Eleanor Roosevelt : Mrs. America

Eleanor Roosevelt zog 1933 mit ihrem Gatten ins Weiße Haus. Dann legte sie los und wurde im Eiltempo zu einer der aufregendsten Figuren der USA. Heute ist sie das Vorbild von Hillary Clinton.

Susanne Kippenberger

Das hatte noch keine First Lady gewagt. Kaum war Familie Roosevelt ins Weiße Haus gezogen, da gab die Gattin des neuen demokratischen Präsidenten schon eine Pressekonferenz. Was sie gesagt hat? Das wollten die Journalisten auch gern wissen. Zugelassen waren nämlich nur die weiblichen Mitglieder der Zunft, eine Sitte, die Eleanor Roosevelt bis zur letzten ihrer rund 350 Konferenzen beibehalten sollte. Zeitungen und Nachrichtenagenturen, die 1933 noch keine weiblichen Mitarbeiter hatten, mussten schleunigst welche anheuern. Auch wenn auf den Zusammenkünften keine weltpolitischen Themen verhandelt wurden – sie zu verpassen, konnte sich niemand leisten.

Wenn Eleanor Roosevelt das „Old boys’ network“ nicht einfach aufbrechen konnte, strickte sie eben ein eigenes Netzwerk für das weibliche Geschlecht. Und meistens strickte sie auch tatsächlich dabei: Nicht einmal die Hände konnte sie je ruhen lassen. Dass der Anteil von Frauen in wichtigen Positionen in Washington während der zwölfjährigen Amtszeit Franklin Delano Roosevelts stark anstieg, war nicht zuletzt seiner dickköpfigen Gattin zu verdanken. Schließlich waren es immer wieder Frauen gewesen, die sie selbst ermutigt und politisiert hatten, Halt gaben, enge Freundinnen wurden (wie manche spekulieren, zuweilen auch Liebhaberinnen): Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen, Gewerkschaftlerinnen, Journalistinnen. Mit einigen von ihnen wohnte sie sogar zusammen, im Weißen Haus ebenso wie in Hyde Park im Staat New York. Auf dem Grundstück des Familiensitzes hatte Franklin, damals noch Gouverneur von New York, seiner Frau ein Cottage bauen lassen, das ihr wahres Zuhause wurde.

Nur widerwillig hatte Eleanor Roosevelt ihre ehrenamtliche Arbeit als Lehrerin in Manhattan aufgegeben. Aber wenn sie schon das Amt der First Lady antreten sollte, dann wollte sie wenigstens was daraus machen. Und die ersten der Unterprivilegierten, die in der Zeit der Großen Depression davon profitierten, waren die Frauen. In ihrer Kolumne, ihren Zeitschriftenbeiträgen, berühmten Rundfunkansprachen und öffentlichen Auftritten trat die Laienpolitikerin fortan als Aufklärerin, ja, Agitatorin ihrer Nation auf, das aber im harmlosen, altmodischen Gewande. „Mrs. Democrat“ („New York Times“) kämpfte gegen die Diskrimierung der Schwarzen, besichtigte Slums und setzte sich hinterher lautstark für bessere Sozialwohnungen ein. Von den einen als politisch naiv verspottet, von den anderen als zu radikal, ihre Kompetenzen überschreitend kritisiert, kämpfte sie gegen schlechte Arbeitsbedingungen, für bessere Bildungschancen und eine allgemeine Krankenversicherung.

Kein Wunder, dass Hillary Clinton ihre Vorgängerin beim Einzug ins Weiße Haus 1993 zu ihrem großen Vorbild erklärte. Bill hatte seine Frau von Anfang an im Wahlkampf mit auf sein Ticket genommen: „You get two for the price of one.“

Ein Team, das waren auch die Roosevelts – mehr denn ein Ehepaar. Nach der Geburt von sechs Kindern, von denen eins als Baby starb, zog Eleanor Roosevelt erst aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus (sie fand, sie hatte ihre ehelichen Pflichten erfüllt) und entdeckte dann, dass ihr Mann sie betrog: mit ihrer eigenen Sekretärin, Lucy Mercer. Eine Trennung kam nicht in Frage, Roosevelts Mutter drohte ihn zu enterben, er selber fürchtete um seine politische Karriere, und seine katholische Geliebte wollte keinen geschiedenen Mann. Seine Frau, tief verletzt, war bereit, um der Kinder willen die Ehe fortzuführen, wenn er die Affäre sofort beende.

Nur wenige Jahre danach erkrankte der aufstrebende Demokrat an Polio, konnte seine Beine praktisch nicht mehr gebrauchen. In dieser Zeit hielt seine Frau den Namen Roosevelt in der Öffentlichkeit, besuchte Parteiversammlungen, hielt Reden. Louis Howe, der Berater ihres Mannes, half ihr dabei. Ein kettenrauchender, sensibler Gnom, brachte er die 1,80-Meter-Frau dazu, ihre schrille Stimme zu bändigen, führte sie ein in die Mechanismen der Politik. Als „Roosevelts Augen, Ohren und Beine“, wie es hieß, reiste sie fortan durch die Welt und berichtete ihrem Mann, wie es dort aussah. Offen und warmherzig, neugierig und geradeaus, machte sie sich schnell überall Freunde.

„An einem typischen Tag“, so die Historikerin Betty Boyd Caroli, „frühstückte sie mit Gästen, las mehrere Zeitungen, besuchte eine Konferenz, kehrte zurück ins Weiße Haus, um ihre eigene Pressekonferenz abzuhalten, machte eine Aufnahme fürs Radio und diktierte ihre Kolumne – alles vor dem Mittagessen. Am Nachmittag empfing sie Besucher, ging zu einem 5-Cent-Dinner, um zu sehen, wie Leute mit dem Mindestlohn zurechtkamen, setzte sich mit ihrem Mann zusammen und erledigte dann ihre Korrespondenz bis drei Uhr morgens.“ Die First Lady war die Kummerkastentante Amerikas, wurde überschüttet mit Briefen, zu denen sie ihre Leser in der Kolumne „My Day“ ermutigte, die sie 26 Jahre lang sechsmal in der Woche schrieb und mit der sie Millionen von Zeitungslesern erreichte.

Franklin hörte auf die Berichte und Forderungen seiner Frau – und war froh, sie ab und zu loszuwerden. Denn Eleanor war anstrengend: Sie war immer im Dienst. Selbst beim Cocktail kam sie mit einem Anliegen, einem neuen Sozialprojekt auf ihn zu. Sie sei zu ernst für ihren lebenslustigen charmanten Ehemann, befand Tochter Anna – und lud Franklins inzwischen verheiratete Ex-Geliebte zum Essen ins Weiße Haus, wenn die Mutter auf Reisen war. Sie meinte, der Vater hätte ein bisschen Spaß verdient.

Auch als er, zwei Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs, an einer Hirnblutung starb, war Lucy Mercer bei ihm. Bei der Beerdigung bat Eleanor den Pastor, in der Predigt den Satz aufzunehmen, mit dem Roosevelt 1933 sein Amt angetreten hatte: „Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selber.“ Der Satz hätte von ihr stammen können.

Dabei war sie als Kind von Angst beherrscht. „Immer hatte ich Angst vor etwas: vor der Dunkelheit, davor, anderen zu missfallen, zu versagen. Für alles, was ich erreichen wollte, musste ich über diese Hürde der Angst hinweg.“

Es war ein weiter Weg: vom schüchternen hässlichen Entlein „zur berühmtesten, zeitweise einflussreichsten Frau der Welt“, so ihre Biografin Lois Scharf; dreimal schaffte Roosevelt es auf das Cover von „Time“, die Menschen applaudierten ihr, wenn sie sie nur sahen. Von der höheren Tochter, Lieblingsnichte des früheren (republikanischen) US-Präsidenten Teddy Roosevelt zur Bürger- und Frauenrechtlerin, die sich, ohne je ein College besucht zu haben, Ehrendoktorhüte im Dutzend aufsetzen konnte.

Ihre Familie zählte zu den ältesten des Landes, die Eltern gehörten zum Jet Set New Yorks. Eleanors Mutter war eine große kühle Schönheit – die der kleinen Tochter vorhielt (so hat diese es zumindest erzählt), schrecklich hässlich zu sein. „Granny“, Oma nannte sie das Kind mit dem großen, vorstehenden Gebiss und den dicken Lippen. Die Mutter starb mit 29 an Diphterie, der Vater, von der Tochter zeitlebens vergöttert, ein Bonvivant, kurz darauf an Drogen und am Suff. Mit neun Jahren war Eleanor Vollwaise, wuchs bei der strengen Großmutter auf, bis sie schließlich nach England aufs Mädchenpensionat kam. Dort erlebte sie die drei glücklichsten Jahre ihres Lebens, wie sie später erklärte. Die Schulleiterin, eine progressive Französin, Lesbe und Atheistin, nahm sich ihrer an, weckte ihre intellektuelle Neugier, reiste mit ihr durch Europa, gab ihr, wie auch die Mitschülerinnen, Selbstbewusstsein. Ein Jahr vor dem Abschluss wurde Eleanor zurück nach New York zitiert, um ihr Debüt in der Gesellschaft zu geben und bald zu heiraten: Franklin, ihren Cousin fünften Grades.

Sie selbst erklärte ihre unglaubliche Energie gern mit ihrer robusten Gesundheit, der Unterstützung ihrer treuen Sekretärin Malvina Thompson (an der sie auch ihre schlechte Laune abließ) und der Angewohnheit, sich nie hetzen zu lassen. Aber es war wohl noch mehr als das, mehr auch als Disziplin und Pflichtgefühl: ein Getriebensein. Roosevelt hatte innige Freundschaften, ihrem Chauffeur war sie so nah, dass ihnen ein Verhältnis nachgesagt wurde, sie war umschwärmt wie eine Bienenkönigin von Fremden und Vertrauten. Vor dem tiefen Gefühl der Einsamkeit schützte sie das offenbar nicht.

Auch in der Familie, so oft sie sie auch um sich scharte, fand sie nicht unbedingt Halt. Ihre Kinder machten Schlagzeilen mit zerrütteten Ehen und beruflichen Irrungen, bei Familientreffen gab es jedes Mal heftige Debatten bis hin zum Krach. Und zu den geschwisterlichen Rivalitäten kam noch die Eifersucht auf die Vertrauten Eleanors, denen sie sehr viel näher zu sein schien als ihnen. Am Ende ihres Lebens erklärte die entnervte Mutter ihren Kindern, sie habe sie alle lieb, wolle sie aber nur noch einzeln sehen.

Sie warf sich denn auch vor, sich nicht genug um sie gekümmert, der dominanten Schwiegermutter Sara das Feld überlassen zu haben. „Franklin, Sara and me – that makes three“ beschrieb sie ihre Ehe zu dritt. Sara war immer dabei, stellte Möbel um, erklärte den Enkeln, Eleanor habe sie zwar zur Welt gebracht, aber ihre eigentliche Mutter sei sie.

„The story is over“, erklärte Eleanor Roosevelt den Journalisten nach dem Tod ihres Mannes. Aber vorbei war die Geschichte da noch lange nicht. Der 1945 vom Vize- zum richtigen Präsidenten aufgestiegene Harry S. Truman machte die 62-Jährige zur offiziellen Delegierten bei der blutjungen UN. Überzeugt von der Wichtigkeit des Völkerbundes, stürzte sie sich in die Arbeit, wurde Vorsitzende der Kommission für Menschenrechte, stritt vehement mit den Sowjets. Als 1948, nach zähen Verhandlungen, die Deklaration für Menschenrechte verabschiedet wurde, wurden ihr Standing Ovations entgegengebracht. Er nehme alles zurück, was er über sie gesagt habe, meinte der Republikaner Arthur Vandenberg – „und glauben Sie mir, das war eine Menge“.

Als „First Lady of the World“, so ihr neuer Titel, unterstützte sie den jungen Staat Israel, reiste nach Indien – an ihrer Seite meist ein gutaussehender Mann: ihr Arzt, die große Liebe ihres Lebens. „Du weißt“, schrieb sie dem 18 Jahre jüngeren David Gurewitsch, „ohne dass ich es Dir sagen muss, dass ich Dich liebe, wie ich niemanden sonst liebe oder je geliebt habe.“ Es war eine Romanze, die nie vollzogen wurde. Dabei kauften sie sich in Manhattan sogar ein Haus, in dem sie unter einem Dach lebten: Eleanor, David und dessen Frau, die später ein Buch über die Beziehung schrieb: „Kindred Souls“, Seelenverwandte.

Trotz wiederkehrender Gerüchte, sie würde einen Sitz im Senat anstreben oder den Posten der Vizepräsidentin: Die Amateurin war klug genug, nicht für ein politisches Amt zu kandidieren. Sie wusste, wie viel Rücksicht ein Politiker auf die potenziellen Wähler nehmen müsste bei den Themen, die ihr am Herzen lagen. Sie selber hatte, gerade in Bezug auf die Gleichberechtigung der Schwarzen, im Weißen Haus eine progressivere Haltung eingenommen, als es den Beratern ihres Mannes gefiel. Etwa mit ihrem spektakulären Austritt aus der traditionsreichen Frauenorganisation der „Daughters of the American Revolution“, die der schwarzen Sängerin Marian Anderson 1939 einen Auftritt in ihrer Constitution Hall verwehrten – woraufhin der Innenminister ein Open-Air-Konzert vor dem Lincoln Memorial für 75 000 Menschen organisierte. „Sie hatten die Möglichkeit, in aufklärender Weise voranzugehen“, schrieb die Demokratin der Vorsitzenden, „und es scheint mir, dass Ihre Organisation versagt hat.“ Moral war für Roosevelt etwas, was man nicht predigte, sondern lebte. Und nach dem Auszug aus dem Weißen Haus fühlte sie sich noch freier, zu sagen, was sie dachte. Aufs Heftigste ächtete sie in ihren Kolumnen der Nachkriegszeit die Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten. (Was ihr den noch größeren Hass von FBI-Präsident J. Edgar Hoover eintrug, der ihr schon „Neger“-Blut unterstellt hatte und im Laufe der Jahrzehnte eine dicke Mappe über sie anlegte.) Für sie war diese Hetze, das Säen von Misstrauen, zutiefst unamerikanisch.

Das war es auch, was sie John F. Kennedy übel nahm (dessen ganze Familie sie in Sachen politischer Moral sehr skeptisch betrachtete): dass er sich nicht eindeutig gegen den Hexenjäger McCarthy aussprach. Deswegen unterstützte sie im Vorwahlkampf der Demokraten auch erst Adlai Stevenson – bis Kennedy sich durchsetzte. Und gleich zu ihr kam, um sich ihren Segen zu holen. Nach seiner Ernennung zum Präsidenten machte er die alte Dame zur Vorsitzenden der neuen „Commission on the Status of Women“.

Auch heute würde die Demokratin im Vorwahlkampf Partei ergreifen. Doch selbst wenn Hillary Clinton sich heute noch gern auf Eleanor Roosevelt bezieht: Vielleicht wäre ihr der noch unverbrauchtere, aufrecht wirkende Schwarze näher als die (macht-)politisch vielleicht schon zu versierte Frau. Vielleicht wäre Barack Obama für sie tatsächlich der größere Hoffnungsträger für Wandel gewesen.

Für die Armen und Unterdrückten war sie selber zur leibhaftigen Freiheitsstatue geworden. Statt die Dunkelheit zu verfluchen, meinte Adlai Stevenson nach ihrem Tod am 7. November 1962, hätte sie lieber Kerzen angezündet. Sie war Amerikanerin durch und durch, Optimistin und Pragmatikerin, glaubte an die Möglichkeit der Veränderung – aber hielt diese auch für eine Pflicht. Was sie dabei von vielen Landsleuten unterscheidet: dass sie nicht nur den Einzelnen als seines Glückes Schmied betrachtete, sondern die ganze Gesellschaft und die Regierung in der Verantwortung sah. Nie zuvor und danach gab es so starke staatliche Interventionen wie unter Roosevelt. Dass Franklin sagenhafte vier Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, war auch ein Votum für Eleanor.

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