Feiertage : Saure Wochen, frohe Feste

Morgen ziehen wieder die Sternsinger von Haus zu Haus. Manche Feiertage gehören fest in den Kalender. Andere wurden längst der säkularisierten Welt geopfert. Und wieder andere sind ohne Migrationshintergrund gar nicht denkbar. Eine kleine Auswahl für 2008.

Merkel
04.01.2008 - Segen fürs Kanzleramt. Angela Merkel empfängt in ihrem Dienstsitz in Berlin 100 Sternsinger aus 27 Diözesen. -Foto: dpa

Heilige Drei Könige



Bundespräsident Horst Köhler empfängt am Sonntag im Schloss Bellevue eine Gruppe Sternsinger. Anlass: Zum 50. Mal jährt sich die „Aktion Dreikönigssingen“ der Katholischen Jugend und des Kindermissionswerkes. Etwa 500 000 Kinder und Jugendliche nehmen in diesem Jahr an der Aktion teil. Ein segensreiches Unternehmen, im Jahr 2005 zum Beispiel sammelten die kleinen Caspars, Melchiors und Balthasars etwa 47 Millionen Euro für gute Zwecke. Das Motto in diesem Jahr: „Sternsingen für eine Welt“. Nach dem Singen schreiben die drei Nachfahren der drei heiligen Könige mit gesegneter Kreide traditionell ihr Kürzel auf den Türbalken: 20*+C+M+B+08. Was im Übrigen nicht für Caspar, Melchior und Balthasar steht, sondern für „Christus mansionem benedicat“ – „Christus segne dieses Haus“. Der Stern steht für den Stern von Bethlehem, die Jahreszahl komplettiert die Inschrift. Dass der Brauch dem biblischen Vorbild diametral entgegensteht, wird man verzeihen können. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten einst Gaben zum Stall von Bethlehem. Gold, als angemessenes Geschenk für einen König, nämlich das Jesuskind. Weihrauch, als adäquate Gabe für einen Hohepriester, nämlich das Jesuskind. Und Myrrhe, als passendes Geschenk für einen Heiler, nämlich auch das Jesuskind. Die heutigen drei Könige bringen nichts, sie holen und verteilen nur. Und trotzdem, die Tradition des Dreikönigssingens dürfte das Ritual sein, das die größte Steigerungsrate aufweist.

Passahfest

So weit liegen die Weltreligionen dann doch nicht auseinander, jedenfalls semantisch nicht. Was den Juden das Passah- fest, das findet sich auf Afrikaans als „pase“ oder auf Isländisch als „páskar“ wieder. Passah: der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, ein streng rituelles jüdisches Fest mit Lobliedern, ungesäuerten Speisen und einem Versprechen, das einem angesichts der politischen Lage im Nahen Osten nicht gerade leicht über die Lippen geht: „Dieses Jahr hier – nächstes Jahr in Jerusalem.“ Und „pasqua“ (ital.) oder „pas-cha“ (russ.)? Das christliche Ostern, welches im römisch-katholischen Kulturkreis gerne in Schokohasen aufgewogen wird. In der orthodoxen Kirche scheint die Welt da noch etwas mehr in Ordnung zu sein. Nicht einmal die Sowjets brachten es fertig, den Russen ihre festliche Ostermesse auszutreiben, seit Jahrhunderten bäckt man hier duftende Osterbrote und färbt Eier. Für eine typische Spezialität allerdings kam die Öffnung des eisernen Vorhangs zu spät: Die Paskha, eine russische Quarkspeise, die vor 1945 zumindest die Baltendeutschen noch kannten. Quark, Butter, Sahne, Zucker und Korinthen werden zwei Tage lang durch ein Mulltuch gepresst, bis alles Fett herausläuft. Der Leib Christi in auferstehungswürdiger, strahlend reiner, süßer Gestalt. Spürbare 1000 Kalorien pro 100 Gramm.

Tag der Arbeit/Himmelfahrt

In diesem Jahr kommt es zu einer wundersamen Dopplung, man könnte sogar sagen zu einem Trippeltag. Was nun Christi Himmelfahrt – die Rückkehr Jesu zum Vater im Himmel am 40. Tag nach Ostersonntag – mit dem Tag der Arbeit zu tun hat? Vielleicht soll uns der kalendarische Zusammenschluss daran gemahnen, dass Arbeit himmlisch ist, oder dass es viel Arbeit macht, in den Himmel zu kommen. Möglicherweise gibt Nordrhein-Westfalen den entscheidenden Tipp. Dort nämlich heißt der 1. Mai offiziell „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“, und so ein Bekenntnis ist ja nun aller Himmelsscharen wert. Den Anhängern der dritten Feierlichkeit an diesem Tag dürfte das alles egal sein. Die Vatertagsfeierer suchen nur ein Heil: das im Allohol. Prost!

Muttertag

Verwunderlich, dass keiner unserer politisch so hyperkorrekten Politiker im Zuge des Falls Eva Herman auf die Idee kam, den Muttertag abzuschaffen. Wo doch bald, o Graus, überhaupt nur noch jede 27,5. deutsche Frau Mutter werden will; wo dem – Mütterkreuze! Mütterweihen! – Tag eine so eklige nazistische Aura anhaftet; und wo die Pralinen-, Fleurop- und Kölnisch-Wasser-Industrie ohnehin längst eingegangen ist oder sich anderswo betätigt. Der Muttertag hat es also schwer, auch angesichts seiner Alternativen: Das Valentinstagsgesäusel etwa lässt sich mit etwas Geschick durchaus aufs eigene Mütterchen umlenken. Oder man einigt sich mit ihr gleich auf den 8. Mai, den Internationalen Frauentag – und darauf, dass an der Emanzipation nicht alles schlecht gewesen ist.

Johanni

Vorbei? Vergessen? Und das, obwohl Johann Sebastian Bach für den Gedenktag der Geburt von Johannes dem Täufer eigens drei Kantaten geschrieben hat, von denen „Freue dich, erlöste Schar“ die bekannteste ist. Und was macht die erlöste Schar an dem Johannistag? Sie rühmet Gottes Liebe nicht, sie betrinkt sich. Der Johannistag ist nämlich praktischerweise der Tag der Sommersonnenwende. Und der wird nun nicht nur in Skandinavien sondern im Zuge des einigen Europas vermehrt auch bei uns gefeiert. Mit allerlei Ritualen, wie etwa dem allseits beliebten Tanz ums Sonnenwendfeuer. Es gibt aber auch Erweiterungen: Bis Mitternacht wird gefeuert, getanzt, gebechert. Dann darf für den Rest der Nacht nicht mehr geredet werden. Statt dessen pflücke man sieben verschiedene Blumen, und träume von der/dem Liebsten. Mit der/dem wird es nämlich dann klappen in der Liebe. Am Morgen dann bekräftige man den Traum dadurch, dass man sich nackt durchs Gras wälzt. Brrr!

Peter und Paul

Unsere Freunde, die Italiener mal wieder. Seit Anno dunnemals brütet das römische Parlament jetzt schon über einer Eingabe, die die Wiedereinführung von Peter und Paul als gesetzlichen Feiertag fordert. Romano Prodi höchstpersönlich ist dafür, Bischöfe und Kardinäle sowieso, das Ganze hat ein ordentliches Aktenzeichen – und nichts passiert. Nullo, zero. Dabei lässt sich das katholische Hochfest bis ins vierte Jahrhundert zurückverfolgen, und, bitteschön, dass Petrus und Paulus die Stadtpatrone Roms sind und ebendort begraben liegen, das weiß doch jedes Kind. In der Gemeinde Rom, jaha, typisch Hauptstadt, da gilt dieser Feiertag bis heute, vor 1977 galt er gar fürs ganze Land. Wem die italienische Zukunft nach diesen Informationen zu unsicher ist, der verfüge sich über die Alpen hinüber ins Österreichisch-Bayerische, wo auf den Bergen an diesem 29. eigens Reisigbüsche in Brand gesteckt werden, die sogenannten Peterlfeuer, eine Mordsgaudi. Oder er erinnere sich an eine halsbrecherische Passfahrt zum Lago Maggiore hinunter, vor etlichen Jahren, nur um in einem ganz bestimmten Laden einen ganz bestimmten Käse zu kaufen. Tutto chiuso. Die halten ihren Pedro und ihren Paolo eben wirklich noch in Ehren, die Tessiner. Sind ja auch Schweizer.

Michaelistag

Es war ja auch ein bisschen arg streng vom Michael, dass er Adam und Eva mit dem Schwert aus dem Paradies trieb, nur weil die beiden mal ... Muss sich der Gralshüter der Moral also nicht wundern, wenn er in Zeiten umfassender Liberalisierung und Freizügigkeit (siehe auch Johannistag) ins Vergessen gerät. Michael, Erzengel gar, mit eigenem Tag im Jahr, aber wer weiß das noch? Oder ist er, sind Engel allgemein wieder im Vormarsch? Unter www.erzengel-michael.de werden ihre Vorzüge gelobt: „Wenn wir Hilfe benötigen, können wir sie immer rufen, und sie sind immer für uns da. Um einen Engel zu rufen, denke oder spreche seinen Namen dreimal und formuliere Deine Bitte an ihn. Bedanke Dich im voraus. Zünde vielleicht vorher eine weiße Kerze an, das schafft eine angenehme Atmosphäre für die Engel. Sie lieben Kerzen. Lass am besten immer irgendwo eine weiße Kerze brennen (achte aber bitte auf Deine Sicherheit, fackel deswegen nicht gleich Deine Bude ab).“ Und da wäre der Michael prädestiniert als Helfer in der Not. Immerhin hat er schon lange vor der Schöpfung den bösen Luzifer gestürzt, hat allerlei Drachen in den Abgrund gestoßen, und wenn dann dereinst die Apokalypse naht, wird er es sein, der dem Antichrist den Garaus machen wird. Es sei denn, er ist beleidigt, weil man ihn vergessen hat. Besonders wir Deutschen. Nachhaltig. Michael ist nämlich unser Schutzpatron, seit vielen Jahren schon, daher auch der Ausdruck „deutscher Michel“. Und was machen wir Michels? Wir feiern am 3.10. den Tag der Einheit. Knapp daneben ist auch daneben.

Tag der Deutschen Einheit

Das wird den alten Kanzler Schröder wieder wurmen, dass der diesjährige Tag der Deutschen Einheit wieder nicht auf einen Sonntag fällt. Dahin wollte er ihn nämlich verlegen, um die Wirtschaft anzukurbeln, auf den ersten Sonntag im Oktober. Einerseits wäre das natürlich ein Affront gewesen, gegenüber dem 3. Oktober, als dem Tag, an dem die Einheit vollzogen wurde. Andererseits ist ein deutscher Nationalfeiertag das freie floating gewöhnt. Den ersten gab es am 11. August 1919. Es war der Tag, an dem Friedrich Ebert die Weimarer Verfassung unterzeichnete. Dann wurde es unselig. Die Nationalsozialisten verlegten den Nationalfeiertag auf den, na, weiß das noch jemand?, genau, auf den 1. Mai. Und zum Zwecke der Volkstümlichkeit erfanden sie am Vorabend auch gleich noch den Tanz in den Mai. Nach dem Krieg gab es erst einmal nichts mehr zu feiern, schon gar keine Nation. Ab 1954 wurde gedacht, des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni, wohingegen die DDR den 7. Oktober, den Tag der Staatsgründung 1949, zu ihrem Ehrentag erhob. Der nächste Termin sollte eigentlich der 9. November sein, der Tag, an dem die Mauer fiel. Aber es ist eben nicht so leicht, in Deutschland unbelastete Tage des Feierns zu finden. Ein deutscher Nationalfeiertag am 9. November, der Tag, an dem die Mauer fiel, aber eben auch 1938 die Synagogen brannten? So ist der 3. Oktober eine gute Wahl. Und der Ex-Kanzler wird es verwinden, dass er sich 2004 in der kurzen, aber hitzigen Debatte nicht durchsetzte, jetzt, da ja auch er von einem freien Tag profitiert. Zumal der 17. Juni nicht in Vergessenheit gerät. Die Feierlichkeiten am 3. Oktober finden seit der Wiedervereinigung in aller Party- Fröhlichkeit mit allerlei Bands und dem Regierenden Bürgermeister in Berlin vor dem Brandenburger Tor statt. Und das steht nun mal am Ende der „Straße des 17. Juni“. Oder am Anfang...

