Geschichte : Die große Himmelsgasse

Wenn Kirchen Synagogen werden: Eine Deutschlandreise zwischen „Wiedergutmachung“, Geldnot und schrumpfenden Gemeinden

Thomas Lackmann
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Mit 1300 Seelen war die Paul-Gerhardt-Kirche in Bielefeld nicht zu retten. Die heutige Synagoge heißt „Beit Tikwa“ – Haus der...

Wenn Abt Guido von Pomposa, König Gustav Adolf und der Choraldichter Paul Gerhardt dieser Tage herabschauen auf Speyer, Hannover und Bielefeld, dann hat sich an den dort nach ihnen benannten Sakralbauten Unübersehbares verändert. Vom finalen Sieg ihrer Konfession waren diese Namensgeber zu Lebzeiten überzeugt: der mittelalterliche Heilige, dem es gelang, italienische Klöster in Erweckungsorte zu verwandeln (und Wasser in Wein); der schwedische Religionskrieger, dessen Heldentod die protestantische Welt so sehr beeindruckte, dass ihr „Gustav-Adolf-Werk“ bis heute Diaspora-Christen betreut; der Poeten-Pastor aus Sachsen, dem sein lutherisches Credo wichtiger war als sein Berliner Pfarramt. Dass ausgerechnet die Kirchen dieser drei Patrone eines Tages Synagogen werden sollten, hat den Dreien keiner prophezeit.

Bisher ging so etwas in Deutschland eher andersherum. Vor 1933 wurden manchmal Synagogen in Kirchen umgewandelt. 1938 hat man 171 jüdische Gotteshäuser im ganzen Land angesteckt, die meisten abgerissen oder als Deportationssammelstellen missbraucht; manche sind Feuerwehrwachen oder Kneipen bis heute. Auch Hannovers große Synagoge brannte damals nieder. Wer an die Leine reist, um das neue jüdische Zentrum zu besuchen, findet unter der exakten Adresse – über Googlemaps – den Eintrag „Adolf-Kirche“. Eine Panne.

In der Synagoge „Etz Chaim“, die vor einem Jahr noch Gustav-Adolf-Kirche hieß, lädt die Gemeinde ein paar Wochen nach Rosch ha-Schana zum Neujahrsempfang. Gold ist das Gestaltungselement, von der Fassadenblende aufgelöster Davidsterne bis zu den Leuchtern links und rechts vom Thoraschrein. Golden glänzt das Kostüm der Gemeindevorsitzenden, die im weißen Kubus des Sakralraumes den Kulturstaatssekretär begrüßt. DGB- Funktionäre und Bundeswehroffiziere mit Kippa sitzen im Saal. Der Vorsitzende des „Hauses der Religionen“ lobt die Offenheit der liberalen Juden. Zur Gustav-Adolf-Historie fällt kein Wort.

„Ich bin stolz, dass die Menschen, die Bauchschmerzen mit der Aufgabe der Kirche hatten, das geschafft haben“, sagt Catharina Uhlmann, die Pastorin der 2006 fusionierten Gemeinden Herrenhausen und Leinhausen. „Man kann aber nicht alle Bauchschmerzen ausreden.“ 1967 war Gustav-Adolf gebaut worden; 40 Jahre später ist die Reduktion der Gemeinde auf 1300 Seelen im Kleine-Leute-Viertel Leinhausen nicht mehr zu ignorieren. „Der Unterhalt des Gebäudes hätte uns den Hals gebrochen“, sagt die Pastorin. Statt eines Abrisses gehe es nun „an Glaubensgeschwister“. Allerdings nicht umsonst: „Als Geschenk wäre das nicht zu vermitteln gewesen, vor Jahren haben unsere Leute noch für die Kirche gespendet!“ Viele trauern dem Taufort ihrer Kinder nach oder fragen: „Wieso können die sich das leisten?“ Jüdische Gemeinde, Stadt und Land zahlen insgesamt drei Millionen Euro. Früher gab es zu den jüdischen Nachbarn wenig Kontakte, sagt die Pastorin. Nun rege sich Neugierde. Über den wahren Glauben freilich werde nicht diskutiert. Noch steht die „Verlusterfahrung“ im Vordergrund.

Bei der Abschiedsfeier in Gustav- Adolf, 2007, verstummten Orgel und Glocken. Liturgisches Gerät wurde zur Herrenhäuser Kirche getragen, der Gottesdienst dort mit dem Abendmahl fortgesetzt. Das Goldkreuz vom Turm fand seinen neuen Platz vor der Katholischen Kirche gegenüber. Beim Jahresempfang 2009 werden zum Fingerfood Israel-Dias quer durch den Saal projiziert. Im Foyer von „Etz Chaim“ ist Pastorin Uhlmann als Unterstützerin aufgeführt. Auf einer Bildtafel sind Einzelspender für die Schieferplatten des Synagogenbodens vermerkt; diese Sammelidee kam von Gustav-Adolf-Presbytern, sagt Alla Voladarska. Die Ukrainerin im Vorstand der 200-Mitglieder-Gemeinde weiß von Kontakten zwischen jüdischen und christlichen Gläubigen. Ex-Gustav-Adolf-Leute sagen: „Der Schmerz ist da, aber euer Verständnis hilft uns.“ Alla Voladarska fragt: „Was würden wir sagen, wenn der Davidstern abmontiert würde?“ Rituell sei die Umwandlung kein Problem, mit dem Oberrabbiner in Jerusalem habe man das geklärt. Schroffer äußert sich Artur Michalowitz, verantwortlich für die Jugendarbeit: Ihm sei gar nicht mehr präsent, dass dies eine Kirche war. Beziehungen seiner 40 Jugendlichen zu Christengemeinden fördere er nicht. Erst müssten die ihre eigene Position finden.

Am 25. Januar 2009 ist „Etz Chaim“ unter Anwesenheit des Landesvaters, der Zentralratspräsidentin und christlicher Bischöfe eingeweiht worden. Ein Staatsakt mit politischem Pathos, abgesegnet vom Hauptquartier der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) nebenan. Thomas Erne, der das EKD-Kirchenbau-Institut in Marburg leitet, findet dazu eher nüchterne Worte. In der evangelischen Tradition gehe es weniger um heilige Orte als um die Heiligkeit der feiernden Gemeinde. Doch müsse man akzeptieren, dass Menschen an einer alten Kirche hängen und dort „etwas spüren“.

Die Umwidmung sei eine anspruchsvolle Aufgabe: Wo Kirche draufsteht, sollte eigentlich Kirche drin sein. Zumindest müsse „das Alte als Geschichte präsent bleiben“. Die Identität jener, die den Raum hergeben, sei ebenso zu wahren wie eine jüdische Gemeinde lernen müsse, mit der Erinnerung umzugehen.

In Bielefeld ist die Sache erst einmal gründlich danebengegangen. Wir sitzen mit den Ex-Presbytern Ulrike Stiewe und Hermann E. Geller in dessen Haus. Man sei 2005 als Paul-Gerhardt-Gemeinde pragmatisch in die Einigung mit der Neustädter Mariengemeinde gestartet. Man habe dem Pfarrer bis zu 24 000 Spenden- Euro jährlich zur Erhaltung der 1962 erbauten Kirche garantiert! Man sei abrupt mit der Ankündigung des Verkaufs konfrontiert und als Widersacher in die antisemitische Ecke gedrängt worden. Als 2007 eine weitere Zusage, bezüglich der letzten Frist, gebrochen wurde, habe man die Kirche besetzt, täglich Andachten gehalten. Diese wollte „den Juden an besonders exponierter Stelle eine Synagoge zuschustern“ und habe die Zivilgesellschaft zur Hilfe gerufen! Auch Juden, denen die Instrumentalisierung der Schoah für ein Immobiliengeschäft peinlich war, bekundeten Solidarität.

Am Tag der Übergabe habe die Gemeindevorsitzende „mit dem Schlüsselbund geklappert wie ein Gefängniswärter“. Gegen Irith Michelsohn giftet Geller – er ist inzwischen aus der Kirche ausgetreten – so gern wie gegen den Pfarrer von St. Marien, Alfed Menzel. Vom medialen Feuerschutz des schillernden Journalisten Eitel Riefenstahl wollen sich weder Stiewe noch Geller distanzieren: Der hatte seine Broschüre „Bielefelder Kirchenkampf“ dazu benutzt, Menzel und dessen Lebenspartner zu verhöhnen, den eigenen Vater aber, einen Gestapo-Beamten, als Opfer auszustellen.

Das Paul Gerhardt-Turmkreuz steht festgezurrt im Seitenschiff der Marienkirche. Sechs Glocken warten in der Apsis darauf, ihr schönes Spiel, das die Exilanten so vermissen, im gotischen Marienturm aufleben zu lassen. Alfred Menzel redet von Säkularisierung, Strukturwandel, Rückbau: wie die Institutionsschrumpfung amtskirchlich heißt. Er bestreitet, dass eine blühende Bekenntnis-Gemeinde zerstört worden sei. Früher 3000, zuletzt 1300 Seelen, die avisierten Spenden hätten für keine Sanierung gereicht. Sicher, man habe unter Druck gehandelt. „Eine Gemeinde ist wie eine Blume. Beim Umtopfen beschädigt man natürlich.“ Menzel hat jüngst Auschwitz besucht, er plant ein Studiensemester in Jerusalem. Man habe Grund zu diesem Zeichen. Es sei gut, hier eine Synagoge zu haben, wichtiger, als wohlsituierten Pensionären ein Forum zu garantieren. Diese seien keine Antisemiten, aber „konservative Besitzstandswahrer, das macht traurig . . .“

„Beit Tikwa“ heißt die Paul-Gerhardt- Kirche seit einem Jahr, „Haus der Hoffnung“. Der Konflikt sei Geschichte, behauptet Rabbiner Henry Brand. Er ist stolz auf 5000 Offene-Tür-Besucher, regelmäßige Führungen, das Interesse der Nachbarn. 300 Mitglieder, viele Aktive. In der Synagoge symbolisieren die bunten Fenster rund um den Thoraschrein die sieben Schöpfungstage. Der Gottesdienst, 42 Personen, wirkt familiär. Ein Schwarzer mit Kippa. Zwei blonde Mädchen öffnen den Thoraschrein. Zwei stoppelige Russen unterhalten sich. Alles singt schief und froh mit. Beim Kiddusch, dem Sabbat-Snack im Kellersaal, kreisen Weingläschen und Salatschüsseln. Die Kulturbeauftragte berichtet vom interreligiösen Trialog. Ein pinkhaariges Piercing-Girl setzt sich zum Rabbiner. Hoher Kuschelfaktor, mit Irith Michelsohn als Mutter der Kompagnie. Draußen leuchten hebräische Lettern durchs blaue Turmfenster in die Nacht. Manchen Zuwanderern ist die exponierte Position an der Ausfallstraße unheimlich. Vor zwei Tagen hat ein Verwirrter auf dem Gelände randaliert.

Wenn Kirchen Synagogen werden, liegen schräge Fragen in der Luft. Schändung, Profanisierung, Umwidmung? Geht es hier um interreligiöse Abrüstung? „Wiedergutmachung“ wird nicht thematisiert, aber inszeniert. „Etz Chaim in Hannover wurde zum Holocaust-Gedenktag eingeweiht. In Speyer legte man am 9.11. den Synagogen-Grundstein, in die Nische des Reliquienschreins. Vom Gedenkort der 1938 abgebrannten Synagoge, wo nun ein Kaufhaus steht, war die Fest-Corona zuvor zu St. Guido gezogen.

Während im Norden die Mutation zum jüdischen Gotteshaus als Novum gilt, haben an Rhein und Saar tatsächlich schon drei solcher Wandlungen stattgefunden. In Homburg dauerte das Hin und Her 15 Jahre, bis die Obrigkeit 1860 befand: Eine Kirche sei durch jüdisches Gebet weniger entheiligt, „als wenn solche, wie bisher, auf die allerentwürdigendste Weise benützt werde“. Der erste Casus wurde 1822 aus Neuleinigen berichtet, wo die Israelitische Gemeinde eine Klosterruine kaufen durfte. Im selben Jahr wird in Berlin die Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden gegründet. Die Neuleiniger Synagoge ist inzwischen eine evangelische Kirche.

Wer heute für Speyer, die einst ruhmreichste Stadt deutscher Juden, wiederum via Googlemaps, den geplanten Synagogen-Ort sucht, stößt auf den Namen „Curry-Sau“. Das ranzige Fettaroma einer ehemaligen Imbissbude weht über den Stiftsplatz. 2008 war hier große Grundsteinlegung. Jetzt herrscht Dornröschenschlaf: blinde Fenster, Geranke an den Wänden. 1047 waren Reliquien des Hl. Guido hierin verbracht worden. 100 Jahre später rief in Speyer Bernhard von Clairvaux zum Kreuzzug der Frommen auf, Pogrome suchte er zu stoppen. Die Juden seien vorbestimmt, sich erst kurz vor dem Jüngsten Gericht zu bekehren. 1930 erbaute der Missionsorden der Spiritaner, begründet durch den konvertierten Rabbinersohn Franz Maria Paul Libermann, die zerstörte Stiftskirche neu. 1991 gaben die Ordensmänner ihre Gebäude auf, zogen ins Pfarrhaus von St. Bernhard, schräg gegenüber.

Pater Erwin Wieslers ist froh, dass aus St. Guido kein Wellness-Center wird. Dass der Rückbau zur Synagoge christlichen Weltvollendungskonzepten kaum entspricht, stört den 76-Jährigen nicht. Von „Wiedergutmachung“ will er nicht reden – im Zusammenhang mit dem Holocaust auf die „älteren Brüder“ zuzugehen, passe aber zur Gesinnung Pater Libermanns. Dagegen beklagt der News- Dienst kreuz.net das „tragische Ende einer Kirche … Alles begann mit einem Juden und Ordensgründer, der in Christus wiedergeboren wurde. Jetzt ziehen Juden ein, die vom Licht des Evangeliums nichts wissen wollen.“

Wann die Juden hier wirklich einziehen, steht in den Sternen. Zwei Zuwanderergruppen beanspruchen, die Jüdische Gemeinde Speyer zu sein. Juliana Korovai setzt als Vorsitzende das Werk ihres Großvaters fort, der die heute 100 Personen starke Gemeinschaft 1996 gegründet hat und beruft sich auf Ignatz Bubis. Der hatte ihre Schar angeblich als Rechtsnachfolger der 1940 vernichteten Gemeinde betrachtet und den Synagogenbau an mittelalterlicher Stätte befürwortet. Laut Staatsvertrag alleinvertretungsberechtigte Körperschaft ist dagegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, mit Sitz in Neustadt. Korovai & Co müssten halt bei ihnen eintreten, sagt Geschäftsführer Manfred Erlich. Die Umbaupläne für St. Guido seien übrigens fertig. An der Stelle des abzureißenden Chorraums entstehe eine geostete Synagoge.

Frau Korovai wiederum hängt anderen Synagogenplänen nach. Bei der Grundsteinlegung 2008 habe sie mit Ministerpräsident Beck gesprochen, da hieß es: Man baue für die Juden. Dabei habe keiner die Juden in Speyer gefragt, was sie wollen! Den aktuellen Baustopp deutet sie positiv. Die Anerkennung als Rechtsnachfolger sei absehbar. Sauer ist sie, dass ihr auch der Zentralrat der Juden signalisiert: Das müsst ihr intern klären.

Der Geschäftsführer des Zentralrats versteht zwar, dass man den Subventionskuchen ungern teilt, nennt die Neustädter Haltung aber „dumme Prinzipienreiterei“. Ohne Einigung werde kaum Landesgeld für das Projekt fließen. Wo Kirchen Synagogen werden, sagt Stefan Kramer müsse das Einvernehmen der Betroffenen restlos sein, alles andere sei politisch und moralisch ungeschickt, der Anschein einer absurden „Wiedergutmachungs“- Rechnung unbedingt zu vermeiden.

Aus dem Dornröschen-Schatten der Synagoge St. Guido führt uns der Weg hinab zur Speyrer Altstadt, wird zur Großen Himmelsgasse, trifft am Dom auf den Edith-Stein-Platz. Ums Eck in der Kleinen Pfaffengasse liegt, 1000 Jahre alt, der Judenhof samt Betsaal-Ruine und Mikwe. Hier sollte ein authentischer Ort wieder geweihter Boden werden. Hier erträumte sich Ignatz Bubis die Auferstehung des jüdischen Speyer, einen Synagogenbau. Zehn Meter in die Erde steigt man ausgehauene Stufen zur Mikwe hinab. Auf dem Boden des Bades liegen Münzen. Im Schacht wachsen Farne. An der Wand ein Spruch zur rituellen Reinigung: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und das Tauchbad befohlen hat.“ Hier begegnet Sehnsucht nach Heiligem dem Drang, der Welt auf den Grund zu gehen. Auf dem Wasserspiegel: Blätter. Licht. Wolken. Wer scharf hinschaut, erkennt klein, ganz unten, ganz oben Guido, Paul und Gustav-Adolf.

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