ECM : Der blaue Klang

Nur die Stille ist schöner als Musik von Chick Corea, György Kurtág oder Bach: Das Plattenlabel ECM feiert seinen 40. Geburtstag.

Wolf Loeckle
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Die Cover-Ästhetik des Labels ist legendär. -Foto: ECM

Mit den Mitteln der Sprache lässt sich manches formulieren über Musik. Doch lässt sich je der Kern dessen, was Musik kann, erfassen? Manfred Eicher versucht es: „Musik ist für mich Freiheit, etwas Fremdes, Bekanntes und zugleich Unbekanntes; Vielschichtiges, Tiefgründiges, Fließendes“, sagt der Geiger, Kontrabassist, ECM- Gründer, Produzent und Inspirator. „Musik ist niemals das Vertraute. Jedes Musikstück ist ein Weg, sich von der Stille zu entfernen und wieder zu ihr zurückzukehren. Aus Musik entsteht Stille, und manchmal wird Stille selbst zur Musik. Jede musikalische Form ist Verwandlung von Zeit, und vielleicht hören wir nur deshalb so genau zu. Wenn es uns glückt, mit dem Mikrofon dabei gewesen zu sein, dann ist das ein sehr intensives Erleben.“

ECM steht für „Edition of Contemporary Music“ – und für eines der erfolgreichsten Plattenlabels in Sachen Jazz und Klassik der vergangenen vier Jahrzehnte. Ein zu 95 Prozent lieferbarer Back-Katalog trägt ebenso zur positiven Bilanz bei wie das breit gefächerte, quantitativ seit jeher große Programm. Allein 30 Neuproduktionen werden es 2009 sein, Wiederveröffentlichungen exklusive. Was macht ECM anders als all die anderen in der maroden Tonträgerindustrie, fragt man sich, die mit ihren Nasen längst platt auf dem Boden liegen? Was ist es, das Musikliebhaber im Internetzeitalter ausgerechnet ECM-Platten kaufen lässt, während sich beim Branchenriesen Universal selbst Big Names wie Anne-Sophie Mutter oder Anna Netrebko mächtig anstrengen müssen, um sich am Markt noch respektabel zu behaupten?

Preise und Preisungen hat ECM weltweit eingeheimst, erst im Oktober wieder, „Label Of The Year“ beim britischen Klasskmagazin „Gramophone“ – und sogar zu Hause, wo der Prophet ja oft genug nichts gilt. Mit dem Titel „Free at last“ und der Musik des Amerikaners Mal Waldron fing 1969 alles an, durchaus programmatisch. Und so sollte es weitergehen: mit Keith Jarrett, Jan Garbarek, Chick Corea, Paul Bley, Egberto Gismonti, Pat Matheny, Meredith Monk und Steve Reich. 1984 entsteht mit ECM New Series eine zweite Reihe aus nicht improvisierter, exakt notierter Musik, deren Spannweite sich mühelos zwischen 1209 und 2009 entfaltet.

Komponisten wie Arvo Pärt und Giya Kancheli, Valentin Silvestrov und Tigran Mansurian erleben und verdanken ihre „Einbürgerung im Westen“ dem Engagement dieser New Series – und das ist weniger ein Reflex auf den Mauerfall als die konsequente Fortsetzung eines schon lang zuvor konsequent gen Osten gerichteten Blicks. Galionsfiguren der sogenannten Neuen Musik wie der Ungar György Kurtág und der Schweizer Heinz Holliger finden auf dem ECM-Weg mit wesentlichen Teilen ihres Gesamtwerks in die Wahrnehmungszusammenhänge aufgeklärter musikaffiner Zeitgenossen. Und musikdarstellende Künstler wie die Bratscherin Kim Kashkashian, das britische Hilliard-Ensemble, der Geiger Gidon Kremer oder der Pianist András Schiff durchleuchten ihre Klassiker – verbal, musikalisch, durchaus auch rein emotional. Nicht gut? Manches geht eben nur auf dieser Schiene.