Halloween/Reformationstag

Noch ein Doppler, der Reformationstag und Halloween. Wobei das protestantische Fest in Deutschland nur gesetzlicher Feiertag in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen ist, in Baden- Württemberg haben wenigstens die Kinder noch schulfrei. Die anderen Bundesbürger müssen unreformiert auskommen und seien nur kurz daran erinnert, dass an diesem Tag des Jahres 1517 ein gewisser Martin Luther an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg seine 95 Thesen zu Ablass und Buße hämmerte. Ob er heute noch eine Chance hätte, wenn er auch nur eine einzige These gegen die Kommerzialisierung und die Amerikanisierung an die Wand schlagen würde? Kaum, die Kinder würden ihm auf die Pelle rücken, „Süßes oder Saures“ brüllen und ihn auslachen. Seit Beginn der 90er Jahre hat sich bei uns das amerikanische Halloween-Fest durchgesetzt, bei dem beileibe nicht nur Kinder verkleidet durch die Gegend ziehen und um süße Almosen betteln. Das heißt, amerikanisch ist das Fest gar nicht, sondern irisch. Der Ursprung ist umstritten, eine Theorie weist auf ein keltisch-angelsächsisches Fest eines angeblichen Totengottes mit Namen Samhain hin. Samhain könnte aber auch auf das Sommerende hinweisen, mit dem die dunkle Zeit beginnt, im weitesten Sinn auch die tote Zeit der Natur. Und dann wollen die Kinder an Halloween uns gar nicht erschrecken und gar Saures androhen. Dann leisten sie nützliche Arbeit und besänftigen mit ihren schaurigen Kostümen, den Gerippen, all den Fratzen und schaurig illuminierten Kürbissen nur Charon und alle anderen finsteren Geister des Totenreichs. So viel aufopferungsvoller Kampf sollte uns doch wirklich etwas Süßes wert sein. Mit beruhigtem Gewissen lässt sich dann auch gut an Luther denken.

St. Martin

Die Geschichte ist so vergessen und so schön, dass sie hier unbedingt erzählt werden muss. Wir schreiben das vierte Jahrhundert, das Volk des französischen Loire-Städtleins Tours bildet sich gerade einen klugen, hilfsbereiten und besonders asketischen Mönch namens Martin als Bischof ein. Martin aber sträubt sich nach allen Regeln des Glaubens, will lieber Mäntel zerteilen und weiter Asket bleiben, und auch der Klerus äußert Bedenken. Es hilft alles nichts: Rauf auf die Karriereleiter! Um dieser zu entgehen, versteckt Mönch Martin sich auf dem Weg zur festlichen Weihe in einem Gänsestall. Das Ende kann man sich denken, ein begnadeter Taktiker scheint der Heilige offenbar nicht gewesen zu sein. Immerhin beschert uns das Schnattern des Federviehs bis heute einen überaus nahrhaften Brauch. Serviert wird die Martinsgans, hmmm, am besten mit Rotkraut und Serviettenknödeln. Und alles Weitere unter www.martin-von-tours.de

Buss- und Bettag

Über die politische Relevanz des Feierns lässt sich trefflich philosophieren. Ein Volk, das nur arbeitet, hat viel mehr schlechte Laune – und überhaupt: Wann fände man sonst die Zeit, um sich nach vollbrachter Völlerei mit schnatternden Gänsen im Gras zu wälzen (vgl. 20.4., 24.6., 11.11. etc.)? Prompt bewundert uns die Welt fürs Festhalten am zweiten Weihnachtsfeiertag, und auch das Sägen an den beiden Montagen (Ostern, Pfingsten) verlief bislang im Sägemehl. Einzig der Buß- und Bettag wurde 1995 bundesweit geopfert, zur Finanzierung der Pflegeversicherung, wir erinnern uns. Volkswirtschaftlich hat das nicht richtig hingehauen – und mental ist es eine Katastrophe. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Reich noch 47 (!) Bußtage, 1934 einigte man sich dann auf eine gesetzliche Gelegenheit zur kollektiven Umkehr und Neubesinnung. Und wie ist es 2008 um unsere seelische Hygiene bestellt? Schlecht, mindestens so schlecht wie um die Pflegeversicherung. Nur in Sachsen nicht. Die haben den Buß- und Bettag nämlich noch, als einzige. Und die NPD im Parlament. Und beten täglich „Herr, sei nicht ferne!“ (Ps. 22).

Feierlich notiert von Christine Lemke- Matwey und Helmut Schümann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben