Finanzkrise : Der Doktor der Nation

Für Karl Marx ist er ein Genie, Adam Smith wird von ihm inspiriert: Der Leibarzt von Madame Pompadour entwickelt 1758 sein "Tableau Economique" - ein Meilenstein der Wirtschaftstheorie. Warum François Quesnay gerade in der heutigen Finanzkrise aktuell ist.

Reinhard Blomert

François Quesnay versuchte es mit einem Spiel: In der Schlossdruckerei von Versailles ließ er vier Exemplare seiner "Tableau Economique" anfertigen, die Tafeln hatte er einem Brettspiel nachempfunden. Damit wollte er Ludwig XV. im Dezember 1758 die Kreisläufe der Wirtschaft erläutern.



Der König von Frankreich soll das Interesse an diesem Spiel rasch verloren haben. Spätere Generationen wussten die Idee dagegen sehr viel mehr zu schätzen. Adam Smith war sie Inspiration, Karl Marx hielt die Arbeit des François Quesnay für einen Geniestreich, und heute gehört die Darstellung des Wirtschaftskreislaufes zu den selbstverständlichen Instrumenten in der Volkswirtschaftslehre: Waren- und Geldströme werden damit sichtbar gemacht. Es ist ein Schema, mit dem man schnell, genau und sicher nachvollziehen kann, ob etwa Einkommen konsumiert oder investiert wird, und in welche Sektoren der Volkswirtschaft oder der Weltwirtschaft die Investitionen fließen oder versickern. Quesnays Tableau Economique entwickelte sich zu einem entscheidenden Baustein der politischen Ökonomie.



So war es jedenfalls. Erst im Zeitalter des globalen Finanzmarktkapitalismus hat man die Benutzung dieses Instruments sträflich vernachlässigt. Das von Quesnay vorgegebene Gesetz der inneren Verbindung zwischen den Sektoren wurde aufgegeben, die Geldströme bliesen sich auf und schienen unabhängig von den Güterströmen zu wachsen. Investiert wurde nicht mehr in die Produktion, sondern in sogenannte Finanzprodukte, in Wetten auf das Steigen oder Fallen von Kursen, bis die gesamte Konstruktion einbrach. Es gibt also gute Gründe, an die 250 Jahre alte Entdeckung Quesnays zu erinnern.



Quesnay wird 1694 in einem Dorf im Arrondissement Rambouillet, etwa 90 Kilometer von Paris, geboren als achtes von 13 Kindern. Sein Vater betreibt neben der Landwirtschaft einen Krämerladen und ist zeitweilig auch Steuereinnehmer, er stirbt, als François acht ist. Oft sich selbst überlassen geht der Sohn mit 16 nach Paris in die Lehre zu einem Kupferstecher, der für die chirurgische Akademie Stiche herstellt. Bald beschäftigt sich Quesnay selbst mit der Chirurgie, lässt sich nach Abschluss seiner Lehre zum Wundarzt ausbilden. Aufmerksamkeit erregt er mit einer Streitschrift gegen den Leibarzt des Königs, der den Aderlass als Universalmittel preist. Praktisch jedes Leiden wird damals auf zu viel Blut zurückgeführt, von dem die bedauernswerten Patienten zu befreien seien. Unsinn, befindet Quesnay, man habe vielmehr allen Grund, mit dem von der Natur so umständlich hervorgebrachten Blute sorgsam umzugehen.



Er bringt es zum Sekretär der im Jahre 1731 gegründeten Akademie der Chirurgen und zieht nach Paris, wo er die Stelle als Leibarzt des Herzogs von Villeroi einnimmt. Wegen der Diskretion, mit der er als Arzt zu Werke geht, fällt er der Madame de Pompadour auf, der wohl einflussreichsten Maîtresse des französischen Hofes. Die Pompadour hatte am Hof Ludwigs XV. eine Stellung erreicht, die mit der einer Kultusministerin vergleichbar ist. Sie führt nicht nur das Porzellan am Hofe ein, sie wird auch Schutzpatronin der großen Künste und der Literatur der Aufklärung. Doch auch die Pompadour muss jederzeit mit Intrigen rechnen, ist auf die absolute Treue und Verschwiegenheit ihres Personals angewiesen. Quesnay scheint ihr der geeignete Leibarzt. Er erhält im Schloss von Versailles dicht neben den Gemächern der Madame eine kleine Wohnung und lebt seitdem in einem sehr engen Verhältnis mit ihr, weil sie nichts isst, ohne dass er es vorgekostet hat. Sie sorgt auch dafür, dass Quesnay in die Reihe der offiziellen Hofärzte aufgenommen wird. Er erhält einen Adelstitel und den Anspruch auf die Nachfolge in der Stellung des "premier médecin ordinaire" des Königs.



