Flucht und Vertreibung : Das Heimatgefühl

Flucht und Vertreibung sind im Gedächtnis der Deutschen angekommen. Eine Familiengeschichte aus dem Baltikum.

Christine Lemke-Matwey
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2007

Unlängst bekommt meine Mutter, Jahrgang 1937, vom Münchner Kreisverwaltungsreferat ihre neue Steueridentifikationsnummer mitgeteilt. Als Geburtsort ist auf dem Dokument Reval/Sowjetunion angegeben. Nun ja, denkt meine Mutter, woher sollen die Bayern wissen, dass Estland seit 1918 unabhängig war, und wann genau Hitler das Baltikum an Stalin verschacherte (nämlich 1939, zwei Jahre nach ihrer Geburt). Und überhaupt: Wer spricht heute noch von den Baltendeutschen. Dann verbringt sie eine schlaflose Nacht. Da sie nicht in der UdSSR geboren sein will, geht sie sich am nächsten Tag beschweren. Die Fräulein vom Amt kennen das Problem bereits. Auch Schlesier aus Breslau wollen nicht plötzlich als Polen gelten, auch gebürtige Königsberger sich nicht über Nacht in Russen verwandeln. Herrje, sagen die durchweg höchstens 18-jährigen Fräulein, der Computer, die Systemumstellung. Wir regeln das.

Wenige Tage später kommt ein Brief vom Amt. Selbstverständlich muss Ihr Geburtsort Reval/Estland heißen, steht da, wir bitten um Entschuldigung und übersenden Ihnen hiermit als kleine Geste eine „gebührenfreie Aufenthaltsbescheinigung“. Jetzt hat meine Mutter alle Daten auf einen Blick. Mit Ämtern oder Amtsdeutsch allerdings tut man sich in ihrer Familie seit jeher ein bisschen schwer, weshalb sie statt „Aufenthaltsbescheinigung“ (Angaben zu Wohnsitz, Konfession, Familienstand etc.) „Aufenthaltsgenehmigung“ liest (laut Paragraf 5 Ausländerrecht). Abgesehen davon, dass die 71-Jährige darüber schallend lachen kann: Fremd, anders, nicht zugehörig hat sie sich immer gefühlt. Als Flüchtlingskind, als Heimatlose und als Opfer einer political correctness, die es jahrzehntelang nicht wagte, Königsberg statt Kaliningrad zu sagen, Breslau statt Wroclaw oder Reval statt Tallinn – und sei dies historisch noch so richtig.

Das Wort „Opfer“ hat meine Mutter nie für sich in Anspruch genommen. Aber eine Wut kriegt sie manchmal schon. Weil den „Täter“-Kindern von damals bis heute ein schlechtes Gewissen eingeredet wird; weil Flucht und Vertreibung immer noch als gerechte Strafe für die von den Deutschen im Dritten Reich angerichteten Gräuel gelten. Wer nie Revanchist gewesen ist, sagt meine Mutter, könnte es glatt werden. Wer politisch korrekt sein will, sagt der Jude Daniel Barenboim, muss aufhören zu denken.

Politisch korrekt ist auch Erika Steinbachs Verzicht auf einen Sitz im Stiftungsrat des von ihr mitinitiierten Berliner Vertriebenen-Zentrums am vergangenen Mittwoch. Eine Entscheidung, mit der, wie es so schön heißt, alle leben können: Die geifernde polnische Medienöffentlichkeit wie die bibbernde deutsche Politik, der Bund der Vertriebenen (dessen Präsidentin Steinbach seit 1998 ist) wie die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, die unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums eine Ausstellungs- und Dokumentationsstätte erhalten soll. Die Hysterie allerdings, die die Personalie Steinbach hüben wie drüben ausgelöst hat, macht stutzig.

Gewiss, Diplomatie war Erika Steinbachs Sache nie. Allein die Tatsache, dass sie sich als Westpreußin bezeichnet, schürt Aggressionen: Ihr Geburtsort Rumia/Rahmel ist seit Inkrafttreten des Versailler Vertrages 1920 polnisch, erst mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gehört er in den neuen Reichsgau Westpreußen. Erika Steinbach kommt dort 1943 zur Welt, als Tochter eines hessischen Wehrmachtssoldaten. Um ernst genommen zu werden, sagen Politiker wie der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (87), habe sie ganz einfach die „falsche Biografie“.

Auch dass die CDU-Bundestagsabgeordnete Anfang der neunziger Jahre gegen die Oder-Neiße-Grenze stimmt und 1998 Polens EU-Beitritt wahlkämpferisch an die „legitimen Interessen“ der Vertriebenen gekoppelt sehen möchte, trägt ihr wenig Sympathien ein. In den Folgejahren mögen sich Steinbachs Ansichten läutern, verträglicher werden, vermittelbarer: Ihre Feinde stellen sich blind und taub. Wie Kleister kleben die alten Revanchismus-Vorwürfe, sie bleibt, in polnischen Augen, die „blonde Bestie“ unterm Stahlhelm. Das muss man sich erst einmal gefallen lassen.

In Deutschland löst der Fall Steinbach eine Debatte aus, über deren Reflexe und Ressentiments man erschrickt. Müssen erst Anne Will & Co. feststellen, dass der Begriff der „Kollektivschuld“ historisch mindestens so problematisch ist wie die Rede von Kriegsverbrechen erster und zweiter Ordnung? Oder dass die Vertreibung von 12,5 Millionen Deutschen den Holocaust kein Jota weniger bestialisch macht und sechs Millionen ermordete Juden durch zwei Millionen deutsche Flüchtlingstote nicht gesühnt werden? Ja, wissen wir wirklich nicht, dass Adolf Hitler ein schlechter Mensch war?

Freilich regen sich auch andere Stimmen. Geradezu wohltuend inkorrekt etwa, bei allem Populismus, wie Franz Josef Wagner (selbst heimatvertrieben) in der „Bild“-Zeitung gegen das Berliner Zentrum angreint: „Liebe Erika Steinbach, ich mag mich nicht erinnern. Die Erinnerung ist mein Feind. Wie kann die Zeit Wunden heilen, wenn die Erinnerung sie wieder aufkratzt?“ Oder die Polemik des polnischen Juden Henryk M. Broder: Wäre Steinbach nicht Frau, groß und blond, es hätte keinen neuerlichen Konflikt gegeben. Unsere ruhmreiche Vergangenheitsbewältigung – nur mehr eine Frage des richtigen Images?

Die Vertriebenen kennen das. Sie haben in Deutschland von Anfang an ein Image-Problem (nur hieß es damals nicht so). Störenfriede sind sie in der jungen Bundesrepublik, Stachel im Fleisch: Weil sie von „früher“ sprechen und darüber, was in der Heimat alles besser war und schöner; weil sie sich in Landsmannschaften und Verbänden organisieren; weil sie Trachten tragen, Fahnen schwingen, traurige Lieder singen. Und weil sie zurückfordern, mal anklagend, mal kämpferisch, was einst deutsch und „unser“ war. Alle? Nein, nicht alle. Bei Weitem nicht. Die Rede vom „Recht auf Heimat“ aber (in der Vertriebenen-Charta von 1950), gilt als Sakrileg. Dass sich die Charta im gleichen Atemzug dem Verzicht auf „Rache und Vergeltung“ und der „Schaffung eines geeinten Europas“ verschreibt, findet kaum Beachtung. Vielleicht zielte das Recht auf Heimat ja weit mehr auf die BRD, als dieser lieb war?

Meine Mutter ist klein und dunkelhaarig, sie eignet sich nicht als Projektionsfläche. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, sich heimatlich zu engagieren oder etwas von dem Verlorenen zurückhaben zu wollen. Im Gegenteil: Das elterliche Trauma führt dazu, dass sie die alten Geschichten irgendwann nicht mehr hören kann. Heute würde sie vieles gerne besser wissen, kehren die Gedanken zurück. Zum lustigen Vetter Heini, der 19- jährig in einem Panzer verbrennt. Zu Amilde, ihrer Tante, die auf der Flucht verschwindet und Mitte der fünfziger Jahre in der Sowjetrepublik Estland wieder auftaucht. Sie verliert nie auch nur ein einziges Wort darüber, wo sie in den zehn Jahren gewesen ist, wie sie überlebt hat. Die Briefe, die sie schreibt, werden zensiert.

Insofern man sich also nicht organisierte, weder vor noch in noch nach dem Krieg, gipfelt die familiäre Flüchtlingssolidarität seit 1948 in einem Abonnement der „Baltischen Briefe“. Dort lasen schon meine Großeltern und lese ich heute noch, wer gestorben ist, wann wo welche Festivität, welches Treffen stattfindet und dass der Beruf des Kutschers in Estland ausstirbt. Die jüngste Ausgabe des unabhängigen deutschen Nachrichtenblattes des Baltentums ziert ein Foto des gebürtigen Rigensers Heinz Erhardt zu dessen 100. Geburtstag. Die Überschrift ist ein Zitat: „Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.“ Erhardt, der Komiker des deutschen Wirtschaftswunders.

Meine Mutter war Flüchtlingskind in Bayern und hat sich viel geschämt. Für ihren Namen, ihr Deutsch, ihre Armut. Als Kind will man dazugehören, und sei es zu einer Horde oberfränkischer Rotzlöffel, die hinter einem herschreien: „Maler und Lackierer san die größten Schmierer!“ Mein Großvater war „Kunstmaler“, so stand es in seinem Pass, ein gefundenes Fressen. Heute ist meine Mutter eine der letzten Angehörigen der „Erlebnisgeneration“. Die Heimat ihrer Eltern hat sie nie kennengelernt, dafür war sie zu klein. Ihr Zuhause ist von 1939 bis ’44 Posen im Warthegau, heute Poznan/Großpolen. Dann lernt sie, was Kälte heißt, in Güterzügen und Lagern. Und weiß, wie es sich anfühlt, über Nacht alles zu verlieren: Spielsachen und Bücher, Schuhe, Kleider, das Klavier und den Dackel Heidi. Die Reste des Familiensilbers vergräbt der Vater schon Monate vorher unter einem Baum im Garten. Sie sieht Dresden brennen und geht auf dem Bahnhof von Görlitz fast verloren. Als sie im Frühjahr ’45 im Westen ankommt, hat sie eine Lungenentzündung und solchen Hunger, dass sie in dem einzigen Wirtshaus, das es damals in Naila/Oberfranken gibt, stumm den Salzstreuer leert. Salz liebt sie bis heute. Ansonsten hält sie es mit meiner Großmutter: „Wir hatten Glück. Uns ist nichts Schlimmes passiert.“

Dreimal werden die Deutsch-Balten im 20. Jahrhundert entrechtet. 1920, als die estnische (und lettische) Bodenreform sie von ihren Gütern vertreibt; bei Hitlers sogenannter Umsiedlung „heim ins Reich“ 1939; und schließlich 1944/45 auf der Flucht vor den Russen und der Ostfront. „Ganz früher“ (also vor 1918) besitzen die Matweys Inseln, Schiffe, Geschäfte, Sommervillen und Winterresidenzen. Mein Großvater studiert in Dresden und St. Petersburg, man führt ein großbürgerliches Dasein. „Früher“ (also bis 1939) ist das Vermögen zwar schon mächtig zusammengeschmolzen, der Fröhlichkeit aber tut dies keinen Abbruch. Und selbst im Warthegau geht es noch gut. Man bezieht eine geräumige Wohnung, Möbel kommen nach. Vertreibung erster Klasse, wenn man so will.

Sechs Jahre Krieg – und sechs Jahre eine fast heile Kinderwelt. Eigentlich unfassbar. Seit den Bombenangriffen in dieser Zeit hasst meine Mutter jede Art von Silvesterböllerei. Einmal fällt sie auf dem Schulweg in einen frisch ausgehobenen Bunker und holt sich eine Gehirnerschütterung. Der Vater – lungenkrank und vom Dienst an der Waffe suspendiert – zeichnet Stadtpläne. Posen soll vergrößert werden, das zwischen 1905 und 1910 erbaute Schloss wird zur „Führerresidenz“ erklärt und umgebaut. Die Schlosskapelle, eines der größten neobyzantinischen Mosaik-Gesamtkunstwerke in Europa, reißen die Nazis ab. Hitler setzt nie einen Fuß in sein neues Domizil.

