Erbe der Roten Khmer : Kambodscha: Neue Leben, alte Wunden

30 Jahre nach dem mörderischen Regime Pol Pots kämpft Kambodscha immer noch mit dem Erbe der Roten Khmer.

Ulrike Scheffer[Phnom Penh]

Gegen Mitternacht legt sich eine friedliche Stille über Phnom Penh. Die Straßenhändler haben sich hinter ihren Ständen auf Liegen gebettet; Tuk-Tuk-Fahrer kauern in ihren Gefährten. Doch auch Frauen mit kleinen Kindern schlafen draußen, die Kinder in einfache Tücher gewickelt, liegen sie mitten auf den Bürgersteigen der kambodschanischen Hauptstadt. 30 Jahre nach dem Ende der Schreckensdiktatur der Roten Khmer ist Kambodscha noch immer eines der ärmsten Länder der Welt – deutlich ärmer als seine Nachbarn Thailand oder Vietnam. In manchen Familien ist die Not so groß, dass Mütter Kinder für 60 bis 80 US-Dollar an die thailändische Pädophilenmafia verkaufen. Die Umschlagplätze im Grenzgebiet sind bekannt, doch noch tut die kambodschanische Polizei wenig gegen den Kinderhandel. Und auch nichts gegen die zunehmende Prostitution von Kindern und jungen Frauen im Land selbst. Dass im Badeort Sihanoukville siebenjährige Jungen in Begleitung ihrer Zuhälter offen ihre Dienste anbieten, hat sich unter Pädophilen in der ganzen Welt herumgesprochen. Die Ministerin für Frauenangelegenheiten, Ing Kantha Phavy, ist alles andere als stolz auf den damit verbundenen Aufschwung im Tourismus. „Wir wissen, dass wir hier ein ernstes Problem haben, und wir sind entschlossen, das zu ändern“, sagt sie. Jahrzehnte Krieg und Bürgerkrieg hätten das Land traumatisiert, fügt die 47-Jährige hinzu. „Deshalb ist Kambodscha noch immer ein gewalttätiges Land.“

Bis zu zwei Millionen Menschen kamen unter der Herrschaft der Roten Khmer und ihres Führers Pol Pot zwischen April 1975 und Januar 1979 durch Gewalt, Hunger und Krankheiten ums Leben. Ganze Städte ließen die neuen Machthaber evakuieren, schickten die Bewohner zur Feldarbeit aufs Land. Alles Intellektuelle war Pol Pot – der selbst in Frankreich studiert hatte – verhasst. Jeder, der auch nur über die rudimentärste Bildung verfügte, galt als verdächtig und musste um sein Leben fürchten. Hunderttausende landeten in Folterzentren und endeten auf den Killing Fields der Roten Khmer. Beinah in jedem Dorf gibt es ein Massengrab. Am Ende war rund ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht, darunter die gesamte Elite. Selbst nach ihrer Vertreibung aus Phnom Penh überzogen die Roten Khmer das Land noch fast zwei Jahrzehnte mit einem blutigen Guerillakrieg.

Eine stabile Demokratie wurde Kambodscha auch danach nicht. Der heutige Premierminister Hun Sen, ein abtrünniger Roter Khmer, putschte 1998 seinen Ko-Premier, den Königssohn Norodom Ranariddh, aus der von den UN vermittelten Übergangsregierung. Er regiert wie ein Autokrat. Dennoch gilt das Land als erfolgreiches Entwicklungsmodell. „Kambodscha entwickelt sich vielleicht nicht nach westlichen Wertmaßstäben, doch es geht in die richtige Richtung“, sagt Jürgen Schilling, der die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Kambodscha vertritt. Entscheidend für ihn: Die Lebensbedingungen im Land hätten sich deutlich verbessert – weil die Regierung trotz aller Defizite gegen Armut vorgehe. Und dabei wird sie massiv unterstützt: Laut einer Studie des amerikanischen Brookings-Instituts sind in den vergangenen zehn Jahren rund 5,5 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfe nach Kambodscha geflossen, die jährliche Summe entspricht etwa der Hälfte des kambodschanischen Staatsbudgets. Deutschland gewährte in den vergangenen zwei Jahren rund 34 Millionen Euro.

