Geschichte : Die Straße - Tribüne des Lebens

La Strada, On the road, Mythos und Marktplatz der Demokratie, aber auch Gosse und Ort der Gewalt: Die Straße hat eine eigene Kulturgeschichte.

Kai Müller
Strasse
Auf der Straße. In den 50ern verschrecken die Halbstarken das Bürgertum. -Foto: Photonet

Der Anrufer ist irritiert. „Im Zentrum von Los Angeles?“ „Ganz recht“, sagt der Radiomoderator, „U 2 drehen ein Video in Downtown Los Angeles, ich mache ihnen nichts vor für den Fall, dass sie in die Innenstadt wollen.“ Die Rockband aus Irland, die mit „The Joshua Tree“ soeben ihr erfolgreichstes Album veröffentlicht hat, schleppt an jenem Nachmittag im März 1987 Ausrüstung auf das Dach eines einstöckigen Kaufhauses. Kameras werden aufgebaut, jemand brüllt in ein Megafon. „An der Ecke 7th und Mainstreet“, fährt der Radiomann fort, „not one of the fun neighbourhoods“. Keine lustige Gegend. Nirgendwo in Amerika ist die Mordrate höher als hier, in Watts. 1992 brechen in dem fast ausschließlich von Schwarzen bewohnten Viertel schwere Rassenunruhen aus, tagelang schwelen die Feuer. U 2 haben den Ort bewusst gewählt. Ihr Song „Where The Streets Have No Name“, für den ein Video gedreht werden soll, beschreibt die zerstörerische Kraft des Elends, den grimmigen Hass sozialer Unterschiede, die Unmöglichkeit, liebevoll miteinander umzugehen, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den Rassen zu groß wird.

An der Ecke 7th Street und Mainstreet bilden sich Menschentrauben, die Menge, angelockt von der Band auf dem Hausdach, wird immer größer. Im Wohnwagen des Produktionsteams redet ein Verwaltungsbeamter auf den Regisseur ein. „Sie können mir nicht garantieren, dass wir es hier nicht bald mit Massen zu tun bekommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, verstehen Sie das?“ Wie viele werden kommen? Könnte eine halbe Million Menschen zur Hauptverkehrszeit eines der gefährlichsten Viertel der Welt verstopfen? In einem TV-Beitrag sieht man Gitarrist Edge vor großen Boxen in die Saiten schlagen, Bono singt, die Band ist laut, und die Leute auf der Kreuzung jubeln. Polizisten regeln den Verkehr. Dann setzen sie dem Spuk ein Ende.

Wir erobern uns die Straße zurück, sagen U 2. Der Konflikt zwischen Polizei und Bevölkerung wird als Kampf der Ordnungsmacht mit dem Chaos inszeniert. Am Ende denkt man, die Polizei ist das Problem der Gegend. Das ist ein Trugschluss. Sind Polizisten nicht die Einzigen, die auf der Straße arbeiten und trotzdem Ansehen genießen?

Auf der Straße zu tun zu haben, bedeutet nichts Gutes. Sie ist der Ort der Prostituierten, der Hausierer und Drückerkolonnen, der Obdachlosen, des Gesindels, wie man früher gesagt hätte. Gosse heißt, wo sich die Vagabunden und untreuen Gesellen herumtreiben. Immer auf dem Sprung, mit undurchsichtigen Motiven und eigener Sprache. Die Straße ist das Revier der Gangs, Banden und Ganoven. Zuletzt sind die Streetworker hinzugekommen, die retten sollen, was zu retten ist.

Eine Übertreibung? Wie kommt es, dass unser Wortschatz mit „der Straße“ vor allem Sittenverfall und Elend konnotiert? Man sitzt oder steht auf der Straße, wenn alles verloren ist. Man geht auf die Straße, wird von der Straße geholt, auf die Straße geworfen, oder man lebt auf der Straße, und immer drängen sich Motive sozialer Entgrenzung auf. Vom „Dschungel“ und „Revier“ ist die Rede, als würden in der Mitte der Gesellschaft zivilisatorische Standards außer Kraft gesetzt.

Immer wieder flammt die Angst vor diesem „wilden“ Sozialraum in der Debatte um kriminelle Ausländer und Jugendgewalt auf. Wie soll man sich schützen bei Messerattacken enthemmter Kids? Sarkozys Rede vom „Hochdruckreiniger“, mit dem man die Banlieue vom „Abschaum“ säubern müsse, lieferte das Stichwort. Erst vor zwei Wochen kam es in Frankreich zu einer Verhaftungswelle. Bei einer Großrazzia wurde nach den Rädelsführern der Ausschreitungen vom November letzten Jahres gefahndet, als Jugendliche eine Spur der Verwüstung durch Villiers- le-Bel, einen Pariser Vorort, zogen. 80 Polizisten wurden verletzt, sechs davon durch Schüsse. Auch Roland Kochs Appell, sich des Problems prügelnder Jugendlicher hierzulande mit einer neuen Härte zu entledigen, verdeutlicht, wie sehr die Straße als Unruheherd in den Köpfen von Politikern verankert ist. Die Straße ist zum Antibild geworden, ein Fantasma des Bösen.

„Das Leben auf der Straße ist nicht leicht“, singt Kool Savas, „viele sterben ohne Grund, Krieg ist die Devise, Nigga.“ Der Berliner Rapper zeichnet die Umrisse einer urbanen Gewaltarena, in der ganz eigene Gesetze gelten. Was aber ist „die Straße“? Ein Lebensraum, ein Soziotop des unbehausten Lebens? Theater der Grausamkeiten? Oder Fluchtpunkt einer sesshaften Gesellschaft, in der immer wieder ihre nomadischen Ursprünge durchbrechen?

„Wann oder woher die Straße kam – niemand weiß es“, verrät uns ein Buch über das „Kulturleben der Strasse“, veröffentlicht 1910. Ob der Mensch sich an den Trampelpfaden der Tiere orientierte oder ob sie ein Produkt vorzeitlicher Völkerwanderungen ist, lässt sich auch heute nicht sagen. Vielleicht gelangte sie mit den Anfängen des Ackerbaus in die Welt, als befestigter Weg zwischen den Wohnstätten. Als Handelsweg überspannte sie schon früh große Distanzen. Die Seidenstraße reichte vom Mittelmeer bis nach Japan. Zum öffentlichen Raum wird die Straße aber erst, als die, die sie benutzen, nirgendwo mehr hinwollen: Auf der Panathenaia-Straße im antiken Athen werden Tribünen für Schaulustige errichtet. Sie ist Schauspielbühne, Wettkampfbahn und Parlament. Außerdem säumen Statuen und Bildnisse die Straße und verwandeln sie in einen geistigen Reflexionsraum. Hier wird das Gemeinwesen an sich selbst erinnert. Hier wandelt Sokrates mit nichts anderem beschäftigt als philosophischem Disputieren. Aber mit den Festen und Turnieren, ergreift auch ein Phänomen von der Agora Besitz, das den Redner Demosthenes zu wütenden Appellen anstachelt: der Müßiggang. Diogenes, der in einem Fass auf dem Marktplatz lebt, wird zum Verfechter der trägen Lebensart, die Gaukler, Musiker und Trunkenbolde in die Stadt lockt.

236 Jahre nach Demosthenes’ Tod marschieren römische Kohorten die Panathenaia-Straße entlang. Roms langer Arm bedient sich der Straße nicht mehr als philosophischen Spielplatzes. Straßen dienen lediglich dazu, Armeen verlagern zu können. In Rom selbst aber herrscht Chaos. Die Stadt, die auf den Trümmern der 390 v. Chr. von den Galliern niedergebrannten Dörfer neu ersteht, ist verwinkelt und eng. Planlos wächst ein Labyrinth aus schmutzigen, dunklen, überfüllten Gassen, auf die der Müll aus den oberen Stockwerken regnet. Nicht nur Horaz wünscht sich ob des Geschiebes und Geschubses fort aus diesem „Fluten und Stürmen“. Schon damals ist die Straße ein Lebensraum für jene, die in der Metropole des Römischen Imperiums gestrandet sind und kein Dach überm Kopf finden. Bettler geben sich als Schiffbrüchige aus. Ex-Legionäre oder vom Krieg Entwurzelte lungern herum und lassen sich als Diebe und Mörder anwerben. Eine Million Einwohner fasst Rom zu Kaiser Augustus’ Zeiten. Er versucht, der grassierenden Gewalt durch die Gründung von Stadtkohorten zu begegnen. Nachts patrouillieren die Vigiles, die „Wachsamen“, eine 7000 Mann starke Polizei- und Feuerwehreinheit.

