Fußballtrainer : Zwischen Laptop und Turnhose

Kautzig und knurrig waren sie einst, Bauchmenschen. Der heutige Fußballtrainer berechnet den Sieg und parliert medienkompatibel.

Kurt Röttgen
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2008

Jürgen Klopp wusste, was die Leute hören wollten. „Ihr habt euch einen geilen Verein ausgesucht“, rief er auf der Dortmunder Jahreshauptversammlung im vorigen November den Mitgliedern zu. Mit Ehrgeiz und Hingabe, so Borussias Trainer in seiner fünfzehnminütigen Stegreifrede, werde die Mannschaft alles dafür tun, „den Fußball zu zeigen, den ihr verdient“. Im Saal wurde dem neuen Coach zugejubelt, als hätte er den von Schulden und Erfolglosigkeit geplagten Traditionsklub soeben zur Meisterschaft geführt oder zumindest zum Sieg über den Erzrivalen Schalke.

Der eloquente Schwabe, bis nach der Europameisterschaft 2008 als Experte drei Jahre lang Partner von ZDF-Moderator Johannes B. Kerner, passt wie gemalt ins veränderte Berufsbild Bundesliga- Trainer. Wie Jürgen Klinsmann, Ralf Rangnick oder Bruno Labbadia ist der 41-jährige Diplomsportwissenschaftler Klopp der Überzeugung, dass Leistung im Fußball planbar sei. Die Generation der Laptop-Trainer umgibt sich mit Spezialisten für Fitness, Psychologie, Leistungsdiagnostik etc. und lässt sich Tipps von Unternehmensberatern geben. „Wir verstehen uns als lernendes System“, sagt Bernhard Peters, ehemals Hockey- Bundestrainer, jetzt Sportdirektor beim Senkrechtstarter Hoffenheim und Rangnicks wichtigster Mitarbeiter.

Die Anforderungen steigen

Im Gegensatz zu älteren Kollegen traut die junge deutsche Trainergarde – nur Rangnick ist knapp über 50 – Computeranalysen mehr als dem eigenen Bauchgefühl. So liefert die im noblen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel residierende Firma Mastercoach ihren Kunden gleichsam den gläsernen Fußballprofi. Laufwege eines Spielers, zurückgelegte Kilometer, Anzahl der Sprints, maximale Geschwindigkeit, Tricks oder Schussstärke in km/h – alles wird in den Stadien von Kameras und Wärmesensoren aufgezeichnet. Nach dem Hamburger SV, Leverkusen, Dortmund, Stuttgart „vertrauen mit Bayern München und Hoffenheim zwei weitere Bundesliga-Vereine auf unsere Technologie“, verkündet das Unternehmen stolz. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gehört zur Kundschaft.

Als „massiv“ empfindet Klinsmann die veränderten Anforderungen im Trainerberuf. Man müsse mit Dingen klarkommen, sagte Bayern Münchens Coach der Wochenzeitung „Die Zeit“, die noch vor zehn Jahren keine Rolle spielten. Dazu zählt er vor allem die „Auseinandersetzung mit zum Teil höchst komplexen Technologien“, die gewachsenen Ansprüche der Mediengesellschaft und eine immer größere Anzahl ausländischer Spieler, „deren Sprache man zumindest in groben Zügen lernen sollte“. Obwohl Klinsmann fließend Englisch, Französisch, Italienisch spricht und sich auf Spanisch sowie Portugiesisch verständigen kann, werden Mannschaftssitzungen beim FC Bayern simultan übersetzt. So sollen sprachliche Missverständnisse unter den 22 Profis aus neun Nationen vermieden werden.

Kein anderer hat die Branche so reformiert wie der einstige Bäckerlehrling aus Stuttgart-Botnang. Auch wenn Trainerkollegen die Neuerungen für übertrieben halten, etwa der im November nach gut zweijähriger Arbeitslosigkeit beim MSV Duisburg untergekommene Peter Neururer höhnt, Klinsmann sei „der bestbezahlte Lehrling im Weltfußball“: Seit Klinsmann zusammen mit Joachim Löw die Nationalelf nach dem Desaster bei der Europameisterschaft 2004 wieder auf Erfolgskurs brachte, gelten im Trainergewerbe andere Maßstäbe.

Die Wissenschaft hilft

Für die Konditionsarbeit ließen Klinsmann und Löw Amerikas Fitnessguru Marc Verstegen samt zwei Helfern aus Phoenix/Arizona einfliegen, zur mentalen Stärkung der Nationalspieler holten sie den Diplompsychologen Hans-Dieter Hermann. Zusammen mit Studenten der Kölner Sporthochschule baute Urs Siegenthaler eine Analysewerkstatt auf, die den deutschen Trainerstab bei der WM 2006 und der EM 08 mit Dossiers über gegnerische Spieler versorgte. Skeptikern in der Bundesliga, die am Sinn der aufwendigen Aktion zweifelten, entgegnete der Schweizer Ingenieur: „Weil meine Frau perfekt in Englisch ist, liest sie Shakespeare. Ich muss noch Vokabeln lernen.“

Allmählich hat sich im deutschen Profifußball die Erkenntnis verbreitet, dass Erfahrungen aus anderen Sportarten oder der Wissenschaft durchaus hilfreich sein können. „Der kann vielleicht noch drei, vier Prozent mehr Entschlusskraft aus den Spielern herauskitzeln“, begründete Hertha-Manager Dieter Hoeneß die Absicht, seinem Coach Lucien Favre einen Mentaltrainer zur Seite zu stellen. Bei der Vorbereitung auf die Rückrunde im spanischen La Manga hatte Rangnick 29 Mitarbeiter um sich versammelt. Darunter insgesamt sieben Torwart-, Athletik-, Techniktrainer, ein Psychologe und ein Privatlehrer für die Junioren. Die Spieler sollten von den Besten lernen, er könne nicht überall Spezialist sein, erklärte er.

Beim FC Bayern machte Klinsmann den ewigen Assistenten von Vorgänger Ottmar Hitzfeld zum Chefanalytiker. Michael Henke beobachtet Gegner sowie Spiel und Training der eigenen Mannschaft, fertigt darüber schriftliche Berichte oder eine DVD an. Aus einem Schnittstudio in der Münchner Arena können in der Halbzeitpause Videosequenzen des Spiels in die Kabine gesendet werden. Bei Tests, so Henke, habe das System funktioniert. In Dortmund findet einmal in der Woche Kinetiktraining statt, ein Bewegungsprogramm zur Gehirnentfaltung. Klopps Ziel: Die Spieler sollen unempfindsamer auf Stress reagieren und ihre Konzentration verbessern.

Die Medien können nicht ignoriert werden

Zu der Innovationsfreude dieser Generation kommt eine Sicherheit im Umgang mit den Medien, die dem Gros der Älteren fehlt. Im Gegensatz etwa zu Otto Rehhagel, der noch als 70-jähriger Nationaltrainer Griechenlands im Journalisten den natürlichen Feind sieht, wird TV-Präsenz zur Selbstdarstellung genutzt. Als Bundestrainer arbeitete Klinsmann mit dem Teampsychologen Hermann an seiner Körpersprache. Er war unzufrieden, wenn er – wie nach der 1:4-Klatsche am 1.März 2006 in Italien – auf dem Bildschirm angespannt wirkte. Auch beim Fernsehauftritt 14 Tage später mit Angela Merkel im Berliner Kanzleramt sei er, so Klinsmann, nicht richtig vorbereitet gewesen: „Da habe ich meine eigenen Erwartungen nicht erfüllt.“

Bei seiner Studie „Arbeiten auf dem Schleudersitz“ fand der Berliner Psychologe Christian Nawraht heraus, dass über die Hälfte der befragten Trainer aus erster und zweiter Bundesliga sowie der Regionalliga Schlafprobleme hat. Ein Drittel beklagte Kopfschmerzen, jeder fünfte Bluthochdruck und nervöse Ticks. Als wichtigste Ursache für den Stress vermutet Nawraht die Arbeit mit den Medien: „Eine ganz große Herausforderung.“ Man müsse heute als Trainer ein richtiger Medienmensch sein, „das lenkt von der eigentlichen Aufgabe ab“.

Der Wiener Grantler Ernst Happel, für Günter Netzer bester aller bisherigen Bundesliga-Trainer, konnte es sich beim HSV noch leisten, die Medien weitgehend zu ignorieren. Happels kurze, mit abweisender Miene in einem eigenwilligen Sprachmix aus Hochdeutsch, Wienerisch und Flämisch vorgetragenen Analysen, hielten selbst altgediente Reporter von Nachfragen ab. So erklärte er nach einem Spiel in München: „Wir hätten können einen Rückstand haben. Den ham wir sowieso dann erreicht. Wir hätten können genauso einen Vorsprung ham. Des ist Ansichtssache.“ Mitunter fiel sein Statement noch knapper aus: „Es war ein Spiel auf her und hin, ich danke.“

Erfolg schützt nur noch bedingt

Hennes Weisweiler, ein anderer großer Trainer aus den frühen Bundesliga- Jahren, war zwar gesprächiger, aber nur zu seinen Bedingungen. Im Umgang mit Journalisten verfuhr der katholische Rheinländer nach den Worten aus dem Lukas-Evangelium: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich.“ Als er 1977 in Köln den damals knapp 33-jährigen Wolfgang Overath rüde aufs Altenteil drängte, unterschied er genau zwischen Befürwortern und Kritikern. Mit den Medienleuten, die für einen eleganteren Abschied des Fußballkünstlers plädierten, redete Weisweiler monatelang kein Wort mehr.

Happel und Weisweiler schützte der Erfolg. Das gilt nur noch bedingt in einer Zeit, in der das Fernsehen den Vereinen rund 400 Millionen Euro pro Jahr für die Übertragungsrechte zahlt und von den Darstellern Entertainerqualitäten erwartet. Der Philosoph und Managementberater Reinhard K. Sprenger unterscheidet zwischen zwei Leistungsebenen: Inhalt und Präsentation. Man glaube zwar gerne, sagt Sprenger, dass die Inhaltsleistung die wichtige sei – „wirkungspsychologisch ist es aber die Präsentationsleistung“. Der mit Mühe dem Abstieg entkommene VfL Wolfsburg hätte sich im Mai 2007 vermutlich ohnehin von Klaus Augenthaler getrennt. Doch dessen Auftritt bei der Pressekonferenz vor dem vorletzten Spieltag dürfte den Bossen der VW-Tochter die Entscheidung erleichtert haben. „Es gibt vier Fragen und vier Antworten“, erklärte der Trainer den verdutzten Journalisten. Die Fragen stelle er, die Antworten gebe er auch. „Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?“, fragte der von Presseberichten genervte Augenthaler und antwortete: „Die Mannschaft hat hervorragend gearbeitet.“ In ähnlicher Form äußerte er sich zu Taktik, nächstem Gegner, Druck im Abstiegskampf – neben Giovanni Trapattonis legendärer Bayern-Brandrede „Ich habe fertig“ der ungewöhnlichste Vortrag eines Trainers in fast 46 Jahren Fußball-Bundesliga. Nach 42 Sekunden sagte Augenthaler „Danke schön!“ und verließ den Raum. In der Woche darauf feuerte ihn Wolfsburg.

"Neue Wege beschreiten"

Seither hat Augenthaler (51) kein Bundesliga-Spiel mehr besucht. Er habe, sagt er, keine Lust auf stets dieselben Fragen. Wie so viele der 3,55 Millionen Arbeitslosen in Deutschland redet der Niederbayer ungern darüber, warum er immer noch ohne Job ist. Und dass die Aussichten auf einen Arbeitsplatz ungewiss sind. Zwar brachten Mönchengladbacher Spieler Augenthaler ins Gespräch, als dort vor vier Monaten Jos Luhukay entlassen wurde. Doch den Zuschlag erhielt Hans Meyer. Wobei die Verpflichtung des 66-jährigen Thüringers keineswegs im Trend liegt. Gefragt sind vornehmlich junge Deutsche wie zuletzt in Stuttgart Markus Babbel (36). Oder taktisch versierte Ausländer, die – Martin Jol beim HSV, Favre bei Hertha BSC – ihren guten Ruf durch vorzügliche Arbeit bestätigen.

Mönchengladbach holte Meyer gewissermaßen aus dem Ruhestand, weil ihn eine Erfolgsaura umgibt. 2001 stieg er mit der damals zweitklassigen Borussia auf, danach bewahrte er Hertha BSC und Nürnberg vor dem Absturz. Mit Nürnberg wurde er 2007 sogar Pokalsieger. Allerdings droht der Ruhm am Ende des Berufsweges etwas zu verblassen. Vor einem Jahr musste Meyer in Nürnberg gehen, weil der Klub wieder in Abstiegsnöte geraten war. Und seine Versuche, Mönchengladbach abermals zu retten, waren bislang nicht sehr erfolgreich. Das „Gegenbild des modernen, analytischen Fußball- Gestalters“, nannte ihn die „FAZ“.

Manchmal habe er den Eindruck, dass „wir in einer Schublade mit der Aufschrift ,altmodisch‘ stecken“, sagt Jürgen Röber (55) über seine Trainergeneration 50 plus. Er ist im August 2008 vor der Perspektivlosigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt zum Moskauer Vorstadtklub Saturn Ramenskoje geflüchtet. Ob Augenthaler, Röber, Klaus Toppmöller (57) oder Wolfgang Wolf (51) – ihr Dilemma ist dasselbe: Sie erscheinen vielen Bundesliga-Managern als nicht mehr zeitgemäß in einer Fußballwelt, in der Bundestrainer Löw empfiehlt, nach Klinsmanns Beispiel „neue Wege zu beschreiten“.

Fußballtrainer - Manager

Dabei schließen Zeitungen im Freistaat ein Scheitern des Reformers, der beim Amtsantritt im Sommer 2008 „schnellen, vertikalen Offensivfußball“ versprach und jeden Spieler besser machen wollte, allerdings nicht aus. „Sein Wirbeln hat etwas von Aktionismus“, bilanzierte der „Münchner Merkur“ nach den ersten 100 Tagen, dem schwächsten Saisonstart des Rekordmeisters seit 31 Jahren. Jetzt fragt die „Süddeutsche Zeitung“: „Ist er wirklich ein Trainer?“ Im Gegensatz zur Champions League, wo die Bayern am Mittwoch 5:0 bei Sporting Lissabon triumphierten, stimmen in der Bundesliga Resultate und der Tabellenplatz vier nicht. Kritiker halten Klinsmann vor, er habe gute Ideen und sei ein mitreißender Motivator, doch mangele es ihm an taktischem Gespür.

Augenthaler nutzt es jedoch wenig, wenn er argumentiert: „Was soll ich mit einem Stab von acht, neun Leuten, die alle mitreden wollen. Ich muss eine Mannschaft zusammenstellen, die Qualität und Erfolg hat. Dazu brauche ich keinen Psychologen oder Mentaltrainer.“ Die Entwicklung geht in die andere Richtung. Anstelle des Fußballlehrers alter Prägung steht ein Trainertyp im Blickpunkt, der so selbstverständlich über Zielvorgaben, Teamfähigkeit oder Eigencoaching redet, als käme er gerade aus dem Managerseminar. Auf Drängen des Bundestrainers und von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer wurde die Trainerausbildung gründlich umgekrempelt. Sie dauert jetzt elf statt zuvor sechs Monate. Frank Wormuth (48), ein Diplomsportlehrer und Diplombetriebswirt, löste den langjährigen Leiter Erich Rutemöller (64) ab. Neben der technisch-taktischen Schulung sowie dem neunwöchigen Praktikum bei einem Bundesliga-Verein stehen Biologie, Ernährungswissenschaft, Umgang mit Medien und Rhetorik auf dem Lehrplan.

Matthias Sammer - der Übervater

Kompromisslos lehnt Sammer die frühere Regelung ab, verdienten Nationalspielern in einem Kurzlehrgang zur Trainerlizenz zu verhelfen. Aus eigener Erfahrung, „mir hat wegen der verkürzten Ausbildung als Trainer der wissenschaftliche Hintergrund gefehlt.“ Dass die Stuttgarter eine Ausnahme für ihren ohne Lizenz amtierenden Coach Markus Babbel fordern, lässt den Sportdirektor unberührt.

Ebenso Jens Lehmanns Hinweis, er habe fünf Jahre bei Arsene Wenger trainiert und sich regelmäßig Notizen gemacht – was er von einem Trainerausbilder da wohl noch lernen könne. „Ich habe in der Schule auch mitgeschrieben und bin trotzdem kein Lehrer“, entgegnete Sammer.

Der 59-jährige Wenger ist eine Art Übervater der modernen Trainer. Sein Team Arsenal London spielt den technisch hochwertigen Tempofußballspiel, den sie gern vermitteln würden. Vor Transfers lässt er bei Spielern schon mal deren kognitive Fähigkeiten testen. Auch da haben sich die Zeiten geändert. Rehhagel genügte im Zweifelsfall die Meinung seiner Frau Beate.

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