Geschichte : Erkenntniswert

FRANZISKA DROHSEL

Wer sich im Jahre 2008 mit der Verfasstheit der Welt, dem Verhältnis von Staat und Individuum und nicht zuletzt der Globalisierung beschäftigt, kommt an Karl Marx nicht vorbei. Neben seiner Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, den Versuchen der Übersetzung seiner Theorien in die Praxis und den Verbrechen, die, einer angeblich marxistischen Orientierung folgend, begangen wurden, ist es sein Verständnis von Gesellschaft und die eben diese strukturierenden Prozesse, das bis heute beschäftigt.

Seine Kritik der politischen Ökonomie bietet die Grundlage, auf der ein Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen erst möglich wird. Seine Erkenntnisse erklärten gesellschaftliche Konflikte jenseits von Konstrukten wie Volk, Nation oder Stände und öffneten weltweit den Menschen die Augen für Widersprüche, gegen die nur sie selbst kämpfen konnten. Die Geschichte der Arbeiterbewegung und damit auch der Sozialdemokratie ist ohne Marx nicht denkbar. Das Verständnis von Kapitalismus als ein alle Lebensbereiche und gesellschaftliche Beziehungen umfassendes System ist nach wie vor aktuell.

Gesellschaftliche Zustände nicht als Ausdruck von Zufälligkeiten zu sehen, sondern als Ergebnis von Interessensauseinandersetzungen bleibt entscheidend. Für den politisch handelnden Akteur macht es die Notwendigkeit zur Positionierung in diesen Auseinandersetzungen und die Veränderbarkeit von Gesellschaft deutlich. Die wachsende soziale Polarisierung, die ungleiche Verteilung von Vermögen, Einkommen und Chancen und die daraus erwachsenden Konsequenzen sind in der letzten Zeit ins Zentrum der Auseinandersetzung gerückt. Nicht zuletzt daran wird die Bedeutung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit als Gesellschaft strukturierendes Element deutlich. Doch ist Vorsicht an der Stelle angebracht, wo verkürzte Kapitalismuskritik Standortnationalismus, Antisemitismus und Antiamerikanismus Vorschub leistet.

Mit dem Ende der real existierenden Systeme, die sich die Umsetzung seiner Gedanken auf die Fahnen geschrieben hatten, schien auch Marx’ Werk in Vergessenheit zu geraten. Die Sieger der Geschichte standen anscheinend fest. Doch es ist das Gegenteil passiert. Marx wurde und wird substanziell rezipiert und ausführlich diskutiert. Die Entkoppelung Marx’scher Gedanken von den Experimenten seiner Umsetzung hilft möglicherweise, ihn nicht praxistauglich zurechtstutzen zu müssen, sondern seine radikale Kritik als Hilfe zur Erkenntnis zu begreifen. Und mit Erkenntnis und dem folgenden Handeln lässt sich die Welt vielleicht doch eines Tages vom Kopf auf die Füße stellen. Ganz praktisch. Denn das tut not.

Franziska Drohsel, 27, hat Jura studiert, lebt in Berlin und wurde im November 2007 zur Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt.

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