Manfred Eicher sammelt und versammelt viele Spuren. Genre- und kulturenübergreifende Projekte bilden einen Katalogschwerpunkt beider Reihen. Da stehen die Aufnahmen des „Codona“-Trios von 1980 oder das Hilliard-Garbarek-Zusammentreffen in „Officium“ von 1993 (mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren!) gleichberechtigt neben dem „Siwan“-Projekt eines Jon Balke mit seiner Imagination altandalusischer Musik vom Frühjahr 2009. Ist ECM somit das „wichtigste Markenzeichen der Welt für Jazz und die zeitgenössische Musik“, wie der britische „Independent“ es ausdrückt? Oder finden unter den Fittichen von ECM notierte und improvisierte Musik im Aufeinandertreffen überhaupt erst zu dem, was Musik kann und meint und will? Form und Beständigkeit der komponierten Musik haben allemal Einzug in die Improvisation gehalten; andererseits wird in den inspirierten Interpretationen komponierter Werke immer wieder auch ein Moment von Risiko, von Spontaneität und improvisatorischer Freiheit spürbar. Im Zentrum solch scheinbar unscharfer Ränder ist eine deutlich definierte Mitte angesiedelt. Und die heißt ECM.

Als Produktionsassistent bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft hatte Manfred Eicher höchste Maßstäbe bei der Aufnahme klassischer Musik kennengelernt. Den dort üblichen Konzentrations- und Präzisionsstandard begann der junge ECM-Firmenleiter auf die improvisierte Musik zu übertragen. Und hielt ihn durch. Immer geradlinig an der Pop-Vermarktung der Klassik vorbei, durch „Postmoderne“ und „Neue“, „Zweite“ oder „Dritte“ Modernen mitten hindurch. „Wet-Shirt-Covers“ oder Ähnliches waren Manfred Eichers Sache selbstredend nie. Sein Mantra? Vielleicht: „Qualität setzt sich durch“. Langfristig gedacht und über den Alltag hinaus gemacht scheint das tatsächlich Erfolgsaussichten zu garantieren, immer noch.

Was man darüber hinaus nicht vergessen sollte: Die typische ECM- Kundschaft ist heute mindestens so alt wie das Label selbst, also satte 40, 50, 60 plus. Menschen mit Hörerfahrung und definierten Hörerwartungen. Menschen, die ästhetisch, intellektuell, politisch in anderen Zeiten groß geworden sind, als sie heute herrschen. Menschen auch, die gewillt sind, ihr Geld für CDs auszugeben. Was aber tut man für die Jüngeren, den hörenden Nachwuchs? Nicht viel bis gar nichts, jedenfalls nichts Gezieltes. Auch das unterscheidet die Münchner vom Rest des Betriebs, der – in seiner Verzweiflung? – gelernt hat, Moderation, Vermittlung, „Education“ ganz groß zu schreiben. Das heißt: Den einen oder anderen Jazz-Klassiker gibt es bei ECM schon mal in einer Box für 9,99 Euro. Aber mehr auch nicht. Ein gewaltiges Risiko, zweifellos.

ECM: Die drei Buchstaben stehen auch für eine Art von Besessenheit, getragen freilich von Geradlinigkeit, einer positiven Sturheit, einem sagenumwobenen Qualitätsmanagement bis ins letzte und kleinste Detail. Um am Ende einer immer wieder neuen Wegstrecke das Beste zu erreichen. Für die Musik, die Musiker, für das Produkt in seiner Schlüssigkeit, akustisch, haptisch und optisch. Wer ECM im Sinn hat, hat ECM oft genug zuerst im Auge. Die Edition zeitgenössischer Musik verfügt über eine auffallende visuelle Erscheinungsform. Was bedeutet dieses Design? „Das ist nur eine Verpackung, kein Design“, sagt Manfred Eicher. „Seit meiner Jugend sind Fotografie und Film ebenso wichtig für mich wie Musik. Ich habe von Ingmar Bergmann und Jean-Luc Godard viel gelernt ... Da tun sich im Kopf Panoramen auf, innere Landschaften, die ich als fotografierte Landschaften versucht habe, der Musik als Umhüllung beizugeben. Das sind assoziativ entwickelte Stimmungen, die wir auch in der Musik finden und die sich dann im Cover weiterführen lassen, auch als Kontrapunkte. Andererseits: Man sollte dieser Verpackung nicht allzu viel Bedeutung beimessen, das Wesentliche ist ja die Musik.“

Wie entwickelt Eicher seine Programme? Wie untermauert er seine vorhandenen oder sich entwickelnden Konzepte? Wie findet er seine Künstler, diejenigen, mit denen er zusammenarbeiten will? „Es sind eher die zufälligen Begegnungen, die mich auf die Spur bringen, auf langen Fahrten im Auto etwa. Also eher nicht im Konzertsaal oder auf Festivals, was man vielleicht denken könnte. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich Arvo Pärts „Tabula rasa“ erstmals im Autoradio hörte, auf einer Nachtfahrt von Stuttgart nach Zürich. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, von wem die Musik war, die mich so sehr faszinierte. Dann habe ich Pärt in Wien besucht, und wir hatten von Anfang an einen sehr guten Kontakt. So kam es zu der ersten Aufnahme mit Gidon Kremer und Keith Jarrett.“ Außerdem ist eine äußerst sorgfältige Aufnahmetechnik Bestandteil der ECM-Philosophie – keine Kunst ohne Handwerk, ohne Technik. Der typische ECM- Sound liefert ein besonders klares und transparentes Klangbild, getreu dem Label-Motto „The Most Beautiful Sound Next To Silence“.

Manfred Eicher ist geborener Lindauer, sozialisierter (Konzert-)Kontrabassist im Umkreis diverser Free-Jazz-Trios, Gründer eben jener „Edition Of Contemporary Music“ im München des Jahres 1969. In jenem Swinging Munich, das sich als erwachende und erwachsen werden wollende Metropole auf den Weg machte zur Olympiastadt. In einer Stadt, die der Welt nicht nur ein buntes Bild von einem anderen, einem leichten, lichten, liberalen Deutschland liefern wollte und sollte, sondern die dieses Bild auch vorzuleben gedachte – ohne ihre „bewegte“ Vergangenheit zu leugnen. Am südwestlichen Münchner Stadtrand ergab sich in Kooperation mit einem Elektro-Audio-Video-Fachhandelsbetrieb die (bis heute gültige) kaufmännische Basis für eine nun seit 40 Jahren währende Arbeit, Stützpunkte in Oslo, Tokyo, New York haben sich längst dazugesellt.

Die durchaus spröde, nicht eben leicht zugängliche Persönlichkeit Manfred Eichers prägt das Label ganz unverwechselbar und authentisch. Und zwar so ausgeprägt, dass Abkupferer und Nachmacher bislang wenig Erfolg hatten. Ist Manfred Eicher ECM? „Zumindest mache ich das Programm“, sagt er frei von Understatement. Das Ideologische allerdings ist Eichers Sache nicht. Das gilt auch für die (zuweilen um wundervolle Fotostrecken ergänzten) Booklet-Texte. Ihnen haftet nichts Esoterisches an und keine Verstiegenheiten aus den musikologischen Elfenbeintürmen. Sie bleiben nah dran am sanften Leisen, suchen nicht die irrlichternde Times-Square-Tag-und-Nacht-Gleiche, sondern ertasten das Sensible, Spirituelle, das „Geistige in der Kunst“.

Eicher ist davon überzeugt, dass sich dem allgegenwärtigen Oberflächenglanz nur wenig Erkenntnisgewinn abtrotzen lässt. Erst in Verbindung mit dem Tiefenblick gehe da etwas voran. Eine nicht gerade nach D-Dur klingende Einsicht. Doch selbst bei Wolfgang Amadeus Mozart ist das so: Da tönt D-Dur vor strahlend blauem Hochsommerhimmelsglück für offene Ohren eher tieftraurig. Der Weltlage musikalisch die richtigen Fragen zu stellen, das lässt sich als Zentralantrieb und Energiezentrum der ECM-Aktivitäten definieren. In der Mitte: Manfred Eicher. Er steht ein für jeden Ton, übernimmt persönlich die Verantwortung. Da kann schon auch einmal ein „falscher“ Ton(fall) dabei sein. Das bleibt nicht aus beim experimentellen Ansatz.

Jedenfalls ist die von ihm nach außen getragene Ruhe eine scheinbare. Hinter seiner lückenlos ins ECM-Image integrierten Intellektuellen-Erscheinung (Marketingleute würden dies als „corporate identity“ bezeichnen) lodern zahllose Flächenbrände. Deren Kraft gebiert ein Kontinuum an Innovation. Permanent erwächst hier Neues, der Kontakt zu neuen Musikern, neue Synapsen für neue musikalische Ideen. Nach dem reinen Jazz der Anfangsjahre folgte die Gründung der New Series. Immer auf der Suche nach dem Klang und seiner Vermittlung verfährt Eicher nach dem Motto: „Es gibt sie, eine Kunst des Hörens, und eine Kunst, den richtigen Augenblick wahrzunehmen und ihn aufnahmetechnisch festzuhalten.“

