Geschichte : Keynes’ Idee vom Glück

Er interessierte sich für Kunst und machte sich nicht viel aus Geld. Ungewöhnlich. Denn John Maynard Keynes war einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. 1883 wurde er geboren, seine Ideen könnten heute aus der Finanzkrise führen.

Reinhard Blomert
Keynes, John Maynard
John Maynard Keynes mit seiner Frau, der Tänzerin Lydia Lopokowa. -Foto: Ullstein

Wenn der „Evening Standard“ in dem Regal steckte, in dem die Lampen und Kerzen aufbewahrt wurden, wusste er, dass Maynard da war. John Maynard Keynes kam immer mit seinem schwarzen Aktenkoffer vom britischen Finanzministerium herein, er wirkte wie ein Spion in der ländlichen Idylle von Charleston. So berichtete es der Neffe von Virginia Woolf, der einen Teil seiner Kindheit in dem südenglischen Bauernhaus verbrachte. 1916 hatte die Schriftstellerin Virginia Woolf Charleston ihrer Schwester Vanessa Bell empfohlen: „Das Haus ist sehr hübsch mit weiträumigen Zimmern und einem Raum mit großen Fenstern, der wie geschaffen ist als Atelier."

Es war die Zeit des Ersten Weltkriegs. 1916 hatte England die Wehrpflicht eingeführt, und die Malerin Vanessa Bell ließ sich gerne vom Ortswechsel überzeugen, denn ihr Künstlerfreund Duncan Grant konnte in der Nähe bei einem Bauern arbeiten und so dem Kriegsdienst entgehen. Charleston wurde das ländliche Zentrum der Künstlergruppe der Bloomsburys, hier trafen sich Maler, Bildhauer, Schriftsteller – und mittendrin einer, der eigentlich der Welt der Wirtschaft und der Zahlen angehörte: John Maynard Keynes.

Keynes liebte die ungezwungene Atmosphäre, mit Duncan Grant und Vanessa Bell verband ihn ein vertrauensvolles Verhätnis. Er hatte ein eigenes Zimmer und beteiligte sich zu einem Drittel an den Kosten. Während er für die Kinder wie ein abenteuerlicher Fremdling wirkte, waren die Künstler von seiner Arbeit im Ministerium eher amüsiert, soweit sie überhaupt davon Notiz nahmen. Keynes, der eine Wohnung in London hatte, kam oft hinaus nach Charleston, erst allein, später mit seiner Frau. Er liebte die Gartenarbeit. Die Künstler schätzten und brauchten ihn, weil er ihnen finanziell oft half: Duncan, der unfähig war, mit Geld umzugehen, verschaffte er ebenso Aufträge wie Vanessa.

Keynes, Jahrgang 1883, war 1915 in die Abteilung für Kriegswirtschaft berufen worden. Der Beginn einer Karriere: Er wurde zu einer der einflussreichsten Figuren in der Geschichte der Ökonomie. Das keynesianische Zeitalter wurde nach ihm benannt, das in den 30er Jahren begann und bis zur neokonservativen Revolution von Reagan und Thatcher in den 80ern andauerte. Er konnte die wissenschaftliche Ökonomie revolutionieren, weil er in seiner Person etwas vereinte, was selten ist unter Ökonomen: Er war ein Mann der Theorie und der wirtschaftlichen und politischen Praxis zugleich – Mitglied des King's College in Cambridge, Herausgeber zweier ökonomischer Fachzeitschriften und einer liberalen Wochenschrift, aber auch Bankier, erfolgreicher Börsenspekulant und Beamter des britischen Empire.

Als der Krieg 1918 endete, wurde Keynes als Leiter der britischen Delegation des Finanzministeriums zu den Friedensverhandlungen nach Versailles gesandt. Die Sieger stellten immer abenteuerlichere Forderungen, niemand schien sich darum zu scheren, ob Deutschland in der Lage und bereit war, die Reparationen zu zahlen. Keynes hielt das für falsch, vergeblich versuchte er, die führenden Politiker auf die Realitäten hinzuweisen. Der britische Premier Lloyd George hatte gerade einen Wahlkampf mit dem Slogan: „Hängt den Kaiser“ und „Deutschland soll zahlen“ gewonnen und wollte noch nicht über die Folgen nachdenken. Der französische Präsident Clemenceau sah das Interesse Frankreichs darin, die Deutschen militärisch und wirtschaftlich zu schwächen, und auch US-Präsident Woodrow Wilson stimmte am Ende Forderungen zu, die nie erbracht werden konnten. Keynes blieb mit seinen Hinweisen erfolglos und schrieb schließlich an Lloyd George: „Ich muss Sie wohl davon in Kenntnis setzen, dass ich mich am Samstag aus diesem Albtraum davonstehle. Ich kann hier nichts mehr tun...“.

Während der Verhandlungen hatte Keynes seine Liebe zur Kunst nicht vergessen. Als er im März 1918 hörte, dass man in Paris die Ateliers von Edgar Degas auflösen wollte, organisierte er den Ankauf von Bildern für die englische Nationalgalerie. Für 20 000 Pfund kaufte Großbritannien Bilder von Gauguin, Delacroix und Manet. Keynes selbst erwarb unter anderem einen Cézanne. Auf dem Rückweg in die Künstlerkommune setzte ihn ein Kollege am Anfang des Weges nach Charleston ab. Vanessa schrieb: „Wir hatten große Aufregung mit den Bildern. Maynard war am Wege unten abgesetzt worden ... und sagte, er habe einen Cézanne am Straßenrand zurückgelassen. Duncan machte sich sofort auf, um ihn zu holen ... und es ist überaus inspirierend, ihn hier zu haben.“

Keynes machte sich nie viel aus Geld und gab es gerne für Kunst aus: Darin sah er den wahren Reichtum. Das war es auch, was ihn mit dem Bloomsbury-Kreis verband. Geld war nicht wichtig, aber sie legten größten Wert auf eine zivilisierte Lebensweise. Ihre Antwort auf die klassisch-antike Philosophenfrage, wie gut und richtig zu leben sei, fanden sie bei dem englischen Philosophen George Moore. Das Gute, so hatten sie bei ihm gelernt, ist eine Sache des Bewusstseinszustandes, es liegt in der Freude am Umgang mit Menschen und an schönen Dingen, an Freundschaft und Liebe. „Wir waren in einem Alter“, schrieb Keynes später, „da unser Glaube unser Verhalten beeinflusste. Der Einfluss von Moore war überwältigend, ein neuer Himmel öffnete sich über einer neuen Erde, wir waren die Vorläufer einer neuen Ordnung, wir hatten vor nichts Angst.“

Keynes blieb sein Leben lang ein Gegner der utilitaristischen Devise der Ökonomen, dass das größte Glück im größten Nutzen für die größte Zahl von Menschen liege. Wie konnte man das Gute so umstandslos mit dem materiellen Fortschritt identifizieren? Hatte nicht der große Fortschritt, der mit der Industrialisierung angeblich gekommen war, seine ebenso großen Schattenseiten? Das „Gute“ hatte in der ökonomischen Theorie die Form messbaren Wachstums angenommen, es war zur „Tonnenideologie“ geworden, in der nur die Quantität zählte. Keynes war durch Moore gegen solche „naturalistischen Fehlschlüsse“ gefeit: Das „Gute“ ist nichts, worauf man sich allgemein verständigen kann, denn was für Alexander gut ist, muss nicht gut sein für Diogenes.

Die Erlebnisse während der Friedensverhandlungen ließen Keynes nicht los. Im Juni 1919 quittierte er den Dienst und zog sich nach Charleston zu seinen Künstlerfreunden zurück. Dort begann er, seine Erfahrungen aufzuschreiben – in zwei Monaten entstand das Pamphlet: „Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Friedensvertrags“. Ein Meisterwerk der Polemik gegen die Verhandlungsführer, die sich um territoriale Streitigkeiten und Souveränitätsfragen gesorgt hatten, aber die wichtigsten Fragen der Zukunft Europas vergessen hatten: Wie konnte eine Wirtschaft funktionieren, deren Kreditmöglichkeiten von langfristig hohen Kriegsschulden ausgehebelt wurden? Mit Lenin war er überzeugt davon, dass „der sicherste Weg zur Zerstörung des kapitalistischen Systems die Korrumpierung der Währung“ sei.