Quesnay interessiert sich aber offenbar nicht nur für den Kreislauf des Blutes. In den fünfziger und sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts wird die französische Öffentlichkeit von einer Welle ökonomischer Schriften überschwemmt.



Auch in der seit 1751von Diderot und D’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie - einem der Hauptwerke der Aufklärung - wird besonderer Wert auf ökonomische Beiträge gelegt. Wie es kommt, dass Quesnay, der mit d’Alembert befreundet ist, aufgefordert wird, sich nicht zur Medizin zu äußern, sondern stattdessen mit Beiträgen über Landwirtschaft beauftragt wird, ist ungeklärt.



In diesen Artikeln entwickelt er seine Ideen der politischen Ökonomie, die vom Idealbild des "Royaume agricole", des Königreichs der Landwirtschaft, ausgeht, das er bewahren und retten will. Die Kriege Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. haben diesem Ideal schwer zugesetzt: "Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt, die Revenuen (Erträge) des Königreiches nahmen ab, weil die Kriege nicht mehr aufhörten und die Soldaten das flache Land verwüsteten", schreibt Quesnay.



Quesnay gibt hier ein wichtiges Stichwort vor, das die ökonomischen Anschauungen revolutionieren soll: Nicht nach Gold und Silber sollen die Staaten streben, sondern nach Einnahmen aus Handel, Grundbesitz und Kapital. Es geht ihm um die Einhaltung einer ausgewogenen volkswirtschaftlichen Verteilung, die damals sehr zu Ungunsten der Landwirtschaft verschoben wurde.



Tatsächlich beruhte die imperiale Macht Frankreichs vor allem auf der Ausbeutung der Landwirtschaft, die zwar der überwältigenden Mehrheit Lohn und Brot gab, dabei aber nicht nur übermäßig besteuert wurde, sondern zugleich unter den staatlich festgelegten niedrigen Getreidepreisen litt. Das hing mit dem Regierungsprogramm zur Stärkung der Exportfähigkeit französischer Manufakturen zusammen: Um die französischen Exportwaren wettbewerbsfähig zu machen, mussten sie nicht nur stilvoller, sondern auch billiger sein als die venezianische oder englische Konkurrenz. Am besten ließ sich das durch niedrige Löhne erreichen, da die Produktionskosten zu einem größeren Teil als heute auf Arbeitskosten beruhten. Die Lohnhöhe aber hing direkt vom Getreidepreis ab.



Diese Politik hält Quesnay für selbstzerstörerisch. Und er beschreibt jenen dramatischen Prozess, der noch heute täglich in vielen Ländern zu sehen ist, die in einer von ausländischen Investoren implantierten Industrie eine künstlich geförderte Exportproduktion zu Lasten ihrer Landwirtschaft betreiben: "Eine Nation, die ein großes Territorium besitzt und die Preise ihrer Produkte aus heimischer Ernte senkt, um dadurch die Fabrikation gewerblich gefertigter Dinge zu begünstigen, vernichtet sich selbst", schreibt Quesnay. Wenn der Landwirt die hohen Kosten, die der Anbau verlangt, nicht ersetzt bekommt, und er keinen Profit macht, geht die Landwirtschaft zugrunde. "Wo das Elend herrscht, entvölkert sich das Land, und Fabrikanten, Handwerker, Handlanger und Bauern flüchten. Dann verfallen die Kräfte der Nation, die Reichtümer schwinden dahin, die übergroße Last der Steuern und der Schulden drückt die Menschen zu Boden."



Quesnay greift diese kurzsichtige merkantilistische Handelspolitik scharf an, die nur auf rasche Einnahmen aus Exporten schielt. Seine Regel: Man soll nicht allen und jeden Handel fördern - nur die Zweige sollen erhalten bleiben, die den höchsten Profit bringen. Das aber wüssten die Kaufleute am besten.



Damit stellt er sich gegen eine staatliche Subventionspolitik, die die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung meint vorgeben zu müssen - eine Politik, die sich noch heute in Steuersenkungswettbewerben, kostspieligen Ansiedlungserleichterungen und der Durchsetzung von Niedriglohnsektoren findet. Wenn die Wirtschaftspolitik aber die Angebotsseite fördert, vernachlässigt sie zugleich die Nachfrageseite, das ist die Gesetzmäßigkeit, die man von Quesnay lernen kann.



Quesnay erinnert da nicht zufällig an die berühmteste Stelle bei Adam Smith, der ebenfalls die Interessen der Kaufleute als den sichersten Maßstab für den richtigen Einsatz von Kapital beschreibt. Dies wird gerne als Smith’ prinzipielle Kritik an staatlicher Einmischung gelesen, auf sie berufen sich die marktradikalen Liberalen noch heute, wenn sie beweisen wollen, dass der Markt am besten ohne Regeln funktioniert. Doch ob Smith das tatsächlich in diesem radikalen Sinne gemeint hat, bleibt fraglich. Quesnay jedenfalls fährt unmittelbar danach fort, dass der Staat darauf achten solle, dass die Proportionen im Verhältnis von Stadt und Land nicht außer Acht geraten. Er ist kein Ideologe, und deshalb geht es ihm nicht um die Verwirklichung eines Prinzips, sondern um eine ausgeglichene Beteiligung aller Gruppen am wirtschaftlichen Ertrag.



Nach dem Ende des siebenjährigen Krieges kommen erstmals wieder Engländer nach Frankreich. Auch Adam Smith schifft sich im Februar 1764 nach Frankreich ein, wo er zweieinhalb Jahre verbringen wird. Im Rückblick dürfte die Reise das wichtigste Erlebnis in seinem Leben gewesen sein. Erst in Frankreich kommt er auf den Gedanken, ein Buch über die Ökonomie zu schreiben, hier trifft er auch auf die Vertreter der neuen ökonomischen Schulen. Smith nimmt auch an den Zusammenkünften der Schule Quesnays teil, die im Pariser Hôtel des Grafen Mirabeau in der Rue Vaugirard zweimal wöchentlich stattfinden. Bei diesen Sitzungen wird gegessen, diskutiert, spricht man über die Artikel für eine neue ökonomische Zeitschrift. Damen haben ebenfalls Zutritt, und der Treffpunkt erfreut sich zehn Jahre lang während der Saison eines wachsenden Ansehens. Quesnay, inzwischen fast 70, kommt selbst gelegentlich aus Versailles herüber. Die Begegnung beeindruckt Smith stark, und aus Smith, dem Moralphilosophen, wird der Ökonom, der all das Wissen verarbeitet, das ihm aus den Debatten und den Werken der französischen Aufklärer zuwächst.



Adam Smith soll schließlich als Gründervater der angelsächsischen Ökonomie zum vielleicht einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler der Geschichte werden.



Der alte Quesnay stirbt am 17. Dezember 1774, über 80 Jahre alt, in seiner Wohnung in Versailles. Immerhin hat er noch gesehen, wie sein Schüler Turgot Finanzminister wird. Dessen Sturz erlebt er nicht mehr. Ebensowenig den Sturz Ludwigs XVI., den das verelendete Pariser Volk knapp 20 Jahre später auf die Guillotine bringt.