Das Schicksal der römischen Republik entscheidet sich auf diesen Straßen. Zwar hat Rom ein kompliziertes Gefüge politischer Institutionen geschaffen, doch das Volk will beeindruckt werden – durch gute Redner wie Cicero oder durch pompöse Siegesfeiern heimkehrender Armeeführer. Gegen die Krallen des wankelmütigen Jubelvolks findet die Republik kein Mittel. Sie zerbricht an der Plebejerisierung der Politik. Das macht das römische Imperium zum Musterfall totalitärer Regime. Während die Elite sich ungebremst bereichert, sammeln sich auf der Straße die Verlierer. Zum Stimmvieh degradiert, fällt der Mob über die inneren Feinde her. Jeder Aufruhr in Rom ist bezahlt.

Erst im Zuge von Aufklärung und bürgerlicher Öffentlichkeit emanzipiert sich die Straße vom Zugriff der Mächtigen. An seine Stelle tritt eine „sittliche Ökonomie“. Es gilt: Staat und vermögendem Bürgertum obliegt eine Fürsorgepflicht für Schwächere; sie wird von diesen vehement eingeklagt. Die Französische Revolution ist die blutige Geburtsstunde der „Vernunft der Straße“, wie Christoph Hein die Massendemonstrationen in der DDR 1989 nennt. Sie stehen in der Traditionslinie einer moralisch legitimierten Straßenöffentlichkeit, die von den Barrikadenkämpfen 1848 bis zu den Anti- Atomkraft-Protesten der achtziger Jahre reicht und sich bewusst abseits der politischen Institutionen formiert. Die Straße wird zum Pflaster der ehrbaren Ansprüche, die sich anders als durch Aufläufe nicht artikulieren können, weil das ,Öffentliche‘ durch zu viele Worte verstopft ist. „Ihr habt es nicht zu tun mit Vagabunden, mit meuterisch gedankenlosen Horden“, lassen Gewerkschafter 1910 auf die Kranzschleifen der im Kampf um die preußische Wahlrechtsreformen Gefallenen schreiben. Die Stigmatisierung schmerzt.

Tatsächlich bestimmen bürgerliche Ressentiments das Bild von der Straße bis heute. Die Furcht des Bürgers, deklassiert zu werden und abzurutschen, lässt ihn den Ort dämonisieren, an dem er selbst landen könnte. Die Straße wird zum schlechthin anderen der bürgerlichen Erwerbskultur, zum Inbegriff „vulgärer Leidenschaften“ stilisiert. Arbeit und Erholung von der Arbeit finden in geschlossenen Räumen statt. Die öffentliche Sphäre gilt dem Bürgertum als Ort des Räsonierens. Frei sollen sich Gedanken entfalten können, und den Raum dafür schaffen sich die Bürger in Parks, Boulevards, Alleen, Spazierwegen und Arkaden. Im Gefolge der Literarisierung bürgerlicher Lebenswelten entsteht der Typus des „Stutzers“, des Flaneurs. Am Treiben der Straße reizt ihn, dass es so wenig reguliert erscheint. Aber er hält innere Distanz zum Chaos und genießt es als Zerstreuung.

Die Halbstarken sind Mitte der fünfziger Jahre die erste Jugendgruppe, die daran anknüpft und das Auf-der-Straße-Sitzen als positiven Lebensentwurf fasst. Demonstrativ lungern sie im Zentrum der Städte herum, saufen und randalieren. Sie verkörpern den Typus des angry young man, wie ihn auch der Rock ’n’ Roll artikuliert, der aus den transportablen Kofferradios plärrt. Nach Konzerten kommt es zu Krawallen. Zeitgenossen verblüfft, dass die Gewalt gar keinen Adressaten hat.

Die „Straße ist unser Massenmedium“, verkündet der Schriftsteller Peter Weiss 1968 in West-Berlin. Der Satz ist gegen die Springer-Presse gemünzt. Aber die Vietnamdemonstrationen sollen auch kein ,Theater‘ sein. Man skandiert „Bürger, lasst das Gaffen sein, / Kommt herunter, reiht euch ein“ – und hebt die Trennung von Akteur und Publikum auf.

Die Frustration folgt prompt. Bald schon meiden die Studenten Beton und Asphalt und werden Hippies. Ihre Querfeldeinopposition lässt sie Landkommunen gründen und nach San Francisco, Goa oder Woodstock ausschwärmen. Im Gefolge der Beat-Generation wird das Unterwegssein, das Jack Kerouac als sein „Leben auf den Straßen“ verherrlicht hat, zum Massenereignis. Filme wie „Easy Rider“ und Songs wie „On The Road Again“ von Canned Heat animieren zum Aufbruch – und sei es aus Liebeskummer. Die Route 66 dient einer innerlich entwurzelten Wohlstandsjugend als Pilgerpfad. Aus dem „Street Fighting Man“, der sich nach den Worten Mick Jaggers am Sound „energisch marschierender Füße“ berauscht, wird der Träumer, der die „Golden Road“ vor sich sieht. „See that girl, barefootin’ along“, singen The Greatful Dead, „She’s a neon-light diamond and she can live on the street.“

Aus dem Diamantmädchen sind die Straßenkinder von heute geworden, die sich kaum noch Leerräume erobern können. Sie stoßen auf verbarrikadierte Gebäude, auf private Sicherheitsdienste, Türsteher, umzäunte Freiflächen, hohe Eintrittspreise oder Konsumzwang. Fußgängerzonen und Einkaufspassagen verwandeln die Innenstädte in privatisierte Sonderwirtschaftszonen. Plätze und Parkanlagen sind so möbliert, dass sich, wer nicht ,beschäftigt‘ ist, sich darin nicht aufhalten soll. Am Hamburger Hauptbahnhof wird der Vorplatz mit klassischer Musik beschallt, um die Alkoholiker und Drogensüchtigen zu vertreiben. Während Mädchengruppen in Shopping Malls als potenzielle Kundinnen gerade noch geduldet werden, müssen Jungs sich denselben Raum erkämpfen. In Cliquen mit über den Fußboden schlurfenden Jeans auftauchend, die Hände in den Taschen vergraben und untereinander in lautstarke Scheinkämpfe verwickelt, macht die Halbwüchsigen zur Gefahr und gibt ihnen das Gefühl von Überlegenheit. So wird, was nur ein Adoleszenzproblem der Rollenfindung ist, zu einem Konflikt um die Straße.

Wem gehört sie? Es gibt ein „Gesetz der Straße“, doch seine Regeln stehen in keinem Gesetzbuch. Rap-Songs schließen diese Bildungslücke. Denn Hip-Hop ist nicht in Clubs, sondern an Straßenecken und auf Hinterhöfen zur dominierenden Leitkultur geworden. Es begann damit, dass aus Jugendbanden, die ihre Nachbarschaft terrorisierten, Rap- Crews, Graffitikünstler, Breakdancer und Bosse von Plattenfirmen wurden. Einer der Wortführer, Melle Mel, Mitglied der Furious Five, ist es 1982 allerdings leid, sich über belanglose Albernheiten auszulassen. In „The Message“ schildert er erstmals die soziale Realität im Ghetto – erzählt davon, wie Leute vor seine Haustür pissen, wie unter den Schritten das Glas zerbrochener Scheiben knirscht; Ratten und Kakerlaken hat er im Schlafzimmer, und einen Haufen Schulden hat er auch. So prägt Hip-Hop das heroische Selbstbild der Jugend, indem er den „Ich geb ’nen Fick auf alles“-Blick, wie Sido sagt, zum Identifikationsmuster erklärt.

Das martialische Auftreten vieler Rapper macht sie allerdings in den Augen einer verschreckten Öffentlichkeit zu Brandstiftern der Gewalt. „Es geht nicht um Gewalt“, hält der Ethnologe Wolfgang Kaschuba dagegen, „vielmehr darum, Bilder von Dominanz herzustellen.“ In der zerstörerischen Erniedrigung eines 76- jährigen Rentners in der Münchner U-Bahn holen sich jugendliche Täter etwas von dem, was ihnen verwehrt wird. „Beat street“, heißt es in einem berühmten Hip-Hop-Song, „is a lesson, too / Because you can’t let the streets beat you.“

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