Sao Sary hat davon profitiert. Die 56 Jahre alte Bäuerin lebt in Daem Po, einem kleinen Dorf in der südlichen Provinz Kampot. Sieben Kinder hat sie gemeinsam mit ihrem Mann großgezogen, bis auf eine Tochter wohnen inzwischen alle in der Hauptstadt. „Drei sind noch in der Ausbildung und werden von mir unterstützt“, sagt die Mutter nicht ohne Stolz, während sie aus dem flachen Korb, den sie vor ihrer grauen Bluse und dem lilagemusterten Wickelrock hält, Pflanzenreste in einen kleinen Teich wirft. 1000 Fische schwimmen in dem Tümpel, jeder einzelne ist rund zwei US-Dollar wert. Sao Sary hat die Fischzucht mithilfe deutscher Berater aufgebaut. Die zarte Frau mit den knochigen Händen besitzt auch noch drei Schweine, ein Moped und sogar einen Fernseher, der mit einer Autobatterie betrieben wird. Ihr Haus, wie alle Häuser im Dorf steht es auf Pfählen, hat stabile Holzwände und ein Wellblechdach. Damit hat es Sao Sary zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht.

Die Armen in Daem Po schützen ihre Behausungen notdürftig mit Palmzweigen. Meist haben sie so wenig Land, dass sie ihre Familien nicht bis zur nächsten Ernte durchbringen können. Doch in Daem Po gibt es nicht nur einen Solidaritätsfonds, der Krankenbehandlungen für die Ärmsten im Dorf bezahlt, seit 1997 gibt es auch eine Reisbank. Dort können sich Familien Reis ausleihen, wenn ihre eigenen Vorräte zur Neige gehen. Nach der Ernte bringen sie den Reis zurück und zahlen 25 Prozent Zinsen – in Form von Reis. Mitte Februar lagern 11,5 Tonnen Reis in dem Holzspeicher mit dem Vorhängeschloss. „Alle Kunden haben zu 100 Prozent zurückgezahlt“, erklärt Neak Sean, den die Bewohner zum Vorsitzenden des Reisbankkomitees gewählt haben. Mit dem Erlös aus den Überschüssen der Bank werden Straßen ausgebessert oder andere Gemeindeprojekte finanziert.

Daem Po mit seinen 1200 Einwohnern ist ein Vorzeigeort. Zwölf Jahre lang erhielt er Unterstützung von der GTZ und dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED). Am Anfang sei es nicht einfach gewesen, die Bevölkerung dazu zu bewegen, Verantwortung für ihr Dorf zu übernehmen, sagt GTZ-Berater Martin Orth. „Die Zeit unter den Roten Khmer hatte sie geprägt. Sie waren es gewohnt, dass andere für sie entscheiden.“

Gute Zeiten gab es Kambodscha eigentlich nie. 1953 von Frankreich unabhängig geworden, geriet die ehemalige Monarchie gut zehn Jahre später in den Sog des Vietnamkrieges. König Sihanouk versuchte, sein Land aus dem Konflikt herauszuhalten. Da er den Nordvietnamesen jedoch Nachschubwege offenhielt, wurde er 1970 von US-freundlichen Politikern und Offizieren aus dem Amt gejagt. Es folgten Jahre wechselnder Fronten und Allianzen, die die Irrationalität des Kalten Krieges deutlich machen. Da kämpften König und Kommunisten gemeinsam gegen die pro-amerikanische Regierung, später erhielt der Brachialkommunist Pol Pot selbst Rückendeckung aus Washington – weil er sich schon bald nach seiner Machtübernahme 1975 von seinen kommunistischen Förderern aus Vietnam lossagte. Und so blieben die Roten Khmer auch nach ihrem Sturz durch vietnamesische Truppen – als das ganze Ausmaß ihres Terrors längst bekannt war – noch lange Statthalter ihres Landes bei den UN.

Bis heute liegen russische, chinesische, tschechische, vietnamesische Granaten und sogar Munition aus den Beständen der Nationalen Volksarmee der DDR in den Depots der kambodschanischen Armee. Spezialisten der Bundeswehr schulen einheimische Soldaten darin, die Altlasten zu entschärfen. Insgesamt geht es um 100 000 Tonnen Munitionsreste, um einen 500 Kilometer langen und 500 Meter breiten Minengürtel an der Grenze zu Thailand – und um amerikanische Blindgänger. Die USA warfen 1973 mehr als 100 000 Bomben über Kambodscha ab, um den Vormarsch der Kommunisten zu verhindern. „Es war eine Kampagne, die in ihrer Intensität jenen im Zweiten Weltkrieg in nichts nachstand“, schreibt der Historiker David Chandler in seiner „Geschichte Kambodschas“.

Durch die Bombenangriffe solidarisierten sich vor allem auf dem Land große Teile der Bevölkerung mit den Roten Khmer. Über deren ideologischen Motive rätselt die Wissenschaft bis heute. Sicher ist, dass Pol Pot von Maos Kulturrevolution ebenso faszieniert war wie vom mittelalterlichen Angkorreich, das als blühender Agrarstaat in die Geschichte einging. Und er war bereit, seine Ideen mit aller Brutalität durchzusetzen: „Bei uns in Daem Po sind von 1000 Einwohnern mindestens 400 umgekommen, darunter fast alle, die aus der Stadt gekommen waren“, berichtet ein Dorfbewohner. Einige, die damals zu den Roten Khmer gehörten, leben noch heute im Dorf. „Wir wissen, wer es ist, aber was sollen wir machen?“

In Daem Po haben sie sich mit der Vergangenheit arrangiert. Doch nicht allen geht es so. Sao Sarim (Name geändert) will, dass die Täter von damals zur Rechenschaft gezogen werden. Die Zeit drängt, Pol Pot ist seit elf Jahren tot, die wenigen hochrangigen Roten Khmer, die noch leben, sind weit über 70, teilweise über 80 Jahre alt. Auch Sao Sarim ist inzwischen eine alte Frau mit grauem Haar. Die 60-Jährige hat ihre gesamte Familie, insgesamt 14 Personen, verloren. Bis heute fühlt sich die in ihrem Land nicht sicher, weshalb sie ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Sie und ihr Mann waren zunächst glühende Kommunisten. Mit der Waffe in der Hand kämpften sie für den neuen Staat, nach der Machtübernahme arbeiteten beide in Phnom Penh für das Regime der Roten Khmer. „Doch 1978 wurde mein Mann plötzlich festgenommen und nach S-21 gebracht, dem berüchtigten Foltergefängnis der Roten Khmer. Ich habe ihn nie wiedergesehen“, erzählt Sao Sarim abwesend. Wenige Tage später kamen die Häscher auch zu ihr – weil sie Städterin war, wie man ihr sagte. „Damals war ich im fünften Monat schwanger.“ Soldaten verschleppten sie nach Prey Sar, einem Arbeitslager außerhalb der Hauptstadt. Trotz ihrer Schwangerschaft musste die junge Frau, die kaum 1,60 Meter groß ist, auf Reisfeldern arbeiten und Dämme bauen. Und sie hungerte. „Auch als mein Baby geboren war, gab es keine Gnade. Ich durfte es nur abends füttern.“ Acht Monate hielt ihr Kind durch. „Dann ist es gestorben“, sagt Sao Sarim fast tonlos – dann kommen die Tränen. Nach dem Ende der Roten Khmer fing sie wie viele Kambodschaner noch einmal von vorn an. Sie heiratete wieder, bekam einen Sohn, der inzwischen erwachsen ist. Doch die Albträume blieben, und gerade in diesen Tagen reißen die alten Wunden wieder auf, denn im Februar begann in Phnom Penh der erste Prozess gegen Verantwortliche des Regimes. Sao Sarim tritt darin als Nebenklägerin auf, zusammen mit 90 weiteren Opfern. „Jeder Politiker soll wissen, dass er nicht tun kann, was er will“, sagt sie. Juristen und Psychologen des sogenannten Victims Units des Tribunals beraten die privaten Kläger. Finanziert wird dies unter anderem vom Auswärtigen Amt in Berlin.