Das Tableau, das Quesnay für den König angefertigt hatte, taugt bis heute zur Demonstration der Kreislaufgesetze der Wirtschaft. Er nannte es ein "zigzag", ein Zickzack, ein Schema der Bewegung der Einkommensströme, das wie bestimmte Spielautomaten gebaut ist: Auf der schiefen Ebene eines flachen Brettes sind Erhebungen oder Vertiefungen so angebracht, dass sie den Lauf einer Kugel vorgeben. Da die Kugel in ihrem Lauf stets gleichförmig immer die nächsttiefere Ebene anstrebt, konnte man sie als zuverlässigen Maßstab für den Ablauf der Zeit benutzen. In der Welt der höfischen Gesellschaft vergnügte man sich mit diesen Kugellaufautomaten.



Dieses Spiel wurde, wie der Wirtschaftshistoriker Heinz Rieter gezeigt hat, von Quesnay als Vorlage für sein Schema genommen, mit dem er verdeutlicht, wie die Einnahmen im vorgegebenen Zeitablauf ausgegeben werden. Einer der entscheidenden Fortschritte bestand in der Erkenntnis, dass die Ausgaben nicht einfach verbraucht sind, sondern andernorts zu Einnahmen führen, die ihrerseits wieder Ausgaben ermöglichen. Die Kugel kommt so erneut ins Spiel.



Die heutige Darstellung des volkswirtschaftlichen Güter- und Einkommenskreislaufs ist tatsächlich ein Kreis, und in der grafischen Darstellung kann man die einzelnen Ströme ohne Weiteres maßstabsgerecht teilen und ableiten, um sie am Schluss wieder zum Ausgangspunkt zurückzuführen.



Probleme hat den nachfolgenden Ökonomen allerdings stets die Bewertung bereitet, die Quesnay den einzelnen Ständen hat zuteil werden lassen. Geradezu empörend empfanden die Ökonomen des nachrevolutionären bürgerlichen Zeitalters, dass das Gewerbe und die Industrie als "steril" beschrieben wurde. Adam Smith sah in der Arbeit die produktive Kraft der Volkswirtschaft, denn die Arbeit macht aus den Rohstoffen erst verwertbare Güter. Er beginnt eine detaillierte Beschreibung der Landwirtschaft unter einem neuen Gesichtspunkt: Das Kapital ist es, um dessen Einsatz es geht, nicht mehr um die gute Bewirtschaftung des Bodens und den Einsatz der besten Technik, von der Quesnay noch ausführlich spricht. Bei Smith fallen diese Gesichtspunkte bereits unter ein neues übergeordnetes Prinzip: das Prinzip der Verwertung des Kapitals. Es ist der Beginn eines neuen Zeitalters, das des Kapitalismus.



Dieses Prinzip hat sich jedoch inzwischen durch die zunehmende Arbeitsteilung an den Börsen und Kapitalmärkten so sehr verselbständigt, dass es zur akuten Gefahr für die ökonomischen und politischen Systeme geworden ist.



Das Spiel des Börsenkapitals trägt schon lange nicht mehr zum Wohlstand der Nationen bei. Doch die Finanzkrise dürfte auch radikalen Liberalen die Fehlentwicklungen deutlich gemacht haben, die die Deregulierung der Märkte mit sich gebracht hat. Staaten haben für die Dinge des Alltagslebens die feinsten Instrumente zur Inflationsmessung; für die Inflation der Immobilienpreise und der Aktienkurse, die eine Höhe erreichten, in der ihnen keine realen Werte mehr gegenüberstanden, haben sie keine Instrumente geschaffen.



Quesnays Konzept für die Messung von Güter- und Finanzströmen würde disproportionale Entwicklungen erkennbar machen. Solche völlig vernachlässigten makroökonomischen Instrumente können über wachsende Ungleichheiten informieren und warnende Signale geben.



Doch was ist mit Quenays’ "Royaume agricole"? Lange vertragen Wald, Wasser und Luft die Bearbeitung nach Kriterien von Investoren mit kurzfristigen Rendite interessen nicht mehr. Die Übernutzung der Ressourcen als Ergebnis der jahrzehntelangen Übertragung des Produktionsfaktors Natur an den Markt schlägt bereits fühlbar auf unser Leben zurück. Auch da gilt: Quesnays Sinn für Proportionen ist keineswegs überholt.

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