzsee und an einer Gaststätte. Die Strecke wird überwacht, aber Absperrungen gibt es keine: „Honecker wollte keinen Aufwand. Wenn er Freizeit hatte, sollte alles ganz ruhig und gemütlich vonstattengehen“.

In Eßlings Wagen liegt eine geladene Pistole, Modell Walther, Kaliber 7,65 Millimeter. Wahrscheinlich hat er das uralte Modell auf dem Dachboden seines Hauses gefunden, im Nachlass des verstorbenen Vaters, eines Polizisten. Eßling ist ein Waffennarr. Er hat sich aus dunklen Quellen mehrere Flinten und Munition besorgt, er schießt heimlich auf Rehe in den Wäldern um Klosterfelde und versucht jahrelang, in die „Jagdgesellschaft“ aufgenommen zu werden – dem einzig legalen Weg für DDR-Bürger, regelmäßig ein Gewehr in die Hand zu bekommen. Seine Anträge werden immer wieder abgelehnt, weil er als jähzornig und unzuverlässig gilt. „Diesen Arschlöchern werde ich es schon noch zeigen“, tobt der Ofensetzer angeblich vor einem Bekannten.

Was geht in Paul Eßling vor, als er gegen 13 Uhr in seinem Lada auf die Fernstraße 109 prescht und Honeckers Wagen die Vorfahrt nimmt? Weiß er überhaupt, wer in dem anderen Auto sitzt? Will er es allen zeigen? Oder ist er einfach nur betrunken? 2,5 Promille scheinen viel, aber Eßling ist den Alkohol gewöhnt. In der späteren Schießerei trifft er zielsicher – und nur knapp am Herzen eines Stasioberleutnants vorbei.

Die Fahrer in Honeckers Konvoi müssen heftig bremsen, dann überholen die zwei vorderen Staatskarossen Eßling zunächst wieder. Der fühlt sich offenbar herausgefordert und gibt Gas. Von hinten nähert sich der Volvo der Volkspolizei, jetzt mit Blaulicht und Sirene. Eßling soll stoppen, reagiert aber nicht. Der Volvo versucht, ihn zu überholen – da reißt der Ofensetzer seinen Wagen nach links. Erst als sich auf der Überholspur ein Lkw nähert und wegen des Blaulichts bremst, können Honeckers Sicherheitsleute Eßling abdrängen und vor Klosterfelde zum Anhalten zwingen. Der Stasioberleutnant steigt aus dem Volvo und nähert sich dem Lada. Eßling, hinter der Fahrertür seines Wagens, eröffnet sofort das Feuer, trifft ihn lebensgefährlich. Der zweite Mann aus dem Volvo will zurückschießen, doch da hat Eßling seine Pistole schon gegen die eigene Schläfe gerichtet und drückt ab. Er ist sofort tot. Honeckers Wagen ist inzwischen außer Sicht und in Richtung „Wildfang“ unterwegs.

Was Honecker von der Situation mitbekam, ist nicht klar. Jedenfalls verlor der Mann, der ein Meister darin war, die Realität auszublenden, selbst in Anwesenheit seines vertrauten Leibwächters nie ein Wort über den Silvestertag 1982. Hatte er Angst? „Nee, Panik hatte der nur vorm Zahnarzt“, glaubt Bernd Brückner. „Aber sogar darüber hat er nicht geredet, man hat es ihm bloß angesehen.“

Die Stasi schottet Klosterfelde für kurze Zeit regelrecht von der Außenwelt ab. Die geheimdienstlichen Einschätzungen, ballistischen Untersuchungen und Abschriften Dutzender Verhöre füllen zwei Aktenordner mit insgesamt 589 Seiten: ein Stapel dünnen, grauen Papiers, so dick wie vier oder fünf Telefonbücher. Die meisten Seiten sind mit Schreibmaschinenschrift gefüllt, die Buchstaben undeutlich, verwischt. Dazwischen Schwarzweißfotos vom Tatort.