Den Angeklagten im ersten Prozess kennt Sao Sarim persönlich. Es ist Kaing Guek Eav, genannt Duch, Direktor des Foltergefängnisses S-21, dem auch das Lager unterstand, in dem Sao Sarim gefangen gehalten wurde. Als wäre es gestern gewesen, erinnert sie sich an die letzte Begegnung mit ihrem Peiniger. Unmittelbar nach dem Sturz der Roten Khmer sei er ins Lager gekommen und habe sie gefragt, warum sie nach zwei Jahren noch immer am Leben sei. „Ich konnte nur lachen, denn ich war schon fast kein Mensch mehr.“

Der heute 66-jährige Duch leugnet seine Taten nicht, er hat sich sogar entschuldigt für die Grausamkeiten, die er angeordnet hat. Die übrigen vier Angeklagten, deren Prozess im kommenden Jahr beginnen soll, schweigen dagegen beharrlich: Ex-Staatschef Khieu Samphan ebenso wie der frühere Vize der Roten Khmer, Bruder Nummer zwei Nuon Chea und die früheren Minister Ieng Sary und Ieng Thirith. Ob es nach den ersten Prozessen weitere Ermittlungen geben wird, ist unklar. Chefanklägerin Chea Leang hat sich dagegen ausgesprochen. „Wir tragen die Verantwortung dafür, dass das Land zur Ruhe kommt. Kambodscha braucht Stabilität und Frieden“, sagte sie kürzlich vor Journalisten in Phnom Penh.

„Wir schauen nach vorn“, sagt auch Frauenministerin Ing Kantha Phavy. Das gelte besonders für die Frauen, „die am schlimmsten von Armut betroffen sind und für ihre Kinder eine bessere Zukunft erhoffen“. Nach 1979 waren 60 Prozent aller Kambodschaner Frauen, noch heute wird jeder vierte Haushalt von einer Frau geführt. Die meisten hätten keine Schule besucht und auch keine Ausbildung, erläutert die Ministerin. Dennoch haben Frauen in Kambodscha einen besseren Stand als in anderen asiatischen Ländern. „Jede Familie wünscht sich auch Mädchen, denn sie kümmern sich später um die Eltern“, sagt eine Bäuerin. Traditionell war Kambodscha sogar ein Matriarchat. Und der vorherrschende Buddhismus kennt ebenfalls keine Geschlechterdiskriminierung. Entsprechend dürfen Frauen erben, Land besitzen und Geschäfte führen. Wer viele Söhne hat, dem fehlt aber nicht nur eine Altersversorgung. Er hat noch ein weiteres Problem: die Brautpreise. Bis zu 3000 Dollar muss eine Familie aufbringen, um einen Sohn zu verheiraten. Zum Vergleich: ein Soldat verdient etwa 20, ein Lehrer 50 Dollar. Da das oft nicht mal zum Leben reicht, lassen sich Staatsbedienste einiges einfallen. Und so müssen wohl nur in Kambodscha Eltern dafür zahlen, dass ihre Kinder Klassenarbeiten schreiben dürfen.

Korruption gibt es auf allen Ebenen. In jedem noch so kleinen Dorf stehen blaue Werbeschilder der Volkspartei (CCP) von Premier Hun Sen, die es versteht, die Bevölkerung durch Geldgeschenke und Posten an sich zu binden. Finanziert wird dies über den sogenannten Kick-Back-Effekt. Konkret: Beamten wird ein Teil ihres Gehaltes vorenthalten, der an die CCP fließt. Die Organisation Global Witness, die weltweit Korruption untersucht, erhebt auch schwere Vorwürfe gegen den Premierminister selbst und sein Umfeld. „Dieselbe politische Elite, die schon die Holzvorkommen des Landes geplündert hat, hat nun die Kontrolle über die Mineralien- und Ölvorkommen übernommen“, heißt es in einem im Februar veröffentlichten Dossier. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass dort, wo Bodenschätze vermutet werden oder lukrative Bauprojekte geplant sind, Bauern ohne Entschädigungszahlungen von ihrem Land vertrieben werden.

30 Jahre nach der Stunde null, so scheint es, ist Kambodscha ein Entwicklungsland wie viele andere – ein Land, das Fortschritte macht, aber immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen hat. So auch jetzt: Ein Boom in der Textilindustrie droht gerade abrupt zu Ende zu gehen. 20 000 Näherinnen haben ihre Arbeit verloren, weil Kambodscha mit dem Anschluss an die globale Wirtschaft auch Teil der internationalen Krise geworden ist. Die Regierung hat nun die Parole „zurück zur Landwirtschaft“ ausgegeben. Mit den Visionen Pol Pots hat dies wenig zu tun. Vielmehr soll den Bauern vermittelt werden, dass sie mehr verdienen können, wenn sie außer Reis auch Obst und Gemüse anbauen. Denn ebenso wie die „typischen“ Khmer-Schnitzereien auf den Touristenmärkten wird beides bisher importiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar