Geschichte : Die original Swingvögel

Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. trafen sich 1959 am Set von Ocean’s Eleven - und wurden das Rat Pack von Las Vegas. Heute sind sie leuchtende Vorbilder für eine neue Generation von Swing-Musikern

John E. Burke schüttelt den Kopf. Dass jemand einen Apfelsaft im Whiskey-Tumbler bestellt, passiert wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte des Golden Steer Steak House, 308 W. Sahara Ave., Las Vegas.

Burke, General Manager des Restaurants, das an einer staubigen Seitenstraße des Strip liegt, trägt den Apfelsaft zu einem Tisch am Fenster. Dorthin, wo ein durstiger Mann im maßgeschneiderten Anzug darauf wartet, das Glas wie ein Zepter gegen das Licht zu halten, um mit Kennerblick den Glanz der bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu prüfen.

Der Frank-Sinatra-Imitator kann einen glauben machen, es handele sich tatsächlich um einen hochprozentigen Drink. Er verwandelt Apfelsaft in Whiskey – und sich selbst von den polierten Schuhen bis zum Scheitel für einen Fototermin in die Legende.

Das Golden Steer Steak House mit seinen schummrigen Ecken, den frisch gestärkten Tischdecken und den gepolsterten Stühlen ist als Kulisse eine gute Wahl. In den ersten Jahren nach der Eröffnung 1958 – es ist angeblich das älteste Steak House der Stadt – sind hier drei Herren ein- und ausgegangen, die nicht nur ein Faible für saftiges Rindfleisch hatten, sondern vor allem für wuchtige Bläsersätze, Liebeslieder und Frauen: Dean Martin, Sammy Davis jr. und eben Frank Sinatra. Noch heute hängen über drei runden Tischen im Eingangsbereich Plaketten mit ihren Namen. „Da saß Frank“, sagt John E. Burke und deutet auf den am prominentesten platzierten Ecktisch, „da saßen Dean und Sammy.“

In Las Vegas finden sich nur noch wenige sichtbare Spuren der drei Entertainer und ihrer Clique, die einst von einer aufgebrachten Lauren Bacall, damals Ehefrau von Humphrey Bogart, als „Rat Pack“ beschimpft wurde. Wo früher das Sands Hotel stand, an dem Sinatra zeitweilig Anteile besaß, befindet sich heute das „Venetian“, ein Venedigsimulationshotelkomplex. Renovieren und Instandsetzen, das war im 104 Jahre alten Las Vegas nie beliebt. Es wurde abgerissen und neu gebaut, meist größer und teurer. Das Geld war immer da, bis vor kurzem wenigstens. Jetzt droht die Immobilienkrise auch die Wüstenstadt zu erfassen. Doch noch gilt: Reich wird nicht der Spieler am Roulettetisch, sondern derjenige, dem das Hotel gehört, in dem der Roulettetisch steht.

Frank, Sohn italienischer Einwanderer, Dean und Sammy kamen 1959 zusammen mit Joey Bishop und Peter Lawford (weil er mit John F. Kennedys jüngeren Schwester Pat zusammen war, lautete sein Spitzname „Peter-in-Lawford“) in die Stadt, um einen Film zu drehen: „Ocean’s Eleven“, das Original, zu Deutsch „Frankie und seine Spießgesellen“. Es geht um elf Freunde, alle ehemalige Fallschirmspringer aus dem Zweiten Weltkrieg, die am Neujahrstag die fünf größten Casinos der Stadt mit einem ausgeklügelten Coup ausrauben.

Regisseur Lewis Milestone, der bereits Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ verfilmt hatte, soll fast darüber verzweifelt sein, das Rattenpack zu disziplinieren. Wer täglich bis spät in die Nacht feiert, der kann eben nicht um sieben Uhr morgens am Set erscheinen. Sinatra kam oft als Letzter erst am Nachmittag. Nur wenn er sich gar nicht schlafen legte, war er pünktlich. „Ich bin für alles, was einem über die Nacht hilft, sei es ein Gebet, ein Tranquilizer oder eine Flasche Jack Daniel’s“, sagte Frank Sinatra, der den Sonnenaufgang fürchtete wie kein Zweiter.

Die Nächte von Frankie und seinen Spießgesellen im Sands Hotel waren lang, so viel gilt als verbürgt. Sie verbrachten sowieso die meiste Zeit zusammen, da war es ein kurzer Weg bis auf die Bühne – eine Premiere für die drei. Vom Erfolg getrieben, spielten sie zwei Shows am Abend, um 20 Uhr und um Mitternacht. In der Ankündigung am Billboard hieß es: „Tonight: Frank Sinatra, maybe Dean Martin, maybe Sammy Davis jr.“ Das Programm, das sie darboten, wäre heute vermutlich untragbar: Auf der Bühne qualmten sie eine Zigarette nach der anderen, sie soffen, stellten ihre Gläser auf dem Klavier ab, fielen einander ins Wort, erzählten rassistische und diskriminierende Witze, schäkerten mit den bildschönen Backgroundsängerinnen, kokettierten mit dem organisierten Verbrechen und spielten Fangen wie Jungs auf dem Schulhof.

Kurzum: Sie taten einfach so, als wäre das Publikum gar nicht da. Die Zuschauer sollten das Gefühl bekommen, die drei Stars bei einer privaten Party mit ihrer genialen Bigband zu beobachten. Die Idee war, wie zu Hause im Wohnzimmer mit den besten Freunden abzuhängen und Spaß zu haben. So tauchten zum Beispiel plötzlich Shirley MacLaine oder Judy Garland oder Bob Hope auf und verschwanden nach einer kurzen Darbietung wieder von der Bühne. Oder einmal, als Dean Martin einen Song nicht bis zu Ende sang, weil er zu betrunken war und immer hinfiel, entstand Unruhe unter den Zuschauern. Martin empfahl dem zahlenden Publikum daraufhin, sich doch einfach die Platte zu kaufen. Ziemlich dreist? Die Zuschauer liebten den alkoholkranken „Dino“ für seine infantile Ader.

Nicht nur die Musik des Trio Infernale hat bis heute kein bisschen von ihrer Faszination eingebüßt, auch die teilweise lahmen Scherze funktionieren damals wie heute, wenn die Imitatoren sie bringen. So wies Sinatra eines Abends Davis zurecht, als dieser ihn unterbrach: „Shut up, Sam, and sit in the back of the bus.“ Darauf Davis: „Jewish people don’t sit in the back of the bus.“ Und Sinatra: „Jewish People own the bus.“

Während Sinatra und Martin in den Suiten des Sands residierten, musste Sammy Davis jr. mit einem Wohnwagen auf dem Parkplatz hinter dem Hotel vorliebnehmen – obwohl Las Vegas eine der ersten amerikanischen Städte war, die die „Rassentrennung“ aufhob, war sie Anfang der Sechziger immer noch allgegenwärtig. Sinatra wollte das ändern und trat in einer Show für Martin Luther King auf.

Ihre Auftritte nannten sie in Anspielung auf das Gipfeltreffen zwischen Chruschtschow und Kennedy 1961 „The Summit“. Überhaupt arbeitete der harte Kern des Rat Pack stetig daran, sich in alle nur denkbaren Richtungen abzusichern: Durch Peter-in-Lawford stellten sie die Nähe zum Kennedy-Clan her. Dann lieh Sinatra JFK einen Song für dessen Wahlkampf. Und spätestens da kam die Mafia ins Spiel: Es heißt, dass er seine Mafiakontakte in Chicago benutzte, die daraufhin die Wahlen im Bundesstaat West Virginia zugunsten Kennedys beeinflussten. Darüber hinaus investierte er beträchtliche Summen in Nevadas Glücksspielmetropolen – unter anderem eben ins Sands, das mit Mitteln des Top-Mafioso Meyer Lansky errichtet wurde. Bugsy Siegel, Star der Unterwelt, zählte zu den engen Freunden des Rat Pack.

Der 1998 verstorbene Sinatra war das Zentrum der Bande und damit der Macht, ohne ihn wäre alles nichts gewesen. Anfang der Sechziger hatte der Mann, der am 11. Oktober 1944 in New York die erste dokumentierte Massenhysterie der Popgeschichte auslöste, indem er 30 000 meist weibliche Fans durchdrehen ließ, seinen ersten Karriereknick schon hinter sich. Schuld daran waren eine gefloppte Fernsehshow, die gescheiterten Beziehungen mit Nancy und Ava Gardner und seine angeschlagenen Stimmbänder. 1952 dann bekam er überraschend eine Rolle in „Verdammt in alle Ewigkeit“ – angeblich, weil er den Regisseur von der Mafia erpressen lassen hatte. Sinatra bekam für seine Rolle einen Oscar. Später tauchte diese Geschichte in dem Roman „Der Pate“ von Mario Puzo auf: Er ließ einen italienischen Sänger namens Johnny Fontane den Paten um Unterstützung anflehen. Autor und Journalist Puzo erklärte jedoch, er habe sich das alles nur ausgedacht. Am Tag, als Sinatra starb, dimmten sie in Las Vegas die Lichter. Mit ins Grab legte man ihm eine Schachtel Camel und eine Flasche Jack Daniel’s.

Ein kühler Abend im Dezember 2007 in San Diego an der amerikanischen Westküste. Der Frank-Sinatra-Imitator aus dem Golden Steer Steakhouse kommt nach der Vorstellung aus dem Hinterausgang des Civic Theatre. Vor einer halben Stunde wurden er, der Dean- und der Sammy-Imitator noch mit stehenden Ovationen gefeiert. Er hat Songs wie „Fly me to the Moon“, „Goody goody“, „Chicago“ und „Luck be a Lady“ gesungen, den Witz mit dem Bus gemacht und dabei eindeutig originaler als das Original geklungen. Es waren wenige weißhaarige Damen im Publikum und viele junge Leute. Er trägt Jeans und einen Hut. Mit seinem Smoking hat der Imitator Louis Hoover nun auch Frankie abgestreift, bis zum nächsten Abend jedenfalls.

Der Brite, der in den 80er Jahren bei der Band „Wallstreet Crash“ mitmachte, hat Glück. Er schwimmt auf einer Woge der neuen Swing-Begeisterung, die Robbie Williams 2001 mit seinem Album „Swing when you’re winning“ ausgelöst hat. Ohne diese Platte hätte es wohl auch den Erfolg eines Roger Cicero, eines Michael Bublé oder eines Andrej Hermlin so nicht gegeben. „Die Leute haben gerade große Lust auf den alten Bigband-Sound“, sagt Hoover. „Vielleicht, weil er für etwas steht, das vielen abhandengekommen ist: Leichtigkeit, Unbekümmertheit.“

Louis Hoover ist einer von insgesamt fünf Frank-Sinatra-Imitatoren der Show „The Rat Pack live from Las Vegas“, die im Moment durch Deutschland tourt. Es ist nicht die einzige Vorführung, die das Rat Pack auferstehen lässt: Allein in Las Vegas gibt es zwei weitere mit jeweils mehreren Besetzungen. Und es scheint so zu sein, als wäre die Sonne gerade erst untergegangen.

„The Rat Pack live from Las Vegas“ spielt vom 5. bis 10. Februar im Berliner Schillertheater.

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