Der von Eßling getroffene Oberleutnant überlebt schwer verletzt. Seinen Kollegen vom MfS schildert er später seine Fassungslosigkeit, dass ihn tatsächlich ein DDR-Bürger mit einer echten Waffe bedrohte. Selbst als er schon getroffen war, habe er sich gesagt „das kann doch nicht sein, der kann gar nicht schießen.“

Für die Männer hinter Honecker haben die Ereignisse von Klosterfelde Konsequenzen. Brückner, der schon lange jedes prominente Attentat auf ein Staatsoberhaupt nachspielen lässt, freut sich damals, dass die Kollegen beginnen, professioneller zu arbeiten. Scharfschützen werden nun besser ausgebildet, Honeckers Kolonne wird um einen Wagen erweitert, es gibt neue kugelsichere Westen. Auch die Überwachung der Bevölkerung wird verschärft. Zwar geht die Stasi von einer „Kurzschlusshandlung“ Eßlings ohne politischen Hintergrund aus. Aber Geheimdienstchef Erich Mielke fürchtet Trittbrettfahrer. In einem internen Schreiben empört er sich über die „großangelegte Hetz- und Mordkampagne“ der westlichen Medien nach der Schießerei. Schon bei kleinsten Hinweisen auf „Terror- und andere operativ bedeutsame Gewaltakte“ solle man künftig eingreifen, befiehlt der Minister.

Fast noch mehr als die Ereignisse von Klosterfelde selbst beschäftigt die Staatssicherheit aber, wie „Stern“Korrespondent Bub an seine Informationen gelangen konnte. In ihrer Besessenheit, Dinge geheim zu halten – vor dem eigenen Volk wie vor der Weltöffentlichkeit –, zeigt die DDR-Führung ihre ganze Unsicherheit. „Es durfte ja nie etwas nach außen dringen“, sagt Ex-Leibwächter Brückner. „Nicht mal, als Honeckers Enkeltochter starb und er sehr mitgenommen war. Heute würde man sagen, das ist eine Supergelegenheit, einen Politiker als liebenden Großvater zu verkaufen. Die haben damals nicht verstanden, dass die ständige Heimlichtuerei die Leute am meisten geärgert hat.“

Die Attentatsversion verbreitet sich über das westliche Radio- und Fernsehprogramm auch in der DDR rasant. Eifrig sammelt die Stasi „Stimmungen und Reaktionen der Bevölkerung“. Die Informanten berichten fast alle das Gleiche. Das Volk denke, „an der Meldung der BRD- Medien muss etwas Wahres dran sein“, stellt zum Beispiel die MfS-Kreisdienststelle Angermünde in ungelenkem Deutsch fest: „Viele glauben, dass von der DDR nicht die volle Wahrheit gebracht wird. Als Grund sehen sie, weil es in der DDR so etwas nicht geben darf.“

So nährte ausgerechnet die strenge Geheimhaltung die Theorie vom Anschlag auf Honecker – bis weit in die Nachwendezeit. Noch 1993 bestand der „Stern“ darauf, recht gehabt zu haben. Kein Gerücht war zu absurd. Die „Bild“ wollte sogar herausgefunden haben, dass Eberhard Diepgen Eßlings Waffenlieferant gewesen war. Im Jahr 1995 untersuchte dann die Generalstaatsanwaltschaft des Landes Brandenburg den Fall, kam aber zum Schluss, es habe kein Attentat gegeben. Obwohl rätselhaft bleibt, warum Paul Eßling am Silvestertag 1982 so durchdrehte, dass er die Waffe, die er schon so lange hatte, gegen das nächstbeste Auto eingesetzt haben soll. Er muss erkannt haben, dass er nicht irgendwen vor sich hatte.

Für Eßlings letzte Freundin begann nach den Schüssen von Klosterfelde das große Schweigen. „Keine einzige Silbe“ verlor sie über den Silvestertag, über Eßling, über die Verhöre danach. Die Stasi verlangte es so. „Es geht um Ihre Existenz“, drohten die Ermittler. Sich nicht einmal den Eltern anvertrauen zu können, war eine große Belastung. Wenn sie neue Leute kennenlernte, dachte sie unweigerlich: „Sind die jetzt auf mich angesetzt?“ Wenn sie sich auf einen freien Sonntag freute, konnte es passieren, dass zwei Herren in Zivil auftauchten und wieder mit stundenlangen Befragungen begannen, ihr zum Beispiel unterstellten, 30 000 D-Mark vom „Stern“ kassiert zu haben.

Allein und im Verborgenen musste sie um den Mann trauern, den sie bis zuletzt mochte. „Es ist traurig“, sagt sie heute, „er ist da in ein ganz blödes Ding geraten.“

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