Zwischen September ’39 und Februar ’45 finden in und um Posen insgesamt 30 000 Polen den Tod. Vertrieben, verschleppt, in Konzentrations- und Arbeitslagern misshandelt und ermordet. Das Kind weiß davon nichts. Die Eltern? Eines Tages klopft ein Mann an der Wohnungstür, der ehemalige polnische Besitzer des Hauses. Er würde gerne ein bisschen im Garten arbeiten, sagt er, riechen, mit Händen greifen, was einst ihm gehörte. Beim Umgraben zeigt er meiner Mutter einen fetten Engerling. Ich werde Sie sofort verständigen, schlägt mein Großvater in seiner Hilflosigkeit vor, sobald wir wieder zu Hause im Baltikum sind, dürfen Sie bestimmt hierher zurück. Als ginge es um Anstand und Höflichkeit (abgesehen davon, dass es darum immer geht). Als ließe sich ein Weltkrieg ungeschehen machen. Als wäre alles nur ein böser Traum.

Meine Großeltern wollten Reval/Tallinn und Hapsal/Haapsalu, ihre „alte Heimat“, nie wieder sehen. Im Mai 1945 sind sie 44 und 49 Jahre alt, sie ahnen nicht, dass sie das kleine Naila im deutschen Zonenrandgebiet bis zu ihrem Tod in den siebziger Jahren nicht mehr verlassen werden. Seelsorgerisch oder psychologisch betreut wird hier niemand. Endstation Erinnerung. Aber die Oberfranken sind freundlich, sie wissen, was Armut heißt. Freundlicher jedenfalls als jene schleswig-holsteinischen Grundbesitzer, die Bettlaken an ihre Hoftore nageln und „Wir brauchen keine Flüchtlinge mehr!“ darauf schreiben.

Zweimal ist meine Mutter seither mit Herzklopfen nach Estland gereist, einmal im Winter, einmal im Sommer, zuletzt 2006. Sie fühlt sich dort wohl. Es gibt alte Freunde, Häuser, die noch stehen, den weiten Himmel, das Meer. Sie freut sich, dass das kleine Land wieder „so in Ordnung“ ist. Nach Poznan hingegen will sie nicht. Was sollte sie dort – klingeln und dzien dobre sagen, guten Tag, dürften wir wohl nachsehen, ob unser Silber nach 65 Jahren noch unter jenem Baum liegt, der uns nie gehört hat?

Bundesweit wird 2008 auf die Gebühr von sechs Euro pro besagter „Aufenthaltsbescheinigung“ für die mit falschen Geburtsorten versehenen Vertriebenen verzichtet. Eine Summe, die in die Millionen, in die Hunderttausende geht? Wer weiß, wie viele Balten, Ostpreußen, Schlesier und Sudetendeutsche in Deutschland noch leben. „Die Fehlleistung der Verwaltungsbehörden sorgt unter ihnen nicht nur für beträchtlichen Unmut, sondern verletzt sie“, protestiert Erika Steinbach.

Aus Angst davor, die ehemaligen deutschen Ostgebiete auch deutsch zu nennen (was bis 1945 nur der historischen Wahrheit entspricht), hält sich der Amtsschimmel nämlich intuitiv an die Oder- Neiße-Grenze. Als sei diese nicht erst 1950 durch die DDR, 1970 durch die BRD und 1990 erst durch das wiedervereinigte Deutschland als „unverletzlich“ anerkannt worden, sondern habe per se immer schon gegolten. Weil nach der Schuld bis heute vor der Schuld ist, aller kritischen Aufarbeitung, allen Kniefällen und Aschekübeln zum Trotz?

Die Erlebnisgeneration hat das Berliner „Zentrum gegen Vertreibungen“ so wenig nötig wie TV-Zweiteiler über „Die Flucht“ (in denen gefühlt sowieso alles falsch ist, von den Gesichtern bis zum Häkelmützchen bei minus 25 Grad Celsius). Erinnerungen lassen sich weder teilen noch korrigieren. Dass Deutschland sich einen Ort leisten will, an dem auch ihr Leben erzählt wird, macht meine Mutter trotzdem froh. Jetzt gehört sie ein bisschen dazu. Spät, aber immerhin. Der Sitz im Stiftungsrat übrigens, auf den Erika Steinbach verzichtet hat, soll vorerst unbesetzt bleiben. Ein leerer Stuhl an einer langen, 13-köpfigen Tafel. Nicht die schlechteste Metapher für ein lebendiges Gedächtnis.

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