Wie den Free Jazz, eine kammermusikalische Entwicklung, die mit den Klaviersolo-Aufnahmen eines Chick Corea, eines Keith Jarrett oder eines Paul Bley vom Beginn der siebziger Jahre gestartet war: Alle drei spielten auf demselben Steinway-Flügel in Oslo. 1984 dann haben Gidon Kremer und Keith Jarrett, wie gesagt, bei Arvo Pärts Album „Tabula rasa“ erstmals zusammengespielt. Traditionen von Jazz und Klassik begannen einen neuen Diskurs, jenseits von Strawinsky und Hindemith, neuerdings auch jenseits jenes ominösen „Third Stream“, der alles mit allem vermischt. Eicher will „keine konturlose Musik“.

Auf dem Territorium der musikalischen Utopien etabliert er neben Kim Kashkashian und András Schiff das Bruckner-Orchester Linz und Dennis Russell Davies, die Komponisten Steve Reich, Philip Glass, Giya Kancheli kontrastiert er mit den Kollegen Erkki-Sven Tüür oder Alexei Lubimov, Beethoven erscheint neben Carla Bley, Dino Saluzzi neben Stefano Battaglia neben Johann Sebastian Bach ... Tausend Produktionen sind es aus 40 Jahren, die ECM präsent hält, von Abercrombie bis Zehetmair, von Jan Garbarek über Egberto Gismonti über das Hilliard-Ensemble über Heinz Holliger über das Rosamunde-Quartett über Paul Metheny über Meredith Monk und die Eicher’schen Tonspuren für Jean-Luc Godard’s „nouvelle vague“ – die Liste ließe sich ad infinitum fortführen.

Wichtigstes Kriterium ist und bleibt dabei der Dialog, ist die kontinuierliche gegenseitige Inspiration der Musiken untereinander, auch zwischen den Musikern und ihrem Publikum. Kurs zu halten und in kein populistisches Mischmasch zu verfallen, das ist gelungen. Und ein paar Long-And-Great-Seller sind zwischendrin auch passiert, das legendäre „Cologne Concert“ von Keith Jarrett hat bis heute sagenhafte 3,5 Millionen CDs verkauft, auch Garbarek ist hier zu nennen und die eine oder andere Jarret-Aufnahme aus dem New Yorker „BlueNoteStudio“. Mit solchen Erfolgen finanziert sich dann der weitere Weg ins unerprobte Gelände.

Das ECM-Festival „Der blaue Klang“ in Mannheim und Keith Jarretts Berliner Solokonzert am 12. Oktober in der Philharmonie feiern die Münchener Institution ECM in diesem Herbst. Da könnte man sich fast ein bisschen wundern, dass das Berliner Jazzfest Anfang November das New Yorker Label „BlueNote“ feiert (zu dessen 70-jährigem Bestehen). Aber wahrscheinlich liegt den Berlinern New York einfach mehr.

Angefangen hat alles im akustischen Umfeld des Bodensees, im Klang der anrollenden und ausklingenden Wellen. Am Meer, in Oslo zum Beispiel, steigert sich das, Einatmen, Ausatmen. Beethovens späte Streichquartette oder auch die von Franz Schubert und vor allem sein Quintett stellen absolut prägende, schicksalhafte Momente dar für Manfred Eicher. „Das waren in einer schwierigen Jugend Parameter, die für meine Entwicklung eine wesentliche Rolle gespielt haben. Später war etwa die Begegnung mit Arvo Pärt und das Kennenlernen seiner Musik fast eine kathartische Erfahrung.“

ECM wirft keine Musik auf den Markt, sondern stellt sie vor – und mit ihnen neue Gedanken, unerprobte kombinatorische Verknüpfungen, etwas, das es noch nicht gibt. Eicher stellt damit hohe Anforderungen an seine Hörer, die ja auch Kunden sind und sein sollen und kaufen sollen. Dass Eichers „Projektion ins Marktgeschehen hinein“ am Beginn des dritten Jahrtausends jenseits aller Eso-Nischen oder marktschreierischen Großevents funktioniert, ist ein Hoffnungsstreif. Die Idee von der Zeit und den Pausen und von der Stille, kombiniert mit der Intensität des Lichts, im Osloer „Rainbow Studio“ oder anderswo zwischen München- Sendling/Himmelfahrtskirche und New York/BlueNoteStudio, sie lebt.

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