Keynes irrte sich nicht: Die britische Nachkriegswirtschaft endete nach kurzer Blüte in Stagnation. Die Alliierten hatten während des langen Krieges fast ihr gesamtes Gold für Rüstungskäufe einsetzen müssen und sich zusätzlich bei den USA so hoch verschuldet, dass die englische Kreditwürdigkeit stark eingeschränkt war. Das Pfund war nicht mehr attraktiv für ausländische Investoren und auch die Engländer zogen es vor, ihr Geld in Übersee anzulegen. Finanzminister Churchill glaubte seinen Beratern, die ihn zur Rückkehr zum Goldstandard ermunterten, also zur Deckung des britischen Pfunds durch Goldreserven, die die Notenbank anlegen musste. 1925 kehrte England zum Goldstandard zurück. Es war wie eine Realitätsverweigerung – die Citybanker wollten nicht sehen, dass Gold kein unabhängiger Maßstab mehr war. Das Edelmetall war zum manipulierten Währungsmittel geworden, seit die USA den Großteil davon besaßen und der Goldpreis von der amerikanischen Notenbank gesteuert wurde.

Keynes beschrieb in „Die ökonomischen Konsequenzen von Mr. Churchill“ die Folgen: Um den Kurs zu halten, müssten die Zinssätze für kurzfristige Kredite erhöht werden. Das verschärfte die Krise der Kohleindustrie: Sie konnten weder billige Kredite aufnehmen, noch Kohle auf dem Weltmarkt zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Die Minenbesitzer übten daher Druck auf die Löhne aus, um ihre Kohle zu verbilligen. Doch die Arbeiter organisierten sich zum Streik. Keynes schrieb: „Man kann von den arbeitenden Klassen nicht erwarten, dass sie das Geschehen besser verstehen als die Kabinettsminister. Die zuerst einer Herabsetzung ihrer Geldlöhne unterworfenen Klassen haben keine Gewähr dafür, dass dies später durch einen entsprechenden Fall der Lebenshaltungskosten ausgeglichen wird, und der Vorteil nicht vielleicht einer anderen Klasse zuwachsen wird. Sie müssen sich deshalb so lange wehren, wie sie können.“

Damit brach Keynes aus dem Konsens der Eliten aus und stellte sich auf die Seite des arbeiterfreundlichen Flügels der Liberalen Partei. Er stieß auf starke Widerstände, denn er erklärte das wirtschaftsliberale Dogma des Laisser-faire für überholt – und staatliche Investition zur politischen Notwendigkeit. Die Häupter in der City und im Parlament, schrieb er, „sind unfähig, neue Maßnahmen zur Rettung des Kapitalismus von dem zu unterscheiden, was sie Bolschewismus nennen“.

Angriffe auf die viktorianischen Werte gehörten zum Selbstverständnis der Bloomsburys, sowohl in der Kunst als auch in der Literatur. Nun griff Keynes ganz in diesem Sinne die viktorianischen Helden der Ökonomie an. Er stellte sich mit auf die Seite von Lloyd George, der seine Vorstellungen über Währungslenkung, staatliche Investitionen im Gesundheitswesen, im Wohnungs- und Straßenbau zum politischen Programm machte. Lloyd George führte 1929 den Wahlkampf mit dem Slogan „Wir können die Arbeitslosigkeit besiegen.“ Er verlor, doch ein Großteil jener Politik, die später mit Keynes assoziiert wurde, war hier klar umrissen, noch bevor Keynes die Theorie dazu voll entwickelt hatte.

Während die Briten unter Kapitalknappheit litten, gab es in den USA bald eine Kapitalinflation. Der Kredit im Überfluss, der aus den Schulden der Alliierten entstanden war, führte zu einem Börsenboom. Aktienkurse stiegen und die Amerikaner verschuldeten sich, um in Aktien zu investieren. 1929 brach das Kartenhaus zusammen, Investoren meldeten Zahlungsunfähigkeit an, Kreditgeber waren ruiniert, Wertpapierhändler begingen Selbstmord, und Banker landeten im Gefängnis.

In Deutschland beruhte der kurze Boom fast ausschließlich auf US-Anleihen, die nun fällig wurden. Die Unternehmen konnten die Kredite nicht zurückzahlen und meldeten Konkurs an, die Arbeitslosenzahlen stiegen, 1931 brach die Bankenkrise aus. Die Wirtschaftswissenschaftler meinten, auf lange Sicht würde sich alles von selbst wieder einrenken. Hatte der französische Ökonom Jean-Baptiste Say nicht geschrieben, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft? Aber die Nachfrage stellte sich nicht ein, der Welthandel ging um 70 Prozent zurück, die Arbeitslosenzahlen erreichten 20 Prozent. „Die Ökonomen machen es sich zu einfach“, schrieb Keynes, „in stürmischen Zeiten erzählen sie uns, dass es nach dem Sturm wieder ruhig sei. Aber es ist in einer solchen Situation nicht gerade hilfreich, auf eine langfristige Tendenz hinzuweisen – auf lange Sicht sind wir alle tot.“

Sein Rezept war ein anderes: Die Einbindung des Staates in die Aufgaben der Wirtschaft. Denn solange die privaten Investoren auf bessere Zeiten warteten, konnte in einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft nur der vom Profitstreben unabhängige Staat investieren.

