Geschichte : Der Hassprediger

Er war Hofprediger des Kaisers und seine Kirche war der Berliner Dom. Als die Finanzkrise die Gründerzeit erschütterte, machte er den Antisemitismus populär. Adolf Stoecker starb 1909. Doch seine Hetzschriften wirkten weiter.

Ernst Piper
Menzel Eisenwalzwerk 1875
Die Gründerzeit war geprägt von einem enormen industriellen Boom. 1875 malte Adolph von Menzel das Eisenwalzwerk. -Foto: akg-images

Am Anfang sind es nur Gerüchte: Die Pariser Börse stehe vor einer Panik. Die österreichische Kreditanstalt reagiert als erste, verkauft Ende April auf einen Schlag Wertpapiere für 20 Millionen Gulden. Nicht einmal zwei Wochen später, am 9. Mai – man wird diesen Tag später den „schwarzen Freitag“ nennen – meldet ein angesehener Wiener Börsenmakler Insolvenz an. Das ist nur der Auftakt.

An diesem 9. Mai gehen in Österreich 120 Firmen in Konkurs. Die Aktienkurse stürzen in Minutenschnelle ins Bodenlose, die Wiener Börse bricht zusammen. Zunächst scheint es, als bleibe die Krise auf Österreich beschränkt. Doch wenige Wochen später erfasst sie die Börsen in London und New York. Und im Oktober erreicht sie Berlin. Es ist das Jahr 1873. Als „Gründerkrach“ geht diese globale Finanzkrise in die deutsche Geschichte ein.

Zwei Jahre vorher: Am 18. Januar 1871 war im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich proklamiert worden. Der Krönung von Kaiser Wilhelm I. war ein Krieg vorausgegangen, die Franzosen hatten ihn verloren. Sie mussten nicht nur Elsass-Lothringen abtreten, sondern umgerechnet vier Milliarden Goldmark an Reparationszahlungen leisten. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler nimmt für einen Industriearbeiter 1873 ein Jahreseinkommen von 620 Mark an, demnach hätten die Franzosen nach heutigen Maßstäben ungefähr 200 Milliarden Euro bezahlt, die nun nach Deutschland flossen. Das viele Geld führte zu einem ungeheuren Boom. Zugleich war mit dem neu geschaffenen Deutschen Reich nicht nur ein einheitlicher Markt entstanden, auch die Gewerbeordnung wurde liberalisiert, die Bestimmungen für die Gründung von Aktiengesellschaften wurden erheblich gelockert. Goldene Zeiten für Existenzgründer und Spekulanten.

In Berlin wollte man hoch hinaus

Besonders hoch hinaus wollte man in der neuen Reichshauptstadt Berlin. Planungen für eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern – das Zehnfache der damaligen Bevölkerungszahl – verwandelten die Stadt in eine gigantische Baustelle. Aus Dörfern wie Schöneberg oder Tempelhof wurden binnen weniger Jahre Städte mit zehntausenden Einwohnern. Der Unternehmer Bethel Henry Strousberg überzog unterdessen Preußen mit einem Schienennetz, wobei er selbst wenig Geld in die Hand nehmen musste. Er beauftragte Generalunternehmer mit der Ausführung der Bauvorhaben und bezahlte sie mit Aktien der neu gegründeten Eisenbahngesellschaft. Die Eisenbahn versprach das größte Geschäft jener Jahre. Doch die Aktien waren völlig überbewertet und der Handel mit den scheinbar lukrativen Papieren blähte ihren Wert noch weiter künstlich auf und machte aus Strousberg einen reichen Mann, der in einem Palais in der Berliner Wilhelmstraße residierte.

Am 7. Februar 1873 beklagte der Abgeordnete Eduard Lasker in einer großen Reichstagsrede das „Strousberg-System der Korruption“, das seiner Meinung nach die eigentliche Triebfeder des gewaltigen Wirtschaftsbooms war. Diese Anklage bestätigte die Befürchtungen vieler Zeitgenossen, dass die plötzliche Prosperität auf schwankendem Boden gedeihe. Es kam zu einer ersten Welle von Aktienverkäufen. Die internationale Panik, die ab Mai die industrialisierte Welt erfasste, tat ein Übriges. Schnell entwickelte sich die für Krisen typische Eigendynamik. Am Ende des Jahres waren in Deutschland 61 Banken, 116 Industrieunternehmen und vier Eisenbahngesellschaften, unter ihnen die von Strousberg, pleite. Sein Palais fand bald einen neuen Nutzer: Die britische Botschaft zog ein. Natürlich wurde die Schuldfrage gestellt. In einem populären Pamphlet mit dem Titel „Die Börse und der Gründerschwindel in Berlin“ warf der anonyme Verfasser den Juden vor, sie wollten den deutschen Mittelstand vernichten. In der biederen Familienzeitung „Die Gartenlaube“ hetzte der Journalist Otto Glagau: „Nicht länger dürfen Sentimentalität, leidige Schwäche und Furcht uns Christen abhalten, gegen die Auswüchse, Ausschreitungen und Anmaßungen der Judenherrschaft vorzugehen.“

Stoecker beschuldigt Juden

In dieser Situation wurde der evangelische Theologe Adolf Stoecker 1874 zum vierten Hof- und Domprediger berufen. Stoecker war 39 Jahre alt und hatte auch schon einen kleinen Skandal hinter sich: In seiner Pfarre hatte er sich vehement gegen Ehen zwischen den Konfessionen ausgesprochen. Jetzt predigte er am Berliner Dom und der Kaiser mit seinem Hofstaat bildete die Gemeinde.

Sehr bald versuchte der Theologe auch auf das politische Geschehen Einfluss zu nehmen. Und er ließ keinen Zweifel, wie er die Dinge sah: Die Juden seien schuld am wirtschaftlichen Fiasko. Denn sie stünden nicht „für sittliche Arbeit“, sondern „für jüdische Geschäftspraktiken“. Dem „Missverhältnis zwischen jüdischem Vermögen und christlicher Arbeit“ gelte es entgegenzutreten.

In den ersten Jahren des Deutschen Reiches war das liberale Bürgertum eine wichtige Stütze des neuen Staates gewesen. Nun wirkte der Börsenkrach wie ein Fanal für dessen Niedergang. Die alten aristokratischen Eliten sahen im Bürgertum Emporkömmlinge und Spekulanten, für die sozialdemokratische Arbeiterbewegung waren es Kapitalisten und Ausbeuter. Dazu kam, dass in Deutschland das Bürgertum selbst die Entwicklung hin zu einer modernen Industriegesellschaft kritisch sah. Diffuse Ängste vor der Dynamik der Industrialisierung und der Anonymität der Städte schlugen sich nieder in antimodernen Affekten, die sich auch gegen jüdische Mitbürger – die oft als Unternehmer, Bankiers und Wissenschaftler erfolgreich waren – richteten.

1879 gründete der Berliner Journalist Wilhelm Marr die Antisemitenliga und etablierte damit den zuvor nicht gebräuchlichen Begriff „Antisemitismus“. Das lateinische Fremdwort sollte der Judenfeindschaft eine Aura wissenschaftlicher Objektivität verleihen. Im gleichen Jahr veröffentlichte der konservative Historiker Heinrich von Treitschke in den „Preußischen Jahrbüchern“ einen Aufsatz, durch den er den Schlachtruf „Die Juden sind unser Unglück!“ auf Jahrzehnte hinaus populär machte. Eine vor allem auch von Studenten unterstützte Petition mit der Forderung nach Rücknahme der rechtlichen Gleichstellung der Juden erhielt 265 000 Unterschriften. Ebenfalls 1879 hielt Adolf Stoecker seine programmatische Predigt „Unsere Forderungen an das moderne Judentum“.

Liberalismus verlor massiv an Einfluss

Reichskanzler Otto von Bismarck sah sich durch die wirtschaftliche Lage veranlasst, einen politischen Kurswechsel vorzunehmen. Zusammen mit den Konservativen setzte er eine Politik durch, die die heimische Wirtschaft – vor allem die aristokratischen Großgrundbesitzer mit ihren riesigen Getreidefeldern – vor ausländischer Konkurrenz schützen sollte. Darüber zerbrach Bismarcks Bündnis mit den Nationalliberalen, jener Partei, die das Wirtschaftsbürgertum vertrat. Der Liberalismus verlor massiv an Einfluss. Manche sprachen von einer „zweiten Reichsgründung“. Thomas Mann prägte später die Wendung vom „unheiligen Deutschen Reich preußischer Nation“. Der neue antiliberale Kurs schuf das Klima, in dem sich die verschiedenen antisemitischen Strömungen zu einer einflussreichen Bewegung vereinten.

Adolf Stoecker, der als Hofprediger über den Nimbus kaiserlicher Autorität verfügte, wurde bald zum mächtigsten antisemitischen Agitator im Deutschen Reich. „Gegen Demokratie und Judentum, gegen die Bedrückung des Kapitalismus und gegen die Gottlosigkeit der Sozialdemokratie“ lautete sein Programm. Der Hofprediger und unbedingte Anhänger der Monarchie war zugleich davon überzeugt, dass die protestantisch-monarchistische Prägung des Deutschen Reiches auf die Dauer nur zu sichern war, wenn sie sozialpolitisch abgesichert war. Die Kirche musste die „Leitung der Massenseele“ zurückgewinnen und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung das Wasser abgraben.

1877 übernahm Stoecker die wenige Jahre zuvor gegründete Berliner Stadtmission, eine soziale Einrichtung, die innerhalb der evangelischen Kirche bis heute besteht. Er wollte durch soziales Engagement dem Bedeutungs- und Ansehensverlust von Religion und Kirche entgegentreten. Doch blieb er bei dem karitativen Engagement nicht stehen, er wollte vielmehr die Arbeiterschaft „am Angelhaken der sozialen Frage aus dem Abgrund der antichristlichen und antimonarchistischen Sozialdemokratie ziehen“.

Die Christlich-Soziale Partei 

Am 3. Januar 1878 gründete Stoecker die Christlich-Soziale Arbeiterpartei. Doch diese Partei war keine Organisation von Arbeitern, die Arbeiter waren vielmehr das Ziel ihrer Agitation. Die Partei stand, so lautete der erste Punkt ihres Programms, „auf dem Boden des christlichen Glaubens und der Liebe zu König und Vaterland“. Sie war entschieden antisozialdemokratisch, monarchistisch, sozial engagiert und scharf antisemitisch – vier Positionen, die nach der Überzeugung Stoeckers eine logische Einheit ergaben. Noch im Gründungsjahr beteiligte er sich an den Reichstagswahlen, das Resultat war allerdings eher blamabel. Ganze 2310 Stimmen entfielen auf die Christlich-Soziale Arbeiterpartei.

Stoecker setzte nun auf antisemitische Parolen und machte die Erfahrung, dass er als Redner damit große Menschenmengen in seinen Bann schlagen konnte. Seine Partei benannte Stoecker in Christlich-Soziale Partei um. 1881 schloss sie sich als selbstständige Gruppe der Deutschkonservativen Partei an, für die Stoecker auch in den Reichstag gewählt wurde. Die soziale Rhetorik der Anfangszeit trat in den Hintergrund, und die Christlich-Soziale Partei vertrat nun die Position des Mittelstands, jene „radikale Mitte“, die zwischen chauvinistischer Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühlen gefährlich hin und her schwankte.

Im Mittelstand fand Stoecker die meisten Anhänger

Diese Mitte war Fluchtpunkt der Sehnsüchte nach nationaler Größe und sozialer Sicherheit. Das zentrale Feindbild war die jüdische Minderheit, die nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung ausmachte und dennoch fortwährend als drohende Übermacht dämonisiert wurde. Zwischen 1873 und 1890 erschienen mehr als 500 Schriften über die sogenannte Judenfrage. Wilhelm Marr schwadronierte vom bevorstehenden Sieg des Judentums über das Germanentum, und Adolf Stoecker beschwor die Notwendigkeit „fortgesetzter Agitation“: „Es bleibt uns nichts anderes übrig. Die Bewegung wird unabänderlich so lange ihren Fortgang nehmen, bis unser Volksleben von dem Überwuchern jüdischen Einflusses befreit ist.“

Stoecker nahm viele Forderungen des Mittelstands wie Innungszwang, Verbot des Hausiererhandels, Börsensteuer, Wuchergesetze usw. in sein Programm auf. Es waren Forderungen eines Mittelstandes, der sein Heil in der Rückkehr zur überkommenen Ordnung sah. Diese Leute standen zu dem traditionellen Bündnis von Thron und Altar und konnten mit dem Streit der neuen politischen Parteien wenig anfangen.

Die wichtigsten Träger pangermanischen und antisemitischen Gedankenguts waren nicht die verschiedenen Splittergruppen am rechten Rand des Parteienspektrums. Weit bedeutsamer waren Organisationen wie der Bund der Landwirte, der Deutsche Handlungsgehilfenverband, die Alldeutschen, der Flottenverein, die Deutsche Kolonialgesellschaft und nicht zuletzt der Verein deutscher Studenten. Diese Vereinigungen hatten einen enormen Zulauf und verfügten über erheblichen Einfluss.

Adolf Stoecker fand im Mittelstand den Resonanzraum für seine Agitation. Die Übernahme einer stramm antisemitischen Rhetorik brachte ihm einen rasanten Zulauf und machte gleichzeitig den Antisemitismus durch sein neues Sprachrohr noch populärer.

Stoecker rühmte sich in einer Rede im Preußischen Landtag, er habe „die Judenfrage aus dem literarischen Gebiet in die Volksversammlungen und damit in die politische Praxis eingeführt“. Weil er Prediger bei Hofe war, genoss er hohes Ansehen. Er war ein Protegé von Wilhelm I., der einem Kollegen Stoeckers schrieb, das Christentum sei nach seiner Überzeugung der Feind des Judentums. Doch 1888 starb der Kaiser und damit begann Stoeckers Stern zu sinken. Mit Bismarck, der den Antisemiten sehr reserviert gegenüberstand und überdies der Meinung war, Geistliche sollten sich aus der Politik heraushalten, gab es erhebliche Spannungen. Schließlich war Stoecker so unvorsichtig, sich an Intrigen gegen den Reichskanzler zu beteiligen.

Seine Hasspredigten gegen die Juden wirkten weiter

1889 nötigte Bismarck ihm eine öffentliche Erklärung ab, sich weiterer politischer Betätigung zu enthalten, und 1890 wurde er als Hofprediger abberufen. Doch kurz darauf wurde Bismarck selbst entlassen. Stoecker gewann wieder an Einfluss in der Deutschkonservativen Partei. Auf deren Parteitag vom 8. Dezember 1892 in der Berliner Tivoli-Brauerei wurde ein Programm verabschiedet, dessen erster Punkt lautete: „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluss auf unser Volksleben.“

Das Tivoli-Programm von 1892 zeigt, wie weit der Judenhass damals schon in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen war. Und Adolf Stoecker, dessen Predigten in gedruckter Form nicht selten sechsstellige Auflagen erreichten, hatte einen erheblichen Anteil an dieser Entwicklung. Der christliche Hofprediger war der Erste, der den Antisemitismus als zentralen Programmpunkt einer großen politischen Partei durchgesetzt hatte.

Er selbst manövrierte sich durch seinen Dogmatismus in späteren Jahren mehr und mehr ins Abseits. Aber seine Hasspredigten gegen die Juden wirkten weiter. Der britische Historiker John Roehl hat kürzlich in seiner bewundernswert gründlichen Wilhelm-Biografie gezeigt, dass Wilhelm II. in seinem wilden Antisemitismus einem Adolf Hitler kaum nachstand. Der letzte deutsche Kaiser war davon überzeugt, dass die Juden „vom deutschen Boden vertilgt und ausgerottet werden müssen“. Daran hatte auch ein Mann wie Adolf Stoecker seinen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Adolf Stoecker starb am 2. Februar 1909 im 74. Lebensjahr. Begraben ist er auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche in Berlin-Kreuzberg.

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