Schließlich gewannen in Großbritannien die Liberalen um Keynes und Lloyd George an Boden. Der Goldstandard wurde aufgehoben und die britische Wirtschaft erholte sich dank staatlicher Investitionen, die über den privaten Konsum den Wirtschaftsprozess wieder in Gang setzten. Auch US-Präsident Roosevelt setzte ab 1933 diese Forderungen in die Praxis um. Berühmt wurden die Programme der Work Projects Administration, durch die sogar Schriftsteller Arbeit erhielten, man betraute sie damit, die Geschichte der Regionen des Landes zu erzählen.

Im Juli 1944 trafen sich Abgesandte von 44 Ländern im amerikanischen Bretton Woods, um ein Weltfinanzsystem zu beschließen, das eine neue Weltwirtschaftskrise verhindern konnte. Keynes als britischer Verhandlungsleiter schlug eine künstliche Leitwährung vor, den Bancor. Außerdem riet er, Ungleichgewichte im Handel zu verhindern: Länder mit Handelsdefiziten sollten Kredite bekommen, und Länder mit Handelsbilanzüberschüssen sollten bestraft werden. Keynes Vorschlag scheiterte am Widerstand der USA: Sie hatten mit ihren unzerstörten Produktionsanlagen einen Handelsvorteil und wollten keine Verantwortung für den Welthandelshaushalt übernehmen. Der Dollar wurde zur Weltwährung, und die USA waren damit das einzige Land, das seine Schulden in der eigenen Währung bezahlen konnte, indem es Dollars druckte.

Keynes hatte Vorlagen erarbeitet und geprüft, dazwischen Delegationen empfangen und sich trotz ärztlichen Rates nicht geschont. Kurz vor dem Abschluss verbreitete sich die Nachricht, er habe eine Herzattacke erlitten. Als er am Tag der Verkündung des Konferenzergebnisses verspätet in den Saal trat, standen die Teilnehmer auf und sangen: „He’s a jolly good fellow.“ Keynes war gerührt, aber er wusste nur allzu gut, dass es ihm nicht gelungen war, sich gegen die USA durchzusetzen. Auf der Rückfahrt erlitt er eine weitere Herzattacke, von der er sich nie erholte. Er starb Ostern 1946 in seinem Haus in Sussex.

Als die USA Ende der sechziger Jahre tief im Sumpf des Vietnamkriegs steckten, der Dollar zusehends an Wert verlor, und die Amerikaner vom Gläubiger zum Schuldner wurden, suchte der spätere Notenbankchef Paul Volcker einen Ausweg aus der Krise: Der Dollar sollte seine Funktion als Leitwährung weitgehend an eine künstliche internationale Währung abgeben. Das Bretton Woods-System, das dem Schuldner immense Anpassungslasten auferlegte, übte auf die Gläubigerländer keinerlei vergleichbaren Druck aus – diese Asymmetrie sollte ausgeglichen werden und durch entsprechende Finanzmarktregelungen sollten auch Länder, die mehr exportierten, als sie importierten, dazu gedrängt werden, ihren Handelsbilanzüberschuss abzubauen. Volcker stellte plötzlich fest, dass Keynes die Idee auch vorgeschlagen hatte. Damals hatte Keynes sich nicht gegen die USA durchsetzen können, diesmal waren es die USA, die sich gegen die exportstarken Länder Japan und Deutschland nicht durchsetzen konnten.

Die Ungleichgewichte sind heute auf ein gefährliches Niveau angewachsen, das Weltfinanzsystem ist auf eine Krise nicht vorbereitet – das Keynessche Rezept aber könnte die Gefahren der Handels- und Energiekriege im Zaum halten.

Der Autor ist Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Zuletzt erschien von ihm die Biographie „John Maynard Keynes“ (rororo).

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